Redaktion Zukunft

Surfen nicht nur auf der Mur

27.01.2010

Graz soll IT-Hauptstadt Österreichs werden. Als ersten Schritt soll es in der Murmetropole öffentliches WLAN geben.

Beim Warten auf die Straßenbahn Verkehrsmeldungen lesen, auf dem Nachhauseweg über das abendliche Fernsehprogramm informieren, im Freibad checken, wie das Wetter wird - alles online, alles kostenlos. Nach der finnischen Stadt Oulu und Luzern in der Schweiz will nun auch Graz, die zweitgrößte Stadt Österreichs, seinen etwa 250.000 Einwohnern öffentlichen und kostenlosen Internetzugang anbieten.

Der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl gab Internetfans im Juni 2007 jedenfalls Grund zur Freude. Es sollten zumindest rund um die Universität, am Hauptbahnhof und im Stadtpark WLAN-Zonen errichtet werden. Nagl ging sogar weiter: "Letztlich sollte unser Ziel sein, eine flächendeckende Versorgung in Graz anzubieten."

Die lokale ÖVP hatte bereits 2006 den Wunsch geäußert, Graz zur "Stadt der Internet-Surfer" (O-Ton JVP) zu machen. Der entsprechende Antrag wurde vom Gemeinderat damals ohne gröbere Streitigkeiten abgesegnet. Der politische Gedanke dahinter: Wenn Graz IT-Hauptstadt Österreichs ist, werden sich internationale aber auch heimische IT-Unternehmen eher hier ansiedeln als etwa in Wien.

Ja zu WLAN, Nein zu neuen Schulden

Im letzten Sommer gab es vorerst grünes Licht zum WLAN-Projekt: Bis Ende 2009 hätten 150 Hotspots in der Grazer Innenstadt installiert werden sollen. Umgesetzt wurde das Vorhaben bisher nicht. Was war passiert?

Im Zuge der politischen Diskussion hatten sich die Grazer Regierungsparteien ÖVP und Grüne bereits 2006 darauf geeinigt, WLAN flächendeckend kostenlos anzubieten. Für die Stadt Graz, die bereits jetzt auf einem Schuldenberg sitzt, sollten allerdings keine zusätzlichen Kosten (d. h. Schulden) entstehen.

Also ging die Suche nach Investoren los, die auch jetzt noch läuft. "Es sind einige Interessenten da. Eine Entscheidung wird voraussichtlich noch im ersten Halbjahr 2010 fallen", beschreibt ÖVP-Gemeinderat Dominic Neumann die derzeitige Lage. Erst wenn Geld da ist, kann auch mit der Planung begonnen werden. Wann genau die ersten Hotspots in Graz stehen werden, kann auch der Insider derzeit noch nicht mit Sicherheit sagen.

Die technische Basis dafür ist bereits vorhanden. Über 700 Kilometer Glasfaserkabel, an die die Hotspots letztendlich angeschlossen werden sollen, liegen entweder unter den Straßen von Graz oder sind in die Oberleitungen der Straßenbahnen integriert. "Die Stadt Graz war in den 90er Jahren sehr vorausschauend, bei Bauarbeiten wurden Glasfaserkabel gleich mitverlegt. Daher haben wir eine hervorragende Ausgangssituation", sagt Neumann.

Damit fällt bereits das Teuerste an der Errichtung der WLAN-Infrastruktur weg. Doch ganz billig wird das Projekt trotzdem nicht. Pro Hotspot rechnet man inklusive der benötigten Hardware mit Installationskosten von 1.500 - 2.000 Euro. Grob gerechnet fallen zusätzlich noch 50.000 Euro für das so genannte "Back End", also Servertechnik, an.

WLAN-Strahlen - gefährlich oder nicht?

Kritik am WLAN-Projekt in Graz gibt es nach wie vor. Unter anderem meldete sich die Grazer Landschaftsplanerin Maria Baumgartner zu Wort. Sie machte darauf aufmerksam, dass etwa in Paris Hotspots aufgrund gesundheitlicher Beschwerden einiger Mitarbeiter wieder aus öffentlichen Gebäuden entfernt wurden.

In Österreich sind die Grenzwerte für elektromagnetische Strahlen, zu denen auch WLAN gehört, gesetzlich festgelegt. "Diese Grenzwerte sind so niedrig angesetzt, dass sie Gesundheitsbeeinträchtigungen ausschließen sollen. Sie werden auch bei WLAN Access Points mit großem Abstand eingehalten", erklärt Professor Norbert Leitgeb von der TU Graz. Er beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit der biologischen Wirkung elektromagnetischer Felder und kann die Besorgnis der Kritiker nicht teilen.

Bei den Strahlen, die von den Hotspots ausgehen, handelt es sich um nicht ionisierende Strahlen. Sie seien - im Gegensatz zu den Röntgenstrahlen - aufgrund mangelnder Strahlungsenergie gar nicht in der Lage, Moleküle zu verändern oder chemische Verbindungen zu beeinflussen.

Die Beschwerden der Pariser Mitarbeiter kann der Wissenschaftler allerdings nachvollziehen. "Versuche haben gezeigt, dass Menschen sehr massiv auf den Glauben reagieren, dass ein Feld vorhanden ist. Psychosomatik spielt hier eine wesentliche Rolle", erklärt Leitgeb.

Autoren: Maresa Mayer und Jochen Hencke

Die Macher

Gast Student, Student Audiovisuelle Medien (Bachelor) (01.03.2001 - 01.03.2005)

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