Medienkritik und Medienwirkung. Erstellt im Seminar bei Prof. Stang (WS 06/07)
Neue Protagonisten der Medienkritik
Christian Pfeiffer: Medienverwahrlosung
von Anja Jerkan
1. Einleitung
Christian Pfeiffer veröffentlichte zahlreiche medienkritische Essays, in denen er die Behauptung aufstellt, dass unkontrollierter Medienkonsum (vor allem bei Jugendlichen) gewalttätig und dumm macht. Daran seien jedoch nicht nur die Konsumenten, bzw. Rezipienten selbst schuld, Pfeiffer kritisiert vielmehr die Medienmacher, die in ihrer Programmgestaltung und inhaltlichen Auswahl der Bevölkerung falsche Werte suggerieren.
Hier sollen nun verschiedene Essays vorgestellt und jene eben beschriebenen Thesen untersucht werden. Anschließend wird durch eine kurze aktuelle Medienanalyse (vor allem Tageszeitungen und Berichterstattung im Internet) die Kritik am Kritiker (Kapitel 4) in den Blick genommen.
Die diesem Artikel zugrunde liegenden Texte sind einmal: Die Medien, das Böse und wir – Zu den Auswirkungen der Mediennutzung auf Kriminalitätswahrnehmung, Strafbedürfnisse und Kriminalpolitik von Christian Pfeiffer, Michael Windzio und Matthias Kleinmann (2004).
Der Titel des Essays, der wohl für diese Arbeit der Bedeutsamste war, lautet Medienverwahrlosung als Ursache von Schulversagen und Jugenddelinquenz? (2003).
Der dritte Text umfasst eine Studie des KFN, an der Pfeiffer ebenfalls mitgearbeitet, er wird hier jedoch nicht als Hauptautor genannt – als Direktor und damit Verantwortlicher des Instituts sind in diesem Text jedoch ebenfalls einige wichtige Kernaussagen, bzw. Argumente, auf denen Pfeiffers Thesen aufbauen genannt. Mediennutzung, Schulerfolg, Jugendgewalt und die Krise der Jungen (2006) wird deshalb ebenfalls in die Analyse mit einbezogen. Außer Pfeiffer waren an dieser Publikation in der Zeitschrift für Jugendkriminalrecht und Jugendhilfe Thomas Mößle, Matthias Kleinmann und Florian Rehbein beteiligt.
2. Der Kritiker
Christian Pfeiffer wurde am 20. Februar 1944 in Frankfurt an der Oder als viertes Kind einer Bauernfamilie geboren, die 1952 nach Westdeutschland flüchtet. Er studierte von 1965 bis 1971 Rechtswissenschaften und Sozialpsychologie an der Ludwigs-Maximilians-Universität in München und der London School of Economics and Political Science. Seine Dissertation schrieb er 1984 zum Thema „Kriminalprävention im Jugendgerichtsverfahren“; ab 1985 war er der stellvertretende Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN); seit 1988 ist er der Direktor dieses Instituts. (vgl. Wikipedia)
Wissenschaftlich beschäftigt sich Pfeiffer vor allem mit den Themen Jugendkriminalität, der Frage des Täter-Opfer-Ausgleichs und organisierter Kriminalität. Bekannt wurde er im Besonderen durch die Mitarbeit an Gesetzen zur Gewalt in der Ehe und zur Abschaffung des Züchtigungsrechts, sowie durch seine empirischen Studien zur Jugendkriminalität. In diesem Zusammenhang (bzw. in Zusammenhang mit den Amokläufen in Emsdetten 2006 und Erfurt 2002) tritt er immer wieder in den Medien auf. Hier verlangt er vor allem die Abschaffung von Killerspielen und das Verbot von Filmen mit jugendgefährdenden Inhalten im Fernsehen.
Christian Pfeiffer ist Vorsitzender des Ortsverbandes München von BRÜCKE e.V., einer Institution der Jugendhilfe, die sich für alternative Bestrafungsmaßnahmen in der Jugendkriminalität einsetzt.
Außerdem wurden Pfeiffer 1993 das Bundesverdienstkreuz am Bande und 1995 der „Bullenorden“ des Bundes Deutscher Kriminalbeamter verliehen. (vgl. Munzinger-Archiv. Internationales Biographisches Archiv 40/03, 2003)
3. Der Inhalt
„Die Medien machen dumm und gewalttätig“ scheint die zentrale Aussage Pfeiffers zu sein. Dabei unterscheidet er wohlweislich zwischen unkontrolliertem Medienkonsum und den unterschiedlichen Inhalten der verschiedenen Medien. Vor allem Gewalt in den Medien verurteilt er knallhart, sei es in Form eines Spielfilms, Computerspiels oder auch als journalistischer Beitrag in den Fernsehnachrichten. Im Mittelpunkt stehen bei ihm die Bildschirmmedien, die Gewalt multimedial (als ein Gefühl des „Dabei seins“) vermitteln wollen.
Pfeiffers wichtigster Essay Medienverwahrlosung beinhaltet seine grundlegenden Aussagen zum Thema Jugendgewalt, wegen derer er zu den zahllosen Debatten zum Thema „Killerspiele“ in Zeitung und Fernsehen um sein Kommentar gebeten wird. Er basiert auf einer Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest zum Medienverhalten von Kindern und Jugendlichen und versucht Parallelen zu deren Neigung zur Gewalt zu ziehen. (siehe dazu: Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest mpfs. KIM-Studie 2003)
3.1 Mehr eigene Fernseher
Das größte Problem sieht Pfeiffer darin, dass etwa die Hälfte der 13- bis 15-Jährigen einen eigenen Fernseher im Zimmer stehen hat, der vor allem dazu genutzt werde, spät abends Filme mit jugendgefährdendem Inhalt zu schauen (56 % der 12- bis 17-jährigen Jungen, gegenüber 25 % Mädchen). Dadurch, dass sich die Fernseher im Kinderzimmer befänden, entzögen sich die Kinder der Obhut und Kontrolle der Eltern. Auch gibt Pfeiffer an, dass 1998 immerhin 18 % der Jungen zu den Vielsehern gehörten, die mehr als vier Stunden täglich vor dem Fernseher saßen. Dass vor allem Jungen ebenfalls ihre Zeit mit Video- oder Computerspielen verbrächten, lässt Pfeiffer auf einen Zustand der Medienverwahrlosung von mindestens einem Fünftel der männlichen 12- bis 17-Jährigen schließen.
Die Folgen der stundenlangen Nutzung der Bildschirmmedien sieht Pfeiffer darin, dass die Rezipienten „ihr Leben versäumten“ und in der „Verarmung ihrer sozialen Existenz“ (Pfeiffer 2003, S. 2). Dabei ist er sich der Tatsache voll bewusst, dass nicht alle Jugendliche Gewaltfilme und Killerspiele konsumieren. Doch auch auf die „Softies“ bezogen behauptet er „Übung macht nur dann den Meister, wenn sie im realen Leben stattfindet und nicht nur in der Phantasie.“ (ebd., S. 2)
Weiterhin versäumten die Jugendlichen einen Großteil ihrer schulischen Inhalte, da sie neben all den Filmen und Spielen nur noch wenig Zeit für Hausaufgaben und dergleichen übrig hätten. Zudem nennt er verschiedene Ergebnisse von Hirn- und Schlafforschungsstudien, die zu dem Schluss kamen, dass schulische Lerninhalte gegenüber der Präsenz von filmischen Bildern in den Hintergrund treten würden; vor allem dann, wenn ein Action geladener, emotional aufwühlender Film direkt vor dem Schlafen angeschaut werden würde.
3.2 Mehr Schulabbrecher und Gewalt
Aus all dem schließt Pfeiffer auf die zunehmend schlechten Schulleistungen und die gestiegene Anzahl der Schulabbrüche vor allem von Jungen, die 2002 64 % der Schulabbrecher ausmachten (1993 waren es 48 % Jungen gegenüber 52 % Mädchen). (vgl. ebd., S. 3f)
Als Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen sind die Beweggründe für solch eine Studie für Pfeiffer jedoch nicht nur schulische Leistungen, die indirekt natürlich ebenfalls für mehr Gewaltbereitschaft sorgen. Pfeiffer weist allerdings auf eine kleine Risikogruppe von fünf bis zehn Prozent der männlichen Jugendlichen hin, deren Gewaltbereitschaft unter unmittelbarem Einfluss von Gewaltfilmen steht (vgl. ebd., S. 4). Bei dieser Gruppe kommen „familiäre und soziale Belastungsfaktoren“ (ebd., S. 4), wie schlechte Schulnoten, emotionale Vernachlässigung oder Gewalt in der Familie zu den konsumierten Gewaltszenen hinzu, mit denen sie sich in bestimmten Situationen identifizieren könnten.
Eine Studie der Stanford University in den USA ergab, dass durch die Einschränkung des Fernsehkonsums, die Aggressivität bei 9-Jährigen merklich gesunken ist (im Vergleich zu einer Kontrollgruppe). Pfeiffer gibt in seinem Text mehrere Optionen an, die einen Rückgang der Jugenddelinquenz und einen Anstieg des schulischen „Engagements“ zwar nicht sicher voraussagen können, einen Versuch wären all diese Projekte, bzw. Änderungen des Schulsystems jedoch Wert.
Christian Pfeiffer kritisiert jedoch nicht nur den Einfluss medialer Gewalt auf Kinder und Jugendliche, sondern auf die gesamte Bevölkerung. In seinem Essay Die Medien, das Böse und wir (Pfeiffer/Windzio/Kleinmann 2004) legt er die Folgen der Mediennutzung auf die Kriminalitätswahrnehmung der Deutschen dar.
3.3 Mehr Gewalt im Gefühl
In einer Studie des Instituts TNS Infratest Anfang 2004 wurden 2.000 Bundesbürger zum Kriminalitätsgeschehen befragt (Anm.: Die Originalstudie liegt leider nicht vor. Literaturangaben konnten nicht gefunden werden.). Ihnen wurden aus der polizeilichen Kriminalstatistik Zahlen aus dem Jahr 1993 zu bestimmten Straftaten vorgelegt. Die Befragten sollten dann eine Einschätzung abgeben, inwieweit sich diese Zahlen im Jahr 2003 verändert hätten. Außerdem wurde ermittelt, wie sich die Menschen über Kriminalitätsdelikte informiert hatten, ob sie sich persönlich durch Kriminalität bedroht sahen und welche Schutzmaßnahmen sie ergriffen haben. Die Ergebnisse der Befragung zeigten, dass die deutsche Bevölkerung einen starken Anstieg der Gewalt bei allen Delikten vermutete; vor allem der Diebstahl von Kraftfahrzeugen und der vollendete Sexualmord wurden mit dem Fünf- bzw. Sechsfachen der tatsächlich begangenen Delikte extrem überschätzt. Überwiegend richtig wurden die Delikte Drogenhandel, Betrug und Körperverletzung eingeschätzt. Dennoch waren nur maximal zehn Prozent der Getesteten in der Lage, den Rückwärtstrend von sieben ausgewählten Deliktbeispielen mit sinkenden Kriminalitätszahlen, richtig zu erfassen. Dieser fälschlich angenommene Anstieg wird zu 36,5 % Ausländern angedichtet, was im Vergleich zum Jahr 1993 einen Anstieg von 9,2 % ausmachen würde. Jedoch ist der Anteil der von Ausländern begangenen Delikte von 26,7 % auf 19 % in 10 Jahren gesunken. Eine weitere Auswertung der Testergebnisse ergab, dass besonders Personen ohne Fachabitur und diejenigen mit einer höheren wöchentlichen Fernsehnutzung eine stärkere Kriminalitätszunahme vermuteten. (vgl. Pfeiffer/Windzio/Kleinmann 2004, S. 3ff)
Die Fragen, die sich die Autoren stellten waren „Woher kommt es, dass die große Mehrheit der Menschen sich hier so gravierend verschätzt? Und welche Konsequenzen hat dies für das von ihnen geäußerte Strafbedürfnis sowie für Kriminalpolitik und Strafverfolgung?“ (ebd., S. 7)
3.4 Mehr Gewalt im Fernsehen
Die Autoren berufen sich hier auf verschiedene Studien (vor allem aus den USA und Kanada), die diese Auswirkungen auf die Darstellung der Kriminalität in den Massenmedien zurückführen. Obwohl auch in den USA die Anzahl der schweren Gewalttaten zwischen 1991 und 1995 leicht zurückgegangen ist, ist die Zahl der Filmberichte über spektakuläre Gewaltdelikte in den Abendnachrichten um das Vierfache gestiegen. Die Autoren vermuten, dass vor allem die Einführung des Dualen Rundfunks (also des Privatfernsehens) auch in Deutschland zu dieser quotenorientierten Auswahl von (Programm-)Inhalten führte. (vgl. ebd., S. 7f.)
Zwischen 1985 und 1995 stieg der Anteil kriminalitätshaltiger Sendungen am Gesamtprogramm von 3,5 auf 15,4 % enorm an, weil insbesondere die privaten Sender anfangs auf fiktionale Filme und Serien aus den USA setzten. Bis 2003 hat dieser Anteil wieder abgenommen, jedoch nicht bei den reichweitenstärksten Sendern ZDF, RTL und SAT.1. Hier nahm er sogar noch einmal zu. Ebenso konnte in diesem Zeitraum eine Verschiebung von fiktionalen hin zu nicht-fiktionalen Formaten (z.B. Gerichtsshows) beobachtet werden. „Es dominieren also immer stärker solche Formate, die dem Rezipienten suggerieren, ein wirklichkeitsnahes Bild von Kriminalität und Kriminalitätsverfolgung zu vermitteln.“ (Pfeiffer/Windzio/Kleinmann 2004, S. 9). Diese Entwicklung kongruiert mit den Erkenntnissen der Nachrichtenwert- und -selektionsforschung. So würden Nachrichten mit negativem Inhalt gegenüber anderen bevorzugt ausgewählt werden. (vgl. Galtung/Ruge 1965, zit. nach Pfeiffer/Windzio/Kleinmann 2004, S. 10)
3.5 Mehr Strafen?
Wie oben dargelegt, ist die Anzahl der Straftaten von 1993 bis 2003 zurückgegangen, im Gegensatz zu den dargestellten Kriminalitätsdelikten in den Massenmedien. Dennoch wurde in den letzten zwölf Jahren zu 40 Straftatbeständen die Strafzumessung, bzw. -androhung deutlich angehoben. Im Folgeschluss hat der Gesetzgeber demnach primär die Strafbedürfnisse der Bevölkerung bedient, die durch eine Fehleinschätzung der Kriminalitätsrate in Deutschland entstand. (vgl. ebd. S. 17ff)
Pfeiffer kritisiert hiermit die Massenmedien, die ihre Programminhalte vor allem quotenorientiert auswählen. Dadurch entstünden in der Bevölkerung verschiedene Tendenzen (in diesem Fall nach härteren Strafen bei Kriminalitätsdelikten, die eigentlich nicht gerechtfertigt seien).
„Unsere Hauptthese ist, dass der Wandel gerade bei den öffentlich-rechtlichen Nachrichten in Quantität und Qualität der Berichterstattung einen großen Unterschied macht. Die Nachrichtensendungen sind immer noch die Quelle der höchsten Seriosität. Dass die Bild-Zeitung übertreibt, weiß ja jeder. Wenn die Tagesthemen aber plötzlich immer häufiger über Kriminalität berichten, dann glauben die Leute, da muss was dran sein. Die Tagesthemen sagen zwar nicht, der Sexualmord steigt. Aber sie berichten beim ersten Tatverdacht, aus der U-Haft, von der Anklageerhebung und vom Prozess. Kriminalität wird ausgelutscht und genutzt, die Zuschauer zu binden. Weil man die Sorge hat, dass man, wenn selbst nicht mitmacht, es die anderen tun, und die haben dann die höheren Einschaltquoten.“ Christian Pfeiffer im Gespräch mit Telepolis (Seefeldt 2004)Pfeiffers zentrales Anliegen im dritten Text (als Co-Autor in Mediennutzung, Schulerfolg, Jugendgewalt und die Krise der Jungen 2006) sind jedoch die zunehmenden Lernschwierigkeiten der Jugendlichen, vor allem der Jungen. Wie auch schon in seinem Text Medienverwahrlosung nennt er hierfür die zunehmende Nutzung der Medien, auch hier natürlich wieder die der Bildschirmmedien. Neben ausgeprägten Geschlechtsunterschieden in der Mediennutzung und Medienausstattung, ist in diesen zwei Merkmalen ebenfalls ein deutlicher regionaler Unterschied erkennbar, sowie Unterschiede je nach Bildungsniveau im Elternhaus. (Kleimann/Mößle/Rehbein/Pfeiffer 2006, S. 1f)
Im Text wird der Zusammenhang von extensiver Mediennutzung und schlechten Schulnoten aufgezeigt, sowie die Tendenz zu gewalttätigem Verhalten (vor allem) von Jungen, durch die Nutzung von Medien mit Gewaltinhalten (insbesondere von Computer- und Videospielen) (vgl. ebd., S. 12ff). Diese Tendenz begründet Pfeiffer mit folgender Behauptung: „Wer in der Schule keine Erfolgserlebnisse hat, sucht sie eben woanders.“ (ebd., S. 15). Auf diese Aussage wird im Fazit noch einmal näher eingegangen.
Die Autoren sehen die Schuld nicht nur bei den Kindern, sondern auch in der Erziehung, bzw. der Nichterziehung, der Eltern. Dieses fehlende Interesse der Eltern am Leben der Kinder wird durch intensive Mediennutzung seitens der Kinder kompensiert. (vgl. ebd., S. 14)
4. Kritik am Kritiker
Pfeiffers Kritiker werfen ihm insbesondere eine Pauschalisierung vor, indem er alle „Täter“ über einen Kamm scheren wolle. Der Kriminologe der Universität Münster Hans Joachim Schneider zum Beispiel, widerspricht Pfeiffer in seiner Behauptung vehement, dass eine Parallele zwischen Jugendkriminalität und Armutsentwicklung bestehe. „Arbeitslosigkeit und Armut machen nicht kriminell“ (Molitor 1997, S. 5) will Schneider in einer Sonderstatistik über arbeitslose Straftäter herausgefunden haben (vgl. Molitor 1997, S. 5). Und der Bielefelder Pädagogik-Professor sieht den Grund für die Probleme im „allgemeinen Werteverlust, bzw. Wertewandel“ (Molitor 1997, S. 5), welche Pfeiffer jedoch ebenfalls als Gründe für eine gestiegen Gewaltbereitschaft der Jugendlichen angibt.
Die Gegenthese zu Pfeiffers Behauptung, dass Mediengewalt zu realer Gewalt, bzw. Gewaltbereitschaft führe, lautet, dass die Gewalt in den Medien schließlich auch das Gewaltverlangen der Menschen kompensieren könne. (vgl. ebd.)
„Grundsätzlich muss davon ausgegangen werden, dass es keine einzelne verbindliche Ursache für Jugendkriminalität und deren deutlichen Anstieg gibt. Vielmehr steht ein ganzes Ursachenbündel aus Faktoren wie Arbeitslosigkeit, Armut, Perspektivlosigkeit, schwierige soziale Verhältnisse oder ein allgemein gesellschaftlicher Orientierungsverlust in mehr oder weniger engem Zusammenhang mit der Kriminalität.“ (ebd.)Pfeiffer wird darin kritisiert, dass er sich zu sehr auf seine „Steckenpferde“, die Bildschirmmedien, versteift habe und dies oft mit der Aussage „Mut zur Lücke“ (Obst 1999, S. 19) zu haben, begründete. Er sagt, dass bei einer Befragungszeit von zwei Stunden die Konzentrationsgrenze bei den Kindern und Jugendlichen erreicht und bestimmte Erkenntnisse durch andere Studien bereits ausreichend abgedeckt seien. Diese Aussagen traf er im Zusammenhang einer Studie 1999, in der er behauptete, dass die Jugendzentren die „Keimzelle für Gangs“ (ebd.) seien – verständlich dass sich hier die Jugend- und Sozialarbeiter in Deutschland auf den Schlips getreten fühlen. Ebenso die Lehrerschaft, die zu oft wegschaue und somit indirekt für die zunehmende Gewalt in den Schulen verantwortlich sei. (vgl. ebd.)
Doch die größte Kritik schlägt im von Seiten der Politik (insbesondere der CDU) entgegen, die den Grund für seine all zu häufigen Auftritte in den Medien (bei Talkshows usw.) in Pfeiffers Bestreben, Justizminister von Niedersachsen werden zu wollen, sehen (Hubert 2000, S. 5). Justizminister wurde er freilich doch, aber seine Gegner wetterten ohne Unterlass weiter gegen ihn:
„Vor allem zum Rechtsradikalismus im Osten der Republik äußert sich Pfeiffer gerne und oft. Die Fremdenfeindlichkeit sei Folge der autoritären DDR-Erziehung. Die jungen Rechten seien bereits in der Kinderkrippe "als Kämpfer für den Frieden zu Ordnung, Disziplin und Sauberkeit" gedrillt worden. Der gemeinsame Gang zum Töpfchen, die Ausgrenzung alles Fremden sei verantwortlich für den Rechtsradikalismus. Seither wird Pfeiffer als Töpfchen-Theoretiker bezeichnet“ (ebd.)Die Kritiker mehrten sich, als Pfeiffer im so genannten „Joseph-Fall“ der Mutter des verunglückten Joseph Kantelberg-Abdulla Glaubhaftigkeit attestierte und dieses Gutachten von den Medien ohne weitere Prüfung übernommen und veröffentlicht wurde. Demnach hätten 200 Einwohner der Kleinstadt Sebnitz bei der „Hinrichtung“ im örtlichen Freibad zugesehen; später stellte sich heraus, dass der Junge verunglückte. (vgl. Wikipedia)
Der Bürgermeister von Sebnitz Mike Ruckh (wie auch Kurt Biedenkopf, damals CDU) sah die Schuld bei Pfeiffer, der sich „höchst unklug verhalten habe“ (Ramelsberger 2000, S. 5). Vorgeworfen wird ihm in diesem und in anderen Zusammenhängen, dass er zu sehr, oft und auch zu schnell mit seinen Meinungen an die Öffentlichkeit dränge (vgl. Hubert 2000, Obst 1999). Biedenkopf sagte im Zusammenhang mit dem „Jospeh-Fall“ sogar öffentlich, Pfeiffer habe sich für das Amt des Justizministers sogar als untauglich erwiesen. (vgl. Dahlkamp/Röbel 2000, S. 30)
5. Fazit: Eigene Bewertung
Meine persönlichen Erfahrungen, die ich durch Jugendliche in meinem Alltag immer wieder mache und die Schlussfolgerungen, die ich daraus ziehe, sehe ich in den Texten und Studien von Christian Pfeiffer leider widergespiegelt. Die Arbeit Pfeiffers und seines Teams am Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen, halte ich für sehr wichtig, auch wenn sie teilweise stark polemisierend und pauschalisierend in die Öffentlichkeit gelangt. ob dies nun von Pfeiffer so gewollt ist, um auf sich und seine Person aufmerksam zu machen, oder für ihn als Mittel zum Zweck dient, eine möglichst große Öffentlichkeit zu erreichen, weil ihm dieses Anliegen sehr wichtig ist, sei einmal dahingestellt.
Pfeiffer sollte meiner Ansicht nach nicht alle über einen Kamm scheren und nicht nur negative, sondern auch positive Beispiele stärker hervorheben. Immerhin versucht er mit gutem Beispiel voran zu gehen, indem er als Vorsitzender vom Ortsverband BRÜCKE e.V. die Resozialisierung von jugendlichen Straftätern fördert und somit dem nachkommt, was er selbst in der Öffentlichkeit behauptet.
Durch seine andauernde Kritik an sehr vielen Bevölkerungsgruppen – den Türken und ihrem Machogehabe, den Ost-Deutschen und ihrer Vergangenheit, den Eltern und ihrem Desinteresse an ihren Kindern und den Pädagogen und Sozialarbeitern und ihrem „Wegschauen“ (vgl. Jacobs 1999, Obst 1999, Beyer/Festenberg/Mohr 1999) – steht er natürlich in deren Schusslinie und fast permanent in der Öffentlichkeit, was für seine Kritiker, die ihm eben diese Medienpräsenz vorwerfen, ein gefundenes Fressen ist. Doch nicht alle Türken sind Täter und nicht alle Jugendlichen, die Computer spielen, sind dumm. Nicht jedes Jugendzentrum ist eine „Keimzelle des Bösen“. Es ist auf alle Fälle wichtig, auf die Gefahren hinzuweisen, die der unkontrollierte Medienkonsum mit sich bringen kann. Wobei sich die Frage stellt, ob die Medien für alle Probleme Deutschlands (Werteverlust, Kriminalität, Bildungsnotstand etc.) verantwortlich sind.
„Dabei erreicht der jüngsten JIM-Studie zufolge (Jugend, Information, Multimedia) kein anderes Medium [das Fernsehen] so hohe Werte, wenn es darum geht, Langeweile zu vertreiben. Die Medien sind also nicht die Wurzel des Übels, sondern bloß ein sichtbares Symptom. Wer von Medienverwahrlosung spricht, darf nicht allein Fernsehen und Computer dafür verantwortlich machen.“ (Gangloff 2006, S. 10)
6. Quellenhinweise
Literatur:
1. Beyer, Susanne; Von Festenberg, Nikolaus; Mohr, Reinhard (1999): Die jungen Milden. In: Der Spiegel
vom 12.07.1999, S. 94ff.
2. Dahlkamp, Jürgen [u.a.] (2000): Die traurigen Tage von Sebnitz. In: Der Spiegel vom 04.12.2000,
S. 30ff.
3. Hubert, Alexander (2000): Christian Pfeiffer. Neuer niedersächsischer Justizminister. In: Stuttgarter
Nachrichten vom 20.11.2000, S. 5.
4. Jacobs, Inge (1999): Der wahre Ort der Gewalt ist die Familie. In: Stuttgarter Zeitung vom 23.06.1999,
S. 19.
5. Josting, Petra; Hoppe, Heidrun (Hrsg.; 2006): Mädchen, Jungen und ihre Medienkompetenzen. München.
6. Kleimann, Matthias [u.a.] (2006): Mediennutzung, Schulerfolg und die Leistungskrise der Jungen. In
Josting, Petra; Hoppe, Heidrun (Hrsg.; 2006): Mädchen, Jungen und ihre Medienkompetenzen. München.
7. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (mpfs) (Hrsg.; 2003): KIM-Studie 2003. Kinder und
Medien. Computer und Internet. Baden-Baden.
8. Molitor, Wolfgang (1997): Bei den Tätern schwindet das Unrechtsbewusstsein. In: Stuttgarter Nachrichten
vom 22.11.1997, S. 5.
9. Obst, Wolf-Dieter (1999): Jugend, forsch. Jeder Fünfte bekennt sich zu Gewalttat. In: Stuttgarter
Nachrichten vom 23.06.1999, S. 19.
10. Pfeiffer, Christian; Windzio, Michael; Kleimann, Matthias (2004): Die Medien, das Böse und Wir. Zu den
Auswirkungen der Mediennutzung auf Kriminalitätswahrnehmung, Strafbedürfnisse und Kriminalpolitik.
Hannover.
11. Ramelsberger, Annette (2000): Es war der Medien-Gau. In: Süddeutsche Zeitung vom 01.12.2000, S. 5.
Internet:
12. Seefeldt, Katja (2004): Das Böse ist immer und überall. Warum wir eine Zunahme der Kriminalität sehen,
wo keine ist. In: Telepolis. Politik. Artikel vom 08.11.2004. Online unter: http://www.heise.de/tp/r4/
artikel/18/18724/1.html (Zugriff 19.03.2007)
13. Wikipedia: Christian Pfeiffer. Online unter: http://de.wikipedia.org/wiki/Christian_Pfeiffer
(Zugriff 19.03.2007)







