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Europapolitische Information in Zeiten veränderter Informations- und Nachrichtenmärkte: Divergenz und/oder Konvergenz im Hinblick auf europapolitische Informationspraktiken und Rezipientenerwartungen

Wir sind konfrontiert mit einem dynamischen Wachstum der zur Verfügung stehenden Information. Dauerte es vor zehn Jahren noch fünf bis sieben Jahre, bis sich das Wissen der Welt verdoppelte, geschieht dies heute schon im Zeitraum von zwei Jahren (vgl. Verband der Internetwirtschaft 2013). Rund 90 Prozent des heutigen weltweiten Datenbestandes sind in den letzten beiden Jahren entstanden - Tendenz steigend (vgl. Kroker 2015).

Information ist demnach kein knappes Gut, vielmehr steht sie im Überfluss zur Verfügung (vgl. z. B. Goldhaber 1997; Franck 2007). Es finden so viele „Ereignisse" statt, dass gefiltert werden muss: Medienunternehmen müssen entscheiden, worüber sie berichten. Rezipienten müssen entscheiden, welche Information sie über welchen Anbieter und welchen Kanal rezipieren. Welche Ereignisse aus/in der Umwelt ausgewählt, zur Nachricht weiterverarbeitet und verbreitet sowie schließlich als Nachricht wahrgenommen und mit selektiver Aufmerksamkeit bedacht werden, hängt von situativen Faktoren ab.

Gleichzeitig verändern sich auch Rollen und Strukturen auf den Informations- und Nachrichtenmärkten - sowohl auf Angebots- als auch auf Nachfrageseite. Völlig neue, aber auch bekannte Akteure - jeweils mit neuen Angeboten, um Information zu produzieren, zur Verfügung zu stellen, zu strukturieren, zu durchsuchen und um für Informationstransparenz zu sorgen - betreten die Medienmärkte. Rezipienten werden zu neuen Produzenten von Information und beteiligen sich aktiv an den Informationsprozessen auf den Medienmärkten. Nie zuvor standen so viele Medien- und Informationskanäle zur Verfügung - sowohl um zu informieren als auch um sich zu informieren.

Betrachtet man jedoch die europapolitischen Informationsprozesse, sind offenbar Defizite in der Informiertheit der Bürgerinnen und Bürger zu erkennen: Rund zwei Drittel der Deutschen fühlen sich nicht gut über europäische Angelegenheiten informiert (Standard-Eurobarometer 2016: 38).

Es wird in diesem Zusammenhang von der „europäischen Kluft" (Carruba 2001: 144) gesprochen: Trotz ihrer offenkundigen Wichtigkeit hält sich die Beschäftigung mit europapolitischen Themen von Seiten der Medienrezipienten in Grenzen. Statt sich zu informieren und sich zu beteiligen, herrschen Passivität, Unverständnis und Desinteresse (vgl. Gaxie 2011). Es mangelt an politischem Wissen und Information. Dabei sind eine funktionierende Demokratie sowie die politische Legitimation dringend auf politisches Engagement, Beteiligung und Politikvertrauen angewiesen. Zentrale Basis für Letztere ist die Verfügbarkeit von Wissen und Information sowie das Vorhandensein von Transparenz. Die Möglichkeit, sich über europapolitische Themen zu informieren und sich aktiv mit diesen auseinanderzusetzen, ist essentiell für die Zukunft Europas (vgl. Dorostan 2017: 13).

Vor diesem Hintergrund behandelt dieser Beitrag drei Fragen: 

 

  1. Bezogen auf Veränderungen von Rollen und Strukturen auf Informations- und Nachrichtenmärkten: Inwiefern haben sich Rollen und Strukturen im Hinblick auf die Produktion und Rezeption von Nachrichten und Information verändert?
  2. Bezogen auf Veränderungen in den Informations- und Nachrichtenselektionsmechanismen: Welche Implikationen ergeben sich aufgrund veränderter Rollen und Strukturen auf den Informations- und Nachrichtenmärkten für die Informations- und Nachrichtenselektion und wie reagieren europapolitische Institutionen hierauf?
  3. Bezogen auf europapolitische Themen und damit die Konvergenz und/oder Divergenz von europapolitischen Informationsprozessen: Inwiefern ist eine Konvergenz oder Divergenz im Hinblick auf die veränderten Erwartungen der Medienrezipienten und der Informationsprozesse der europapolitischen Eliten zu erkennen?

 

Um die drei formulierten Fragestellungen zu beantworten, bietet sich eine Kombination von Forschungsperspektiven an:

  • Die informationswissenschaftliche/informationsökonomische Perspektive, aus der heraus sich Funktion und Struktur der Informationsmärkte und ihre Entwicklungen beschreiben lassen.
  • Die Perspektive der Medienwirkungsforschung und hier insbesondere die der Agenda-Setting-Forschung, die sich mit der Thematisierungsfunktion im Nachrichtenprozess beschäftigt.
  • Die auf der Medienwirkungsforschung aufsetzende Nachrichtenselektionsforschung, die sich mit der Nachrichtenauswahl durch Medienorganisationen (und Journalisten) sowie Medienrezipienten auseinandersetzt.

Es zeigt sich, dass europapolitische Eliten bemüht sind, sich an die neuen Gegebenheiten der Informations- und Nachrichtenselektionsmechanismen anzupassen. Insbesondere in den letzten Europawahlen zeigte sich im Vergleich zu früheren Jahren, dass sie sich in ihrer Informationsarbeit an veränderte Agenda-Setting-Prozesse anpassen - gerade seit den Europawahlen 2014 nutzen sie verstärkt Personalisierungs- und Emotionalisierungstendenzen und erfüllen somit stärker als zuvor die Nachrichtenfaktoren, die für die Medien-Agenda ausschlaggeben sind.

Die europäischen Institutionen sind mit ihrer aktuellen Informationsarbeit also auf dem richtigen Weg, wenn auch, wie beschrieben, noch Optimierungsbedarf besteht. Somit ist eine Tendenz hin zu einer Konvergenz zwischen Informationsinteressen und -selektion der Rezipienten auf der einen Seite und dem Informationsverhalten europapolitischer Akteure auf der anderen Seite zu erkennen. Es ist aber noch eine zu große Passivität und ein Desinteresse von Seiten der Rezipienten zu erkennen - in den Wahlen, im Informationsverhalten sowie in den sozialen Medien. Dies zeigt, dass die europäischen Institutionen sich zwar den Erwartungen angenähert haben, eine vollständige Konvergenz jedoch noch längst nicht erreicht ist (Abbildung 2). Abzuwarten bleibt der Einfluss von Intermediären (Google, Facebook, Apple etc.), die aus europapolitischer Sicht noch nicht empirisch erfasst wurden, zweifelsohne aber die Agenda beeinflussen werden.

Um mehr mediale Aufmerksamkeit zu erreichen, könnte sicherlich der Faktor ‚Konflikt' von Seiten der Institutionen gesteuert werden. Seine Auswirkungen auf die Medienberichterstattung sind nun beim Thema Brexit zu beobachten. Die Austrittsverhandlungen und die Diskussionen in weiteren Ländern („Grexit", „Frexit" usw.) sind immer gekoppelt mit nationalen Diskussionen und Wahlkämpfen, zeigen aber vor allem zwei Dinge: Einerseits die Geschwindigkeit, mit der die Europäische Union in den Krisenmodus ‚gerutscht' ist, andererseits die erhöhte Medien- und Rezipientenaufmerksamkeit durch den Konflikt und durch die Unsicherheit, die das Brexit-Votum ausgelöst hat. Die Europäische Union könnte diesen Konflikt und damit die erhöhte (Medien-)Aufmerksamkeit nutzen, um sich den Erwartungen der Rezipienten anzunähern, eine erfolgreiche Krisenkommunikation zu betreiben und somit die Konvergenz im Hinblick auf die Informationsprozesse und Erwartungen zu erhöhen.


 


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Autoren

Name:
Yasmin Dorostan
Name:
Prof. Dr. Uwe Eisenbeis  Elektronische Visitenkarte
Forschungsgebiet:
Medienmanagement und Medienökonomie, Geschäfts- und Erlösmodelle, Standortentwicklung und Ökosysteme
Funktion:
Studiendekan Medienwirtschaft (Bachelor, 7 Semester)
Lehrgebiet:
Medienökonomie, Medienmanagement, Strategisches Management, Unternehmensführung, Internationales Management, Volkswirtschaftslehre
Studiengang:
Medienwirtschaft (Bachelor, 7 Semester)
Fakultät:
Fakultät Electronic Media
Raum:
221, Nobelstraße 10 (Hörsaalbau)
Telefon:
0711 8923-2258
Homepage:
https://www.hdm-stuttgart.de/home/eisenbeis
Uwe Eisenbeis

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Prof. Dr. Uwe Eisenbeis  Elektronische Visitenkarte


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