Grundidee
Das Medienangebot speziell zum Thema "Holocaust" und
"Nationalsozialismus" für Kinder, Jugendliche und Erwachsene
ist durch immer wieder neu erarbeitete Auswahllisten,
Vermittlungsvorschläge und Buchausstellungen gerade auch
für Büchereien inzwischen gut erschlossen.
Da das Thema meistens in der 6. und später noch mal in der
10.Klasse fest zum Lehrplan der Schulen gehört, hier mitunter
fächerübergreifend in Geschichte, Deutsch und
Religion behandelt wird und an Gedenktagen oder im Rahmen von Projekten
oft noch mal besonders ins Blickfeld der Schulen rückt, sind
auch Büchereien immer wieder gefordert, die Vermittlung mit
altersgerechten Medienangeboten, Beratung und evtl.
ergänzenden Veranstaltungen zu unterstützen.
Die Gemeindebücherei Westoverledingen
präsentierte im Mai 2002, zeitgleich mit der Behandlung des
Themas in der Orientierungsstufe (Klasse 6), die Buchausstellung "Der
Alltag jüdischer Kinder während des Holocaust" (s.u.)
und verband dies mit einem Veranstaltungsangebot, das den Jugendlichen
speziell die Bedeutung von Literatur, Kunst und Musik besonders im
Leben etwa gleichaltriger Jungen und Mädchen dieser Zeit
vermitteln sollte.
Der Weg, Zeitgeschichte nicht anonym über Zahlen, Daten und
Fakten darzustellen, sondern am Beispiel von Gleichaltrigen und
Erwachsenen, deren künstlerische Ausdrucksformen und
Lebenszeugnisse uns gerade über verschiedene Bibliotheksmedien
- Bücher, Tonträger und CD-ROMs - bis heute mit
besonderer Eindringlichkeit erreichen, erwies sich für diese
Zielgruppe als sehr geeignet.
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Inhalt
- Beispielquellen zum
Thema "Holocaust" und "Nationalsozialismus" für Kinder,
Jugendliche und Erwachsene
- Der Alltag jüdischer Kinder
während des Holocaust. Auswahlverzeichnis und
Wanderausstellung der Büchereizentrale Lüneburg,
Lüner Weg 20, 21337 Lüneburg, Tel.04131/95010, Email:
info@bz-lueneburg.de
- www.holocaustliteratur.de
- Porzler, Irina / Vogt, Jochen: "Kinder des
Holocaust sprechen...Eine Auswahlliste". In: Der Deutschunterricht,
H.4/1997, S.70-75
- "Gestern & heute. Ausflug in die
Geschichte". Schwerpunktthema in: Bulletin Jugend & Literatur
H.1/2002, S.11 ff.
- Die Erinnerung darf nicht enden. Texte und
Unterrichtsvorschläge zum Gedenktag 27.Januar. Bausteine, LpB
(Hrsg.), 1997
- www.bpb-aktiv.de
- Die Darstellung des Holocaust in der Kinder- und
Jugendliteratur. Beiträge Jugendliteratur und Medien, 10.
Beiheft 1999
- Von Anne Frank bis Zivilcourage.
Taschenbücher für Jugendliche zum Thema NS-Zeit,
Rassisimus, Widerstand. Ein Auswahlverzeichnis der
Gemeindebüchereien in Westoverledingen (besonders auch als
Empfehlungsliste für Klassenlektüre in Schulen)
- "Holocaust als Thema für
Grundschulkinder?" (u.a. Bericht über einen ausleihbaren
Lesekoffer des Fritz Bauer Instituts). In: Newsletter, Information des
Fritz Bauer Instituts Nr.22 Frühjahr 2002 S.16ff.
www.fritz-bauer-institut.de
- Medien, die sich besonders zur
Präsentation bei einer Veranstaltung für Jugendliche
eignen (Auswahl)
- CDs:
Kahan, Bente: Stimmen aus Theresienstadt
(Lieder mit Texten der Krankenschwester Ilse Weber), Pläne
Verl., 1997
Krasa, Hans: Brundibar. Kinderoper aus Theresienstadt, CC 1992
Zupfgeigenhansel: Jiddische Lieder, Pläne Verl. 1979
(enth. u.a. Lieder des jugendlichen Partisanen Hirsch Glik)
Das Lied der Moorsoldaten. Bearbeitungen, Nutzungen, Nachwirkungen.
Doppel-CD mit ausführlichem Begleitbuch. DIZ Emslandlager,
Papenburg 2002
(An der Geschichte des wohl frühsten KZ-Liedes und dessen
weltweiter Verbreitung bis hinein in die heutige Rockmusik
läßt sich exemplarisch die Bedeutung von Liedern in
Zeiten der Verfolgung und Unterdrückung darstellen und
diskutieren.)
- Bücher:
Weissova, Helga: Zeichne, was du siehst. Göttingen, 1998
(ein Mädchen malt ihre Eindrücke in Theresienstadt)
Meerbaum-Eisinger, Selma: Ich bin in Sehnsucht eingehüllt.
Gedichte. Frankfurt, 1984
(Gedichte einer 15-Jährigen angesichts der drohenden
Deportation)
Dick, Lutz van: Der Partisan. Das kurze Leben des Hirsch Glik. Reinbek,
1993
(über das Leben eines jugendlichen
Widerstandskämpfers und Liederschreibers im Ghetto)
für jüngere Jugendliche: Asscher-Pinkhof:
Sternkinder. Hamburg, 1998
(in kurzen Kapiteln werden die Stationen von Verfolgung und Deportation
am Beispiel einer jüdischen Familie deutlich)
für ältere Jugendliche evtl. auch: Rost, Nico: Goethe
in Dachau (zu Literatur im Lager) / Brecht, Bertolt: Furcht und Elend
des Dritten Reiches (kurze Episoden; u.a. zu den "Moorsoldaten")
- CD-ROMs:
Anne Frank Haus. München, 2000
(multimediale Erkundung des Hauses in Amsterdam und seiner Geschichte)
Erinnern für Gegenwart und Zukunft, Berlin, 2000
(Persönliche Erlebnisberichte jüdischer
Überlebender des Holocaust)
- Praktische Ansätze für
die Vermittlung von ausgewählten thematischen Aspekten durch
Musik/Literatur/Kunst
- "Kulturelle Ausdrucksformen von Kindern und
Jugendlichen in Theresienstadt"
(Bilder von Helga Weissova auf Folie zeigen / Lieder von Ilse Weber
oder aus der Kinderoper Brundibar vorspielen / Grundwissen
über Theresienstadt vermitteln / über
persönliche Mal- oder Musikerfahrungen ins Gespräch
kommen).
Die Bücher und Beihefte liefern zu allem ein gutes
Maß an Hintergrundwissen!
- "Was und warum schreiben/lesen, wenn's einem
schlecht geht?"
(über Gedichte von Selma Meerbaum-Eisinger sprechen / evtl.
Vergleiche ziehen hin zum Tagebuch der Anne Frank, dazu ggf. CD-ROM /
Unterschiede zwischen den Gedichten eines Mädchens und den
Gedichten eines Jungen - am Beispiel der Lieder von Hirsch Glik -
entdecken / mit Älteren vielleicht auch: Bedeutung von
Bibliotheken in KZ's und Ghettos)
- "Form und Funktion von Musik unter dem Eindruck von
Verfolgung, Unterdrückung und Widerstand"
(verschiedene Beispiele von CD's erläutern / Leben und
Widerstandslieder von Hirsch Glik mit Buch und CD darstellen / das
"Moorsoldatenlied - von der Entstehungssituation damals im KZ bis hin
zu seinem Auftauchen in der Punk-Musik heute)
- "Bilder im Kopf und vor Augen - und wie diese in
Kunst, Musik, Gedichten ihren Ausdruck finden"
(Bilder, Gedichte und Lieder aus verschiedenen Quellen im Vergleich -
was verraten sie über die Menschen und deren Lebenssituation?
Welche Erfahrungen machen wir selber mit "Bildern im Kopf" und dem
Bedürfnis, diese zum Ausdruck zu bringen? Welche Medien sind
dafür geeignet?)
- Überlegungen
Warum gerade Musik/Literatur/Kunst als Schwerpunkt bei
Jugendlichen? Und warum dies gerade in der Bücherei?
Viele Jugendliche und Erwachsene denken bei dieser
Thematik vor allem an Adolf Hitler, Gaskammern, Leichenberge sowie
unvorstellbare Zahlen und Daten von Ermordeten.
Die Fakten sind bedrückend, das Entsetzen kann
lähmen, Abwehr auslösen, vor allem aber
Verunsicherung - gerade bei Jugendlichen. Wie und warum noch trauern
über fast 70 Jahre zurückliegenden Ereignisse, zu
denen keinerlei persönliche und lebendige Beziehung mehr
besteht? Was nützen und bewirken abverlangte
"Betroffenheitsrituale"?
Die vorgeschlagenen Medien sind Wegweiser für einen anderen
Zugang. Sie setzen nicht in erster Linie auf Trauer und Erschrecken,
sondern auf Achtung, Staunen und ein Bewusstsein für die
Würde und Widerstandskraft im Leben von (jungen) Menschen -
damals wie heute.
Die Zeugnisse künstlerischer Ausdrucksformen - Gedichte,
Lieder, Bilder - und die Erinnerungen an Einzelschicksale, die uns
durch Medien erhalten geblieben sind, führen das besonders
eindrücklich vor Augen: Die Menschen - und darunter auch
Jugendliche, deren "ganz normale" Sehnsüchte und
Gefühle denen von Jugendlichen heute gar nicht so
unähnlich sind - wurden nicht nur erniedrigt, vertrieben,
ermordet. Sie gewannen in Zeiten größter
Bedrängnis ebenso an Mut, Würde und Widerstandsgeist.
Und je mehr sie äußerlich an Freiheit und
Lebensmöglichkeiten verloren, desto mehr wuchs in ihnen
vielfach das Bewusstsein für eine unverlierbare innere
Freiheit, für die Möglichkeiten, mit Poesie, Musik
und Kunst zumindest die Seele vor Zerstörung zu
schützen....Nicht zufällig war in diesen Jahren das
Volkslied "Die Gedanken sind frei" unter Gefangenen weit verbreitet.
Damit soll die zweifellos erschreckende Realität ihrer
Lebenssituation keineswegs verharmlost werden. Vielmehr gilt es, die
Unterdrückung dieser Menschen nicht durch ein falsch
verstandenes Gedenken zu manifestieren und ihre ganze
Persönlichkeit allein auf das grausame Ende zu reduzieren.
Auch Staunen, Freude, Achtung und Anerkennung sind erlaubt, wenn man
der Poesie ihrer Gedanken und Gedichte, der Farben ihrer Bilder und der
Schönheit ihrer Musik nachspürt.
Genau in diesem Sinne kann der Einsatz der vorgeschlagenen Medien die
Jugendlichen anders berühren und neue Impulse für
Gespräch und Auseinandersetzung liefern.
Und last but not least: Wenn es darum geht, den
Jugendlichen zu verdeutlichen, welche Kraft und Freiheit Menschen (und
gerade auch Jugendlichen) selbst in ausweglos scheinenden Situationen
aus dem Schreiben und Lesen für sich und andere
schöpfen können, wie Kreativität und die
Pflege von gewaltfreien Kommunikations- und Ausdrucksformen mit
Menschenwürde zusammenhängen und welche wichtige
Rolle Medien als Übermittler in einer so verstandenen
Erinnerungskultur spielen - dann ist die Frage "Warum gerade in der
Bücherei?" schon beantwortet.
Wie kann die Arbeit mit den Medien im Rahmen einer Veranstaltung
für Jugendliche praktisch aussehen?
Grundsätzlich gilt: Eine intensive
persönliche Vorbereitung ist unerlässlich! Es reicht
nicht, den Jugendlichen im Wechsel einige ausgewählte Passagen
aus den Büchern vorzulesen und im Wechsel dazu einige
Musikstücke vorzuspielen. An erster Stelle steht das eigene
tiefe Vertrautwerden mit den Medien und der Thematik. Eine
glaubwürdige und überzeugende Vermittlung gelingt
erst dann, wenn man sich bereit und in der Lage fühlt, frei
und mit persönlichem Engagement von dem eigenen Hör-
oder Leseerlebnis zu erzählen und dies dann vielleicht durch
entsprechende Text- und Tonbeispiele belegt.
Dabei empfiehlt sich die Beschränkung auf ausgewählte
Aspekte, zu denen die Schilderungen und Gespräche dann um so
intensiver sein können.
Ansatzpunkte hierfür s.o. unter "Praktische Ansätze
für die Vermittlung von ausgewählten thematischen
Aspekten durch Musik/Literatur/Kunst".
Gewiss lassen sich bei der eigenen Auseinandersetzung
mit der Thematik auch noch viele weitere Ansatzpunkte entdecken.
Anstelle einer genaueren Vorgabe und Ablaufbeschreibung kann hier nur
die Ermutigung stehen, auf die Überzeugungskraft des
persönlichen Engagements zu vertrauen, das mit dem selbst
gewählten Stil und Themenschwerpunkt der Veranstaltung zum
Ausdruck kommt.
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