Geschichte
50 Jahre Zusammenarbeit in der höheren Ausbildung für visuelle Medien, insbesondere der Druck- und Verlagstechnik sowie der Medienwirtschaft.
Die Gründung erfolgte 1957 in Lausanne, anlässlich der internationalen Messe für die graphische Industrie “Graphic 57“, unter dem Patronat der International Master Printers Association (IMPA). Dabei trafen mehrere Direktoren Höherer Graphischer Schulen mit den Repräsentanten der Unternehmerverbände zusammen, um Probleme der höheren Ausbildung und die Möglichkeit einer engeren Zusammenarbeit aller europäischen Schulen zu diskutieren. Das Resultat war die Gründung einer Vereinigung: des Internationalen Kreises der Direktoren Höherer Graphischer Schulen (IK). Als erster Vorsitzender wurde Professor Dr. Gustav Barthel, Direktor der Höheren Fachschule für das Graphische Gewerbe und der Gewerblichen Berufsschule in Stuttgart gewählt. Als Geisteswissenschafter lehrte er Schriftgeschichte, Buchgestaltung, Kunstgeschichte und Psychologie und leitete die Stuttgarter Schule seit 1952. Im Jahre 1961 erhielt er den ersten Professorentitel im Haus und 1963, nach der Trennung der beiden Schulen wurde er Leiter der Höheren Fachschule, welche er 1969 als Ingenieurschule seinem Nachfolger Professor Dr. Horst Ohlhaver übergab. Dabei übergab er auch die Präsidentschaft des IK an seinen Wiener Kollegen Hofrat Dr. Wilhelm Mutschlechner. Er verstarb am 26. Januar 1973.
In dieser ersten Lebensphase entsprach der IK einem relativ intimen Zirkel mehrheitlich europäischer Schulen. Unter dem kulturell und geisteswissenschaftlich orientierten Präsidenten Barthel wurde vor allem das kulturelle Erbe Gutenbergs und der Druckerzunft hoch gehalten. Daneben befassten sich die meist noch jungen Schulen, die Leipziger Meisterschule konnte aus politischen Gründen nicht am IK teilnehmen, mit der Anerkennung als höhere Lehranstalten. Dies war von Bedeutung, da nach dem Kriegsende 1945 in Europa neue Ausbildungsstrukturen geschaffen werden mussten, welche unter den verschiedenen Ländern verglichen und teilweise aneinander angepasst wurden. Die damaligen Mitglieder des Kreises fühlten sich gemäss dem Druckerzunftgedanken kameradschaftlich verbunden. Das erste Treffen nach der Gründung fand 1958 anlässlich der dritten Drupa in Düsseldorf statt. Anschliessend trafen sich die Mitglieder im Rahmen der verschiedenen Schulen, 1960 in Amsterdam, 1961 in Stockholm, 1962 in Milano, 1963 in Wien, 1964 in Berlin, 1965 in Kopenhagen, 1966 in München, 1967 in Paris, 1968 in Stuttgart, 1969 in London und 1970 in Wien. In einem fast durchwegs gehaltenen Jahresrhythmus wurden die damaligen Mitgliedschulen besucht, was den Austausch von Informationen und Vergleiche vor Ort erlaubte. Dabei wurden auch immer Unternehmen der grafischen Industrie und ihrer Zulieferanten, sowie kulturelle Institutionen besichtigt. An der 8. Konferenz, 1965 in Kopenhagen wurde zudem beschlossen, den IK auch auf Schulen amerikanischer und osteuropäischer Länder auszudehnen.
Anlässlich des Wiener Treffens im Jahre 1970 übergab der in den Ruhestand getretene Gustav Barthel das Präsidium des IK offiziell seinem Wiener Kollegen Hofrat Dr. Wilhelm Mutschlechner. Dieser kam aus einer anderen Berufsrichtung als sein Vorgänger. Nach einem Studium der Chemie und Philosophie mit Physik als Nebenfach, führte ihn der 2. Weltkrieg in die Gebiete der chemischen Analytik und der mechanischen Prüfung. Nach Kriegsende nahm er seine Doktorarbeit über eine photochemische Reaktion wieder auf und beendete diese 1947 als Assistent der Versuchsanstalt an der “Graphischen“ in Wien. Anfang 1948 wurde er Vertragslehrer und 1955 übernahm er die Leitung der Versuchsanstalt. 1964 wurde er zum Direktor der “Graphischen“ gewählt.
Neben schulpolitischen und Anerkennungsfragen, welche stark von den Gesetzen der einzelnen Länder abhingen, kamen nun auch vermehrt technische Themen zur Sprache. So wurde an der 14. Konferenz 1973 in Gent auch eine engere Zusammenarbeit zwischen den Schulen und den drucktechnischen/fotografischen Forschungs- und Prüfungsinstituten der entsprechenden Länder angeregt, welche in der International Association of Research Organizations for the Information, Media and Graphic Arts Industries (IARIGAI) vereinigt waren. In einigen Ländern, wie beispielsweise Österreich, waren diese in die Schule integriert. In anderen Ländern, wie der Schweiz, waren beide voneinander unabhängige Institutionen, welche jedoch in technischen Bereichen eng zusammen arbeiteten. In anderen Ländern wiederum schwankte das Verhältnis zwischen hartem Konkurrenzdenken und totaler gegenseitiger Nichtbeachtung. Solche Situationen bestanden unter anderem in Deutschland und Belgien. Frucht dieser Überlegungen war eine gewisse Interessengemeinschaft zwischen dem IK und der internationalen Organisation der grafischen Forschungsinstitute IARIGAI.
1977 trafen sich die Mitglieder des IK anlässlich der Drupa zur 15. Konferenz in Wuppertal.
In diesem Jahre gab sich der IK offizielle Statuten als nicht registrierte freie Vereinigung. Diese formulierten auf grosszügige Weise die üblichen Regelungen, wie Name und Sitz, Zweck, Mitgliedschaft, Finanzierung, Mitgliederkonferenz und Vorstand des IK.
Weitere Mitgliederkonferenzen fanden 1978 in Lausanne, 1979 in Zagreb (im damaligen Jugoslavien, einem Land des Ostblocks), 1981 in Italien (Verona und Torino) und 1982 wiederum in Lausanne statt, wo die esig+, die Schweizerische Ingenieurschule für Druck und Verpackung mit einem Europäischen Kolloquium “Drucken heute und morgen“ ihr 10-jähriges Bestehen feierte. Bei dieser Gelegenheit trat Präsident Wilhelm Mutschlechner von seinem Amt zurück, um sich auf seinen 1983 eintretenden Ruhestand vorzubereiten. Als dritter Präsident in der Geschichte der IK wurde der Direktor der Lausanner Schule Professor Antonio Abbondio gewählt.
An diesem Lausanner Treffen Ende Oktober 1982 wurden auch das 25-jährige Bestehen des IK, die ersten 10 Jahre der esig+, sowie das 30-jährige Jubiläum der Ugra, des schweizerischen Vereins zur Förderung wissenschaftlicher Untersuchungen in der grafischen Industrie, gefeiert. Es waren drei feierliche Festakte an denen auch die Behörden von Bund, Kanton Waadt und der Stadt Lausanne, sowie zahlreiche Industrievertreter teilnahmen. Zu diesem Anlass wurde dem zum Ehrenpräsidenten des IK erkorenen Wilhelm Mutschlechner eine Gedenkschrift über die ersten 25 Jahre des IK überreicht, in welcher sich alle damaligen Mitgliedschulen auf originelle Art vorstellten.
Das Vorhaben, die nächste Mitgliederkonferenz an der Technischen Universität in Rochester (USA) durchzuführen scheiterte an der schwierigen wirtschaftlichen Lage zu Beginn der 80er Jahre. So fand die 20. Mitgliederkonferenz im Mai 1985 wiederum in Lausanne statt, zusammen mit dem European Colloquium “Druckweiterverarbeitung heute und morgen“ der esig+. Als Novum wurden zwei themenspezifische Arbeitsgruppen gebildet, welche durch Mitglieder des IK geleitet wurden, wobei Spezialisten aus der eigenen oder anderen Schulen mitwirken konnten. Dadurch entstanden aktive Verbindungen zu den Fachspezialisten der einzelnen Schulen, sodass die Arbeitsbasis des IK stark erweitert und auf ausgewählte Ziele gerichtet werden konnte. So wurde es auch möglich, internationale Projekte mit Beteiligung mehrerer Schulen einzureichen und durchzuführen. Die erste Arbeitsgruppe befasste sich mit der Ausbildung im Gebiete der neu aufkommenden elektronischen Datenverarbeitung (EDV) und sollte den einzelnen Schulen helfen, dieses für die meisten neuartige Gebiet richtig und effizient anzugehen. Leiter dieser Gruppe waren Prof. Dr. Klaus Tradowsky aus Berlin und Dozent André Van Huffel aus Gent. Die zweite Arbeitsgruppe unter der Leitung von Prof. Christian Schade aus Wuppertal widmete ihre Tätigkeit der Tiefdruck-Verfahrenstechnik und dem entsprechenden Wandel in der Ausbildung. Beide Arbeitsgruppen begannen ihre mehrjährige fruchtbare Tätigkeit mit der Aufnahme des Istzustandes in den Schulen mit Hilfe eines Fragenkatalogs.
Die 21. Mitgliederkonferenz fand im Mai 1986 anlässlich der Drupa in Düsseldorf statt. Dabei organisierte der Tiefdruck-Arbeitskreis ein Fachtreffen des IK mit Spezialisten der European Rotogravure Association (ERA), der Gravure Education Foundation (GEF) und der amerikanischen Gravure Technical Association (GTA), welche zur Drupa nach Düsseldorf gekommen waren.
Im Mai 1988 wurden die IK-Mitglieder wiederum zu einer Jubiläumsfeier eingeladen. Die “Graphische“ in Wien war 100 Jahre alt geworden und der IK-Präsident hatte die Ehre die Festansprache zu halten. Dabei kamen auch die Tätigkeiten der beiden Arbeitsgruppen nicht zu kurz und es wurde beschlossen, den symbolischen Jahresbeitrag von 50 CHF pro Schule zu offizialisieren. Dies gestattete der Mehrheit der Schulen gegenüber ihren Behörden die Zugehörigkeit zum IK nachzuweisen und entsprechende Spesenanträge anzumelden.
Die 23. Mitgliederkonferenz fand im Mai 1990 gleichzeitig mit der Drupa in Wuppertal statt. Neben den Tätigkeitsberichten der beiden Arbeitsgruppen wurde die gegenseitige Anerkennung von Ingenieurdiplomen (Europa-Ingenieur für “Europa92“) behandelt und eine Arbeitsgruppe unter der Leitung von Prof, Dr. H. Liebetruth aus Wuppertal gebildet. Zudem wurde auf Anregung von Prof. Page Crouch von der Clemson University (USA) eine Arbeitsgruppe zur Entsorgungsproblematik in der Druckindustrie vorgeschlagen. Auch fand ein Galadiner der GEF mit Ehrung der Preisgewinner des Studentenwettbewerbs für Tiefdruck statt.
An der 24. Mitgliederkonferenz im Mai 1992 in der neu erbauten Schule in Gent (B), wurde zunächst beschlossen, die bisherige Broschüre zur Vorstellung der Mitgliedschulen durch eine schneller aktualisierbare Loseblattsammlung zu ersetzen. Die Möglichkeit, sich am europäischen Projekt des Training Simulators PrintSim des Technical Research Center of Finland (VTT) zu beteiligen wurde von verschiedenen Mitgliedschulen ergriffen. Die Arbeitsgruppe Tiefdruck präsentierte das Pflichtenheft für eine Tiefdruck-Laborversuchsmaschine und entsprechende Alternativvorschläge. Die Arbeitsgruppe Informatik und Druckvorstufen-Vernetzung hatte Ausbildungsmaterial für PostScript und die zugehörige Programmierung ausgearbeitet. Die Arbeitsgruppe Europa-Ingenieur gab sich eine Untergruppe zum Thema der Mehrsprachigkeit an den Schulen. Anschliessend reisten einige Teilnehmer von Gent nach Paris zur TPG’92.
Auch das Programm der 25. Mitgliederkonferenz im April 1994 in Torino und Verona war gut ausgelastet. Themen waren wiederum ein Simulationstrainer für Rotationsdruckmaschinen (SIR). Eine weitere Simulation betraf die Gebiete der Produktionsplanungssteuerung (PPS) sowie der Fabrikplanung, welche in Leipzig entwickelt wurde. Auch bei der aktuellen Dokumentierung der Schulen und bei der Einführung von mindestens einer Fremdsprache sowie beim Studentenmobilitätsprogramm und der gegenseitigen Anerkennung der Studienleistungen waren Fortschritte zu vermerken. Schliesslich wurde Prof. Dr. Hartmann Liebetruth aus Wuppertal zum 4. Präsidenten des IK gewählt. Antonio Abbondio hatte bereits zuvor seinen Rücktrittswunsch geäussert und wurde einstimmig zum Ehrenpräsidenten gewählt.
Als Wirtschaftswissenschafter setzte sich Hartmann Liebetruth vor allem für die Betriebswirtschaftslehre der Druck- und Verlagsindustrie ein, unter Einbezug der Kosten- und Leistungsrechnung. Die 26. Mitgliederkonferenz im Mai 1995 fand wiederum in Wuppertal, parallel zur Drupa’95 statt. Gleichzeitig erfolgte auch das Jahrestreffen des 1992 in Lausanne gegründeten “Regroupement Européen des étudiants de l’industrie graphique“ (Reéig), einer Studenteninitiative. Dies bot Gelegenheit zu fruchtbarem Gedankenaustausch über Studienortswechsel, Hochschulkooperationsprogramme und Arbeitsperspektiven nach erfolgtem Studium. Aus dem europäischen Erasmus-Programm war inzwischen das umfassendere Sokrates-Programm der EU entstanden. Die Adressliste des IK umfasste nun bereits über hundert Schulen und Institutionen. Zur Konferenz hatten sich über 80 Teilnehmer eingefunden.
Zur 27. Mitgliederkonferenz trafen sich die Teilnehmer im Mai 1996 in Eindhoven, Amsterdam und Tilburg (NL). Das Arbeitsprogramm bestand zur Hauptsache aus Referaten von Vertretern der Schulen und Zulieferanten.
Auf Einladung von Prof. Dr. Alexander Zyganenko, dem Leiter der Staatlichen Akademie für das Druckwesen fand die 28. Mitgliederkonferenz Ende Mai 1997 in Moskau statt. Neben zahlreichen Besichtigungen erhielten die Teilnehmer auch einen Einblick zur Lage der russischen Druck- und Verlagsindustrie.
Noch weiter entfernt war die 29. Mitgliederkonferenz im August 1998 in Buenos Aires (Argentinien).
Schlag auf Schlag folgten sich nun die Mitgliedskonferenzen im Mai 1999 in Stockholm (S), im April 2000 in Wuppertal, Ende Mai 2001 in Sankt Petersburg (Russland), im November 2002 in Stuttgart, 2003 in Taschkent, 2004 zur Drupa’04 in Düsseldorf, 2005 im Mai in Lviv (Ukraine) und im Oktober in Hefei (China) sowie im November 2006 in Manipal (Indien). Bei dieser bisher letzten Mitgliedskonferenz wurde Prof. Dr. Wolfgang Faigle aus Stuttgart zum 5. Präsidenten des IK gewählt. Der abtretende Präsident Hartmann Liebetruth wurde dabei einstimmig zum Ehrenpräsidenten gewählt.
Als Programmschwerpunkte dieser Mitgliedskonferenzen können beispielhaft die für 2002 in Stuttgart vorgesehenen Ziele erwähnt werden: Schaffen einer Plattform für Wissensaustausch und interkulturellen Austausch, Vorstellung der Schule, der wichtigen Druck- und Lieferantenbetriebe, sowie der Region der Gastgeberschule und freundschaftliche Kontaktpflege, unter Einbezug der Dozenten und Studierenden. Bemerkenswert ist die unter Hartmann Liebetruth erfolgte Öffnung des Kreises zu den Grenzen Osteuropas sowie die Präsenz des IK in China.
Während den ersten 50 Jahren seines Bestehens entstanden dank dem IK viele weltweite persönliche freundschaftliche und kameradschaftliche Kontakte, welche teilweise auch nach dem Austritt aus dem Berufsleben weiterbestehen. Wichtig sind auch die Möglichkeiten für Austausch und Zusammenarbeit, welche den meisten Mitgliedschulen zu Ansehen und Erfolg weit über die eigenen Landesgrenzen verhalfen.
Der IK hat im Oktober 2007 an seinem Gründungsort in Lausanne anlässlich seiner 39. Mitgliederkonferenz sein 50-jähriges Bestehen gefeiert. Gastgeberin war die „Haute Ecole d’Ingénierie et de Gestion du Canton de Vaud“ (heig-vd) eine Teilschule der grossen Fachhochschule der Westschweiz (hes-so) in der die ehemalige esig+ als Abteilung für Kommunikation aufgegangen ist.
Antonio Abbondio