Medienwirkungsforschung

Projekt "Praxeologische Rezeptionsforschung"

Medien dienen der Kommunikation. Sie sind daher immer auf Rezipierende bezogen, für die die medialen Botschaften technisch und inhaltlich produziert werden. Medial vermittelte Kommunikationsprozesse von ihrem ‚Ende’ her zu betrachten, d.h. von den Rezipierenden her, ist Aufgabe der Rezeptionsforschung.
Sie untersucht, wie Menschen Medieninhalte rezipieren, d.h. wahrnehmen, verstehen, deuten, sich aneignen, umformen, in ihren Alltag integrieren, parodieren u.a.m. Im Zentrum steht dabei die aktive Auseinandersetzung der Rezipierenden mit der Medienbotschaft.

Mit dem Forschungsschwerpunkt einer praxeologischen Rezeptionsforschung soll der aktive Beitrag der Rezipierenden zur Sinnbildung differenzierter betrachtet werden. Im Zentrum steht dabei eine Handlungsdimension, die den Handelnden selbst nicht vollständig bewusst ist, sich ihrer intentionalen Steuerung weitgehend entzieht und sprachlich von ihnen nur eingeschränkt expliziert werden kann. Gleichwohl handelt es sich dabei um Prozesse auf Basis erworbener (und nicht angeborener) Dispositionen, die kulturspezifische Ausprägungen und Unterschiede aufweisen. Damit grenzt sich eine praxeologische Rezeptionsforschung vom Mainstream der Rezeptionsforschung ab, der vom zielgerichteten, absichtsvollen, bewussten und sprachlich abfragbaren Rezeptionshandeln ausgeht.

Auf theoretischer Ebene wird an die praxeologische Erkenntnis- und Handlungstheorie Pierre Bourdieus angeschlossen, deren Kernstück das Konzept des „Habitus“ ist. Da der Habitus das ‚Scharnier’ zwischen einer handlungstheoretischen Mikroperspektive und einer milieutheoretischen Makroperspektive darstellt, weisen habitusspezifische Rezeptionsprozesse milieuspezifische Ausprägungen und Unterschiede auf. Für den Forschungsschwerpunkt ergeben sich damit Anknüpfungsmöglichkeiten an die kommerzielle Milieu- und Lebensstilforschung aus der Marktforschung (wie z.B. die Sinus-Milieus), die sich implizit ebenfalls auf Bourdieus Habitusansatz als theoretisches Fundament stützt, dabei aber die handlungstheoretische Perspektive weitgehend unberücksichtigt lässt. Empirisch wird mit qualitativ-rekonstruktiven Methoden gearbeitet, die einen Zugang zur subjektiven Perspektive der Erforschten jenseits ihres bewussten und begrifflichen Denkens ermöglichen. Untersuchungsgegenstand sind insbesondere die Rezeptionsprozesse (audio-) visueller Medien, da sie überwiegend auf einer vorsprachlichen Bedeutungsebene angeeignet werden.

Der Forschungsschwerpunkt greift u.a. Fragen auf, die sich zum einen aus dem Themenspektrum des Instituts für angewandte Kindermedienforschung ergeben, zum andern aus dem Kontext des Studiengangs „Werbung und Marktkommunikation“: Hier steht die Analyse zielgruppenspezifischer und interkultureller Unterschiede in der Auseinandersetzung mit Werbebotschaften im Zentrum, aus der sich Konsequenzen für eine Optimierung der Kampagnengestaltung ableiten lassen.

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Burkard Michel
Telefon: 0711 8923 - 2230