Logo der HdM
Artikel per Mail verschicken

Antike Mythologie, Teil 4 von 4 03. April 2012

Fortbestehen der antiken Mythen


Zurück zu Seite: 1 2

Die Antike in der Sprache

Auch im Alltag trifft man in allen westlichen Sprachen noch heute auf eine ganze Reihe von Begriffen, Namen oder auch Wortwendungen, die einen Zusammenhang zur Antike herstellen und übertragen verwendet werden, wie beispielsweise im Deutschen:

  • Eulen nach Athen tragen (etwas Selbstverständliches/Bekanntes fordern/sagen
  • Die Büchse der Pandora öffnen (etwas Ungewolltes, Unkontrollierbares bewirken)
  • Eine Odyssee hinter sich haben (einen sehr langen, schwierigen Weg zurücklegen)
  • Auf dem Bett des Prokrustes liegen (auf dem Bett eines Unheilbaren liegen)
  • Vom Pfeil des Amor getroffen worden sein (unbändig verliebt sein) 
  • Seine Achillesferse in .... haben (seinen wunden Punkt haben in .... )
  • Das Damoklesschwert über sich haben (eine bedrohliche, fatale Situation gegenwärtigen)
  • Den Gordischen Knoten lösen wollen (etwas Unlösbares, Schwieriges bewerkstelligen wollen) 
  • Eine Speise für die Götter essen (etwas sehr Delikates zu sich nehmen)
  • Ambrosia für die Seele sein (etwas haben oder gebrauchen, das eine göttliche Befriedigung oder Wohlergehen auslöst)
  • Die Auspizien stehen schlecht oder gut (Die Aussichten für Handlungen sind...) 
  • Eine Leistung ist ‚olympisch‘ (eine Leistung ist über die Maßen auszeichnungswürdig) 
  • Das ist ein Trojanisches Pferd (wenn eine Sache nicht scheint, was sie ist; siehe ‚Trojaner‘ in der Elektronik)
  • Einen Augiasstall aufräumen (wird dort gebraucht, wo Unordnung zum Himmel stinkt)
  • Mit Argusaugen auf etwas/jmd. achten (etwas/jdm. mit besonderer Aufmerksamkeit beobachten)

Diese Beispiele ließen sich fast beliebig verlängern und auch im Französischen, Italienischen, Englischen oder Spanischen würde man fündig.

Überzeitliche Mythen: Titanen- und Prometheus-Mythos

Titanenkampf; P.P. Rubens; Musee des Beaux Arts, Brüssel

Sogar die Mythen der Frühantike haben noch ein Nachleben, denn gerade kommt die Fantasy-Verfilmung der 'Zorn der Titanen' in die Kinos. Der Begriff der 'Titanen', jener allmächtigen, grobschlächtigen Götterfamilie vor den Olympiern, zeigt: Ein Schiff wie die ‚Titanic‘, sollte allein durch seine Namensgebung den Naturgewalten trotzen - und scheiterte kläglich an einem Eisberg. Der Titanen-Mythos, nämlich dass der Mensch die Götter nicht heraus zu fordern habe, weil diese die Naturgewalten beherrschten, wurde also einmal mehr bestätigt und der Mensch folglich gestraft. Selbst, wenn wir glauben, dass wir alle unsere Ideen technisch umsetzen und uns so die Natur zu Untertan machen und sie beherrschen könnten, scheitern wir an uns selbst oder der Technik, die wir entwickelt haben: durch Havarien, Defekte, Untergänge.

Prometheus auf einer früheren Briefmarke

Sich als Mensch gegen die Götter zu vergehen, deren Strafe auf dem Fuße folgt, wird durch den Prometheus-Mythos erklärt - ein Lehrstück für das Einfordern von Frömmigkeit, die den antiken Menschen prägte und dem Christenmenschen heute noch häufig zueigen ist. Prometheus, der Held und Halbgott aus dem Titanengeschlecht, stahl den Göttern das Feuer und brachte es den Menschen, die dieses seither selber machen können (siehe eben die modernen Streichhölzer und Feuerzeuge). Zur Strafe für den Verrat am Wissen der Götter fesselte Zeus den Menschenfreund Prometheus an das Kaukasus-Gebirge, wo der Adler Ethon ihm täglich von seiner Leber pickte. Die Leber jedoch erneuerte sich immer wieder, denn Prometheus ist unsterblich, und muss seine Strafe auf ewig erdulden.3  Und vermutlich hängt Prometheus noch immer dort, als Warnung für den Menschen, die Götter nicht herauszufordern oder zu verraten.

Neben diesen beiden großen Mythen ist die Menschheit weiteren unterworfen, z.B. dem Orion-Mythos, der das ewige Streben nach Erfüllung von Zielen und Wünschen symbolisiert. Der Jäger Orion, Sohn des Poseidon wurde von Zeus zur Strafe für seine zu ausgeprägte Hartnäckigkeit (Ehrgeiz), mit der er Ziele verfolgte, als Sternbild an den Himmel gebannt. Er jagt noch immer seinen begehrten, jungfräulichen Plejaden hinterher, bis in alle Ewigkeit.4

Auch der kluge Held Sisyphos, der meinte, den Tod (Hades/Pluto) überlisten zu können, wurde von den Göttern dazu verdammt, im Jenseist einen Felsen auf einen Berggipfel rollen zu müssen. Kurz vor dem Ziel rollt der Fels jedoch zurück und der Held wiederholt seine Aufgabe weiterhin durch die Jahrtausende. Eine Sisyphus-Arbeit ist seither Sinnbild für alle sinnlosen menschlichen Anstregungen, so weise und wissend werden zu wollen wie die Götter - ein Ziel das nie erreicht werden wird.

Opfer des Ur-Mythos Eros?

Junges Mädchen, das sich gegen Cupido wehrt; W.Bouguereau, Getty Museum, Los Angeles

Sogar unsere gesamte moderne, zumal die westliche Gesellschaft, scheint einem antiken Bild verschrieben: dem Eros. Kaum ein Bereich des Alltages wird von diesem Bild verschont und das Streben nach individueller Entfaltung und persönlichem Wohlsein (Hedonismus) ist eng mit dem Eros verknüpft: Er findet sich versinnbildlicht als Erotik im Privatleben, im Beruf, in den Medien, in Worten, Bildern, Filmen. In der frühgriechischen Antike war Eros der Ur- und Schöpfungsgott der produktiven Liebe. Erst später, vermutlich durch Sokrates, erfuhr er eine interpretative Wendung zur Leidenschaft und des Begehrens.5 Dem mythischen Gott Eros entsprach in der römischen Mythologie der Gott Amor, oft auch als Cupido bezeichnet.

Vom Begriff Erotik unterscheidet sich übrigens der christliche Begriff der Agape, der sich - ganz der Glaubenslehre folgend - auf die nur geistige Zuwendung und Nächstenliebe bezieht. In der freudianischen Psychologie bezeichnet Eros den Lebens- und Liebestrieb (im Gegensatz zu Thanatos, dem Zerstörungs- und Destruktionstrieb des Menschen), wobei Freud dem ersteren aus wissenschaftlichen Gründen den Namen Libido gibt und ihm ein Übergewicht über den Destruktionsmythos einräumt.6

Putten in Dompfarrei, St. Blasien

Eros bzw. Amor ist eine der antiken Götterfiguren, die uns über die Jahrhunderte begleiten, vor allem seit der Renaissance: Sowohl in der Malerei, den Fresken oder den Plastiken feiert die Figur fröhliche Urständ und ist eines der häufig verwendeten Motive der Antikendarstellung. Beide Götter, der griechische wie der römische, schossen Pfeile auf die Menschen und lösten bei Männern wie Frauen das körperliche Begehren auf einen oder mehrere Partner aus. So gesehen sind wir eine Gesellschaft von Opfern dieses Gottes geworden und immerzu verliebt, gleich auf wen oder was. Eros/Amor galt zudem als ewig jugendlicher Gott, dem unser Jugend- und Schönheitswahn zupass kommt. Die Amorvorstellungen und -bilder können auch als gestalterisches Vorbild für die christlichen Putten gesehen werden, die barocke Kirchen schmücken.

Berg Olymp

Es scheint folglich offensichtlich, dass auch die Gegenwart und die moderne Gesellschaft noch immer den antiken Mythen und Götterbildern folgen, beispielsweise auch in Videospielen und PC-Games. Vielleicht, weil diese auch unbewusst dem Menschen und seinem Treiben näher sind, als manche andere Religion, Philosophie oder Ideologie, die später entstanden. Zeitgenössische Esoteriker haben in verschiedenen Ländern Europas und den USA die antike Mythologie sogar wiederbelebt und daraus eine neue ‚Glaubensrichtung‘ gegründet.7  Nicht allein deshalb gibt es sogar heute noch Menschen, die trotz einer 1500-jährigen Christianisierung, den Berg Olymp in Griechenland hinaufwandern, um dort, am Wohnsitz der antiken Götter, Gaben abzuliefern oder Gebete in Stein zu ritzen. Neben den Esoterikern, die sich mit den Themen der Mythologie und ihren Göttern und Gestalten beschäftigen, erhalten auch in der Medizin und Alternativmedizin esoterisch-religiöse Aspekte mehr und mehr Gewicht oder nehmen Einzug in die deutschen Hochschulen und Universitäten.8

Unter diesen Auspizien hätte die geistige Antike lässig drei Jahrtausende überlebt und scheint auch künftig weiterhin faszinierend.

 

3 Vgl. Tripp: Reclams Lexikon..., op.cit. S.455 f
4 Vgl. Kluckert, op.cot., S.70 f
5 Vgl. Kluckert, op.cit., S.34 f
6 Vgl. Sigmund Freud, Abriß der Psychoanalyse, Frankfurt 1977, S. 12 f
7 Vgl. Timothy J. Alexander: The Gods of Reason, An authentic Theology for Modern Hellenismos, Verlag Lulu.com, 2007 sowie http://de.wikipedia.org/wiki/Hellenismos_(Religion)
8 Vgl. http://www.sueddeutsche.de/wissen/esoterik-an-deutschen-hochschulen-lasst-die-nymphen-tanzen-1.1240704

 

Ende 4. Teil, Ende der Serie

 

Prof. Dr. Franco Rota

 


Zurück zu Seite: 1 2


Literatur & Quellen

Literatur:

  • Timothy J. Alexander: The Gods of Reason, An authentic Theology for Modern Hellenismos, Verlag Lulu.com, 2007
  • Manfred Clauss: Grosse Gestalten der Antike, München 2010 
  • Viktor Engelhardt: Die geistige Kultur der Antike, Stuttgart 1956/1981
  • Gerhard Fink: Who is Who in der griechischen Mythologie, München 2005
  • Sigmund Freud, Abriß der Psychoanalyse, Frankfurt 1977 
  • (o.N.) Herder Lexikon: Griechische und römische Mythologie, Freiburg 1998.
  • Ehrenfried Klunckert: Mythen und Sagen, Köln 2006
  • Hans Lücke / Susanne Lücke: Die Götter der Griechen und Römer, Wiesbaden 2007
  • Bernhard Maier: Lexikon der keltischen Religion und Kultur, Stuttgart 1994
  • Stefan Rebenich: Die 101 wichtigsten Fragen der Antike, München 2006 
  • J. Schäfer: Ökumenisches Heiligenlexikon, Stuttgart 2010 
  • Geo Widengren: Religionsphänomenologie, Berlin 1969
  • Edward Tripp: Reclams Lexikon der antiken Mythologie, Stuttgart 1991 
  • Zeichen & Symbole, Ihre Geschichte und Bedeutung, München 2008

 

Quellen:

 

 

Lesen Sie mehr zu diesem Thema:

Antike Mythologie

Kontakt

Name:
Prof. Dr. Franco Rota  Elektronische Visitenkarte
Funktion:
Prorektor
Studiengang:
Werbung und Marktkommunikation (Bachelor)
Fakultät:
Fakultät Electronic Media
Raum:
201, Nobelstraße 10 (Hörsaalbau)
Telefon:
0711 8923-2001
E-Mail:
rota@hdm-stuttgart.de

Kommentar hinzufügen

Ihr Kommentar


Hinweise zur Kommentarfunktion

Die Redaktion der HdM-Website freut sich über Ihre konstruktiven Kommentare - ob kritisch, lobend oder neutral. Wir behalten uns vor, Beiträge vor der Veröffentlichung zu prüfen und gegebenenfalls zu editieren oder abzulehnen.

Die Prüfung kann in Ausnahmefällen einige Stunden in Anspruch nehmen.

Bitte beachten Sie bei der Erstellung Ihres Kommentars folgende Regeln:

  • Wir legen Wert auf einen sachlichen Stil der Kommentare und den Respekt vor anderen Meinungen.
  • Kommentare werden gelöscht, wenn sie andere etwa wegen ihres Geschlechts, ihres Alters, ihrer Sprache, ihrer Abstammung, ihrer religiösen Zugehörigkeit oder ihrer Weltanschauung diskriminieren.
  • Demagogische, sexistische oder rassistische Äußerungen führen zur sofortigen Löschung des Kommentars.

Termine

Weitere Termine im HdM-Kalender

Schnupperstudium in Outlook eintragen 27.10.2014 - 29.10.2014 Schnupperstudium mehr

Ringvorlesung zu aktuellen Themen aus der Medienwelt in Outlook eintragen 29.10.2014 Ringvorlesung zu aktuellen Themen aus der Medienwelt mehr

Vollversammlung in Outlook eintragen 11.11.2014 Vollversammlung mehr

Ringvorlesung zu aktuellen Themen aus der Medienwelt in Outlook eintragen 12.11.2014 Ringvorlesung zu aktuellen Themen aus der Medienwelt mehr

World Usability Day in Outlook eintragen 13.11.2014 World Usability Day mehr

Studieninfotag in Outlook eintragen 19.11.2014 Studieninfotag mehr

Ringvorlesung zu aktuellen Themen aus der Medienwelt in Outlook eintragen 19.11.2014 Ringvorlesung zu aktuellen Themen aus der Medienwelt mehr

International Week in Outlook eintragen 24.11.2014 - 28.11.2014 International Week mehr

Weitere Termine im HdM-Kalender

© Hochschule der Medien 2014 | Impressum | Hinweise zum Datenschutz Login