Grundidee
Studien vor und nach Pisa sprechen eine deutliche Sprache: Eltern, die
selbst nicht gern lesen, haben es schwer, ihren Nachwuchs für
Bücher zu begeistern.
Wer also Eltern zum Lesen motiviert, tut indirekt etwas für
deren Kinder, denn kaum etwas verlockt mehr zum Lesen, als Mama, die
mit glänzenden Augen im neuen Mankell schmökert, als
der Bibliotheksbesuch mit Papa, die gemütliche Vorlesestunde
oder die vollen Bücherregale im Wohnzimmer.
Wie und wo kann man Eltern vermitteln, dass Leseförderung zu
Hause beginnt und dass gerade sie großen Einfluss auf die
Lesekarriere ihrer Kinder haben - mehr noch als die meisten Lehrer,
Bibliothekare und Erzieher?
Diese Frage stellten wir - Bibliothekarinnen und LehrerInnen der Stadt
Villingen-Schwenningen - uns und entwickelten als Antwort darauf
Konzepte für Elternabende verschiedener Schultypen und
Klassenstufen. Wichtig ist uns unter anderem, Eltern der 5. Klasse
Hauptschule zu erreichen.
Warum? Gerade zu Beginn der weiterführenden Schule
möchten viele Eltern wissen, wie sie ihre Kinder
fördern können. Außerdem sind Kinder mit
10, 11 Jahren kurz vor dem typischen pubertären Leseknick -
wenn sie bis dahin keine Bindung zum Buch aufgebaut haben, ist die
Wahrscheinlichkeit gering, dass sie als Erwachsene zum Buch greifen.
Also: letzte Chance!
Um den Elternabend zum besonderen Erlebnis werden zu lassen,
beschlossen wir, einen Schüler-Eltern-Abend daraus zu machen -
also einen Abend für die ganze Familie - und den
Veranstaltungsort in die Bibliotheksräume zu verlegen.
Warum? Klar: zum Lesen verführt man besser inmitten von
Büchern als in öden Schulräumen, die
penetrant nach Pflichtlektüre riechen. Und der positive
Nebeneffekt: so manche Familie, die mit dem Wort "Bibliothek" bisher
heilige Bücherhallen und streng blickende Bibliothekarinnen
verbunden hat, baut gemeinsam Schwellenangst ab und entdeckt neue
Möglichkeiten. |
Durchführung
Unser Elternabendkonzept sieht 3 Teile vor: gemeinsame Einstimmung
durch ein Buchcover-Quiz, parallel Hieroglyphen-Werkstatt für
die Kids und Theorie-Diskussionsblock für die Erwachsenen und
abschließend eine Büchereirallye für alle.
Was ein Buchcover-Quiz ist,
erklärt schon der Name: Cover von 6-8 Jugendbüchern
werden auf die gleiche Größe hochkopiert. Dabei
sollte natürlich auf eine aktuelle Buchauswahl geachtet werden
- Viel Lesefutter, aber auch 1, 2 anspruchsvollere Titel. Und:
Sachbücher nicht vergessen! Jungen, die sich nicht (mehr)
für erzählende Literatur begeistern, sind oft durch
Sachbücher zu spannenden Themen zu "kriegen."
Zunächst werden die Titel von der Bibliothekarin kurz und
mitreißend vorgestellt, dann wird's kniffelig: ein
prägnanter Abschnitt wird aus einem der Bücher
vorgelesen - aus welchem ist streng geheim - und nun können
Tipps abgegeben werden. Abstimmungskärtchen zum Schwenken
liegen dafür auf jedem Platz.
Für die Hieroglyphen-Werkstatt
benötigt man Tonpapier, Scheren und möglichst zwei
Hieroglyphen-Stempelsets (Spaß mit Hieroglyphen von Catharine
Röhrig, Tessloff), sowie Alphabetzettel für alle.
Nach einer kurzen Einführung durch die Lehrkraft oder eine
Bibliothekarin dürfen die Schüler Lesezeichen
für sich, Eltern, Geschwister und Freunde aus Tonpapier
ausschneiden und bestempeln (geschrieben wird von oben nach unten!).
Ideal - da besonders stabil - ist es, wenn man fertige Lesezeichen
(beispielsweise mit Bibliothekswerbung) mit Tonpapier beklebt und
bestempelt werden. Da die Stempelaktion
erfahrungsgemäß nicht länger als 15 Minuten
in Anspruch nimmt und die Gefahr groß ist, dass es danach
ausufert, sollte man einen weiteren Programmpunkt in petto haben,
beispielsweise eine spannende Geschichte aus dem alten
Ägypten, ein Quiz o.ä. Der Geräuschpegel
sollte dabei nicht zu hoch sein, damit die Erwachsenen nicht
gestört werden.
Denn sie sind gerade in der heißen Theorie-Phase.
Auftakt ist eine stumme Diskussion. Mit Klebepunkten bewaffnet
dürfen die Eltern auf großen Plakaten ihre Meinung
zum Thema Lesen abgeben: Ist Lesen vor allem wichtig, weil man dabei
etwas lernt? Oder ist entscheidend, dass es Spaß machen soll?
Dass man sich in andere Menschen einfühlen kann? Oder? Oder?
Fast automatisch entbrennt daraufhin eine Diskussion, moderiert und
gesteuert von einer Bibliothekarin, die nebenbei ein paar Tipps zur
familiären Leseförderung gibt. Neben der Vermittlung
von Theorie soll den Eltern auch genug Raum gegeben werden, eigene
Erfahrungen und Ideen einzubringen.
Den Abschluss bildet die Bibliotheksrallye,
bei denen Kinder und Eltern sich gegenseitig unterstützen. Die
Kinder haben dabei ein großes Plus, denn im Regelfall kennen
sie sich durch Klassenführungen in der Bibliothek bereits aus
und können die Eltern als "Experten" führen. An
Stationen im ganzen Haus - markiert mit Fahnen - müssen
witzige Aufgaben gelöst werden - meist mit Hilfe von
Büchern, manchmal mit Hilfe vom PC und dass es Spaß
macht sieht und hört man: Welches Pulver braucht man
für das Rezept "Arme Ritter"? Was ist ein Helioport - hat das
was zu tun mit Portwein? Oder mit Helium? Welches Tier im englischen
Lied ist so dick, dass es nicht durch die Tür passt? Wer hat
den Obelix im Kino gespielt - und - noch schlimmer - wie schreibt man
seinen Namen? Wo im Internet findet man die Adressen der Bibliothek?
Und zwischendurch ist es natürlich nicht
verboten, sich umzugucken, ein bisschen zu blättern - sich mit
der Bücherei vertraut zu machen. Denn es könnte ja
sein, dass man mal wieder vorbei schaut. Immerhin gibt es hier auch
DVDs. Und Backbücher. Thriller. Und die neue PC-Zeitschrift.
Bücher für die Schule.
P.S.: Patentrezept, um alle Eltern zu erreichen? Leider
nicht. Denn zum Leseförderungs-Elternabend kommen
erfahrungsgemäß eher motivierte Eltern, die sich
auch sonst für die Förderung ihrer Kinder engagieren.
Trotzdem lohnt es sich - besonders wenn die Aktion in der Schule und zu
Hause nachbereitet wird und Lesen so für einige Wochen in den
Mittelpunkt gerückt wird.
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