Medienkritik und Medienwirkung. Erstellt im Seminar bei Prof. Stang (WS 06/07)
Neue Protagonisten der Medienkritik
Manfred Spitzer: Fernsehen macht dick, dumm, gewalttätig
von Susi Lutz
1. Einleitung
Der Mediziner und Neurowissenschaftler Manfred Spitzer sorgte und sorgt mit seinem 2005 erschienenen Buch Vorsicht Bildschirm für hitzige Diskussionen in der Öffentlichkeit. Mit provokanten Thesen wie „Fernsehen macht dick, dumm, gewalttätig“ (vgl. Stuttgarter Zeitung 24.12.2005, S. 35ff) oder „Aufgrund der Bildschirm-Medien wird es in Deutschland im Jahr 2020 jährlich etwa 40.000 Todesfälle […] geben.“ (vgl. Spitzer 2005, S. 12) spaltet er die Gemüter und setzt seine Person gleichfalls medienwirksam in Szene. Seine apokalyptischen Zukunftsprognosen stützt Spitzer auf nationale und internationale Forschungsergebnisse und auf Erkenntnisse aus dem Bereich der Gehirnforschung. Neben den schädlichen Auswirkungen von Bildschirmmedien auf die körperliche und geistige Entwicklung sowie die Leistungen in der Schule, legt Spitzer sein Hauptaugenmerk auf die Gefahren, die von Gewaltszenen im Fernsehen und noch schlimmer von Gewaltspielen ausgehen. Im Zentrum der Argumentation steht dabei unser aller Zukunft – die Kinder und Jugendlichen, denn in jungen Jahren lässt sich der Mensch noch leichter formen, oder auch verformen. (vgl. Spitzer 2005, S. 5)
Im Folgenden werden die einzelnen Thesen Spitzers und seine Argumentationsketten vorgestellt und hinterfragt, um sie dann in die aktuelle Diskussion über ein Verbot von Gewaltspielen einzubetten. Zu Beginn erfolgt eine kurze biografische Einführung zur Person Manfred Spitzer.
2. Biografischer Hintergrund
Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer, Jahrgang 1958, studierte Medizin, Psychologie und Philosophie und leitet seit 1997 die psychiatrische Universitätsklinik in Ulm. Seine Schwerpunktgebiete sind Gehirnforschung, Psychologie und Psychiatrie. 2004 gründete er das Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen in Ulm, als Schnittstelle zwischen Forschung und Praxis. Für sein über 300 Publikationen umfangreiches wissenschaftliches Werk erhielt er 1992 den Forschungspreis der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenheilkunde und 2002 den Forschungspreis der Schweizer Cogito-Foundation. 2005 schrieb er die Kolumne Nachdenken über das Denken in den Stuttgarter Nachrichten, in der er Erkenntnisse aus der Hirnforschung in den Alltag transferierte, und er moderiert die wöchentliche Sendereihe Geist & Gehirn auf Bayern Alpha. Seine Erfahrungen während einiger Aufenthalte in den USA, unter anderem während seiner Gastprofessur für klinische Psychologie an der Harvard University, dienen ihm als Beispiel für seine Thesen über die Auswirkungen von Bildschirmmedien. (vgl. ebd.)
3. Thesen
3.1 Wer viel Fern schaut, wird dick! Oder: Wer dick ist, schaut viel Fern?
(vgl. Spitzer 2005, S. 13ff)
Dass zunehmende Fettleibigkeit (Adipositas) bei Kindern in Deutschland immer mehr zum Problem wird, ist bekannt. Zwei wohl unumstrittene Gründe für diese Entwicklung sind zu wenig Bewegung und ungesunde Ernährung. Spitzer sieht die Ursache für dieses Problem im Bildschirmmedienkonsum. Je mehr Zeit vor dem Bildschirm verbracht wird, umso weniger Zeit bleibt für Sport oder andere bewegungsintensive Aktivitäten (vgl. ebd., S. 35f). Und wer viel Zeit vor dem Fernseher verbringt, verändert, beeinflusst durch die Werbung und das Essverhalten der Rollenvorbilder, seine Essgewohnheiten und isst ungesünder und mehr (vgl. ebd., S. 36f). Das Risiko für Übergewicht hängt dabei von der Zeit ab, die vor dem Fernseher verbracht wird, sie ist also dosisabhängig. Übergewicht wiederum ist ein Risikofaktor für Herz-Kreislauferkrankungen, erhöhten Cholesterinspiegel und Altersdiabetes. Spitzer setzt die vorhandenen Daten in Beziehung zueinander und kommt zu folgendem Ergebnis:
„Allein durch den Fernsehkonsum von Kindern und Jugendlichen werden im Jahr 2020 in Deutschland etwa 20.000 Menschen an den Folgen von Übergewicht sterben, […]“ (ebd., S. 48)
3.1.1 Näher hingeschaut
Mit dieser These schaffte es Spitzer (ob gewollt oder nicht) bis auf die Titelseite der Bild-Zeitung. Während einige ihre Befürchtungen bestätigt sehen, kritisieren andere die Argumentationsweise Spitzers. Für die Errechnung der Todesopfer nach Fernsehkonsum werden Daten aus unterschiedlichen Bereichen miteinander vermengt. Eine Langzeitstudie, die diese Prognose unterstützen könnte, gibt es nicht (vgl. Spitzer 2005, S. 48). Dazu kommt die Annahme Spitzers, dass der Fernsehkonsum der Kinder in Deutschland noch ansteigen wird. Die dargelegten Zahlen geben darüber aber keine Auskunft. Betrachtet man die aktuellen Zahlen zum Medienkonsumverhalten von Kinder in Deutschland, zeigt sich folgendes Bild: Während sich die Sehdauer der Zuschauer insgesamt (ab 3 Jahren) in den letzten Jahren kontinuierlich erhöht hat (vgl. Zubayr/Gerhard 2006, S. 126), ist der Fernsehkonsum bei Kindern nahezu gleich geblieben (vgl. Feierabend/Klingler 2006, S. 139). Der Anstieg unter den Zuschauern insgesamt, lässt sich hauptsächlich durch die steigende Sehdauer bei älteren Menschen erklären.
Grundsätzlich bleibt die Frage, ob nicht übergewichtige Kinder eher dazu neigen mehr Zeit vor dem Fernseher zu verbringen, als Kinder denen es leichter fällt sich zu bewegen. Dadurch wäre die Kausalität „Fernsehkonsum führt zu Fettleibigkeit“ genau umgedreht.
3.2 Fernsehen macht dumm! Oder: Schauen dumme Menschen mehr fern?
(vgl. Spitzer 2005, S. 121ff)
„[…] wenn wir nichts an unseren Fernsehgewohnheiten ändern, reicht unsere Bildung bald nur noch dafür aus, T-Shirts für China zu nähen.“ (Spitzer, Stuttgarter Zeitung, 24.12.2005)Zu dieser Prognose fühlt sich Spitzer durch eine Langzeitstudie aus Neuseeland veranlasst, in der die Entwicklung von Kindern über 25 Jahre hinweg verfolgt wurde. Das Ergebnis zeigt, dass aus der Gruppe der Kinder, die mit fünf Jahren weniger als eine Stunde täglich vor dem Fernseher verbrachten, deutlich mehr einen Hochschulabschluss vorzeigen können (über 40 %), als aus der Gruppe der Vielseher (über drei Stunden täglich), bei denen weniger als 10 % einen Hochschulabschluss haben. (vgl. Stuttgarter Zeitung, 24.12.2005)
Ein weiteres Argument für die Verdummung durch Bildschirmmedienkonsum ist bei Spitzer die negative Auswirkung des Fernsehens auf das Erlernen der Lesefähigkeit. Er führt eine Studie von Ennemoser (2003) auf, die belegt, dass Vielseher (mehr als zwei Stunden Fernsehkonsum pro Tag) einen deutlich schlechteren Leistungszuwachs beim Lesenlernen haben als Wenigseher (15 bis 20 Minuten Fernsehkonsum täglich). Zwar lernen alle Kinder Lesen, die Vielseher aber langsamer und schlechter. Kinder lesen demzufolge dann mehr, wenn ihnen das Lesen leicht fällt und lernen nicht deswegen besser Lesen, weil sie viel lesen. Dieser Prozess des Lesenlernens wird durch ein Zuviel an Fernsehkonsum negativ beeinträchtigt. (vgl. Spitzer 2005, S. 133ff)
Des Weiteren bringt Spitzer schlechte Schulleistungen in Zusammenhang mit vermehrtem Medienkonsum. Der Fernsehkonsum von Kindern wird dabei als besonders kritisch angesehen. Ein wichtiges Schlagwort bei der Argumentation ist die Konsolidierung. Dabei geht es um die Verarbeitung und Verfestigung des Gelernten und dessen Übergang vom Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis. Dieser Prozess funktioniert dann besonders gut, wenn das Gelernte mit starken Gefühlen einhergeht. Schauen Kinder nach der Schule oder vor dem Schlafen gehen viel fern, dann hat das Gelernte keine Chance gespeichert zu werden, da die emotionalen Bilder die Matheformeln des Vormittags verdrängen. Lernen ist also gekoppelt an Emotionen. Eine Studie zeigte, dass sich die Kinder in der Schule eher in einem emotionalen Tiefschlaf befinden, während sie vor dem Fernseher unter emotionaler Hochspannung stehen. Der Medieninhalt wird demzufolge besser gelernt, als der schulische Inhalt. Entscheidend ist dabei wieder die Fernsehdauer. Vielseher haben eine schlechtere Schulnote in Deutsch als Wenigseher. (vgl. Spitzer 2005, S. 125ff)
3.2.1 Näher hingeschaut
Auslöser für das Problem der emotionalen Beteiligung in der Schule muss nicht der Fernsehkonsum der Kinder sein. Vielmehr steht der Unterricht in Konkurrenz zum Freizeitverhalten der Schüler. Eine Herausforderung, die die Schulen annehmen müssen. Spannend vermittelter Lerninhalt, hat bessere Chancen, in den Gedächtnissen der Kinder haften zu bleiben. Der gezielte Einsatz von gut aufbereiteten Medieninhalten durch geschulte Lehrer könnte dabei behilflich sein.
Die Wurzel der „Verdummung“ ist nach dieser Auswahl von Studien bei Spitzer eindeutig der überhöhte Fernsehkonsum bei Kindern. Spitzer weist in seinem Buch jedoch darauf hin, dass die Frage nach Ursache und Wirkung noch nicht geklärt ist. Denn die Korrelation könnte umgedreht werden. Danach würden die Kinder mit geringerem Intelligenzquotienten zu mehr Fernsehkonsum neigen und Kinder, die auf Grund der großen Anstrengung nicht gerne Lesen öfter das Fernsehgerät einschalten (vgl. Spitzer 2005, S. 124). Das würde bedeuten, dass nicht der Fernsehkonsum die Ursache für die „Verdummung“ ist, sondern umgekehrt die „Verdummung“ Ursache für noch mehr Fernsehkonsum. Letzten Endes lässt sich bis heute weder die eine, noch die andere Kausalitätskette eindeutig belegen.
3.3 Bildschirmmedienkonsum macht aggressiv und gewalttätig!
(vgl. Spitzer 2005, S.155ff)
Den umfangreichsten Teil seines Buches widmet Spitzer der Frage, welche Auswirkungen Gewaltfernsehen und Gewaltspiele auf die Entwicklung der Kinder haben können. Zu Beginn listet er sämtliche Gewaltakte auf, die in der Öffentlichkeit als Nachahmungsakte diskutiert wurden. Filme wie Scream und Natural Born Killers oder Computerspiele wie Doom und Duke Nukem 3D sollen die Auslöser und Ideengeber für diese Gewaltverbrechen und Massaker gewesen sein.
Bevor Spitzer beschreibt, was in unserem Gehirn passiert, wenn wir Gewaltszenen passiv (Fernsehen) oder aktiv (Computerspielen) ausgesetzt sind, führt er dem Leser vor Augen, dass Fernsehsendungen und Filme voll von Gewalt und Rollenmuster sind. Das betrifft alle Genre, von Nachrichtensendungen über Actionfilme bis hin zu Cartoons, sei es im öffentlich-rechtlichen oder privaten Fernsehen (vgl. Spitzer 2005, S. 163). Der Fernsehzuschauer kann sich dieser Gewalt nicht entziehen. Die Auswirkungen, die daher der Fernsehkonsum und somit Gewaltkonsum besonders auf Kinder hat, sind laut Spitzer enorm. Seine Argumentation stützt er dabei auf Erkenntnisse bezogen auf die Gehirnentwicklung und auf bekannte Studien aus dem Bereich der Lernforschung.
Kinder lernen durch Erfahrung. Dabei handelt es sich um eine passive Form des Lernens. Je häufiger sie Ähnliches erleben, umso stärker wird das Erlebte in ihrem Gehirn repräsentiert und sie bilden regelhafte Zusammenhänge, so genannte „Gedächtnisspuren“. Mit dem Älterwerden lässt die Schnelligkeit des Lernens nach, da nicht mehr ständig Neues erlernt werden muss. Für die meisten Erfahrungen gibt es bereits entsprechende Repräsentationen in unserem Gehirn. Das Gehirn von Kindern ist also formbarer als das der Erwachsenen. Aus diesem Grund betont Spitzer die Wichtigkeit, dass Kinder die „richtigen“ Inhalte lernen und möglichst lange vom Fernsehgerät fern gehalten werden. Denn schauen Kinder viel fern, sind sie vielen Gewaltakten ausgesetzt. Sie erfahren Gewalt und dadurch lernen sie Gewalt. (vgl. Spitzer 2005, S. 51ff, S. 161ff)
Neben dem Lernen durch Erfahrung bezieht sich Spitzer noch auf das „Lernen an Modellen“. Er führt ein Experiment der Stanford Universität auf (vgl. Bandura et al. 1963), das zeigt, dass Kleinkinder das im Fernsehen Gesehene nachahmen. Kleinkindern wurden zwei verschiedene Filme gezeigt. In beiden Filmen spielten Kinder mit einer Puppe. Während in dem einen Film ein normaler Umgang mit der Puppe gezeigt wurde, spielten die Kinder im anderen Film gewaltsam mit der Puppe. Nach dem Film, wurde den Kleinkindern die gleiche Puppe zum Spielen gegeben. Die Kinder, die den gewaltsamen Umgang mit der Puppe gesehen hatten, imitierten das gewaltsame Verhalten bei ihrem Spielverhalten mit der Puppe. Das Gesehene wurde gelernt und in die Realität übertragen. (vgl. Spitzer 2005, S. 183)
Durch das Fernsehen lernen Kinder hiernach passiv Gewalt kennen und übertragen das Gelernte in ihren Alltag. Nach Spitzer verstärkt sich dieser „Lerneffekt“ bei Computerspielen, da die Kinder hier durch die Möglichkeit des Interagierens aktiv trainieren und durch das Hineinschlüpfen in die Spielfigur emotionaler beteiligt sind. In Gewaltspielen wird Gewalt trainiert, was die Auswirkungen auf die Gewaltbereitschaft steigert. Zusätzlich wird in Ballerspielen oder Kampfsimulationen das Töten belohnt. Die Spielfiguren erhalten bessere Waffen und erreichen ein höheres Spiellevel, was den „Kick“ erhöht. Nach neurobiologischen Erkenntnissen sorgen solche Belohnungen dafür, dass der Körper den Botenstoff Dopamin ausschüttet, was den Spieler mit einem Guten Gefühl belohnt. (vgl. Spitzer 2005, S. 215ff)
Neben dem Studieren von Gewaltverhalten führt Spitzer noch einen weiteren Effekt von Gewaltspielen auf – die „Desensibilisierung gegenüber Gewalt“. Je häufiger Gewalt erfahren wird, ob nun real oder medial, umso stärker verringert sich die Reaktion auf solche Ereignisse. Man stumpft ab. (vgl. Spitzer 2005, S. 236ff)
An dieser Stelle stellt Spitzer nochmals eine undifferenzierte Verknüpfung zu den Massakern von Littleton (USA) und Erfurt her, bei denen Jugendliche zuvor exzessiv Gewalt-Computerspiele spielten, was er als die Ursache für die Ereignisse sieht.
Zu der bereits bekannten Größe der Dosis gesellt sich in diesem Bereich der vermittelte Inhalt. Aggressives Verhalten in Korrelation zum Fernsehen und Computerspielen ist nach Spitzer jedoch hauptsächlich abhängig von der Dauer, die vor den Geräten verbracht wird. Dazu nennt er eine Studie von Robinson und Mitarbeiter (2001), aus der hervorgeht, dass durch die Reduktion des Medienkonsums sich auch das aggressive Verhalten der Schüler verringert. (vgl. Spitzer 2005, S. 170ff)
3.3.1 Näher hingeschaut
Es ist natürlich verständlich, dass Spitzer für seine Beweisführung hinsichtlich der negativen Auswirkungen von Filmen und Computerspielen, besonders die Massaker auflistet, die mit Bildschirmmedien in Zusammenhang gebracht werden können. An dieser Stelle ist aber interessant, dass dies kein neues Phänomen ist. Gewaltbereite Personen haben sich auch schon an Büchern als Vorlage für die Umsetzung ihrer Phantasien bedient. Ein oft zitiertes Beispiel ist der Werther-Effekt, den Spitzer auch kurz anspricht, daraus allerdings keine Konsequenzen für das Lesen von Büchern mit gewalttätigem Inhalt zieht, sondern direkt zu seinem Spezialgebiet Gewaltfernsehen überleitet (vgl. ebd., S. 157). Die Veröffentlichung von Goethes Die Leiden des jungen Werther löste eine Selbstmordwelle unter Jugendlichen aus, die bei ihrem Suizid die gleiche blaugelbe Kleidung wie die Figur des Werthers im Buch trugen, oder das Buch in der Hand hielten. Diese Häufung der Selbstmorde nach Vorbild der Werther-Figur sorgte zur damaligen Zeit in der Öffentlichkeit für große Diskussionen und in einigen Regionen wurde das Buch sogar verboten (siehe dazu: Wikipedia. Werther-Effekt). Heute scheint es kaum vorstellbar, dass Bücher mit gewalttätigen und brutalen Inhalten ähnliche Reaktionen in der Öffentlichkeit hervorrufen. Der Schrei nach einem Bücherverbot bleibt in solchen Fällen in der Öffentlichkeit aus.
Im Bereich des Fernsehens kritisiert Spitzer die Tatsache, dass Kinder besonders in ihrem Lieblingsgenre Zeichentrick vielen Gewaltszenen ausgesetzt sind. Studien zeigen jedoch, dass Kinder folgenfreie Gewalt wie sie in Zeichentrickfilmen zu sehen ist, emotional nicht negativ wahrnehmen. Das ändert sich bei realer Gewalt. Besonders auf Gewalt in Nachrichten und Informationssendungen reagieren Kinder mit Angst, da diese Formate einen hohen Wahrheitsgehalt haben. (vgl. Aufenanger et al. 1996, S. 5)
Dass die Möglichkeit des aktiven Trainings und somit Lernens mittels Computerspielen in positive Kanäle gelenkt werden kann, bleibt von Spitzer unerwähnt. Wendet man die oben genannten Erkenntnisse auf andere Spielgenre wie Strategiespiele, Simulationen und Lernsoftware an, können damit wichtige Fähigkeiten und Fertigkeiten wie z.B. logisches Denken, Differenzierung und in Alternativen denken, trainiert werden (vgl. Bergmann 2000). Computerspiele sind also nicht von vornherein zu verurteilen. Schaut man an, welche Computerspiele von Kindern zwischen 6- und 13 Jahren bevorzugt werden, dann sind das genau diese Genres: 1. Simulationen (36 %), 2. Strategiespiele (35 %) und 3. Fun-/Gesellschaftsspiele (24 %). (vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2006, S. 35)
4. Fazit
Keiner wird Spitzer widersprechen, wenn er davon spricht, dass zu viel Zeit vor dem Bildschirm nicht gut sein kann – scheint irgendwie logisch. Jeder, egal ob Kind oder Erwachsener hat nur eine begrenzte Freizeit zur Verfügung, die es gilt ausgewogen zu gestalten. Deshalb kann man aber noch lange nicht sagen, dass Bildschirmmedien an sich dick, dumm und gewalttätig machen. Es hängt selbst nach dem Argumentationsmuster von Spitzer immer von der Nutzung der Geräte ab, sei es die Nutzungszeit (Dosis) oder der konsumierte Inhalt. Eine Kausalität zwischen Bildschirmmedien und Fettleibigkeit, Dummheit und Gewalt ist nicht herzustellen, auch wenn Spitzer durch seine Thesen und die Beweisliste an Studien anderes vermuten lässt.
Betrachtet man das Freizeitverhalten der Kinder zwischen 6 und 13 Jahren, so ist festzustellen, dass Fernsehen (97%) zwar die am häufigsten ausgeübte Freizeitbeschäftigung ist, Hausaufgaben/Lernen (96%) und Freunde treffen (96%) aber auf gleicher Ebene sind (vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2006, S. 5). Alles in allem zeigt sich im Schnitt ein recht ausgewogenes Bild in der Freizeitgestaltung der Kinder.
Im Schnitt verbringen Kinder zwischen drei und 11 Jahren etwa 1,5 Stunden vor dem Fernseher. Dieser Wert ist seit Jahren konstant, wenn nicht sogar leicht rückläufig (vgl. Feierabend/Klingler 2006, S. 139). Damit liegt der Schnitt im Normalbereich.
Sicherlich kann ein exzessiver Fernseh- und Bildschirmmedienkonsum negative Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder haben. Wer meint der Fernseher tauge als „Babysitter“, muss damit rechnen, dass dies weitläufige Konsequenzen auf die Erziehung und das Verhalten der Kinder hat.
Deshalb ist diesen Medien trotzdem nicht jeglicher Wert abzusprechen. Viele beziehen heute aus dem Fernsehen oder dem Internet ihre Informationen, tauschen sich aus, oder lassen sich einfach nur unterhalten. Über die Frage der Qualität, lässt sich dabei streiten. Umso wichtiger ist darum eine vernünftige Heranführung an diese Medien. Es ist eine Frage des Umgangs mit den Bildschirmmedien und ihren Inhalten. Sowohl Eltern, als auch Pädagogen müssen sich in die Pflicht nehmen lassen, den Kindern den sinnvollen Umgang mit diesen Medien zu vermitteln. Wenn dies gelingt, müssen die Anbieter auf dem Markt ihr Angebot anpassen – die Quote und die Verkaufszahlen zählen.
Die Argumentationsweise Spitzers hinsichtlich der Gewaltspiele fällt in der Öffentlichkeit auf einen fruchtbaren Boden. In den provokanten Thesen und dem direkten Bezug zwischen Massakern und Gewaltspielen sehen viele die schlimmsten Vermutungen bestätigt. Sozioökonomische Komponenten werden dabei vernachlässigt, ja nicht einmal erwähnt. Sicherlich ist es angenehm und populär auf komplexe Zusammenhänge einfache Antworten zu liefern. Die Masse braucht Erklärungen, einen Schuldigen – in diesen Fällen die Gewaltspiele. Damit reihen sie sich in die Liste der Medien ein, die diese Phase bereits hinter sich haben. Was früher Bücherverbote und die Einordnung der Comics in Schund- und Schmutzliteratur waren, ist heute die Verteufelung der Bildschirmmedien.
Vielleicht braucht es aber in einer öffentlichen Diskussion solch radikale Meinungen, damit man von jeder Extremposition ausgehend sich irgendwann in der Mitte trifft.
Grundsätzlich ist es mit den Bildschirmmedien wie mit so vielen Dingen, das Maß macht’s. Bewegung hält fit, zu viel Sport ist Mord. Schokolade versüßt das Leben, zu viel davon und wir gehen aus der Form. Ein Glas Wein am Abend stärkt das Herz, ein paar Flaschen und…
Eine gezielte Auswahl und die richtige Dosis, und sie müssen keine Angst haben, dass ihr Kind später ein dicker, dummer Verbrecher wird.
5. Quellenhinweise
Literatur:
1. Bandura, Albert; Ross, Dorothea; Ross, Sheila (1963): Imitation of film-mediated aggressive model. In: Journal of Abnormal and Social Psychology, Nr. 66, S. 3ff.
2. Bergmann, Wolfgang (2000): Computer machen Kinder schlau. Was Kinder beim Computerspielen sehen und fühlen, denken und lernen. München.
3. Ennemoser, Marco (2003): Effekte des Fernsehens im Vor- und Grundschulalter. Ursachen, Wirkungen und differenzielle Effekte. In: Nervenheilkunde. Nr. 22, S. 443ff.
4. Feierabend, Sabine; Klingler, Walter (2006): Was Kinder sehen. Eine Analyse der Fernsehnutzung Drei- bis 13-Jähriger 2005. In: Media Perspektiven. Nr. 3, 2006, S. 138ff.
5. Robinson, Thomas N. [u.a.] (2001): Effects of reducing children’s television and video game use on aggressive behaviour. A rendomized controlled trial. In: Archives of Pediatrics and Adolescent Medicine. Nr. 155, S. 17ff.
6. Spitzer, Manfred (2005): Vorsicht Bildschirm. Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft. In: Transfer ins Leben. Band 1. Stuttgart.
7. O. A. (2005): Ausschalten – und nicht nur zur Weihnachtszeit. In: Stuttgarter Zeitung. 24.12.2005, S. 35.
8. Zubayr, Camille; Gerhard, Heinz (2006): Tendenzen im Zuschauerverhalten. Fernsehgewohnheiten und Fernsehreichweiten im Jahr 2005. In: Media Perspektiven. Nr. 3, 2006, S. 125ff.
Internet:
9. Aufenanger, Stefan; Lampert, Claudia; Vockerodt, Yvonne (1996): Lustige Gewalt? Zum Verwechslungsrisiko realer und inszenierter Fernsehgewalt bei Kindern durch humoreske Programmkontexte. (Auszug). In: Bayerische Landeszentrale für neue Medien (Hrsg.): Lustige Gewalt? Zum Verwechslungsrisiko realer und inszenierter Fernsehgewalt bei Kindern durch humoreske Programmkontexte. BLM-Schriftenreihe. Bd. 38, 1996, S. 16ff. Online unter: http://www.mediaculture-online.de/fileadmin/bibliothek/aufenanger_gewalt/aufenanger_gewalt.pdf (Zugriff 19.03.2007)
10. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (Hrsg.; 2006): KIM-Studie 2005. Kinder und Medien, Computer und Internet. Stuttgart. Online unter: http://www.mpfs.de/fileadmin/Studien/KIM05.pdf (Zugriff 19.03.2007)
11. Wikipedia: Werther-Effekt. Online unter: http://de.wikipedia.org/wiki/Werther-Effekt (Zugriff 19.03.2007)







