Medienkritik und Medienwirkung. Erstellt im Seminar bei Prof. Stang (WS 06/07)


Medienutopien

Künstliche Intelligenz – Zur Vision Alan Turings

von Oliver Schmitz


1. Einleitung
1.1 Denkende Maschinen und neue Macht
2. Der Begriff der Künstlichen Intelligenz
3. Der Turing-Test
3.1 Maschine ersetzt Mensch
3.2 Zukunftsvisionen
3.3 Gegenthesen
3.3.1 Der mathematische Einwand
3.3.2 Das Bewusstseinsargument
3.3.3 Der Einwand der Lady Lovelace
3.3.4 Das Argument der Stetigkeit innerhalb des
         Nervensystems

4. Brecht – Turing – Enzensberger
5. Fazit: Eigene Bewertung
5.1 Zur Machtübernahme der Maschinen
6. Quellenhinweise


1. Einleitung


Im Zeitalter von Mobilfunk, Web 2.0 und tragbaren Musikplayern rückt der Begriff der Künstlichen Intelligenz (im Folgenden KI) mehr und mehr in den Hintergrund. Zu sehr ist er hinter Konsumgut und Trends verschwunden. Doch gerade durch die kürzlich bekannt gewordene Pflege-Roboter-Robbe Paro in Japan erfährt der Begriff ganz neue Dimensionen.
All diese späteren Entwicklungen wurden entscheidend durch den britischen Mathematiker Alan M. Turing geprägt. Schon als Elfjähriger von Zahlen und Maschinen begeistert schuf er Mitte der 1930er-Jahre die Turingmaschine – die theoretische Geburtsstunde des Computers und damit verbunden eine neue Auseinandersetzung mit der Frage nach maschineller bzw. künstlicher Intelligenz.


1.1 Denkende Maschinen und neue Macht


Gutenbergs Buchdruck, die Entdeckung der Energiegewinnung; in jedwedem Jahrhundert stecken elementare Entdeckungen. Konstitutiv für die Postmoderne ist der Computer. Dieser ermöglicht es erstmals bis dato menschliche Aufgaben – wie beispielsweise das Denken – zu übernehmen und Informationen in digitaler Form wieder zu geben. In diesem Zusammenhang tritt der Begriff der Intelligenz auf, welcher zu einem Faktor geworden, der von Intellektuellen auf Maschinen übertragen wird. Mit Schaffung der Maschine und dem Beweis, dass alles was berechenbar, auch schaltbar ist, veröffentlicht Alan Turing im Jahre 1951 den utopischen Gedanken: „Ab einem bestimmten Zeitpunkt sollten wir davon ausgehen, dass Maschinen die Macht übernehmen“. Vorausgegangen war dieser Zukunftsvision sein ein Jahr zuvor erschienener Aufsatz unter dem Titel Computing Machinery and Intelligence, in welchem er die Frage „Kann eine Maschine denken?“ zu beantworten versucht (vgl. Turing 1950, S. 147ff). Zwar bedingt diese Frage zugleich eine Definition von Maschine und Denken, doch dieses Unterfangen erkennt auch Alan Turing als absurd, weshalb er das Problem in die Form eines Spiels packt, dem später im KI-Kontext diskutierten Turing-Test. Nachfolgend soll dieser sowie die Vision der „Machtübernahme der Maschinen“ erschlossen und anschließend im medialen Kontext erläutert werden.


2. Der Begriff der Künstlichen Intelligenz


„Die Bezeichnung ‚Künstliche Intelligenz’ entstand als Übersetzung von ‚artificial intelligence’. Dieser Begriff war Mitte der 1950er-Jahre in den USA geboren worden. Die Übersetzung von ’artificial’ als ‚künstlich’ bedeutet zugleich ‚unecht’, ‚gekünstelt’, ‚Schein-’. Die Programme, die in der KI entstehen, verhalten sich also für den Betrachter als ob sie Intelligenz besäßen. Auch das Wort ‚intelligence’ besitzt im Englischen eine weitergehende Bedeutung als das Wort ‚Intelligenz’ im Deutschen, nämlich denkbezogene Information, Einsicht und Verständnis.“ (Duden Informatik 2003, S. 358)
Turing verwendet in seinen Arbeiten den Begriff der maschinellen Intelligenz, wobei er Intelligenz als subjektive Begrifflichkeit aufzeigt. Demnach hängt die Beurteilung intelligenten Verhaltens entscheidend vom Zustand des eigenen Verstandes, der eigenen Geschultheit sowie vom Objekt der Prüfung ab. Aus diesem Grunde ist es möglich, dass Person A ein Objekt als unintelligent deklariert gleichwohl es von Person B als intelligent beurteilt wird.
Zur Beurteilung von Intelligenz schlägt Turing ein Testverfahren vor, das nachfolgend beschrieben werden soll.


3. Der Turing-Test (vgl. Turing 1950, S. 147ff)


Der Turing-Test basiert auf dem so genannten Imitationsspiel, bei welchem ein Spieler C durch geschicktes Fragen, das Geschlecht der beiden anderen Spieler A (ein Mann) und B (eine Frau) herausfinden muss. Während C von Spieler B möglichst Unterstützung bei der Lösung erfahren soll, versucht Spieler A eine falsche Lösung zu provozieren. Damit der Fragesteller den Befragten nicht an Schrift und Stimme erkennt, schlägt Turing einen Fernschreiber als Kommunikationsmittel vor.


3.1 Maschine ersetzt Mensch


Um nun maschinelle Intelligenz feststellen zu können, wird Spieler A durch eine Maschine ersetzt. Der Fragesteller C muss nun herausfinden, welcher der beiden Spieler menschlich ist. Daraus ergibt sich für den Autor die Frage, ob es gelänge eine Maschine zu konstruieren, die einen Menschen fehlerfrei imitieren könne oder anders ausgedrückt: „Lässt sich das dargestellte (Sprach-)Verhalten von Menschen und Maschinen unterscheiden?“ Zwar enthebt sich diese neue Fragestellung von der Pflicht der Definition von Denken, die der Maschine bedarf es jedoch weiterhin. Die Bedeutung des Begriffs Maschine setzt Turing in seinem Aufsatz mit dem des Digitalrechners gleich.
Ein Digitalrechner im Sinne von Turing ist eine aus drei Teilen bestehende Maschine – Informationsspeicher, ausführende Einheit und Kontrollwerk – also ein dynamischer Wissensspeicher und damit ein Medium. Zudem erreicht der Digitalrechner durch ein bestimmtes Maß an Flexibilität und Subtilität eine Äquivalenz zu jeder anderen Maschine.


3.2 Zukunftsvisionen


Ehe sich Turing anschließend den gegensätzlichen Ansichten zur zentralen Frage widmet, legt er seine eigene Meinung dar. Dabei trifft er die Annahme, dass es 2001 möglich sein wird, Rechenmaschinen zu programmieren, welche das Imitationsspiel so gut beherrschen, dass der Mensch nach fünfminütiger Fragezeit in sieben von zehn Fällen nicht mehr in der Lage sein wird, menschliche von maschineller Intelligenz zu unterscheiden. Weiterhin stellt er die Vermutung auf, dass am Ende des 20. Jahrhunderts bedenkenlos von denkenden Maschinen gesprochen werden wird und eben derlei Vermutungen für die Forschung richtungweisend sein können.


3.3 Gegenthesen


Zwar führt Turing neun gegensätzliche Ansichten über die zentrale Frage auf, doch sollen im Folgenden nur jene Berücksichtigung finden, welche zur wissenschaftlichen Behandlung der Fragestellung relevant sind bzw. im Besonderen auf den medialen Zusammenhang bezogen werden können.


3.3.1 Der mathematische Einwand


Resultate der mathematischen Logik zeigen auf, dass die Fähigkeiten diskreter Maschinen bestimmten Beschränkungen unterliegen. Dazu gehören das Gödelsche Theorem und Turings eigene Forschungen. Diese zeigen auf, dass es für eine Maschine auch Fragen gibt, die sie entweder falsch oder gar nicht beantwortet, wie viel Zeit ihr auch gelassen wird. Dennoch folgert der Autor, dass es Menschen geben kann, die klüger sind als irgendeine Maschine und umgekehrt. Aus seiner Sicht ist diese Gegenthese damit größtenteils relativiert.


3.3.2 Das Bewusstseinsargument


Hier greift Turing ein Zitat aus Lister Oration for 1949 von Professor Jeffersons auf: „Erst wenn eine Maschine dichten oder komponieren kann, und zwar aus Gedanken und Gefühlen heraus […], könnten wir zugeben, dass zwischen Maschine und Gehirn kein Unterschied besteht. […] Kein Mechanismus kann sich über Erfolge freuen, bei Defekten Kummer empfinden […], wegen unerfüllter Wünsche zornig oder traurig sein.“ (ebd.). Dieses Argument bewertet der Autor als nicht zulässig, da nur jeder Mensch von sich selbst weiß, dass er über ein Bewusstsein verfügt. Das Bewusstsein anderer schließt ein jeder Mensch aus deren Verhalten. Entsprechend verlangt Turing, dass auch das Bewusstsein einer Maschine aus deren Verhalten erschlossen werden soll.


3.3.3 Der Einwand der Lady Lovelace


Auf Grundlage der Analytischen Maschine von Babbages stellt Lady Lovelace in ihrem Bericht aus dem Jahre 1847 fest, dass eine Maschine nie in der Lage sein wird, etwas wirklich Neues auszuführen. Dieses Argument widerlegt Turing durch den Hinweis, dass komplexe Systeme immer wieder Unerwartetes tun, obgleich sie durch ihr Programm und die Eingabe bestimmt werden, da ihre Benutzer nicht mehr alle Folgen einer Eingabe überblicken können. Demnach erscheint die Ausgabe der Maschine als Schöpfungsakt, welchem er selbst häufig begegnete.


3.3.4 Das Argument der Stetigkeit innerhalb des Nervensystems


Auch nur ein kleiner Informationsfehler, der auf eine Nervenzelle trifft, kann auf den austretenden Impuls einen großen Einfluss haben. Derlei Effekte sind bei diskreten Maschinen ausgeschlossen. Hierbei handelt es sich um Maschinen, welche ihre möglichen Zustände in diskrete Mengen beschreiben können. Dies vollzieht sich in der Datenspeicherung und Datenverarbeitung im Binärcode. Eine stetige oder kontinuierliche Maschine hingegen bildet eine stetige Mannigfaltigkeit (vgl. Turing 1950, S. 86). Turing vertritt jedoch den Standpunkt, dass sie das Verhalten stetiger Maschinen in beliebiger Genauigkeit simulieren können und aus den unterschiedlichen Einflüssen Wahrscheinlichkeiten für verschiedene Ausgaben bestimmen. Der Unterschied zwischen diskreter und stetiger Arbeitsweise wird dabei vom Benutzer nicht bemerkt.
Mit dieser Auseinandersetzung schafft Turing die Grundlage für seine Behauptung, dass Maschinen entwickelt werden, die den menschlichen Geist simulieren können. Aus diesem Grunde wird ihr Output auch dasselbe Maß an Aufmerksamkeit verdienen wie der des Menschen. Unter diesem Gesichtspunkt sieht Turing diese Maschinen als echte Möglichkeit, weshalb er die Konsequenzen ihrer Konstruktion aufführt. Hierbei blickt er realistisch auf den sich ergebenen Widerstand, vor allem seitens der Intellektuellen, die in Sorge über ihre Arbeitsplätze sein würden. Seiner Auffassung nach ergibt sich für jene eher die Anstrengung ihre Intelligenz auf dem gleichen Niveau zu halten wie dem der Maschinen. Denn weiterhin stellt er die Prognose, dass die maschinelle Denkmethode die menschlichen Kräfte überholen wird, dass Maschinen in der Lage sein werden miteinander zu kommunizieren, um ihren Verstand zu schärfen. Darum müsste die Menschheit ab einem bestimmten Zeitpunkt damit rechnen, dass die Maschinen die Macht übernehmen.


4. Brecht – Turing – Enzensberger


Im Jahre 1932 schlägt Bertold Brecht in seinem Text Der Rundfunk als Kommunikationsapparat vor, das Radio zu einem interaktiven Kommunikationsapparat zu machen bzw. zu einem interaktiven Medium. Doch war dies mit dem Rundfunk nicht möglich. Bis heute bieten Radio und Fernsehen wie die Printmedien Einwegkommunikation. 1936 veröffentlicht nun Turing das Konzept seiner gleichnamigen Maschine. Als Computer beweist sie, dass sie auch ein System sein kann, das zuvor nicht existierte; wie zum Beispiel eine Matrix vernetzter Einzelsysteme, die im Zusammenschluss eine neuartige Kommunikationsstruktur ergeben: das World-Wide-Web. Sein Distributionssystem schafft die Möglichkeit der Mehrwegkommunikation wie Brecht es gewünscht hatte: jeder ist gleichzeitig Sender und Empfänger. Im weitesten Sinne schuf damit Brecht die Idee und Turing die erforderliche Hardware. Somit widerlegt dies auch die Annahmen von Hans Magnus Enzensberger, die er in einem Gedicht in Anspielung auf Mythen und Anekdoten vorbrachte. Danach verhieß er Turing ewiges Leben, allerdings nicht in Computern, sondern nahe bei Cambridge, auf abgemähten Stoppelfeldern Haken schlagen.


5. Fazit: Eigene Bewertung


Obwohl Turings Arbeiten mehr als fünfzig Jahre zurückliegen haben sie im 21. Jahrhundert kaum an ihrer Aktualität eingebüßt.
All jene multimedialen Entwicklungen wären ohne seine Arbeiten undenkbar. Gleichwohl die Mehrheit der Menschen, die tagtäglich an ihren Computern sitzen, im Internet surfen, ihre Identität im Web 2.0 neu definieren oder einfach nur mit ihrem Mobiltelefon Fotos schießen, nicht an die Theorien Turings denken, geschweige ihn dahinter wissentlich vermuten.
Aber dennoch, seine Annahme Ende des 20. Jahrhunderts würde ohne weiteres von intelligenten Maschinen gesprochen werden, scheint noch nicht vollends erfüllt. Zwar deuten vor allem die derzeitigen Entwicklungen in Asien – im Besonderen Japan und der dortigen Pflegeroboter – weitreichende Veränderungen an, doch in Europa scheint dieser Prozess noch auf sich warten zu lassen. Dies ist vor allem auf die kulturellen Unterschiede zwischen Asien und Europa zurückzuführen. Die Bedeutung von Kulturgut und Tradition sowie Beständigkeit ist hierzulande viel stärker ausgeprägt als im sich stetig wandelnden Japan. Aber dennoch ist anzunehmen, dass ähnlich der Unterhaltungselektronik, die überwiegend im asiatischen Raum entwickelt und produziert wird, auch der intelligente Roboter früher oder später zum Haushalten und Pflegen verwendet werden wird.
Doch in einem anderen Kontext lässt sich Turings Vermutung der intelligenten Maschine dennoch feststellen. Man denke z.B. an die neueste Microsoft Suchmaschine Ms. Dewey. Hier bittet die gleichnamige junge Frau den Besucher der Website persönlich um seine Suchanfrage. Wird längere Zeit keine Eingabe gemacht, so beschäftigt sich die Dame mit ihrem Haar oder klopft nach einer Weile genervt gegen das Display. Zwar weiß sie noch nicht auf jedwede Suchanfrage eine Antwort oder passendes Kommentar, dennoch gewinnt der User den Eindruck einer „intelligenten Maschine“ gegenüber zu stehen.
Als weiteres Beispiel soll zuletzt noch der Internet-Buchhandel Amazon.com erwähnt werden. Hier werden dem User bereits nach kurzem Aufenthalt auf der Website diverse Verknüpfungen angeboten. Dazu gehört unter anderem: Kunden, die Produkt X gekauft haben, kauften auch Produkt Y. Zwar dient dies lediglich der Absatzmaximierung, aber dennoch steckt dahinter in gewisser Weise ein sehr intelligentes System, auch für den Käufer.


5.1 Zur Machtübernahme der Maschinen


Turings Prognose der Machtübernahme durch Maschinen lässt umfangreichen Interpretationsspielraum zu. So kann sie den Science-Fiction-Romanen und -Filmen entsprechen, in denen die physische wie psychische Herrschaft der Maschine dargestellt wird. Als Beispiel soll hier die Matrix-Trilogie erwähnt werden, welche den Menschen als energetische Ausbeute der Maschine entlarvt.
Des Weiteren ließe sich die „Machtübernahme“ auch im gesamtgesellschaftlichen Kontext erfassen. So laufen kein Kühlschrank, kein Unternehmen und kaum ein Haushalt ohne computergestützte Hilfe. Wurde unter diesem Aspekt die Macht nicht schon längst an die Maschine übertragen? Oder muss sich die Maschine als solche erheben und den Menschen zu ihrem Sklaven machen?





6. Quellenhinweise


Literatur:
1.   Coy, Wolfgang (1994): Gutenberg und Turing. Fünf Thesen zur Geburt der Hypermedien. In: Zeitschrift
      für Semiotik. Zeit der Hypermedien. Tübingen. S. 69ff.
2.   Kittler, Friedrich (1990): Die Nacht der Substanz. Bern.
3.   Redaktion Studium und Beruf (Hrsg.; 2003): Duden Informatik. Ein Fachlexikon für Studium und Praxis.
      Mannheim [u.a.]. S. 358.
4.   Turing, Alan M. (1950): Rechenmaschinen und Intelligenz. In: Intelligence Service. Schriften.
      Berlin. S. 147ff.
5.   Turing, Alan M. (1987): Intelligence Service. Schriften. Berlin.
6.   Zimmerli, Walter Ch.; Wolf, Stefan (Hrsg.; 2004): Künstliche Intelligenz. Philosophische Probleme.
      Stuttgart.

Internet:
7.   Amazon: Homepage von Amazon. Online unter: http://www.amazon.de/ (Zugriff 02.04.2007)
8.   Microsoft GmbH: Suchmaschine Ms. Dewey. Online unter: http://msdewey.com (Zugriff 02.04.2007)
9.   Neugebauer, Bernd (1997): Referat zu Alan Turing. Kann eine Maschine denken? (Referat). Online unter:
      http://www.beneu.de/privat/archiv/turing/turframe.html (Zugriff 02.04.2007)
10. Dassel, Tom: Virtual Communities. Online unter: http://userpage.fu-berlin.de/~miles/virtcomm.html
      (Zugriff 02.04.2007)