Medienkritik und Medienwirkung. Erstellt im Seminar bei Prof. Stang (WS 06/07)
Medienutopien
Hans Magnus Enzensberger: Baukasten zu einer Theorie der Medien
von Ken Bräuer
1. Einleitung
Der Aufsatz Baukasten zu einer Theorie der Medien von Hans Magnus Enzensberger kann unter dem Stichwort „Medienutopien“ eingeordnet werden. Der Text erschien 1970 in der Zeitschrift Kursbuch, die auch von Enzensberger herausgegeben wurde. Enzensberger beschreibt in seinem Text eine „sozialistische Theorie der Medien“ (Enzensberger 1997, S. 97) und fordert einen emanzipatorischen Umgang mit den (damals) neuen elektronischen Medien statt eines repressiven Umgangs, wie er in kapitalistischen Gesellschaften üblich sei. Inwieweit sich die Utopie von damals gemessen an der heutigen Medienrealität und der fortschreitenden Entwicklung des Internets bereits erfüllt haben könnte, wird nach einer kurzen Erläuterung zum Leben und Werk Enzensbergers und anschließender Auseinandersetzung mit seinem „Medienbaukasten“ am Ende dieses Textes diskutiert.
2. Hans Magnus Enzensberger – Person und Werk
Hans Magnus Enzensberger wurde am 11. November 1929 in Kaufbeuren geboren und hat die deutsche Literatur vor allem als Lyriker und Essayist bereichert. „Häufig will man sein Markenzeichen darin sehen, dass er keines besitzt, und sich allen dauerhaften Zuschreibungen entzieht.“ (SR)
Enzensberger machte sich ferner einen Namen als Medienkritiker und Medienforscher, Zeitdiagnostiker, Vordenker, Hörspielautor sowie Gründer und Herausgeber der Zeitschriften Kursbuch und TransAtlantik, sowie der Reihe Die andere Bibliothek (vgl. Lyrikwelt). „Seine Werke zeichnen sich aus durch die Verbindung zwischen poetologischer und politischer Reflexion“ (Who’s who) und sind „im zeitkritischen Ton“ (Who’s who) verfasst. Peter Glotz charakterisiert Enzensbergers Werke wie folgt: „Erstaunlich, wie oft in Texten Enzensbergers Verbeugungen vor dem Verstand des gewöhnlichen Volkes vorkommen. Das ist brechtisch: Traut dem Egoismus von Putzfrauen und Briefträgern mehr als dem Idealismus aufgeregter Anführer.“ (Glotz 1997, S. 11)
Enzensberger war in den 1960er-Jahren der „Star der linken Kulturkritik“ (Knipphals 1998, S. 2) und unterzog Erzeugnisse der Massenkultur, beispielsweise die BILD-Zeitung, „kulturkritischen Analysen“ (ebd., S. 2). Er prägte den Begriff der Bewusstseinsindustrie und überholte laut Peter Glotz damit den Terminus der Kulturindustrie von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer (vgl. 1997, S. 7). Enzensberger bezeichnet die elektronischen Medien als Hauptantrieb dieser Bewusstseinsindustrie und schreibt ihnen eine große Macht zu, nämlich weitgehende „Steuerungs- und Kontrollfunktionen“ (Enzensberger 1997, S. 97) als „Schrittmacher der sozioökonomischen Entwicklung spät-industrieller Gesellschaften“. (ebd., S. 97)
3. Baukasten zu einer Theorie der Medien von 1970
In seinem Aufsatz Baukasten zu einer Theorie der Medien von 1970 setzt sich Enzensberger kritisch mit den elektronischen Medien und ihrer Wirkung auf die Gesellschaft auseinander. Es handelt sich bei diesem „Medienbaukasten“ um eine Medientheorie in der Tradition von Brechts Radiotheorie.
3.1 Thesen und Erläuterungen
Enzensberger bemängelt in seinem Text, dass es keine brauchbare Strategie für eine marxistische Theorie der Medien gebe (vgl. Enzensberger 1997, S. 98). Er beanstandet außerdem frühere Medienkritiken. Etwa zeuge George Orwells „Schreckensbild einer monolithischen Bewusstseins-Industrie […] von einem Verständnis der Medien, das undialektisch und obsolet ist.“ (ebd., S. 100) oder sei die Theorie der repressiven Toleranz zu einem Vehikel der Resignation geworden. (vgl. ebd., S. 104)
Enzensberger beanstandet in seinem Aufsatz außerdem die „naive Medienkritik der 68er Bewegung“ (Glotz 1997, Einband). Er beschreibt, dass linke Kritiker in den 1960er-Jahren die Entwicklung der Medien auf den Begriff der Manipulation gebracht haben. Das sei aber laut Enzensberger nicht genug. Dass die entscheidenden Produktionsmittel in der Hand des Gegners seien, stehe fest. Bloße moralische Empörung als einzige Reaktion darauf zu zeigen, hält Enzensberger aber für naiv (vgl. Enzensberger 1997, S. 103). Eine solche Einstellung setze „keine vorantreibenden Kräfte frei“ (ebd., S. 103). Weiterhin weist er darauf hin, dass es „ein unmanipuliertes Schreiben, Filmen und Senden“ (ebd., S. 106) nicht gebe. „Die Frage ist daher nicht, ob die Medien manipuliert werden oder nicht, sondern wer sie manipuliert.“ (ebd., S. 106). Enzensberger interpretiert die „Berührungsangst vor den Medien“ (ebd., S. 105) und die „Angst, vom System verschluckt zu werden“ (ebd., S. 105) als Schwächesymptom der linken Bewegung und kommt zu dem Schluss, dass „von der Medienfeindschaft der Linken und der Entpolitisierung der Gegenkultur […] einzig und allein das Kapital“ (ebd., S. 106) profitiere. Er fordert eigenständiges Handeln, statt Angst vor den Medien als bedrohliche Übermacht.
Enzensberger sieht ein großes emanzipatorisches Potential in den neuen Medientechnologien, das jedoch noch entfesselt werden muss. Er spricht von der politischen Notwendigkeit, dass die marxistische Linke alle emanzipatorischen Momente, die diesen (technischen) Kräften innewohnen, „perspektivisch entfalte und strategisch nutze“. (ebd., S. 119)
Enzensberger verweist in seinem Text auch auf Walter Benjamins Ausführungen zum Thema Werk und Film in „Das Kunstwerk in seiner technischen Reproduzierbarkeit“. „Die Tendenzen, die Benjamin seinerzeit am Beispiel des Films erkannt und in ihrer ganzen Tragweite theoretisch erfasst hat, sind heute mit der rapiden Entwicklung der Bewusstseins-Industrie manifestiert worden. Was bisher Kunst hieß, ist in einem strikt hegelianischen Sinn durch die Medien und in ihnen aufgehoben.“ (Enzensberger 1997, S. 124)
Weniger positiv ist Enzensberger dagegen auf den „Marktschreier“ (Enzensberger 1997, S. 122) Marshall McLuhan zu sprechen, den er „Bauchredner und Prophet der apolitischen Avantgarde“ betitelt (ebd., S. 121). Trotzdem bescheinigt er aber, dass McLuhan von der Produktivkraft der neuen Medien „im kleinen Finger mehr verspürt, als alle ideologischen Kommissionen der KPdSU in ihren endlosen Beschlüssen und Richtlinien“ (ebd., S. 121). Das soll bedenklich stimmen.
Laut Enzensberger trugen die Kommunikationsmedien im Jahr 1970 ihren Namen nämlich zu unrecht (ebd., S. 99). Er beschreibt, dass von technischer Seite am Beispiel des Transistorradios gleichzeitiges Senden und Empfangen eigentlich kein Problem sei. Die neuen Medien lösen geistiges Eigentum und „die klassenspezifische Weitergabe des immateriellen Kapitals“ (ebd., S. 108) auf. Er stellt dem bisherigen repressiven und passiven Mediengebrauch anhand von Beispielen seine Vorstellungen eines emanzipatorischen Mediengebrauchs gegenüber. Diese Aspekte fasst er in folgender Tabelle zusammen (ebd., S. 116):
| Repressiver Mediengebrauch | Emanzipatorischer Mediengebrauch |
| Zentral gesteuertes Programm | Dezentralisierte Programme |
| Ein Sender, viele Empfänger | Jeder Empfänger, ein potentieller Sender |
| Immobilisierung isolierter Individuen | Mobilisierung der Massen |
| Passive Konsumentenhaltung | Interaktion der Teilnehmer, Feedback |
| Entpolitisierungsprozess | Politischer Lernprozess |
| Produktion durch Spezialisten | Kollektive Produktion |
| Kontrolle durch Eigentümer oder Bürokraten | Gesellschaftliche Kontrolle durch Selbstorganisation |
In seiner Medien-Utopie spricht Enzensberger bereits 1970 von netzartig aufgebauten Kommunikationsmodellen, die auf dem Prinzip der Wechselwirkung basieren, zum Beispiel einer „Massenzeitung, die von ihren Lesern geschrieben und verteilt wird“ (ebd., S. 112) oder „ein Videonetz politisch arbeitender Gruppen usw.“ (ebd., S. 112)
4. Kernaussagen: Zitate Enzensbergers
Die folgenden ausgewählten Zitate sollen die Kernaussagen des Medienbaukastens nochmals mit Enzensbergers eigenen Worten widerspiegeln und dienen als weiterführende und greifbare Erklärung der oben abgedruckten Tabelle:
„Das offenbare Geheimnis der elektronischen Medien, das entscheidende politische Moment, das bis heute unterdrückt oder verstümmelt auf seine Stunde wartet, ist ihre mobilisierende Kraft.“ (Enzensberger 1997, S. 98)
„In ihrer heutigen Gestalt dienen Apparate wie das Fernsehen oder der Film nicht der Kommunikation sondern ihrer Verhinderung. Sie lassen keine Wechselwirkung zwischen Sender und Empfänger zu: technisch gesprochen, reduzieren sie den Feedback auf das systemtheoretisch mögliche Minimum.“ (Enzensberger 1997, S. 99)
„Der Autor hat als Agent der Massen zu arbeiten. Gänzlich verschwinden kann er nur dann in ihnen, wenn sie selbst zu Autoren, den Autoren der Geschichte geworden sind.“ (Enzensberger 1997, S. 132)
„Tonbandgeräte, Bild- und Schmalfilmkameras befinden sich heute schon in weitem Umfang im Besitz der Lohnabhängigen. Es ist zu fragen, warum diese Produktionsmittel nicht massenhaft an den Arbeitsplätzen, in den Schulen, in den Amtsstuben der Bürokratie, überhaupt in allen gesellschaftlichen Konfliktsituationen auftauchen. Indem sie aggressive Formen einer Öffentlichkeit herstellten, die ihre eigene wäre, könnten die Massen sich ihrer alltäglichen Erfahrungen versichern und aus ihnen wirksamere Lehren ziehen.“ (Enzensberger 1997, S. 112)
„Reproduktionstechnik […] löst das Reproduzierte aus dem Bereich der Tradition ab. Indem sie die Tradition vervielfältigt, setzt sie an die Stelle eines ehemaligen Vorkommens ein massenweises. Und indem sie der Reproduktion erlaubt, dem Aufnehmenden in seiner jeweiligen Situation entgegenzukommen, aktualisiert sie das Reproduzierte.“ (Enzensberger 1997, S. 123)
5. Fazit: Kritik und eigene Bewertung
Wenn man sich Enzensbergers Forderungen nach einem emanzipatorischen Umgang mit den neuen Medien anschaut, erkennt man in vielen Einzelpunkten seiner Tabelle durchaus die heutige Medienrealität wieder. Dass es sich heutzutage allerdings trotzdem nicht um einen emanzipatorischen Mediengebrauch à la Enzensberger im sozialistischen Sinne handelt, sondern vielmehr um bloße technische Weiterentwicklungen, die nun auch von der Masse genutzt werden können und keinerlei politische Bedeutung innehaben, erklärt sich mit einem Blick auf die gängigen Spielformen im Internet fast von selbst.
Jeder kann in der „weltvernetzten Gesellschaft“ (Stöcker 2006) nicht nur selbst zum Akteur werden, sondern dem „globalen Unterhaltungs-Informations-Mischmasch“ (Stöcker 2006) sogar seinen eigenen „Do-it-yourself-MTV“-Stempel aufdrücken (vgl. Stöcker 2006), ob es nun Sinn macht oder nicht. Vor allem das Prinzip der Wechselwirkung erfreut sich im Internet durch das aktuell vieldiskutierte Web 2.0 großer Beliebtheit. Web 2.0 bedeutet soviel wie „Mitmach-Web, in dem jeder für jeden Unterhaltung, Information, Meinung und Unsinn produzieren und präsentieren kann“ (Stöcker 2006). Was Enzensberger anhand einer Massenzeitung beschrieben hat, „die von Lesern geschrieben und verteilt wird“ (Enzensberger 1997, S. 112), ist im Zeitalter von Blogs, YouTube oder Wikipedia bereits Realität geworden. Es existiert ein scheinbar demokratisches Netz, „an dem alle teilhaben und zu dem alle beitragen“ (Stöcker 2006) können. Enzensbergers theoretische Forderungen nach einer Interaktion aller Teilnehmer, von Feedback, dezentralisierten Programmen oder der Mobilisierung der Massen wäre hiermit eigentlich erfüllt. Eigentlich. Denn was von der „Unmenge an interessanten, mäßig interessanten, unterhaltsamen, völlig unwichtigen oder schlicht lästigen Nachrichten, Meinungsäußerungen und Kunststückchen“ (Stöcker 2006) bleibt, sind viele als Produzenten auftretender Laien, die aufgrund preiswerter Videokameras oder sonstiger technischer Geräte selbst zum „Sender“ werden. Laut Enzensberger ist aber „das Programm, das der isolierte Amateur herstellt, […] immer nur die schlechte und überholte Kopie dessen, was er ohnehin empfängt“ (Enzensberger 1997, S. 110). Er forderte 1970 daher eine kollektive Produktion.
Schon 1970 sprach Enzensberger außerdem von einer Art „close-circuit TV“ (ebd., S. 107), also einem Fernsehprogramm für privilegierte Gruppen. Er konnte damals noch nicht wissen, dass der Massengeschmack sich im Laufe der Zeit immer weiter spezialisieren würde und dass Spartenkanäle auch gegen Bezahlung für viele Menschen interessant sind. Enzensberger beschreibt 1970 dieses Phänomen als „technisch denkbar […], aber gleichzeitig strukturell widersinnig“. (ebd., S. 108)
Es wurde Enzensberger, der die Gedanken Brechts aufgenommen hat, vorgeworfen, er könne nicht die gleiche Frage, die Brecht 1932 stellte, in einem gesellschaftlichen Kontext von 1970 stellen. Interessant ist aber, dass Enzensberger mit seinen Theorien einige Fortschritte auf technischer Seite bereits 1970 vorgeahnt hat. Was damals auf unpolitischer Ebene utopisch klang, ist heutzutage Realität. Was damals auf politischer Ebene utopisch klang, ist es heute immer noch. In späteren Aufsätzen sprach Enzensberger dann vom Fernsehen als „Null-Medium“. Vielleicht sollte man einen Weg zwischen diesen beiden Ansichten wählen und einen demokratischeren Umgang mit den Medien anstreben. Aber vielleicht ist auch das wiederum eine Utopie für sich.
6. Quellenhinweise
Literatur:
1. Enzensberger, Hans Magnus (1997): Baukasten zu einer Theorie der Medien. In: Glotz, Peter
(Hrsg., 1997): Baukasten zu einer Theorie der Medien. Kritische Diskurse zur Pressefreiheit. München.
S. 97ff.
2. Glotz, Peter (1997): Der Experte für menschliche Verständigungsverhältnisse Hans Magnus Enzensberger.
Person und Werk. In: Glotz, Peter (Hrsg.; 1997): Baukasten zu einer Theorie der Medien. Kritische
Diskurse zur Pressefreiheit. München, S. 7ff.
Internet:
3. Knipphals, Dirk (1998): Wer manipuliert hier wen? In: Deutsches Sonntagsblatt Nr. 35, 1998. Online unter:
http://www.osiv.at/download/zeitalter_globale_kulturindustrie.pdf (Zugriff am 30.03.2007)
4. Lyrikwelt: Autoren. Hans Magnus Enzensberger. Online unter: http://www.lyrikwelt.de/autoren/
enzensberger.htm (Zugriff 30.03.2007)
5. SR: Regeln und Probleme des Textverstehens. Hermeneutik. Erwähnte Autoren und literarische Texte. Hans
Magnus Enzensberger. Online unter: http://www.uni-essen.de/einladung/Vorlesungen/hermeneutik/
enzensberger.htm (Zugriff 30.03.2007)
6. Stöcker, Christian (2006): Zerreiß mich, kopier mich. Artikel vom 13.04.2006. In: Spiegel Online. Online
unter: http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,411147,00.html (Zugriff am 30.03.2007)
7. Who’s who: Namen. Hans Magnus Enzensberger. Biografie. Online unter: http://www.whoswho.de/templ/
te_bio.php?PID=509&RID=1 (Zugriff 30.03.2007)







