Japan: Hintergründe und Mangakultur
Schon durch ihre Schrift,
die von den chinesischen Schriftzeichen herstammt, haben die Japaner
eine enge Beziehung zum Zeichnen.
Mehr als andere haben die
Japaner verstanden, welche Kraft in einer klaren geometrischen
Aufteilung steckt, und diese dann auch konsequent angewandt: Es gibt
nur den rohen Strich, nichts als die nüchterne Linie, keine
Schnörkel,
die das Verständnis beeinträchtigen könnten.
Die Japaner haben
genau wie in Europa eine reiche Bild-Tradition hervorgebracht. Diese
ist im Westen weitgehend unbekannt geblieben, aber man kennt die
Drucke, die für van Gogh eine Quelle der Inspiration gewesen
sind, so
genannte "e-makimono", große bemalte Rollen, die ausgerollt
ganze
Geschichten erzählen (Abenteuer, Kriege,
Erzählungen). Die e-makimono
können damit als Urmuster des Manga betrachtet werden - und
zwar schon
im 9. Jahrhundert.
Die japanische Comic-Kunst, so hat man dieser
Tage erfahren, verdankt alles einem außerordentlichen
Künstler: Osamu
Tezuka. Er wurde 1928 geboren und ist der Vater solcher
Berühmtheiten
wie Astro Boy, König Leo oder Black Jack. Er wurde von seinen
Zeitgenossen fast wie ein Gott verehrt, und das ging so weit, dass an
seinem Todestag Staatstrauer ausgerufen wurde. So einen Personenkult
hat in Europa nicht einmal Hergé erlebt.
In der Geschichte der
japanischen Kultur hat der Manga schon immer eine sehr große
Rolle
gespielt. Nirgendwo ist der Manga zu so einem Massenphänomen
geworden
wie dort. Sie werden von Menschen aller Altersstufen und sozialen
Schichten gelesen.
Mangas werden in Japan vor allem schnell durchgeblättert und
nach dem einmaligen Lesen genauso schnell wieder weggeworfen.
Als
Zeitvertreib in der U-Bahn, auf dem Weg zur Arbeit, in der
Warteschlange oder in Schnellrestaurants, überall kann man
einen Manga
lesen. Es gibt sogar in manchen U-Bahn spezielle Wagons, die Mangas zum
„schnell-mal-durchblättern“ bereithalten.
Das Wissen über Comics
gehört für unsere Begriffe nicht gerade zur
Allgemeinbildung. In Japan
dagegen wird das Wissen um bestimmte Mangatitel sogar bei
Aufnahmeprüfungen und
Universitätsabschlüssen abgefragt. Es gibt Museen
die sich nur mit der Mangageschichte auseinandersetzten und
Südlich von
Tokyo existiert sogar ein buddhistischer Tempel der unter dem Namen
"Mangadera" bekannt wurde, was mit „Tempel des
Comics“ übersetzt werden
kann.
Man findet in Japan auch reine Mangabibliotheken, die oft
eine riesige Anzahl an Titeln aufweisen. Eine Mischung aus Bibliothek
und Cafe, ähnliche Projekte finden sich auch in deutschen
Großstädten,
nennt man „Manga-Kissa“. Beim Besuch eines Cafes
kann gleich ein Manga
zum Kaffee mitbestellt werden. Die Dauer der Ausleihe wird aber genau
abgerechnet und das sogar minütlich. Da der durchschnittliche
Mangaleser in Japan es schafft ca. 16 Seiten pro Minute zu verschlingen
wurde dieses Abrechnungssystem wahrscheinlich eingeführt.
|