Medienkritik und Medienwirkung. Erstellt im Seminar bei Prof. Stang (WS 06/07)
Theorien der Medienwirkung
Rationalisierungsthese und Stimulationsthese
von Michaela Bruschewski
1. Rationalisierungsthese
1.1 Einleitung: Die These
In der Literatur wird diese These auch als „Rechtfertigung von Verbrechen“ (Kunczik/Zipfel 2006, S. 165) bezeichnet. Allgemein versteht man unter dieser Definition, dass Mediengewalt zur Rechtfertigung von Verbrechen bzw. Aggressivität dienen kann und die verbrecherischen Taten durch die ausführende Person somit im Nachhinein vernunftmäßig bzw. "rational" begründet werden können. Vertreter dieser These argumentieren, dass aggressive und gewaltbereite Menschen deshalb violente Medieninhalte konsumieren würden, weil sie dadurch ihr eigenes Verhalten als normal einstufen und sich so sogar die Illusion aufbauen können, sie würden wie ein berühmter Fernsehheld handeln. Diese Rationalisierungstechniken erlauben es dem Individuum, sich ein positives Selbstbild zu bewahren und gleichzeitig ein sonst mit diesem Selbstbild unvereinbares Verhalten zu zeigen (vgl. Kunczik/Zipfel 2006, S. 165). So schützt sich der Betroffene vor Selbstvorwürfen und möglicherweise sogar vor den Vorwürfen durch andere Personen nach dem Ausführen einer Tat. Die Verantwortung für die eigene Tat wird konsequent abgelehnt. Ebenso können solche Rechtfertigungstechniken einer verbrecherischen Tat vorausgehen und das kriminelle Verhalten erst möglich machen. (vgl. ebd., S. 165f)
1.2 Studien- und Forschungsergebnisse
In Zusammenhang mit der Rationalisierungsthese lassen sich einige Studien benennen, die ein jeweils differenziertes Bild von dem Realitätsbezug dieser These zeichnen.
Eine Befragung von klinischen Psychologen und Psychiatern ergab, dass die Befragten aufgrund ihrer Berufserfahrung zum überwiegenden Teil von einer eher schädlichen Wirkung der Gewaltfilme ausgingen. Sehr häufig wurde angeführt, dass Kinder und Jugendliche versuchen, ihr eigenes aggressives Verhalten durch Vorbilder aus Gewaltfilmen zu rechtfertigen. Etwa zwei Drittel der befragten Psychologen und Psychiater hatte diese Erfahrung schon häufig oder gelegentlich gemacht. Dass Kinder oder Jugendliche von sich aus sagten, Fernsehen habe Einfluss auf ihr Verhalten, war ebenfalls keine Seltenheit in der beruflichen Praxis der Befragten. Jeweils gut 40 Prozent schilderten diese Beobachtung. Hier scheint sich die öffentliche Diskussion über die Gefahren von Mediengewalt bereits in konkreten Schuldzuweisungen an das Medium Fernsehen niederzuschlagen.
Eine weitere Expertengruppe, die über Erfahrungen mit straffälligen Jugendlichen verfügt und dementsprechend Aussagen über mögliche Zusammenhänge zwischen Medienkonsum und gewalttätigem Verhalten treffen kann, sind Richter und Staatsanwälte. Eine Befragung dieser Berufsgruppe in Nordrhein-Westfalen ergab, dass vor Gericht ein Einfluss massenmedialer Gewalt auf die Straftat relativ häufig in Betracht gezogen wird. Fast die Hälfte der Befragten gab an, eine solche Begründung ein- oder mehrmals von den Tätern gehört zu haben, wobei die Antworten nahe legen, dass es sich hierbei vor allem um Rationalisierungsversuche handelte. Auch sie betonten, dass Medien nicht als alleine ausschlaggebend zu betrachten sind, sondern die Rolle des erzieherischen Umfeldes, des Milieus sowie des Alkohol- und sonstigen Drogengebrauchs mit zu berücksichtigen ist.
1.3 Diskussion und Aktualität
Die Rationalisierungsthese als solche befasst sich weniger mit den Auswirkungen von Mediengewalt auf den Rezipienten als mit den Effekten, die die öffentliche Diskussion um die Folgen von Mediengewalt auf straffällig gewordene Personen ausüben kann. So lässt sich in der momentanen Debatte zum Thema Gewalt und Medien wenig über diese These finden. Im Vordergrund stehen schließlich der Umgang mit einer durch Medienrezeption initiierten Tat und nicht die direkten Auswirkungen der Medien auf die Rezipienten, die eher diskutiert werden. Aktuell lässt sich allerdings beobachten, dass die Propagierung monokausaler Zusammenhänge in der Öffentlichkeit Tätern nicht selten als Informationsquelle für die Rationalisierung bzw. Rechtfertigung ihres Verbrechens dient. (vgl. Kunczik 1995, S. 15f)
1.4 Fazit: Eigene Bewertung
Meiner Ansicht nach ist die Rationalisierungsthese als theoretischer Ansatz, die relativ große Macht der Medien auf das menschliche Verhalten zu erklären, durchaus realistisch. Außerdem besitzt diese These eine gewisse Aktualität, die sich meiner Meinung in den nächsten Jahren noch verstärken wird. Allerdings sehe ich in dieser Erklärungsweise einige grundlegende Kritikpunkte. Zunächst muss man bedenken, dass es sich bei in den Medien gezeigter Gewalt in den meisten Fällen um symbolische Gewalt handelt; also um zeichenhafte, nicht physisch wirkliche Realitäten. (vgl. Kübler 1995, S. 81)
Dementsprechend sind auch die hier dargestellten Gewaltformen größtenteils von symbolischem Charakter. Lediglich die Gewalt, die zum Beispiel in Verbindung mit Kriegsberichterstattung in den Medien präsent ist, lässt sich als reale Gewalt bezeichnen. Allerdings wird diese so gut wie nie in Zusammenhang mit Gewalthandlungen aufgrund von Medienrezeption gebracht.
Auch findet die angesprochene Rechtfertigung der Täter meiner Meinung nach erst auf der sekundären Ebene statt. Der primäre Entschluss zur Tat basiert auf anderen Motiven, die von persönlicher oder umfeldbedingter Art sind. Die sekundäre Rechtfertigung aufgrund der Betrachtung von Gewaltdarstellungen in den Medien hingegen ermöglicht dem Täter nur eine Beruhigung innerer Zweifel und des eigenen "schlechten Gewissens". Sollte diese These an Allgemeingültigkeit gewinnen, sehe ich eine große Gefahr für den objektiven Umgang der Gesellschaft mit Gewaltdarstellungen in den Medien. Besonders potentielle gewaltbereite Menschen können demnach davon ausgehen, dass man den Medien die Schuld für ihr aggressives Verhalten gibt, sodass sie die Verantwortung für das eigene Verhaltens als minimal darstellen bzw. diese ganz auf die Medien abwälzen können. Als Informationsquelle für derartige Rationalisierungstechniken dienen wiederum die Massenmedien selber, es handelt sich hier also um einen ungebrochenen Kreislauf. So können Verbrechen im Nachhinein (aber auch schon vor der Tat) durch violenten Medienkonsum gerechtfertigt werden, der eigentliche Täter macht sich wiederum zum Opfer und damit zum unschuldigen Spielball der Medienrezeption.
Da momentan Straftaten, die von der Öffentlichkeit in Zusammenhang mit Medienrezeption gebracht werden, zunehmen, könnten sich Straftäter mit Berufung auf diese These als nicht verantwortlich für ihre Tat bezeichnen und eine strafrechtliche Verfolgung damit ebenfalls in Frage stellen.
2. Stimulationsthese
2.1 Einleitung: Die These
Diese These wird im theoretischen Konzept der Medienwirkung in die Sparte Fördernd eingeordnet und steht somit in einem direkten Gegensatz zur Katharsisthese. Vertreter der Stimulationsthese sind der Auffassung, dass bei durch Frustration emotional erregten Individuen der Konsum von aggressiven Medieninhalten (die ihrer derzeitig vorherrschenden Stimmung ähneln) Aggression auslöst und stimuliert (vgl. Kunczik/Zipfel 2006, S. 170). Die bestehende Frustration kann persönlichkeitsbezogene und situative Gründe haben. Bei den persönlichkeitsbezogenen Faktoren handelt es sich vor allem um durch Frustration bewirkte emotionale Erregung. Situationsbezogene Bedingungen sind z.B. aggressionsauslösende Hinweisreize, die entweder mit der gegenwärtigen Verärgerung oder mit vergangenen Erlebnissen assoziiert werden. (vgl. ebd., S. 170)
2.2 Studien- und Forschungsergebnisse
Grundlage für diese These sind die so genannten Wisconsin-Studies, eine Experimentreihe von Leonard Berkowitz, die 1975 in den USA durchgeführt wurde. Berkowitz vertritt die Position, dass sich durch den Konsum von gewalttätigen Medieninhalten bei zuvor frustrierten Versuchspersonen kurzfristig die Aggressionsbereitschaft steigert. Berkowitz zufolge schafft der durch Frustration bewirkte Zustand emotionaler Erregung einen seelischen Zustand der zu Aggression neigt. Diese tritt besonders dann auf, wenn geeignete Auslöser, also mit der Ursache des gegenwärtigen Ärgernisses oder mit vergangenen Erlebnissen assoziierte Reize, vorhanden sind (vgl. Kunczik/Zipfel 2006, S. 170). Außerdem geht er davon aus, dass es generell Hinweisreize, wie Waffen, gibt, die eigenständig auf den Rezipienten aggressionsauslösend wirken.
Bei dem Experiment von Berkowitz wurde eine Gruppe von Versuchspersonen von einem Versuchsleiter verärgert. Dazu diente z.B. ein unlösbares Puzzle, außerdem sollten die Versuchspersonen ihre Meinung zu einem strittigen Thema äußern, und der Versuchsleiter (hier der Frustrator) drückte seine Missbilligung durch eine Reihe von Elektroschocks aus. In der zweiten Phase des Experiments wurde den Versuchspersonen ein als violent eingestufter Film vorgeführt (Boxkampf), die Vergleichsgruppe sah einen neutralen Film (Wettrennen). Nach dem Betrachten des siebenminütigen Films sollte die vorhandene Aggressivität gemessen werden. Dies geschah, indem die Versuchspersonen die Möglichkeit erhielten, den sie vorher frustrierenden Versuchsleiter bei einem vorgeblichen Lernexperiment durch die Dauer und Intensität variabler Elektroschocks für Fehler bestrafen zu können. Ergebnis des Experiments war, dass die Gruppe, die den violenten Film gesehen hatte, danach eine höhere Aggressivität aufwies.
Allerdings lassen sich einige Einwände zu den Ergebnissen dieser Studie feststellen (vgl. Kunczik/Zipfel 2006, S. 171f). Das Stimulationsmaterial (Boxkampf) ist untypisch für Mediengewalt. In diesem Experiment wurde die Absicht, einer anderen Person Schaden zufügen zu wollen, gleichgesetzt mit dem Vorliegen von Aggressivität. Den Versuchspersonen wurde außerdem vor dem Experiment mitgeteilt, dass die Elektroschocks völlig ungefährlich und in Form von negativem Feedback für das „Aggressionsopfer“ hilfreich wären. Es muss also in Betracht gezogen werden, dass die Versuchspersonen die Elektroschocks in dem Glauben austeilten, sie würden dadurch den Opfern helfen. Ebenfalls bekamen die Versuchspersonen von den Versuchsleitern die explizite Anweisung, diese Schocks zu verwenden. So wurde in dieser Versuchsanordnung statt der Aggressivität eher die Bereitschaft gemessen, die Anweisungen der Versuchsleitung auszuführen.
Würde man diese Kritikpunkte nicht weiter beachten, dann hätte die Experimentreihe das Ergebnis, dass die als gerechtfertigt präsentierte Gewalt in Verbindung mit emotionaler Erregung des Rezipienten die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Aggression erhöht. (vgl. ebd., S.173)
Während diese Laborexperimente von Berkowitz nun nicht zwingend Belege für die Stimulationsthese sind, sind die Feldexperimente von Ross D. Parke und anderen, die etwas später in den USA und in Belgien durchgeführt wurden, differenzierter zu betrachten (vgl. Kunczik/Zipfel 2006, S. 174). Das Ziel der Untersuchungen war die Analyse der Auswirkungen violenter Kinofilme auf das Verhalten männlicher Jugendlicher, die in Erziehungsheimen lebten. Zunächst wurde drei Wochen das Verhalten der Testpersonen beobachtet. Dann wurde ihnen an fünf Tagen hintereinander je ein Film mit violentem Inhalt gezeigt. Die Kontrollgruppe sah Filme mit neutralem Inhalt. Nun wurde wiederum drei Wochen das Verhalten der Probanden untersucht und die Aggressivität gemessen. In allen Experimentreihen wurde festgestellt, dass diejenigen, die Filme mit gewalttätigem Inhalt gesehen hatten, auch eine höhere Aggressivität aufwiesen. Allerdings war den Testpersonen außer den fünf Experimentfilmen jeglicher Medienkonsum untersagt, was eventuell zu einer entzugsbedingten Frustration geführt haben kann, die wiederum die Ergebnisse verzerren könnte.
Obwohl ein Nachweis des Stimulationsmechanismus aufgrund methodischer Mängel durch die Studien von Berkowitz und auch durch spätere Studien noch nicht eindeutig erbracht worden ist, wird in der gängigen Meinung die These des Zusammenhangs zwischen Medienrezeption und Gewaltausübung trotzdem häufig vertreten. Diese attraktive Alltagserklärung hat vier Gründe (vgl. Vowe/Friedrichsen 1995, S. 9):
Mit diesem simplen Reiz-Reaktionsschema ist diese Erklärung außerordentlich anziehend. Hier wird eine klare Trennung zwischen Gut und Böse ermöglicht: der Ursprung des Bösen liegt außerhalb der Menschen und diese müssen vor seinem schlechten Einfluss geschützt werden.
2.3 Diskussion und Aktualität
Schon Platon stellte in der Antike Überlegungen über die Wirkung von Gewaltdarstellungen in den Medien - damals noch Theaterstücke - an. Die Diskussion heute ist nahezu die gleiche, allerdings richtete sich mit Einführung der Massenmedien das Interesse von Wissenschaftlern, Politikern und Verbänden vor allem auf die audio-visuelle Darstellung von Gewalt (vgl. Gleich 1995, S. 145). Der Gedanke, dass Mediendarstellungen bei den Rezipienten zu Nachahmungstaten anregen können, ist dementsprechend keine vollkommen neue Überlegung. Der erste belegte Nachahmungseffekt dürfte nach der Veröffentlichung von Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther“, in dem sich der Protagonist am Ende des Buches aus Liebeskummer umbringt, aufgetreten sein. Das war im Jahr 1774. Solche Nachahmungstaten ziehen sich durch die Geschichte. „Jack the Ripper“, die Attentate auf Kennedy oder Martin-Luther-King – alle fanden sie durch die breite Darstellung in den Medien ihre Nachahmer. Fast alle diese Fälle von Nachahmung haben mit Themen von Gewalt, Verbrechen oder Terrorismus zu tun, die durch die Medien ein weit gefächertes Publikum fanden.
Das Erklärungsmodell der Stimulationsthese ist in diesem Zusammenhang sehr attraktiv, es ist unmittelbar verständlich, bietet wie keine zweite These Handlungsmöglichkeiten an und beherrscht so nach wie vor durch ihre Einfachheit die öffentliche Diskussion und das allgemeine Denken.
In regelmäßigen Abständen erfolgt heutzutage die Darstellung von Amokläufen an Schulen, Mordversuchen nach Vorbildern aus Gewaltfilmen oder Verbrechen, die nach Anleitung aus violenten Medieninhalten durchgeführt wurden. Besonders konzentriert zeigt eine Aufnahme einer Überwachungskamera eines Kaufhauses in Liverpool das Problem der Gewalt. Am 12. Februar 1993 entführten zwei Zehnjährige den zweijährigen James Bulger um ihn später auf grauenhafte Weise zu ermorden. Motiv für den Mord soll ein Horrorvideo gewesen sein, in dem ein Kind auf ähnliche Weise ermordet wurde. Obwohl nie wirklich bewiesen wurde, dass die Täter den Film gesehen hatten, entfachte dies in den Medien eine heftige Diskussion um das Verbot von Gewaltvideos, da diese einen solch schlechten Einfluss auf die unschuldige Kinderpsyche hätten.
Diese Fälle geschehen jedoch nicht nur im fernen Ausland, auch Deutschland ist betroffen. Am 26. April 2002 erschoss Robert Steinhäuser an seiner ehemaligen Schule in Erfurt 16 Menschen, dann richtete er die Waffe gegen sich selbst. Schuld an dem Massenmord sei nach Ansicht der Öffentlichkeit die Tatsache, dass der Täter übermäßig viele Computerspiele mit aggressivem Inhalt gespielt haben soll und die dadurch entstandene Aggression durch einen Schulverweis zum Ausbruch kam. Der Amoklauf von Emsdetten am 20. November 2006 hat die Erinnerung an Erfurt wieder wach gerufen und eine ähnliche Debatte losgetreten, nämlich um den Zusammenhang zwischen Computerspielen und Gewalt sowie um ein Verbot von so genannten Ego-Shootern. Vertreter der Computerspielindustrie hingegen leugnen diesen Zusammenhang. Sie verweisen darauf, dass sich Millionen Jugendliche mit diesen Spielen beschäftigen und nicht zu Mördern werden. “There is absolutely no evidence, none, that playing a violent video game leads to aggressive behavior” äußerte sich Doug Lowenstein, Präsident der Interactive Digital Software Association, in einem CNN-Interview. Auch die meisten Spieler weisen vehement zurück, dass diese Spiele einen schädlichen Einfluss auf sie hätten. Sie könnten sehr wohl zwischen der fiktiven Welt der Videospiele und ihrer eigenen Realität unterscheiden.
Tatsache ist, dass die Steigerung von Gewaltdarstellungen in Medieninhalten ebenso deren Nutzung erhöht. Hier entsteht ein Phänomen, dass als „Spirale der Reizüberflutung“ bezeichnet werden kann (vgl. Kunczik 1995, S. 131): Violente Medieninhalte werden in der Form ihrer Darbietung immer extremer, weil sich die Menschen zusehends an die gezeigten Gewaltdarstellungen gewöhnen, also resistenter werden. Die Gewalt wird in den Medien explizit in Szene gesetzt, also dramaturgisch so instrumentiert, dass sie alle Aufmerksamkeit auf sich zieht: Durch Action oder Dynamik wird sie deutlich vom Handlungsumfeld abgesetzt, meist positiv bewertet, ist simpel, für die Rezipienten also leicht zu verstehen und zu reproduzieren. (vgl. Kübler 1995, S. 97)
2.4 Fazit: Eigene Bewertung
Ich persönlich stehe der These der Stimulation von Gewalt durch Medienrezeption sehr kritisch gegenüber. Obwohl die Studien von Berkowitz mittlerweile als mehr oder weniger widerlegt gelten, ist diese These in der öffentlichen Meinung noch sehr präsent. Dafür sehe ich klare Gründe: Mit der Stimulationsthese hat das Böse seinen Platz und einen Namen. Es ist befriedigender, den Medien Schuld zuzuweisen, als gesellschaftliche Strukturen, Gruppenprozesse, Erziehung, Politik oder gar ein Zusammenwirken aller dieser Faktoren für Gewaltverbrechen verantwortlich zu machen. So wirkt die Stimulationsthese entlastend für Eltern und Pädagogen, aber genauso auch für Politiker. Meiner Meinung nach machen es sich die Kritiker von Gewaltdarstellungen in den Medien mit dieser These zu einfach. Ursache und Wirkung werden einseitig analog gesetzt. Problematiken, die nicht kurzfristig gelöst werden können, werden auf Strukturen geschoben, die überall vorhanden sind und durch ihre ständige Wandlung und auch durch den gegenseitigen Wettstreit untereinander ständig neu definiert werden. So sind die Begriffe Gewalt und Medien in der Öffentlichkeit mittlerweile so emotional und moralisch durchtränkt, dass objektive wissenschaftliche Versuche, diese Thematik auszudifferenzieren, schwer Gehör finden. (vgl. Hasebrink 1995, S. 194)
Letztendlich konnte noch keine Untersuchung beweisen, dass der Konsum von Mediengewalt alleiniger oder vorrangiger Verursacher von Verhaltensauffälligkeiten ist, vielmehr seien immer andere Faktoren wie häusliche oder individuelle Probleme mitbeteiligt (vgl. Kübler 1995, S. 97). Allein ihrer Schlichtheit, Plakativität und breiter Anwendbarkeit ist es zu verdanken, dass diese These überhaupt noch von öffentlichem Interesse ist.
6. Quellenhinweise
Literatur:
1. Gleich, Uli (1995): Das Angebot von Gewaltdarstellungen im Fernsehen. In: Friedrichsen, Mike;
Vowe, Gerhard (Hrsg.; 1995): Gewaltdarstellungen in den Medien. Theorien, Fakten und Analysen.
Opladen.
2. Hasebrink, Uwe (1995): Zur Nutzung action- und gewaltorientierter Fernsehangebote. In:
Friedrichsen, Mike; Vowe, Gerhard (Hrsg.; 1995): Gewaltdarstellungen in den Medien. Theorien,
Fakten und Analysen. Opladen.
3. Kübler, Hans-Dieter (1995): Mediengewalt: Sozialer Ernstfall oder medienpolitischer Spielball? Ein
Dauerthema im Interessenclinch zwischen Politik, Kommerz und Wissenschaft. In:
Friedrichsen, Mike; Vowe, Gerhard (Hrsg.; 1995): Gewaltdarstellungen in den Medien. Theorien,
Fakten und Analysen. Opladen.
4. Kunczik, Michael (1995): Wirkungen von Gewaltdarstellungen. Zum aktuellen Stand der Diskussion. In:
Friedrichsen, Mike; Vowe, Gerhard (Hrsg.; 1995): Gewaltdarstellungen in den Medien. Theorien,
Fakten und Analysen. Opladen.
5. Kunczik, Michael; Zipfel, Astrid (2006): Gewalt und Medien. Ein Studienhandbuch. Köln.
6. Vowe, Gerhard; Friedrichsen, Mike (1995): Wie gewaltig sind die Medien? Ein Plädoyer für differenzierte
Antworten. In: Friedrichsen, Mike; Vowe, Gerhard (Hrsg.; 1995): Gewaltdarstellungen in den Medien.
Theorien, Fakten und Analysen. Opladen.
Internet:
7. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.; 2004): Medien und Gewalt.
Befunde der Forschung seit 1998. Kunczik, Michael / Zipfel, Astrid. Berlin. Online unter:
http://www.bundespruefstelle.de/bpjm/redaktion/PDF-Anlagen/medien-gewalt-befunde-der-forschung-
sachbericht-langfassung,property=pdf,bereich=bpjm,rwb=true.pdf (Zugriff 14.03.2007)
8. Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.; 2002): Aus Politik und Zeitgeschichte. Gewalttätig
durch Medien? Kunczik, Michael / Zipfel, Astrid. Online unter: http://www.bpb.de/
publikationen/80UVUN,2,0,Gewaltt%E4tig_durch_Medien.html (Zugriff 14.03.2007)
9. Hammer, Patrick: Massenmedien und Gewalt. (Hausarbeit). Online unter: http://members.yline.com/
~pc_prof/gewalt/mmwirkung.htm (Zugriff 14.03.2007)
10. Steckel, Rita; Trudewind, Clemens (2002): Es ist doch nur ein Spiel. Bochum. Online unter:
http://www.ruhr-uni-bochum.de/rubin/rbin2_02/pdf/trudewind.pdf (Zugriff 14.03.2007)
11. Stern.de. Amoklauf Erfurt. Online unter: http://www.stern.de/wirtschaft/arbeit-karriere/522959.html
(Zugriff 14.03.2007)
12. Stern.de. Amoklauf von Emsdetten. Das Tagebuch von Sebastian B. Online unter: http://www.stern.de/
politik/panorama/:Amoklauf-Emsdetten-Das-Tagebuch-Sebastian-B./577024.html (Zugriff 14.03.2007)
13. Universität Essen. Kulturwandel. Thesen zur Wirkung von Gewalt im Fernsehen. Online unter: http://
www.linse.uni-essen.de/kultwandel/beitraege/gewalt_in_den_medien2.htm (Zugriff: 14.03.2007)
14. Universität Mannheim. Fakultät für Sozialwissenschaften. Psychologie. Geschichtlicher Überblick der
Gewaltdarstellungen in den Medien. Online unter: http://www.psychologie.uni-mannheim.de/psycho3/
lehrealt/ws9900/sozmot/100100.pdf (Zugriff 14.03.2007)
15. ZEIT Online. Es geschah am helllichten Tag. Online unter: http://www.zeit.de/archiv/2001/07/
200107_erinnern_killerk.xml (Zugriff 14.03.2007)







