Veranstaltungen 2007

Ganz Ohr! Neue Wege der Hörbildung
Hörbildung wird immer wichtiger: 110 Pädagogen/innen und Wissenschaftler/innen besuchen Fachtagung
„Ganz Ohr! Neue Wege der Hörbildung“ lautete der Titel einer Fachtagung, die am 25. September 2007 in der Hochschule der Medien in Stuttgart stattfand. 110 Teilnehmende informierten sich und diskutierten über innovative Möglichkeiten der Hörbildung. Das Tagungsprogramm bot dazu ein breit gefächertes Programm.
Andreas Seimer, Leitender Arzt der Abteilungen Phoniatrie und Pädaudiologie sowie Logopädie am Marienhospital Stuttgart, wies in seinem Einführungsreferat „Von Anfang an – Wege zum Hören und Sprechen“ darauf hin, dass die Sprachentwicklung elementar von Hören und der Hörentwicklung abhängt. Die zunehmende akustische Reizüberflutung führt nicht selten zu Situationen, in denen Sprache nicht mehr richtig verstanden wird. Anhand von klinischen Befunden zeigte er die möglichen Konsequenzen vor allem für jüngere Kinder auf. Sein Plädoyer für eine verbesserte Hörbildung ging einher mit der Kritik an einer exzessiven Mediennutzung. Medien sollten gezielt ausgewählt werden und nicht zum permanenten Hintergrundgeräusch werden.
| Der Vortrag von Andreas Seimer, dem medizinischen Experten. (© Medi@culture-Online) |
Einen weniger wissenschaftlichen, aber dafür sehr kreativen Zugang zum Thema wählte der Geschichtenerzähler Martin Ellrodt in seiner Erzählperformance „Kreuzfahrt auf dem Meer der Geschichten“. Die Möglichkeiten der Sprache bei der Entwicklung von Phantasie wurden hier eindrucksvoll vorgeführt und die Tagungsteilnehmenden konnten am eigenen Leibe „erfahren“, wie das Geschichtenerzählen nicht nur in andere Welten entführt, sondern auch die Konzentrationsfähigkeit steigert.
| Der Geschichtenerzähler Martin Ellrodt während seiner gelungenen Erzählperformance. |
Der Wechsel des Präsentationsmodus wurde dann mit dem Vortrag von Prof. Dr. Joachim Kahlert, LMU München, fortgeführt, der deutlich machte, welche Aufgabe in der Hörförderung gerade für die frühe Bildung liegt. Anhand von Projekten und Untersuchungen zeigte er auf, dass sich mit Hörbildung bei Kindergartenkindern und Grundschülern das Wohlbefinden in den Einrichtungen verbessern lässt. Sehr eindrücklich wies er auf das Problem der „akustischen Sanierung“ von Bildungsräumen hin, die oft auch bei architektonischen Neuentwürfen von Bildungseinrichtungen kaum Berücksichtigung findet, obwohl sich nachweisen lässt, dass eine schlechte Raumakustik auch ein Grund für schlechte Lernleistungen sein kann.
| Prof. Dr. Joachim Kahlert erklärt die Zusammenhänge zwischen schlechter Raumakustik und schwachen Lernleistungen. (© Medi@culture-Online) |
Welche Möglichkeiten der Hörförderung durch Hörspiele bzw. Hörbücher bestehen, war unter anderem ein Thema einer Diskussion, an der Inga Reuters vom Jumbo Neue Medien & Verlag und Iris Drögekamp, Autorin und Regisseurin von Kinderhörspielen u. a. beim Südwestrundfunk, teilnahmen. Es wurde deutlich, dass gerade die etwas ambitionierteren Produktionen auf der einen Seite aufwändig zu produzieren, auf der anderen Seite manchmal schwer zu vermarkten sind. Da Verlage sich am Markt orientieren müssen, stellt die Hörspielproduktion oft eine Gratwanderung dar. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten bemühen sich noch, aufwändigere Produktionen zu realisieren, doch bedarf es für die Zukunft weitergehender Initiativen, um die Qualität von Kinderhörspielen in der Breite gewährleisten zu können.
| Die Künstlerin Iris Drögekamp (links) im Gespräch mit Inga Reuters, Lektorin beim Verlag JUMBO (rechts). Die Moderation führt IfaK-Geschäftsführer Prof. Dr. Richard Stang (Mitte). |
Wie Hörbildung in Zukunft als Teil von Bildung stärker gefördert werden kann wurde praxisorientiert in sechs Workshops vorgestellt und diskutiert. Das Ohrenspitzer-Projekt präsentierte im Hinblick auf Kindergarten und Grundschule Möglichkeiten der Hörbildung für Kinder mit Hilfe von Hörkoffern und didaktischen Materialien (www.ohrenspitzer.de). Ganz ohne Technik kommt der Geschichtenerzähler aus. Martin Ellrodt vermittelte Anregungen für die konkrete Arbeit mit Kindern (www.ellrodt.de). Welche Potenziale in der Produktion und Auseinandersetzung mit Hörspielen liegen zeigte Iris Drögekamp vom SWR auf. Die Hörclubs der Stiftung Zuhören und die konkrete Arbeit mit den Materialien wurden von Lena Dietze vorgestellt (www.stiftung-zuhoeren.de). „Hören mit Qualität“ lautet der Titel einer Initiative, die sich die Förderung von Hörbildung zum Ziel gesetzt hat. Meike Isenberg, von der Landesanstalt für Medien NRW, und Helga Kleinen, von der Schule des Hören/Initiative Hören, stellten die Aktivitäten des Projektes vor (www.schule-des-hoerens.de; www.initiative-hoeren.de). Insgesamt wurde bei den Workshops deutlich, dass es vielfältiges und gutes Material für die Hörbildung für Kinder gibt. Allerdings bedarf es für die Zukunft einer noch besseren Vernetzung der Initiativen und eines Überblicks über die Fülle der Angebote, um die Hörbildung noch besser zu profilieren. Die Tagung und der Austausch der Teilnehmenden schufen sicher einen Anfang dazu.
| Kurze Einblicke in die Workshops "Raum zum Zuhören" (links oben), "Ohrenspitzer in der Grundschule" (rechts oben) und "Hören mit Qualität" (links unten). |
Die inhaltlich sehr dichte und spannende Tagung fand ihren Abschluss mit einer Präsentation des Surround-Hörspiels „Alize im ABZ“ von Ginka Steinwachs, das von Iris Drögekamp vorgestellt wurde. Die Phantasiewelt von Alize, in der die Buchstaben ihr Eigenleben entwickeln und die im Kontrast zum Alltag steht, nahm die Teilnehmenden gefangen und ließ sie im abgedunkelten Kinoraum der Hochschule der Medien in eigene Phantasiewelten eintauchen. Dass konzentriertes Hören die Wahrnehmungseindrücke intensiviert, konnten die Teilnehmenden hier selbst erfahren. Damit war der Bogen vom direkten Medium der Sprache des Geschichtenerzählens zum technischen Medium des Hörspiels gespannt und es zeigte sich, dass beides bei der Hörbildung seine Berechtigung und seine spezifische Funktion hat.
Die Resonanz auf die Tagung zeigte, dass der Bedarf nach Fachveranstaltungen zur Hörbildung groß ist. Die Veranstalter werden diese Resonanz zum Anlass nehmen, über eine Weiterführung dieses Angebots nachzudenken. Die Fachtagung war eine Kooperationsveranstaltung von der Aktion Jugendschutz (ajs) Baden-Württemberg, dem Evangelischen Medienhaus GmbH Stuttgart, der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK), dem Institut für angewandte Kindermedienforschung (IfaK) der Hochschule der Medien (HdM) Stuttgart, dem Landesmedienzentrum (LMZ) Baden-Württemberg und dem Südwestrundfunk (SWR) und wurde von der Stiftung MedienKompetenz Forum Südwest (MKFS) gefördert.
| Die Teilnehmer/innen nutzten die Pausen zum regen Austausch im Foyer... (© Medi@culture-Online) |
| ... und dort stand auch das Hörzelt der Landesmedienzentrale Baden-Württemberg. |
Eine weitere Event-Dokumentation der Fachtagung "Ganz Ohr! Neue Wege der Hörbildung" mit akustischen Mitschnitten einzelner Vorträge finden Sie auf den Seiten von Medi@culture-Online unter folgender URL: http://www.mediaculture-online.de/Ganz-Ohr-2007.1248.0.html.
Materialien zur Veranstaltung
Das Einmaldrei des Geschichtenerzählens
(Arbeitsblatt; PDF, ca. 35 kB)
Kleinen, Helga (Schule des Hörens e.V. / Initiative Hören e.V.):
Materialien zum Workshop 6: Hören mit Qualität
(Materialien; ZIP, ca. 4 MB)
Hören fördern als Aufgabe früher Bildung
(Vortrag; PowerPoint, ca. 55 MB)
Von Anfang an: Wege zum Sprechen und Hören
(Vortrag; PDF, ca. 2 MB)
Kennen Sie eigentlich schon...?
... das Funkkolleg "Erlebnis Zuhören" von hr2 kultur.
Hier kommen Sie zur Veranstaltungsübersicht.







