JDD: Junge Dichter und Denker / Die 1steKinder rappen klassische Gedichte |
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Mit dem Prädikat „CD des Monats“ möchten die Stiftung Zuhören und das Institut für angewandte Kindermedienforschung im Mai 2008 ein Vorhaben auszeichnen, das in der deutschen Musiklandschaft in dieser Form einmalig ist. Das Projekt „Junge Dichter und Denker“ (kurz: JDD) entstand bereits vor über drei Jahren im April 2005 aus einer einfachen Idee beim Sonntagsfrühstück. Mittlerweile ist aus dieser Idee ein kleines Unternehmen geworden. „Junge Dichter und Denker“ sind Kinder und Jugendliche im Alter zwischen elf und 15 Jahren. Nicola, Tim, Friederike, Konstantin, Laura und Philipp sind die treibende Kraft dieser Initiative, die weltbekannte Lyrik des 18. und 19. Jahrhunderts in modernen Rap transponiert. Hinter den jungen Denkern steht eine Person, die sich im Musikgeschäft bestens auskennt. Thomas Dürr, besser bekannt als Thomas D, ist erfolgreicher Solo-Musiker und gleichzeitig Mitglied der Band „Die fantastischen Vier“. Seit Mitte der 80er-Jahre sorgt er mit dafür, deutschsprachigen Rap in der internationalen Musikindustrie zu etablieren und den einheimischen Sprechgesang qualitativ immer wieder auf höhere Ebenen zu heben. Mit seiner musikalischen und auf das Musikgeschäft bezogenen Erfahrung verschafft er der Aktion „Junge Dichter und Denker“ die nötige Aufmerksamkeit und verleiht der Kreativität der beteiligten Kids eine gehörige Portion Professionalität. Nicht ohne Grund durften der gebürtige Schwabe und die sechs Kinder und Jugendlichen aus der Nordheide bereits bei Fernsehgrößen wie Jörg Pilawa, Johannes B. Kerner oder Stefan Raab mit ihrem Projekt vorstellig werden. Auch beim öffentlich-rechtlichen Sender KI.KA und in der Radiosendung des WDR für Kinder „Lilipuz“ gab es schon glanzvolle Auftritte. Im Juni 2008 sind die poetischen Sieben sogar zum Sommerfest des Bundespräsidenten Horst Köhler nach Berlin geladen und der Ministerpräsident Niedersachsens Christian Wulff ist sowieso schon seit längerem Freund und Förderer der „Jungen Dichter und Denker“. Es ist also längst an der Zeit, den Gedanken einer Zusammenkunft von Schiller, Goethe und Rap genauer unter die Lupe zu nehmen und die Idee der jungen Denker im Kreise medienpädagogisch engagierter Menschen weiter zu verbreiten. Inhalt: Worum geht es bei dem Projekt „Junge Dichter und Denker“? Die ARD betitelte vor einiger Zeit in ihren Online-Kulturnachrichten eine Beschreibung der Initiative mit den Worten: „Goethe meets HipHop. Schüler rappen Gedichte“. Und genau das passiert bei den jungen Menschen aus dem hohen Norden zwischen Hamburg und Bremen. Sie vertonen höchst modern herausragende Klassiker alter Meister der Dichtkunst und interpretieren sie damit ganz neu, machen sie zugänglich für junge Ohren. Rap, zu Deutsch Sprechgesang, ist der verbale Teil der HipHop-Bewegung, die längst ihren Weg von der Subkultur afroamerikanischer Jugendlicher in den Ghettos der US-Städte der 70er-Jahre zu einem der angesehenen, wirtschaftlich nicht unerheblichen Genre in der internationalen Unterhaltungsbranche gegangen ist. Rap wird gerne mit „Rhythm and poetry“ aufgelöst, es geht also um die Verbindung von poetischen Texten mit dazu passenden, einfach gehaltenen Rhythmen. Für Letztere sorgt im Falle der „Jungen Dichter und Denker“ Fanta 4-Mitglied Thomas D. Der Berufsmusiker und Wegbereiter eines Musikstils, dem heutige HipHop-Größen wie Sido, Azad oder Bushido (alle aus der Hauptstadt Berlin) ihre musikalische Karriere mitverdanken und deren Texten viele Kinder und Jugendliche mit Begeisterung lauschen, liefert gemeinsam mit den Eltern der rappenden Dichter und Denker die Beats ab. Diese Beats, sprich Rhythmen, die dem Text als Grundlage dienend genretypisch einfach und eingängig sind, unterstützen auf den CDs von JDD die poetischen Ergüsse so alter Meister der Dichtkunst wie Goethe, Schiller, Fontane, Mörike, Eichendorff oder Heinrich Heine. Die professionell aufbereitete, innerhalb der CDs sehr abwechslungsreiche rhythmische Untermalung bietet den sechs jungen Projektmitgliedern die Möglichkeit, ihre Lieblingsgedichte auf ganz eigene Weise zu interpretieren und damit einem völlig neuen Publikum zugänglich zu machen. Zu diesen Gedichten gehören u. a. Fontanes „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“, „Der Handschuh“ von Friedrich Schiller, „Er ist’s“ von Eduard Mörike sowie Goethes Werke über den „Erlkönig“ und das „Heidenröslein“. Sogar das Weihnachtslied „Alle Jahre wieder“ fand in gerappter Version einen Platz auf einer der CDs der „Jungen Dichter und Denker“. Nicola, Tim, Friederike, Konstantin, Laura und Philipp übernehmen als MCs, d.h. Rapper die schwierige Aufgabe, die Synthese aus Jahrhunderten alten Texten und modernen, elektronischen Rhythmen zu schaffen. Klingt komisch? Im Gegenteil, die CDs klingen sehr erfrischend. Die Synthese aus alt und neu gelingt voll und ganz. Die Texte werden von den Kindern deutlich akzentuiert, sprachlich ausgereift und nach der beim Rap typischen Metrik über die ruhigen bis stampfenden Beats getragen. Und das obwohl die Reimschemas von Goethe und Co. nicht unbedingt für den HipHop gemacht wurden. Doch das gesamte Team von JDD, ob vor oder hinter dem Mikrofon, schafft es, den Gedichten einen Wohlklang zu entlocken, der den Rezeptionsgewohnheiten der jungen Generation entgegen kommt. Gleichzeitig wird dem Sinn und dem Gehalt der Zeilen der alten Meister entsprochen, wofür nicht zuletzt die Musik verantwortlich ist. Sie verleiht jedem Gedicht die passende Atmosphäre, reicht innerhalb des beim Sprechgesangs möglichen von ruhigem Pop über Funk bis hin zu Rock. Die musikalischen Elemente und Instrumente sind vielfältig: Klavier, Gitarren, Blechbläser, Flöten, Perkussion, Synthesizer usw. Digitale Effekte verdichten zusätzlich den Klangteppich. Die sechs Rapper agieren in den einzelnen Liedern der Lyrik gemäß alleine, wechselseitig im Dialog, oder auch gemeinsam. Redundanzen einzelner Zeilen transformieren reine Text- in emotionale Gesangspassagen Die Songs sind je nach Gedicht zwischen eineinhalb und fünf Minuten lang und damit im Bereich der gewohnten Unterhaltungsmusik. Sie eignen sich also bestens für die medienpädagogische Arbeit, auch mit konzentrationsschwachen jungen Menschen. Trackliste: Die Trackliste der zwölf bzw. 16 HipHop-Lieder liest sich so: CD „Junge Dichter und Denker“: 01 Erlkönig 02 Er ist’s 03 Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland 04 Der Zauberlehrling 05 Loreley 06 John Maynard 07 Die Brücke am Tay 08 Heidenröslein 09 Belsazar 10 An den Mond 11 Der Handschuh 12 Alle Jahre wieder CD „Die 1ste“: 01 Geständnis (gesprochen von Thomas D) 02 Erlkönig 03 Der Zauberlehrling 04 John Maynard 05 Heidenröslein 06 Wo treues Wollen … 07 Trutz, Blanke Hans 08 Belsazar 09 Herr Ribbeck auf Ribbeck im Havelland 10 An den Mond 11 Der tugendhafte Hund 12 Die Brücke am Tay 13 Er ist’s 14 Nis Randers 15 Der Handschuh 16 Weihnachten Obwohl die CDs mit den gleichen Gedichten arbeiten, unterscheiden sich die Interpretationen und die musikalischen Untermalungen auf beiden Produktionen deutlich. Der Einkauf beider CDs lohnt sich also. Ideen zur Umsetzung: Die Bekanntheit der Gedichte und ihr Wert für das Verständnis von Lyrik und Sprache machen die CDs zu einem Werkzeug für den Einsatz im Schulunterricht. Hier können aufgeschlossene Lehrkräfte der Fächer Deutsch und Musik bestimmt Anregungen finden, die Vermittlung so komplexer Themen wie der Poesie oder des musikalischen Arrangements auf Schüler/innen zu erweitern, die nicht sofort einen Zugang zu solchen Dingen finden. Gerade diese Kinder und Jugendlichen haben oft eine hohe Affinität zu Musikgenres, die sie aus Funk und Fernsehen gut kennen. HipHop ist gewiss eines davon. Gleichzeitig erachten sie die zu Papier gebrachten Gedanken und Gefühle längst verstorbener Dichter bestimmt nicht für die oberste Priorität in ihrem Leben. „Junge Dichter und Denker“ versucht hier eine Verbindung zu schaffen. Gekleidet in ein modernes musikalisches Gewand, treten Kraft und Macht der Texte wieder in den Vordergrund. Nachdenken über die generelle Bedeutung von Poesie, Texte auf Grundlage von Erfahrungen zu interpretieren, Parallelen über Generationen hinweg zu ziehen und so die eigene Existenz zu reflektieren – diese Chancen sollen jungen Menschen nicht deswegen verwehrt werden, weil sie in den entscheidenden Stadien ihrer Entwicklung keinen adäquaten Zugang dazu finden konnten und die Motivation für solche Themen verloren haben. Rapmusik kann helfen, kann Zugänge für manche Personen schaffen, die sich bei der klassischen Gedichtinterpretation in der Schule langweilen. Die Gründe sind bekannt und erwiesen, daher sollen sie hier nur kurz angerissen werden. Rhythmus und Musik sind eng verknüpft mit Bewegung, Bewegung macht Freude, bringt Spaß in eine Gruppe. HipHop-Beats sind eingängig, schlicht und haben deshalb das Potenzial, Menschen mit unterschiedlichem Rhythmusgefühl anzusprechen. Gleichzeitig weckt Musik auch Emotionen, stärker als es der reine Text schafft. Informationen und Wissen, die mit einer solchen emotionalen Ebene verknüpft sind, lassen sich erwiesenermaßen besser aneignen und zu späteren Zeitpunkten leichter abrufen. Deshalb spielt die Verbindung von Lyrik mit Musik und im nächsten Schritt auch mit dem Ausdruck durch Tanz eine wichtige Rolle. Wie weit kann man dieses Muster im Unterricht vorantreiben? Wichtig ist hier bestimmt die Gruppenarbeit mit Workshopcharakter. Zunächst gibt es die ganz einfache Möglichkeit, die Lieder zwanglos nachzurappen, der Spaß am Rap soll im Vordergrund stehen. Im zweiten Schritt ist es ratsam, kleine Modifikationen einzubauen. Die Schüler/innen können die Texte abändern, Reime umkehren, neue Reimworte oder Textzeilen finden. Musikalisch Versierte trauen sich sogar mit dem begleitenden Klangbild zu spielen, weitere Effekte einzusetzen, Rhythmusinstrumente zu verwenden. Dies schult gleichzeitig das musikalische Gespür und – sofern nutzbar – den Umgang mit digitalen Technologien. Die weiteren Schritte solcher Workshops dringen tiefer in die Materie ein. Es ist vorstellbar, weitere adäquate Gedichte aus dem Fundus der großen Dichter zu suchen und Möglichkeiten der Umsetzung zu diskutieren. Im weiteren Verlauf dieses kreativen Prozesses stehen dann eigene Texte, Gedichte, aufgeschriebene Gedanken – warum nicht in Relation zur Poesie der vergangenen Jahrhunderte? Auf rhythmischer Seite kommen später Elemente wie „Perkussion“ und „Beatboxing“ (= Perkussion mit dem Mundraum) hinzu. Für mehr Freude an so einem Projekt sollte man sich ab hier zumindest semi-professionelle Hilfe in den Unterricht holen. Die Angebote sind vorhanden. Wer das Ganze letztendlich auf die Spitze treiben möchte, versucht sich darin, mit den Kindern und Jugendlichen und der entsprechenden Software eigene Beats zu produzieren, lernt dabei Begriffe wie Scratches, Loops, Bass- und Hookline kennen. Die Mühe der ganzen Arbeit wird im schulinternen Battle, sprich Wettbewerb belohnt, weitere Säulen der HipHop-Kultur bringen sich durch einen Breakdance- oder Graffiti-Contest mit ein und schaffen die übergreifende Verbindung zu den Fächern Kunst und Sport. HipHop als Jugendkultur, Rap als Musikart – beide sind alt genug um als gesellschaftlich etabliert zu gelten, gleichzeitig jung genug um den Zenit dieser musikalischen Ära und des damit verbundenen Lebensstil noch nicht überschritten zu haben. Für die kreative Arbeit mit Kindern und Jugendlichen bietet sich hier ein weites Feld. Und wie ist es mit dem Einbringen anderer Musikrichtungen oder dem HipHop entfernt wirkender (Sub-)Kulturphänomene? Kein Problem, das Genre ist offen für neue Einflüsse. Fazit: Wem das hier alles zu weit ging, der kann sich mit einer ganz einfachen Alternative begnügen. Die hier vorgestellte erste Produktion der „Jungen Dichter und Denker“ mit dem passenden Titel „Die 1ste“ (an deren Fertigstellung weitere Kids beteiligt waren) beinhaltet eine Karaoke-CD. Mit diesen textlosen Versionen lassen sich die Lieder nachahmen oder eigene Texte dazu rappen. Vorteil: Alle Gedichttexte der alten Meister auf dieser CD finden sich gut lesbar im Booklet, daneben gibt es ein paar Fotos von den Arbeiten im Tonstudio. Andere Produkte von JDD sind z.B. „Max und Moritz“, eine Weihnachts-CD und – vielleicht interessant für den Matheunterricht – „Das kleine Ein-mal-Eins“ sowie „Das große Ein-mal-Eins“. Schließlich haben Mathematik und Musik eine Gemeinsamkeit: beide sind universelle Sprachen. „Junge Dichter und Denker“ verstehen sich selbst als offenes Projekt. Genauso ungezwungen, wie das Vorhaben am Frühstückstisch mit Nicolas Laune, das Gedicht „Er ist’s“ von Mörike in Sprechform zu singen, startete (nachzulesen auf der alten Homepage von JDD), soll es weitergeführt werden. Kinder und Jugendliche, die selbst einmal weltbekannte Lyrik im Sprechgesang vertonen möchten oder ganz neue Einfälle in dieser Richtung haben, können sich bei JDD gerne melden. Es geht bei „Junge Dichter und Denker“ nicht darum, Popstars zu kreieren, sondern um das Aufrechterhalten und die Weiterentwicklung einer tollen Idee. JDD ruft auch alle Kids dazu auf, sich in Eigenregie an der Idee zu beteiligen und selber kreativ zu werden. Diese und weitere Informationen finden Sie auf der neuen Homepage der „Jungen Dichter und Denker“ unter www.jdd-musik.de sowie auf der alten Webseite (www.jungedichterunddenker.de). Uns Erwachsenen obliegt die Aufgabe, dieses hervorragende Projekt mit dem Kauf einer CD zu unterstützen und unseren Kinder und Jugendlichen Mut zur Nachahmung zu machen. Peace! Oder mit den poetischen Worten von Theodor Fontane: Unser Friede! Die „CD des Monats“ ist auch bei www.stiftung-zuhoeren.de zu finden. (Rezension: Peter Marus) Verlag: Tao Studios, Hamburg Erscheinungsjahr: 2007 / 2006 Empfohlenes Alter: 7-9 Jahre Bibliographische Angaben: |


