Medienkritik und Medienwirkung. Erstellt im Seminar bei Prof. Stang (WS 06/07)


Theorien der Medienwirkung

Suggestionsthese und Erregungstransfer-These

von Ute Lauble


1. Einleitung: Theorien der Medienwirkung
2. Suggestionsthese / Nachahmungsthese
2.1 Die These
2.2 Studien zur These
2.3 Apologie und Kritik
2.4 Fazit: Eigene Bewertung
 
3. Erregungstransfer-These / Excitation-Transfer-Theorie
3.1 Die These
3.2 Studien zur These
3.3 Fazit: Eigene Bewertung
4. Quellenhinweise


1. Einleitung: Theorien der Medienwirkung


Nach Burkhart gleicht „die Frage nach den Wirkungen der Massenmedien […] einem Fass ohne Boden“ (Burkhart 2002, S. 186). Tatsächlich herrscht in der Fachliteratur weitgehend Übereinstimmung darin, dass es keine allgemeingültige Definition zur Wirkung von Medien bzw. Massenmedien gibt. Im Allgemeinen werden unter den Wirkungen der Massenmedien alle Veränderungen verstanden, die „ganz, partiell oder in Wechselwirkung mit anderen Faktoren auf Medien bzw. deren Inhalte zurückgeführt werden können“ (Brosius 2003, S. 128). Demnach kann die Wirkung von (Massen-)Medien als ein Prozess verstanden werden, der die Auswahl eines Mediums ebenso einschließt wie die Zuwendung zu den einzelnen Medieninhalten, die Informationsaufnahme wie auch die Aus-Wirkungen der konsumierten Inhalte auf den Rezipienten. Gemeinhin wird dieser Prozess vereinfacht in drei Phasen eingeteilt: Die präkommunikative Phase umfasst den Zeitraum vor dem unmittelbaren Kontakt mit dem Medium (Auswahl des Mediums). Die kommunikative Phase beschreibt die Wirkungen während der Mediennutzung und somit auch der Informationsverarbeitung. Die postkommunikative Phase bezieht sich auf die Aus-Wirkungen der aufgenommenen Medienbotschaft nach der Rezeption auf den Rezipienten. (vgl. Burkhart 2002, S. 188)
Die Medienwirkungsforschung konzentriert sich im Schwerpunkt auf die postkommunikative Phase. Das heißt, welche Aus-Wirkungen haben die Medieninhalte auf den Rezipienten hinsichtlich seines Wissens, seiner Einstellung (Meinungsbildung) und seines Verhaltes nach dem Rezeptionsprozess.
Dass in der Fachliteratur insbesondere die Auswirkungen auf das Verhalten ein begehrtes Thema sind und dazu zahlreiche Theorien existieren, mag vielleicht daran liegen, dass die Wissenschaft bis heute keinen Konsens gefunden hat, die Auswirkungen allgemeingültig zu erfassen. Auswirkungen in Form von Gewalt, als Resultat von rezipierten Medieninhalten, insbesondere bei Jugendlichen, wird vielfach diskutiert. Die zunehmende Anzahl von Amokläufen bei Schülern beschäftigt nicht nur Wissenschaftler sondern auch die Gesellschaft. Dies ist Anlass für die Medien, über solche Fälle umfassend zu berichten. Ratlosigkeit herrscht auch in der Politik: Liegen die Ursachen für Gewalt in den Darstellungen der Medien? Sollen Gewaltdarstellungen in Film und Video-Spielen präventiv verboten werden? Solange Ursache und Wirkung nicht geklärt sind, werden präventive Maßnahmen der Politik umstritten bleiben, insbesondere dann, wenn sie den Interessen der Medienindustrie entgegenstehen.
Nachfolgend werden einige Theorien der Medienwirkung kurz vorgestellt, die in diesem Kontext immer wieder diskutiert werden.


2. Suggestionsthese / Nachahmungsthese


2.1 Die These


Die Suggestionsthese geht davon aus, dass Darstellungen in den Medien generell eine direkte Nachahmung beim Rezipienten erfahren. Als bekanntester Vertreter dieser These gilt David P. Phillips, der Anfang der siebziger Jahre Medienberichte über Suizide auf Nachahmungsfälle hin untersuchte. Die These der generellen, direkten Nachahmung gilt in der Fachliteratur bereits als überholt. Dennoch werden bis heute Forschungen betrieben, die sich mit den möglichen Zusammenhängen zwischen der Medienberichterstattung und Nachahmung der Inhalte bei den Rezipienten auseinandersetzen.
Die jüngeren Untersuchungen beziehen sich sowohl auf reale wie auch auf fiktive Medieninhalte. Die Formen der Gewalt werden in den Studien eingruppiert nach Untersuchungen zu Morden, Massenmorden und Amokläufen, Untersuchungen zu fremdenfeindlichen Straftaten sowie Untersuchungen zur Imitation von Selbstmorden. (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend BMFSFJ 2004, S. 88)
Nach Ansicht von Kunczik gibt es eine Reihe von Studien, „deren Resultate die These stützen, dass für bestimmte Rezipienten das Konzept der Suggestion unter bestimmten Bedingungen zur Erklärung von in der natürlichen Umgebung auftretenden Effekten des Konsums von Mediengewalt geeignet ist.“ (Kunczik 2000, S. 28)
Somit wird dem ursprünglich generellen; unmittelbaren Wirkungsmechanismus der Medienberichterstattung eine Absage erteilt und die Nachahmung, wenn auch nicht gänzlich verneint, differenzierter betrachtet.


2.2 Studien zur These


Bereits seit Erscheinen von Goethes Text Die Leiden des jungen Werthers (1774), der eine „Epidemie von Selbstmorden“ ausgelöst haben soll, wird von einer Nachahmungsgefahr durch publizierte Selbstmorde gesprochen (vgl. Andree 2006, S. 9f). In diesem Zusammenhang hat sich auch der Begriff Werther-Effekt geprägt. In der Untersuchung von Selbstmorden als Gewaltnachahmung von Medieninhalten liegt auch der ursprüngliche Beschäftigungsgegenstand der Suggestionsthese.
David P. Phillips zeigte anhand seiner Forschungen Anfang der 1970er-Jahre auf, dass die Selbstmordziffer nach der Veröffentlichung von Nachrichten über Selbstmorde sowohl in den USA als auch in Großbritannien anstieg. Von Phillips folgten weitere Studien, in denen er behauptete, Suizid-Nachahmungen auch durch fiktive Selbstmorde in Soap Operas nachweisen zu können. Diese Studien gelten jedoch als unzureichend und nicht aussagekräftig. (vgl. Kunczik 1996, S. 21f)
Anfang der 1980er-Jahre wurden von Phillips und Hensley weitere Studien veröffentlicht, in denen auch das Anwachsen von Totschlagsverbrechen in der Bevölkerung nach gesendeten Preisboxkämpfen beobachtet wurde. Nach Fernsehübertragungen von Preisboxkämpfen konnte eine Zunahme von Mord- und Totschlagsverbrechen verzeichnet werden. Auffallend war, dass die ermordeten Personen hinsichtlich Alter und Rasse den im Kampf verlorenen Personen ähnelten. Allerdings gelten auch diese Studien nicht als hinreichend empirisch fundiert. (vgl. Effinger 1995, S. 33)
Kunczik und Zipfel haben neue Befunde der Forschung von 1998 bis 2003 (vgl. BMFSFJ 2004) zusammengetragenen. Die Ergebnisse der neueren Studien werden nachstehend zusammengefasst wiedergegeben.
Christopher H. Cantor u.a. (1999) untersuchten sieben Fälle von Massenmorden, wobei in zwei Fällen von den Tätern Bezug auf vorangegangene Fälle genommen wurde und in vier Fällen der Einfluss von Medien zu vermuten sei.
Eine ebenfalls nur vage Schlussfolgerung lässt die Studie von Spencer Kostinsky, Edward O. Bicler und Paul A. Kettl (2001) zu. Hier verzeichnen die Autoren einen rasanten Anstieg von Meldungen über Gewalt an Schulen nachdem Medienberichte über ein Massaker vorangegangen waren. Kunczik und Zipfel vermerken hierzu kritisch, dass die Möglichkeit in Betracht gezogen werden muss, dass vorangegangene Medienberichte sensibilisierend für bestimmte Themen wirken und dementsprechend häufiger gemeldet werden.
Eine Studie aus dem Jahre 2001 konnte zu Ansteckungseffekten in Bezug auf Kindermorde in Australien ein relativ klares Ergebnis liefern: Für den untersuchten Zeitraum von zwei Monaten nach einem von den Medien veröffentlichten Mord an einem Kind, konnte kein Anstieg von weiteren Fällen verzeichnet werden.
Fremdenfeindliche Straftaten wurden vor allem von Hans-Bernd Brosius, Frank Esser und Bertram Scheufel komplex untersucht. Kunczik und Zipfel fassen deren Ergebnisse zusammen: „Was fremdenfeindliche Straftaten betrifft, so scheinen Medienberichte über bestimmte Schlüsselereignisse als Auslöser (nicht jedoch als Verursacher) von Ansteckungseffekten wirken zu können, allerdings nur, wenn bereits ein ‚Nährboden’ (z.B. von der Bevölkerung wahrgenommene Existenz eines ‚Ausländerproblems’) für solche Taten vorhanden ist“. (BMFSFJ 2004, Kurzfassung S. 6)
Zur Nachahmung von Selbstmorden liegt eine Vielzahl von Untersuchungen vor. Das Auftreten von Nachahmungseffekten gilt in dieser Form der Gewaltimitation als empirisch bestätigt. Allerdings kann auch hier von keinem direkten und vor allem alleinigen Wirkungsmechanismus gesprochen werden. In der Forschung besteht Einigkeit darüber, dass im Zusammenhang zwischen Medienberichten und Suizid-Imitationen viele Faktoren eine Rolle spielen. Sie liegen zum einen auf der Seite der Medien (z.B. Häufigkeit der Berichterstattung, Art der Medien, fiktiver oder realer Medieninhalt) wie auch in den individuellen Eigenschaften und Voreinstellungen der Rezipienten.


2.3 Apologie und Kritik


Es besteht ein wissenschaftlicher Konsens darüber, dass zumindest Zusammenhänge zwischen Mediendarstellungen und der Häufigkeit von darauf folgenden, ähnlichen Geschehnissen in der Realität bestehen und dass der mediale Gewaltkonsum die Hemmschwelle senken kann. Es gilt als belegt, dass insbesondere bei Kindern und Jugendlichen, welche häufig Gewalt aus Video-Spielen und Fernsehen konsumieren, die Empathie abnimmt. Dies ist dadurch bedingt, dass Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung noch labiler sind als Erwachsene. In ihrer Unerfahrenheit sind sie anfälliger dafür, sich unkritisch mit mächtigen Figuren aus Film und Video-Spielen zu identifizieren und sie nachzuahmen.
Diese Zusammenhänge sind jedoch kein Beleg dafür, dass Gewalt in Video-Spielen, Horror- und Splatterfilmen eine direkte Nachahmung zur Folge haben. Die meisten Wissenschaftlicher sind sich darin einig, dass alleine der Konsum von Gewalt niemanden zu einem Kriminellen oder einem Mörder macht. Dabei spielen viele Faktoren zusammen wie zum Beispiel reale Gewalt im familiären Umfeld. (vgl. Schulte von Drach 2006)


2.4 Fazit: Eigene Bewertung


Die kurze Zusammenstellung von einzelnen Studien die sich mit der Nachahmung von Medieninhalten beschäftigen, verdeutlicht die Schwierigkeit umfassende Aussagen zu Ursache und Wirkung von Gewalt in Bezug auf rezipierte Medieninhalte zu schaffen.
Auch wenn ein Zusammenhang von Mediendarstellungen und der Häufigkeit von darauf folgenden ähnlichen Geschehnissen in der Realität zu finden sind, so bleiben die tatsächlichen Wurzeln, die letztendlich zur Gewalthandlung führen, in diesen Studien unberücksichtigt. Die menschliche Individualität, die individuellen prägenden Erfahrungen lassen sich nicht in eine allgemeingültige Formel pressen, die die Medien als alleinverantwortlichen Sündenbock entlarven können. Zugegeben, dies wäre die bequemste Lösung: Nicht die Familie, nicht die Politik und nicht jeder Einzelne von uns als Teil der Gesellschaft muss sich tiefere kritische Gedanken machen, wo die Ursachen für Gewalt bei Kindern und Jugendlichen zu finden sind. Obwohl die generelle, direkte Nachahmung von Mediengewalt als widerlegt gilt, wird sie erstaunlich häufig bei Personen der Öffentlichkeit als eine bestehende Gefahr argumentiert, wodurch Verbote von medialer Gewalt begründet werden sollen.
Der vorschnellen Kritik an den Medien soll im Kontext der Suggestionsthese ein Aspekt gegenübergestellt werden, der bislang kaum untersucht worden zu sein scheint: Wo sind die Studien, die Aussagen darüber treffen, welche pro-sozialen, positiven Medieninhalte bei den Rezipienten eine Nachahmung erfahren?
Abgesehen davon, dass die Suggestionsthese empirisch nicht belegt werden konnte, und sie somit kein Argument darstellen kann für das präventive Verbot von Mediengewalt, soll an dieser Stelle die Tatsache herausgestellt werden, dass für Jugendliche (vor allem männliche) ein großer Reiz von Gewalt, insbesondere in Videospielen, ausgeht. Ein Verbot von gewalttätigen Videospielen würde dazu führen, dass die Jugendlichen sich diese Spiele nach wie vor leicht aus dem Internet ziehen können und sie dann illegal konsumieren würden. Abgeschafft würde damit lediglich die Legalität, nicht aber der Konsum von Mediengewalt.


3. Erregungstransfer-These / Excitation-Transfer-Theorie


3.1 Die These


Die These besagt im Kern, dass nicht abgebaute emotionale Erregungszustände beim Menschen, auf nachgelagerte Situationen verstärkt übertragen werden und zu einem intensiveren Verhalten führen. Dieses intensivere Verhalten kann sich in Form von Aggression ausdrücken. Die ursprünglich erregungsverursachende Situation muss dabei inhaltlich in keinem Zusammenhang mit dem Geschehen stehen, in der die intensivierte Verhaltensweise zu Tage tritt.
In Bezug auf die Wirkungen von Mediengewalt bedeutet dies, dass aus den Medien rezipierte Gewalt aber auch Erotik, Humor usw. unspezifische emotionale Erregungszustände auslösen können. Das Verhalten welches daraus resultiert, hängt von den darauf folgenden Situationsfaktoren ab (vgl. Kunczik/Zipfel 2002). Es muss nicht zwangsläufig zu gewalttätigem Handeln führen, es kann im Gegenteil auch eine intensivere Hilfsbereitschaft auslösen.
Zu den wichtigsten Vertretern dieser Theorie zählen Percy H. Tannenbaum und Dolf Zillmann. Ihre ersten Untersuchungen hierzu wurden in den 1970er-Jahren veröffentlicht.


3.2 Studien zur These


Der Erregungstransfer-These geht eine erste groß angelegte Untersuchungsreihe voraus, die sich mit der Filmwirkung befasst hat (Payne Fund Studies). Herbert Blumer (1933) bezeichnete dadurch Emotionen als die wichtigsten Wirkungen von Filmen. Der Aufbau von Erregung durch die Rezeption von Filminhalten sei umso größer, je deutlicher der Inhalt mit Erfahrungen des Rezipienten zusammenhängt. Beispielsweise wird ein Kind, das im Fernsehen einen Streit von Eltern sieht, durch diese Szene mehr erregt als durch eine Schießerei oder Schlägerei in einem Western. Die vorangegangenen persönlichen Erfahrungen spielen für den Grad der Erregung also eine wichtige Rolle. Die Empathie (das Mitfühlen) ist beispielsweise anhand der Pulsfrequenz und der Hautleitfähigkeit medizinisch messbar. (Kunczik/Zipfel 2006, S. 168f)
Studien von Tannenbaum (1972), Mueller und Donnerstein (1977; 1981), Cantor, Zillmann und Einsiedel (1978) wie auch von Donnerstein und Barrett (1977) und Baron (1979) ergaben übereinstimmend, dass unabhängig von inhaltlichen Qualitäten emotional erregende Filme am häufigsten nachfolgende Aggressivität bewirken (Kunczik/Zipfel 2006, S. 169). Demnach kann ein erotischer Film mehr Aggressivität bewirken als ein gewalttätiger Film.
Zillmann (1971) untersuchte den Erregungstransfer bei erwachsenen, männlichen Probanden. Ihnen wurden drei verschiedene Filme gezeigt: ein erotischer Film, der starke Erregung bewirkte, ein erregungsneutraler Film und ein leichte Erregung bewirkender, aggressiver Film. Die Einstufung der Filme auf den Grad der Erregung hin wurde durch einen Pre-Test ermittelt. Im Ergebnis zeigte sich, dass der erotische Film mehr nachfolgende Aggressivität bewirkt hatte als der aggressive Film, der neutrale Film zeigte die geringsten Wirkungen auf das Verhalten. (ebd)
Dass sich nicht abgebaute Erregung nicht zwangsläufig in Form von Gewalt auswirken muss, zeigt ein Experiment von Charles Mueller u.a. (1977) auf. Es führte zu dem Ergebnis, dass sich Probanden nach dem Ansehen eines emotional erregenden aggressiven Films, hilfsbereiter zeigten als nach dem Ansehen eines neutralen Films (ebd.). Dies unterstreicht die Abhängigkeit der Resultate nicht abgebauter Erregung von den nachfolgenden Situationsfaktoren.
Sabine Effinger (1995, S. 25f) hat in ihrer Untersuchung zur geschlechtsspezifischen Rezeption von Gewaltinhalten in Medien weitere Untersuchungen zusammengetragen. Nach einem Experiment von Cantor, Zillmann und Einsiedel (1978) zeigte sich in einem Versuch mit 60 Frauen, dass die durch Medieninhalte aufgebauten Erregungszustände, gleich denen bei Männern, intensiveres Verhalten zur Folge hatten. Allerdings hatten die Medieninhalte, hinsichtlich der Erregung auf die Frauen, nicht die gleiche Wirkung: Am stärksten erregend war für die Frauen zwar auch der erotische Film, jedoch erregte sie der aggressive Film (Preisboxkampf) weniger als der neutrale Film (Reisebericht).
In der Fachliteratur finden sich kaum kontroverse Stellungnahmen zur Erregungstransfer-These. Es scheinen im Gegenteil eine ganze Reihe von Studien unterschiedlicher Autoren zu bestätigenden Ergebnissen gekommen zu sein. Die These dürfte demnach zum heutigen Stand als allgemein anerkannt oder zumindest als nicht widerlegt gelten.


3.3 Fazit: Eigene Bewertung


Die Theorie scheint auf den ersten Blick schlüssig: Eigenes aggressives Verhalten über das wir manchmal selbst nur staunen können. Wer kennt das nicht? Häufig sind ausgelebte Aggressionen für einen selbst nicht nachvollziehbar, da sie der Situation unangemessen scheinen und sich der Verdacht aufdrängt, dass da der Hund wo ganz anders noch begraben sein muss.
Beweist diese Studie damit eine spezielle Allgemeingültigkeit zur Auswirkung von rezipierten Medieninhalten auf das Verhalten?
Sieht man einmal davon ab, dass den Untersuchungen Bedingungen zugrunde liegen, die in vorbestimmten Versuchs-Situationen getestet wurden, und deren Ergebnisse vielleicht nicht eins zu eins vergleichbar sind mit dem Verhalten im gewohnten sozialen Umfeld, so sind die Studien für den Laien trotzdem nachvollziehbar und glaubwürdig. Eine hilfreiche klare Aussage zur Vorherbestimmung von rezipierter Mediengewalt auf das nachfolgende Verhalten liefern sie dennoch nicht.
Wenn die These davon ausgeht, dass ganz allgemein nicht abgebaute Erregung, die also auch aus einem Streit oder Alltagsstress aufgebaut worden sein kann und eben nicht nur durch Medieninhalte ausgelöst sein muss, dann ist dies zwar ein interessanter psychologischer Aspekt aber kein Beleg für eine speziell durch den Medienkonsum verursachte Auswirkung auf das nachfolgende Verhalten.
Die Versuche, welche gezeigt haben, dass nicht abgebaute Erregung auch ein intensiveres pro-soziales Verhalten zur Folge haben kann, offenbaren gleichzeitig wie beinahe zufällig sich die rezipierten, erregenden Medieninhalte auf das nachfolgende Verhalten auswirken können: Im wahren Leben – und nicht unter vorherbestimmten Versuchssituationen – können die nachfolgenden Ereignisse auf die ein Mensch nach der Medienrezeption stößt, nicht vorherbestimmt werden. Somit bleibt je nach eintretenden Situationsfaktoren offen, ob der erregte Rezipient nach dem Konsum von Medieninhalten intensiv hilfsbereit oder intensiv gewalttätig reagiert.
Auch die Tatsache, dass jeder Mensch auf Grund seiner individuellen Veranlagung zu mehr oder weniger Aggression neigt, oder auch außergewöhnlich friedfertig und hilfsbereit veranlagt sein kann, gibt der Bedeutung des intensiven Verhaltens den Charakter einer relativen Größe: Das intensive Verhalten kann sich unterschiedlich stark in unterschiedliche Richtungen hin auswirken.
Die Erregungstransfer-These stößt in ihrer Aussagekraft auf die selben Probleme wie einige ihrer zahlreichen Schwestern in der Familie der Medienwirkungsforschung: Individuelle Charaktermerkmale, individuelle Rezipientenpersönlichkeiten, individuelle Prädispositionen, nicht vorhersehbare situationsabhängige Faktoren des Moments – sie alle gemeinsam trotzen dem Gewaltakt sich in allgemeingültige Aussagen zur Medienwirkung pressen zu lassen.
Die Bedeutung und auch die Notwendigkeit der intensiven Beschäftigung mit den Ursachen von Gewalt, sollen an dieser Stelle ausdrücklich betont und nicht verharmlost werden. Es darf aber auch nicht unberücksichtigt bleiben, dass gewalttätige Handlungen wie z.B. Amokläufe von Jugendlichen, sofern sie auch nur vage in Zusammenhang mit dem Konsum von Medieninhalten gebracht werden können, Einzelfälle darstellen. Es ist populär geworden, Medieninhalten die Verantwortung darüber zuzuschieben oder deren Mitwirkung auf Beweiskraft hin zu untersuchen. Für den Nicht-Wissenschaftler, der sich einen Überblick über die zahlreichen Thesen zur Medienwirkung verschafft hat, ergibt sich ein ganz anderer Verdacht: Dass der Hund doch noch irgendwo ganz anders begraben sein muss.





4. Quellenhinweise


Literatur:
1.   Andree, Martin (2006): Wenn Texte töten. Über Werther, Medienwirkung und Mediengewalt. München.
2.   Brosius, Hans-Bernd (2003): Medienwirkung. In: Bentele, Günter; Brosius, Hans-Bernd; Jarren, Otfried
      (Hrsg.): Öffentliche Kommunikation. Handbuch Kommunikations- und Medienwissenschaft. Wiesbaden.
      S. 128ff.
3.   Burkhart, Roland (2002): Kommunikationswissenschaft. Grundlagen und Problemfelder. Umrisse einer
      interdisziplinären Sozialwissenschaft. 4. Auflage. Wien [u.a.].
4.   Effinger, Sabine (1995): Eine andere Welt: Frauen, Männer und Gewaltwahrnehmung. Bochum.
5.   Kunczik, Michael (1996): Wirkungen von Gewaltdarstellungen in den Medien. In: Bundesministerium
      des Innern (Hrsg.; 1996): Medien und Gewalt. Bonn. S. 7ff.
6.   Kunczik, Michael (2000): Medien und Gewalt. In: Bergmann, Susanne (Hrsg.): Mediale Gewalt. Eine
      reale Bedrohung für Kinder? Bielefeld. S. 18ff.
7.   Kunczik, Michael; Zipfel, Astrid (2006): Gewalt und Medien. Ein Studienhandbuch. Köln.

Internet:
8.   Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (Hrsg.; 2004): Medien und Gewalt.
      Befunde der Forschung seit 1998. Kunczik, Michael / Zipfel, Astrid. Berlin. Online unter: http://
      www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Abteilung5/Pdf-Anlagen/medien-und-gewalt-lang,property=pdf.pdf

      (Zugriff 19.03.2007)
9.   Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (Hrsg.; 2004): Medien und Gewalt.
      Befunde der Forschung seit 1998. Kurzfassung. Kunczik, Michael / Zipfel, Astrid. Berlin. Online unter:
      http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Abteilung5/Pdf-Anlagen/kurzfassung-medien-und-gewalt,
      property=pdf.pdf
(Zugriff 19.03.2007)
10. Kunczik, Michael; Zipfel, Astrid (2002): Gewalttätig durch Medien? In: Bundeszentrale für politische
      Bildung (Hrsg.): Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament. B 44/2002.
      Bonn. S. 29-37. Online unter: http://www.bpb.de/publikationen/80UVUN,0,0,Gewaltt%E4tig_durch_
      Medien.html#art0
(Zugriff 19.03.2007)
11. Schulte von Drach, Markus C. (2006): Mörderische Medien. Was sagt die Wissenschaft? Artikel vom
      20.11.2006. In: Sueddeutsche.de. Online unter: http://www.sueddeutsche.de/wissen/artikel/346/5341/
      (Zugriff 19.03.2007)