Terror und Medien - Teil 4 12. September 2009
Verwirrung, Verunsicherung und echte Gefahren
Zur Verwirrung um Urheber und Motive tragen falsche Bekennerschreiben und die weltweite Verzweigung von Terrorgruppen bei. Die daraus entstehende Unsicherheit ist nur eine der Gefahren für westliche Gesellschaften.
Abu Siaf, Osama Bin Laden, Al Sarkawi, Carlos, Abu Nidal, Al Sawahiri, Mullah Dadullah etc., etc. Die Namen von Terrorgruppen, die in den Medien erwähnt werden, sind so vielfältig wie die Namen ihrer Anführer. Es ist ein Leichtes, bei den Recherchen in den Medien verwirrt zu sein: Häufig stößt man auf unterschiedliche Namen bei Fotos, die die gleichen Personen darstellten. Bei den Rezipienten trägt dies zur Verunsicherung bei der Beurteilung des Terrorismus bei.
Unsicherheit durch Falsche Bekenner und Trittbrettfahrer
In der Folge von Anschlägen fällt Ermittlern die schwierige Aufgabe der Reliabilitätsprüfung von Bekennerschreiben und -videos sowie im Internet aufgespürten Ankündigungen für Terrorakte zu. Auch bekennen sich bislang unbekannte Gruppierungen zu bereits durchgeführten Anschlägen oder Aktionen. Doch nicht immer sind die Bekenner die künftigen oder tatsächlichen Verantwortlichen - sie könnten auch Trittbrettfahrer sein.
Die Möglichkeiten, sich zu bekennen, sind so vielfältig wie das Angebot an Medieninhalten. Von Briefen über Anrufe, von Videos bis hin zum Blogeintrag oder jüngst der Möglichkeiten von Andeutungen beim Microblog Twitter, wurden im Laufe der Geschichte des Terrors schon alle Medienkanäle genutzt und es werden weitere folgen. Doch was bringt Menschen dazu, sich zu Verbrechen zu bekennen, die sie nicht begangen haben? Bekennerbotschaften dienen, so meinen Experten, zuvorderst dem Zweck, Gleichgesinnte aufmerksam zu machen und deren Sympathien zu wecken. Passt ein terroristischer Akt zu der Ideologie einer Organisation, ist es für diese durchaus von Vorteil, sich diesen auf die eigenen Fahnen zu schreiben: Sämtliche Medien stürzen sich unmittelbar nach dem Bekanntwerden eines Bekennerschreibens auf diese Nachricht. Selbst wenn die tatsächliche Verantwortung durch weitere Ermittlungen widerlegt wird, wurde der Anteil am ‚Ruhm' durch den Medienrummel abgeschöpft. Falsche Bekenner oder Trittbrettfahrer wollen also bekannt werden. Denn die Widerlegung der Beteiligung einer Person oder Organisation an einem Terroranschlag ist für die meisten Berichterstatter nicht halb so interessant wie der erste Verdacht.
Solche Probleme machen die ohnehin komplexe Unterscheidung zwischen echt und unecht für die Anti-Terrorexperten nicht einfacher und nur genaueste Prüfungen, Vergleiche, Analogien, Recherchen und Expertisen lassen die Echtheit einer Internet-Botschaft bestätigen. In der Wahrnehmung der Rezipienten können jedoch mehrfache Meldungen von falschen Bekennerschreiben das Vertrauen in die Fahndungsbehörden untergraben oder die Terrorakte mit ihrem Schrecken selbst relativieren. Bei den Rezipienten entsteht damit Unsicherheit über die Urheber, die Motive und die Fähigkeit der Fahnder.
Gefahren des Cyber-Terrorismus
Die aktuelle intensive Nutzung der vernetzten Welt und ihrer Kommunikationsplattformen durch Terroristen sowie die extensiven Ausbaumöglichkeiten der konspirativen Informationen und Botschaften über die mobilen Medien bergen tatsächlich steigende Gefahren. Neben der psychologischen Medienkriegsführung mit agitativer Propaganda, die Teile von ethnischen oder religiösen Minderheiten in den westlichen Ländern irritieren kann, besteht vor allem für labile Staaten im Nahen und Mittleren Osten die Gefahr der Destabilisierung. Eine Anfälligkeit für dschihadistische Propaganda und Rekrutierungserfolge besteht überall dort, wo weite Teile der Bevölkerung und insbesondere Jugendliche in der westlichen Kultur ein Feindbild sehen.
In diesen Ländern können Agitation und Propaganda rasch zur Mobilisierung von Massen führen, die bestehende Machtverhältnisse ins Wanken bringen. Dazu gehören beispielsweise Länder wie Afghanistan, Pakistan, Libanon, Palästina, Sudan, Irak, Tschetschenien, Algerien, etc., in denen innergesellschaftliche Konflikte geschürt werden oder auch die positive oder neutrale Haltung einer Regierung gegenüber dem Westen in Zweifel gezogen oder untergraben werden kann. Einen Geschmack davon gab 2006 der im Kern banale Streit um die Mohammed-Karikaturen einer dänischen Zeitung, der in islamisch geprägten Ländern zu Massendemonstrationen, der Belagerung von westlichen Botschaften und dem Verbrennen dänischer und anderer europäischer Flaggen führte.
Erhöhte Wachsamkeit angebracht
In den westlichen Ländern selbst bergen die Meinungs-, Glaubens- und Religionstoleranz, eine defensive Rechtsstaatlichkeit und der Kulturrelativismus, der die Werte der Aufklärung vernachlässigt, die Gefahr der apaisierenden Verharmlosung, beispielsweise von islamistisch-konspirativen, ausbaufähigen Organisationsstrukturen im Netz und in der realen Welt. Konkreter ausgedrückt bedeutet der Cyber-Dschihad jedoch, "dass aus den internationalen Datennetzen die Terroristen beispielsweise die Energieversorgung, die Telekommunikation, die Verkehrssysteme sowie den Bahn- und Flugverkehr lahm legen könnten oder Regierungs- und militärische Schaltstellen, Polizei und Rettungseinrichtungen ausgeschaltet werden könnten." (Spiegel Online, 2005) Bereits vor vier Jahren hat der damalige Bundesinnenminister Schily vor Computerangriffen durch Terroristen gewarnt und geraten, die Bemühungen, um eine höhere Sicherheit der IT-Struktur in Deutschland zu verstärken.
Nach den jüngsten Drohungen der Al-Qaida gegen Deutschland im Vorfeld der Bundestagswahl warnen die Geheimdienste deutsche Institutionen und Unternehmen im In- und Ausland vor Terrorattacken und gemahnen zu erhöhter Wachsamkeit, die inländischen die Sicherheitsbehörden sind alarmiert. Eines jedenfalls scheint sicher: Die Bedrohung durch den Cyber-Terrorismus ist für Europa, Deutschland und die USA, mithin die westlichen Gesellschaften, in den letzten Jahren mitnichten geringer geworden.
Auch, wenn der Blickwinkel dieser hiermit abgeschlossenen Artikelfolge manchen Lesern ungewöhnlich und provozierend erscheint: Die Ansicht, dass Terroristen mittlerweile die Instrumente der Markenbildung teilweise beherrschen und einsetzen, ist nicht mehr zu negieren. Die angewandten Methoden und verbreiteten Inhalte werden in ihrer Wirkung nur noch heimtückischer und gefährlicher.
Franco RotaBroder, H. , Segner, H.-E. (Red.): Terror: der Krieg des 21. Jahrhunderts, Hamburg 2004
Bundesministerium des Inneren: Verfassungsschutzbericht 2008 (vorl. Fassg.)
Elter, A.: Propaganda der Tat, Frankfurt/M. 2008
Glaab, S.: Medien und Terrorismus - Auf den Spuren einer symbiotischen Beziehung, Berlin 2007
Kneschke, R.: Medien als Waffe - Zum Verhältnis von Medien und Terrorismus nach dem Irakkrieg 2003, Norderstedt 2004
Syrek, M.: Die gesellschaftliche Konstruktion von Unsicherheit: Unsicherheit, Medien und Terrorismus, Norderstedt 2009
Terror.net: Online-Terrorismus und die Medien, Telepolis, 15.07.2004
Weidenfeld W. (Hrsg.): Herausforderung Terrorismus: die Zukunft der Sicherheit, Wiesbaden 2004
Weinhauer, K./ Requate, J. / Haupt, H.G (Hg.): Terrorismus in der Bundesrepublik, Frankfurt/M. 2006
Zwischen Sensationslust und Chronistenpflicht, Medienheft 21, Juni 2004
Was bedeutet Terrorismus?
Unter Terrorismus verstehen wir in westlich geprägten Ländern jede Form von öffentlichkeitswirksamer physischer und psychischer Gewalt, die von verdeckt oder konspirativ operierenden Gruppen geplant wird und sich aus politischen, wirtschaftlichen, religiösen, ethnischen oder auch sozialen Gründen, gegen Menschen, symbolträchtige Institutionen und Einrichtungen sowie Sachen richtet. Sie hat das Ziel, eine bestehende staatliche oder gesellschaftliche Ordnung im Sinne der terroristischen Gruppierung zu beeinträchtigen, zu destabilisieren oder zu beseitigen. Ein weiteres wichtiges Ziel ist das Verbreiten von Angst und Schrecken in weiten Teilen der Bevölkerung.
Erst in den letzten 40 Jahren hat sich der Terrorismus durch die Entwicklung der Mediengesellschaft zu einer inszenierten und medial inszenierbaren Form von Gewalt entwickelt, die einer breiten Öffentlichkeit bewusst wurde. Die Gewaltbereitschaft und Gewalttätigkeit der Terror-Gruppen hat dabei in den letzten Jahren stark zugenommen, eine Rücksichtnahme auf zivile Opfer findet nicht statt.
Als Terror wird jeder Handlungszusammenhang bezeichnet, der dem Begriff Terrorismus zuzuordnen ist; als Terrorakt benennt man jede von diesen Gruppen vollbrachte Tat. Unterschieden wird zwischen physischem (körperlichem) und psychischem (mentalem) Terror, wie also z.B. einem Anschlag und seiner Ankündigung.
Wichtige Typen des Terrorismus
Sozialrevolutionärer Terrorismus
Ziel: Veränderung der bestehenden Gesellschaftsordnung mit ideologisch, meist marxistisch-leninistischem Hintergrund. In den 1970er und -80er Jahren waren die wichtigsten Gruppierungen die RAF (Deutschland), Rote Brigaden (Italien), jeweils mit verschiedenen Terror-Zellen.
Nationalrevolutionärer Terrorismus
Ziel: Veränderung der bestehenden Gesellschaft im Sinne rechtsradikaler, faschistischer oder nationalsozialistischer Ideen; z. B. ANS (Deutschland 1980er).
Religiöser Terrorismus
Ziel: Durchsetzung einer religiösen Gesellschafts-, Staats- oder Weltordnung
Ethnisch-separatistischer Terrorismus
Ziel: Abspaltung einer ethnischen Minderheit aus einem Staatsverband zur Schaffung einer eigenen politisch kulturellen Identität; z.B. ETA (Baskenland), PKK (Kurdistan), IRA (Nordirland 1970-1990), Polisario (West-Sahara).
Häufig bestehen diese Typen aus Mischformen, da die Ideologien der Gruppen häufig verwirrende Vermengungen verschiedener 'reiner Lehren' sind, über die die Terroristen die alleinige Deutungshoheit beanspruchen. Radikale Sympathisanten und Extremisten bezeichnen Terrorgruppen auch als 'Freiheitskämpfer'.
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