Filme für Kinder und Jugendliche


Kinderfilme heute - eine kritische Betrachtung


Überblick

Der deutsche Kinderfilm befindet sich seit den 90er Jahren im Aufwind. So finden sich unter den zehn besucherstärksten deutschen Kinofilmen im Jahr 2005 mehrheitlich Filme, die sich primär an Kinder richten:

  • Es ist ein Elch entsprungen
  • Felix - Ein Hase auf Weltreise
  • Der kleine Eisbär 2
  • Die Wilden Kerle 2


  • (Alle Filme sind ohne Altersbeschränkung)
Weitere Filme wie z.B. "Siegfried" und "In 80 Tagen um die Welt" können mit ihrer FSK-Kennzeichnung "Freigegeben ab 6 Jahren" dem Bereich der Familienunterhaltung zugeordnet werden. Auch die Besucherlisten von 2005 für internationale Produktionen werden von zwei als Kinderfilm vermarkteten Streifen angeführt: "Harry Potter und der Feuerkelch" und "Madagascar". Auffällig ist, dass fast alle diese Filme Literaturverfilmungen sind. Weiter wird deutlich, dass es sich bei einer Vielzahl der Filme um Fortsetzungen handelt.


Warum Literaturverfilmungen?

Die Adaption erfolgreicher Literaturstoffe hat für die Produzenten eine Vielzahl von Vorteilen:
  • Finanzielle Risiken werden vermieden, da die Filme auf einen vorbereiteten Markt treffen
  • Die Hauptfiguren sind den Kindern bereits bekannt; sie wollen ihre bekannten und beliebten Medienfreunde auch auf ihrem filmischen Abenteuer begleiten
  • Das Marketing für eine Literaturverfilmung muss nicht lange die bereits bekannte Handlung eines Filmes erklären
  • Nach einem erfolgreichen Film können weitere Teile produziert werden; das Risiko eines Flops ist geringer

Kein Mut zum Risiko

Kinderfilme, die eigene Wege gehen und sich vom Bekannten absetzen, also von Literaturverfilmungen, Animationsstreifen und dem leichten Familienfilm, haben es sehr schwer, sich einem größeren Publikum zu erschließen. Zwar gibt es in Deutschland eine Vielzahl von Kinderfilmfestivals. Doch die Mehrheit der dort gezeigten Filme schafft es gar nicht erst in die großen Kinos. Große Kinobetreiber wie Cinemaxx, Cinestar und UCI gehen keine Risiken ein und setzten auf populäre Kinder- und Familienunterhaltung. So haben es die Filme sehr schwer, die sich nicht an den bekannten Handlungsmustern der Disney-, Pixar- und 20th Century Fox-Filmwerkstädten orientieren. Hinzu kommt, dass Filmproduktionen immer auf Fördergelder angewiesen sind. Die öffentliche und privatwirtschaftliche Filmförderung stellt einen sehr komplizierten Bereich der Filmwirtschaft dar. So ist z.B. die kulturwirtschaftliche Filmförderung der Länder an den so genannten Regionaleffekt gebunden, mit dem auch das jeweilige Land wirtschaftlich gefördert werden soll. Independent- oder Arthouse-Filme haben es hier besonders schwer.


"Ich will das sehen, was ich kenne"

Das kindliche Rezeptionsverhalten ist auf gewohnte Handlungsabläufe fixiert. Filme, die einen anderen Handlungsverlauf haben, und ihre Zuschauer herausfordern, neue Rezeptionserfahrungen zu erleben, werden schnell als langweilig und unattraktiv empfunden. Das Ergebnis: Kurz- oder Dokumentarfilme finden sich äußert selten im Programm eines Mainstream-Kinos wieder.


Andere Filme

Meist sind es kleinere Kommunalkinos oder unabhängige Kino-Vereine, die sich auf die "anderen" Filme spezialisiert haben. Diese sprechen ein deutlich kleineres Publikum an und versuchen sich vom Gängigen deutlich abzuheben. Es werden z.B. Produktionen aus dem Ausland gezeigt, die auf Filmfestivals zwar Preise gewonnen haben, es aber nicht in die Verwertung über eine große Kinokette schaffen, da sie nicht das bekannte Rezeptionsverhalten bedienen.


Medienverbund

Der Film ist heute nicht mehr alleine. Ein großer Medienverbund mit einer Vielzahl von Merchandising-Artikel, Medienpartnern und weiteren Verwertungen ist Standard. Besonders deutlich war dies bei der Fußball-WM 2006 zu sehen. Erfolgreiche Kinderfilm-Charaktere wurden mit einem Ball ausgestattet und so zum Fußballhelden. Plötzlich avancierte "Felix der Hase" zum David Beckham des Kinderzimmers. Die Charaktere wurden von großen Konzernen wie MC Donalds in altbekannte Produkte integriert, so z.B. die Freunde aus dem Dschungelbuch in Form von Plastikfiguren als Zugabe des Kindermenüs. Kleine Kinderfilmproduktionen, die sich abseits des Kommerzes orientieren, können hier nicht mithalten.


Chance

Die große Chance für die "anderen" Filme steckt – abseits aller marktstrategischen und finanziellen Interessen – in den Filmen selbst. Diese können Kinder begeistern, ihnen Alternativen zum eintönigen Konzept von quietschenden Animationsfilmen und actiongeladenen Kinderrealfilmen bieten. Sie können sich intelligent von der einfachen Familienunterhaltung abheben, indem sie Kinder herausfordern, neue Perspektiven eröffnen und sich abseits des sicheren Filmmusters bewegen. Filme, die Mut haben, überzeugen meist durch Überraschungen und unkonventionelle Handlungen. Sie können eine Schule des Sehens sein, die Kinder begeistert, die Emotionen weckt und Lust auf mehr "anderes" Kino macht.


Heinz Pampel

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