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Farbprojekt „Chroma 256"

„Farben sind nicht wegzudenken"

Was geschieht mit der Farbwahrnehmung, wenn wir durch das Internet nur noch vereinheitlichte, 256 „web-sichere" Farben gezeigt bekommen? Dieser und weiteren Fragen sind Studenten der Hochschule der Medien (HdM) mit Kommilitonen aus sieben Ländern rund um die Welt nachgegangen. Die Professoren Susanne Mayer und Christoph Häberle verraten mehr über die unterschiedlichen Bedeutungen von Farben und die Farbforschung.

Prof. Susanne Mayer

Prof. Susanne Mayer

Prof. Dr. Christoph Häberle

Prof. Dr. Christoph Häberle

"Chroma 256" kommt im September an die HdM (Fotos: Mira Kleine)

"Chroma 256" kommt im September an die HdM (Fotos: Mira Kleine)

Was macht das Thema Farbe so spannend für Sie?

Mayer: Farbe ist einfach nicht wegzudenken. Wir bestimmen so viele Dinge über Farben. Sie ist ein Signal für Vieles. Wir wählen alles Mögliche über Farbwahrnehmung, Farben drücken Stimmungen aus. Außerdem hilft Farbe dabei, Kommunikation zu unterstützen. Jeder kennt den Spruch: ‚Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.‘ Und so ist das auch mit Farben, denn sie rufen unterschiedliche Wirkungen in uns hervor. Das gilt vor allem für den Medienbereich, wo die Farbgestaltung immens wichtig ist.

Welche Forschungsthemen im Themenfeld Farbe gibt es?

Häberle: Da gibt es Milliarden von Themen! Besonders spannend finde ich die Frage, welche Bedeutungen Farben in verschiedenen Kulturen in einem spezifischen Kontext haben, welche bewusst rationalen und welche unbewusst emotionalen Botschaften damit verknüpft sind. Nehmen Menschen in anderen Kulturen die gleiche Bedeutung von Farbe in einem spezifischen Kontext wahr wie wir hier? In der klassischen Farbpsychologie wurde davon ausgegangen, dass die Bedeutung einer Farbe inhärent ist. Für mich ist Farbe dagegen nur ein Trägermedium für Bedeutung, und jede soziale Gruppierung nimmt in komplexen gemeinschaftlichen Abstimmungsprozessen eigene Bedeutungssetzungen vor. So ist etwa in Deutschland die Trauerfarbe Schwarz, in China Weiß und in Indonesien Gelb. Der Mensch gibt innerhalb sozialer Gruppierungen Farbe in einem spezifischen Kontext spezielle Bedeutungen und diese werden kollektiv konventionalisiert. Da wir es von Geburt an so erleben, scheinen für uns die Bedeutungen tatsächlich der Farbe anzuhaften.

Welche Rolle spielt Farbe im Verpackungsdesign?

Häberle: Im Supermarkt kommt man selten mit dem Produkt selbst in Berührung, meist nur mit der Verpackung. Bei einem Duschgel ziehe ich beispielsweise automatisch durch äußere Merkmale der Verpackung Rückschlüsse auf die Eigenschaften und die Qualität des darin verborgenen Produktes. Verpackungsdesigner müssen also versuchen über gestalterische Zeichen wie Farbe, Form, Oberfläche, Materialität, Proportion etc. relevante Botschaften nonverbal über das Produkt, die Marke und deren Eigenschaften zu vermitteln. Dazu bleiben nach aktuellen Erkenntnissen der Konsumforschung etwa 1,6 Sekunden Zeit, um eine Kaufentscheidung herbeizuführen. In dieser Zeit müssen Verpackungen visuell überzeugen.

Was war denn der Anstoß für das Projekt „Chroma 256"?

Mayer: Wir konnten beobachten, dass sich durch die Nutzung von Computern die Farbwahrnehmung verändert. Da man auf der ganzen Welt immer mehr die gleichen Web-Seiten benutzen, bekommen wir auch überall die gleiche Gestaltung dieser Seiten zu Gesicht - sowohl, was Designstil und Trend als auch was die Farbnutzung angeht. Wir fragten uns also: Was passiert, wenn wir zum größten Teil nur noch die 256 websicheren Farben wahrnehmen, obwohl wir doch theoretisch Millionen von Farben unterscheiden können? Und wie sieht es auf regionaler Ebene aus? Zeichnen sich einzelne Länder voneinander ab oder geht es mehr in Richtung globale Trends?

Wie kam die Länderauswahl zustande?

Mayer: Kevin Todd hat das Projekt an seiner Universität in Australien initiiert. Schon 2011 hat er gefragt, ob wir Interesse hätten, teilzunehmen. Das konnte ich mir gut vorstellen und habe ein Forschungssemester an der University of the Sunshine Coast (USC) in Queensland verbracht. So konnten wir gemeinsame Wege für eine Visualisierung der Forschungsfrage finden. An dem Projekt sollten möglichst viele Länder nördlich und südlich der Welthalbkugel teilnehmen. Kevin Todd reiste über bestehende Kontakte von Australien nach Indien, Südafrika, Ecuador, in die USA (Pennsylvania), die Türkei, nach Stuttgart und Shanghai. Die USC hat ihn dabei unterstützt und ihr Interesse an diesem Projekt mit einer guten finanziellen Förderung definiert.

Was macht die Farbkultur in verschiedenen Ländern so unterschiedlich?

Häberle: Ich denke, es ist ein vielschichtiges Geflecht aus zahlreichen Einflussfaktoren, die bei der Konventionalisierung von Farbbedeutungen einwirken. Neben kulturellen und soziokulturellen durchdringen sich wirtschaftliche, politische bis hin zu religiösen Glaubensvorstellungen gegenseitig. Ein eindrucksvolles Beispiel aus der Chroma256-Studie zeigt den soziopolitischen Einfluss. Probanden in verschiedenen Ländern wurden gebeten bestimmten Begriffen, wie  etwa „Zeit" assoziative Begriffe und Farben zuzuordnen. Interessanterweise wurden in Deutschland Schwarz, Grau, Braun und Violett häufig genannt, während in anderen Ländern, wie zum Beispiel Indien, hellbunte, reine Farben eingesetzt wurden. Die dazugehörigen assoziativen Wortwolken brachten dann in Deutschland Begriffe wie Stress, Druck oder Arbeit zum Vorschein und die Verbindung zu eher unbunteren und heterogenen Farbwelten liegt nahe. Zurück zum Thema „Trauerfarbe". In der christlichen Glaubenslehre wird der Tod mit Ende verbunden, der Vergänglichkeit des Physischen, dem Verblassen der Farben - dem Schwarz. Im Buddhismus und im Hinduismus ist hingegen ein „Leben" nach dem Tod stärker im Fokus der Gläubigkeit verankert und wird symbolisch mit Weiß verbunden, der Reinheit der Seele und der Erleuchtung.

Die Arbeiten aus „Chroma 256" werden auch an der HdM in der „HdM-Galerie" zu sehen sein. Wie kam es zur Galerie?

Mayer: Neben dem Treppenaufgang war einfach nur eine riesige weiße Wand. Ich sah hier ein gute Möglichkeit, der HdM eine kulturelle Plattform zu geben, wo künstlerische Positionen von außen zur Inspiration und gerne auch mal zur Irritation gereichen. Außerdem passen Kunst und Medien sehr gut zusammen. Alle Künstler nutzen Medien, seien es Ausstellungen mit Soundinstallationen, Filmen oder Projektionen. Ich wünsche mir, dass unsere Studenten und alle, die in der HdM mitarbeiten, nicht nur die Treppe hoch gehen, sondern einen Moment lang stehen bleiben und innehalten, während sie die Bilder betrachten. Deshalb zeigen wir seit zehn Jahren Arbeiten mit Medienbezug, von Ölgemälden über Fotos bis hin zu Computerscribbles.

Wie geht es mit „Chroma 256"weiter?

Mayer: Wir sind mit Kollegen aus verschiedenen Wissensbereichen von der Universität Tübingen im Gespräch, um das Projekt "Color & Culture" voran zu treiben.

 

Die Fragen stellte Alisa Augustin.

VERÖFFENTLICHT AM

19. August 2014

KONTAKT

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Prof. Dr. Christoph Häberle

Verpackungstechnik

Telefon: 0711 8923-2170

E-Mail: haeberle@hdm-stuttgart.de

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