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Finnische Gründungskultur: Was es mit Sisu, Slush und Maria auf sich hat

Finnland ist nicht nur das Land der tausend Seen, sondern auch das Land mit einer der lebhaftesten Gründerszenen in Europa. Obwohl das kleine Land im hohen Norden das am spärlichsten besiedelte Land der EU ist, stammen 10 Prozent aller Startups weltweit aus Finnland.

Finnland
(Fotos: Lisa Lang)

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Das liegt zum einen an einer Startup-Kultur, die dem Silikon Valley sehr ähnlich ist, zum anderen aber auch an Investoren und dem öffentlichen Sektor, die das Thema Entrepreneurship stark unterstützen. Business Finland, die staatliche Organisation für Innovationsfinanzierung, Handel, Investitionen und Reiseförderung, beschäftigt rund 600 Experten, die die finnische Industrie und darunter vor allem auch Startups fördern. Das finnische Business Angel Netzwerk ist eines der größten weltweit. Zudem besitzt Finnland zahlreiche Science Parks, Inkubatoren und Akzeleratoren sowie Technologiezentren. Der Wissensaustausch zwischen Business und Universitäten trägt ebenfalls zur Stärkung der finnischen Innovationspolitik bei.


Neue Unternehmen entstehen vor allem im Bereich Software und Games, Elektronik und Biotech sowie im Gesundheitswesen. International bekannte Startups sind z.B. Supercell, die Entwickler von „Clash of Clans“, und Rovio, die Schöpfer von „Angry Birds“.


Nach internationalen Maßstäben ist das finnische Innovationsumfeld eines der besten weltweit. Laut einer Studie der Consumer Technology Association, liegt Finnland auf Platz 1 im Ranking der „innovativsten Länder“ und belegt ebenfalls den ersten Platz bei der „Verfügbarkeit neuster Technologien“. Dies liegt nicht zuletzt an der finnischen Bevölkerung selbst, denn finnische Konsumenten sind Early Adopters neuer Technologien und machen das Land dadurch zu einem idealen Testgrund für neue Lösungen und Ideen.
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Wichtig zu erwähnen ist natürlich auch das finnische Konzept namens „Sisu“, das sich nicht wörtlich übersetzen lässt, für die Finnen aber eine wichtige Bedeutung hat. Es bedeutet so viel wie Willensstärke, Durchhaltevermögen und Kraft. Sisu ist, nicht zuletzt Dank des langen und dunklen Winters, ein Grundkonzept der Finnen und jeder Finne besitzt Sisu. Sisu ist das, was dazu antreibt weiterzumachen und nicht aufzugeben, auch wenn es einmal schwer wird.


Natürlich ist Finnland aber auch ein kleines Land. Das erleichtert das Netzwerken, da sich fast alle Startup-Events in den größeren Städten Helsinki, Tampere und Turku – also im Süden des Landes –abspielen. Man findet leicht Zugang zur Startup Szene und kennt sich untereinander. Wissen und Erfahrungen werden gerne geteilt. Dabei helfen nicht zuletzt auch die teilweise etwas speziellen Veranstaltungen, wie z.B. „Polar Bear Pitching“, bei dem Gründer*innen ihre Geschäftsidee im Winter vor Investoren pitchen, während sie in einem Eisloch in eiskaltem Wasser schwimmen, oder natürlich auch Slush, eines der größten Startup Events der Welt.


Slush bringt jedes Jahr Gründer, Investoren und Tech-Enthusiasten aus mehr als 100 Ländern zusammen. Neben gegenseitigem Kennenlernen, Investorengesprächen und einem Messeauftritt, wird auch gemeinsam getanzt und in der Sauna geschwitzt. Und wer Finnland kennt, weiß: Die besten Deals werden in der Sauna geschlossen.

Slush hat sich von einem kleinen, studentisch organisierten Event zu einer der größten und beliebtesten Veranstaltungen der Startup Szene entwickelt und damit einen großen Beitrag zum Umgang der Regierung mit dem Thema Entrepreneurship geleistet. 2011, als Slush noch in den Anfängen steckte, befand sich Finnland in einer Krise. Nokia, der einst führende Mobiltelefonhersteller, befand sich im freien Fall und das Land bewegte sich geradewegs auf eine Rezession zu. Dann kamen Slush und Startups wie Rovio und Supercell, die sich mit ihrem Erfolg über jede Rezession hinwegsetzten und dadurch zeigten, was so ein Startup alles erreichen kann. Dies führte zu der allgemeinen Auffassung, dass Entrepreneurship etwas ist, mit dem sich „ehrgeizige und schlaue Leute beschäftigen“. So wurde Slush schnell zum Treffpunkt von Startup-Enthusiasten – erst nur im Norden, später dann auch weltweit.


Während 2013 noch 5,2 Milliarden Euro in europäische Startups investiert wurden, betrug dieser Wert 2018, also nur fünf Jahre später, bereits das Fünffache, nämlich 23 Milliarden Euro. Rund 2.000 internationale Risikokapitalgeber nehmen mittlerweile jährlich an Slush teil.

Mittlerweile hat Helsinki, die finnische Hauptstadt, mit „Maria01“ einen ganzen Startup Campus geschaffen – und zwar den mit 70.000 Quadratmetern größten in Europa. Hier kommen 120 Startups, die dort ihren Arbeitsplatz haben, 12 Risikokapitalgebergesellschafen, verschiedene Akzeleratoren, Initiativen sowie Workshop- und Community Räume an einem zentralen Ort zusammen.


Was also macht die finnische Gründungskultur so erfolgreich? Einerseits ist es das Sisu, die Bereitschaft, Risiken einzugehen und sich auch von Rückschlagen nicht unterkriegen zu lassen. Andererseits ist es vor allem eine Gemeinschaft von Startups, Akzeleratoren, Investoren, Staat und anderen Playern, die ihr Wissen teilt, gemeinsam lernt und Neues schaffen möchte – nicht im gegenseitigen Konkurrenzkampf, sondern als Team. Und das nicht mit den immer gleichen Pitch-Veranstaltungen, sondern mit innovativen Abwandlungen, die durch ihre Besonderheit ein großes Publikum anziehen. Eine Innovation, von der auch Stuttgart sich noch Einiges abschauen könnte. Wie wäre es zum Beispiel einmal mit einem Pitch im Neckar schwimmend, während eines Maultaschen-Kochwettbewerbs, oder vom Fernsehturm baumelnd?

VERÖFFENTLICHT AM

23. Juni 2020

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