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Hochschule der Medien

Medien und Feminismus - Teil 2

Grenzüberschreitung und Lifestyle-Erotik

Mit Lifestyle-Magazinen, Büchern und studentischen Publikationen bieten Frauen für Frauen immer mehr „lustvolle Unterhaltung.“ Gleichzeitig dienen sie auch dem Ausdruck des offener gewordenen Umgangs mit der weiblichen Sexualität.

Zur Detailansicht Frauen wollen selbstbestimmt leben, Quelle: fridaytoday.com

Frauen wollen selbstbestimmt leben, Quelle: fridaytoday.com

Zur Detailansicht "Ich bin eine bekennende Verbalerotikerin", erzählt die Autorin Sophie Andresky, Quelle: sophie-andresky.de

"Ich bin eine bekennende Verbalerotikerin", erzählt die Autorin Sophie Andresky, Quelle: sophie-andresky.de

Zur Detailansicht Das Erotikmagazin erscheint viermal im Jahr, Quelle: fem.com

Das Erotikmagazin erscheint viermal im Jahr, Quelle: fem.com

Zur Detailansicht „On-Campus“-Erotikmagazin der Harvard-Studenten, Quelle: nytimes.com

„On-Campus“-Erotikmagazin der Harvard-Studenten, Quelle: nytimes.com

Schon in den frühen Phasen der Frauenbewegung stellten literarische Werke für Feministinnen wichtige Instrumente zur Meinungsäußerung dar. Simone de Beauvoirs „Das andere Geschlecht" von 1949 oder Betty Friedans „Der Weiblichkeitswahn" aus dem Jahr 1963 wurden von den Frauen massenhaft gelesen. Sie schöpften dadurch mehr Selbstbewusstsein und stellten vorherrschende Strukturen immer mehr in Frage. Auch die Rufe nach Selbstbestimmung im Liebesleben und in der Sexualität wurden im Rahmen der sexuellen Revolution der 1960er immer lauter, wie auch in Erica Jongs „Angst vorm Fliegen" (1973), die in deutlichen Worten ihr Sexleben ausbreitet.

Ordinäre Lektüren werden zu Bestsellern

Heute ist erotische Literatur immer häufiger in den Regalen der Buchhändler zu finden. Sie stammt von jungen und selbstbewussten Autorinnen, die das neue Frauenbild nicht nur in Romanen, sondern auch in der Gesellschaft etablieren wollen. Für viel Aufruhr sorgte Charlotte Roches Roman „Feuchtgebiete", der 2008 erschien. Er handelt von einer 18-Jährigen, die über ihr reges Sexualleben erzählt und ohne Scheu noch bestehende Tabus überschreitet. Charlotte Roche durchbricht damit die letzten Schamgrenzen der Gegenwart und provoziert bewusst. Sie zeigte, dass auch Frauen eine „ordinäre Seite" haben und diese durchaus auch ausleben, wenn sie mögen und sei sie noch so obszön. Der Roman stand trotz skeptischer Rezensionen wochenlang auf mehreren Bestsellerlisten und hat weltweit eine Millionen-Auflage erzielt.

Romane der neuen Art

Nach diesem mutigen Vormarsch durch Roche erschienen immer mehr Bücher von ähnlich orientierten weiblichen Autoren. Beispielsweise der Roman „Vögelfrei" von Sophie Andresky. Der Roman erzählt von einer betrogenen Ehefrau, die von ihrem Mann im Gegenzug einen Freifahrtschein für ihre Sexualität erhält. Ausgiebig berichtet sie in unverblümter Sprache detailliert von ihren Sex-Abenteuern mit fremden Männern und Frauen. Anhand der Beispiele Roche und Andresky erkennt man, dass die Sprache und der Umgang mit dem Thema weibliche Lust eine neue Dimension angenommen haben. Nicht mehr verstaubte „Erotik-Schnulzen" sind gefragt, sondern ungenierte sexuelle Offenbarungen.

Der PLAYBOY für die Frau

Andere Sparten der erotischen Branche leiden hingegen unter der Krise und dem rückläufigen Kaufverhalten ihrer Kunden. Daher hat sich die Erotikbranche eine neue Zielgruppe gesucht: die Frauen. Das diese eine potentielle Zielgruppe für erotische Themen darstellt, ist allerdings keine neue Erkenntnis. Schon 1973 erkannten die Macher des PLAYBOY, dass es sich lohnen könnte, Frauen mit einem eigenen erotischen Magazin als Leser zu gewinnen: PLAYGIRL wurde auf den Markt gebracht. Es hielt sich 35 Jahre lang, konnte allerdings nie den Erfolg des männlichen Pendants erzielen. Nach einer Untersuchung fanden die Herausgeber auch den Grund dafür: die Leserschaft bestand zum Großteil aus homosexuellen Männern. 2008 erschien mangels Nachfrage die letzte Print-Ausgabe des Magazins.

Lifestyle-Erotik statt nackter Tatsachen

Es gehört seit den 80er Jahren zur guten Themenmischung jeder Frauenzeitschrift, einzelne Artikel und Magazinstrecken dem Thema Sexualität und Liebesleben zu widmen. Diesen Trend erkannte auch Ina Küper, Herausgeberin und Chefredakteurin von Deutschlands bekanntestem Erotikmagazin für das weibliche Publikum: Alley Cat. Die junge Herausgeberin entdeckte die Marktlücke und entwickelte das Magazin für ihre Examensarbeit an der Akademie für Mode und Design in Düsseldorf. Statt nackter Männerfotos enthält das innovative Magazin-Konzept erotische Weiblichkeit und behandelt Sexualität als sinnliches Lifestyle-Thema. Sie bekam dafür so viel Zuspruch von ihren Professoren, dass sie es Mitte 2008 auf den Markt brachte. Auch die Leserinnen waren vom Konzept begeistert, so dass sich die Druckauflage mittlerweile auf 10.000 Exemplare verdoppelte, bei steigender Tendenz.

Aktfotografie von und für Studenten

Auch in den sonst als prüde bekannten USA haben sich Frauen dazu entschlossen, Erotik nach ihren Maßstäben zu produzieren. Zwei Studentinnen der namhaften Harvard-Universität haben in ihrem Erotik-Magazin „H Bomb" kunstvolle Aktfotos von und mit Studenten veröffentlicht. Sexaufklärung und erotische Kurzgeschichten sollen zudem für eine intelligente Erotisierung des studentischen Alltags sorgen. Das Konzept kommt nicht nur bei weiblichen Studenten gut an. Es sorgt bei beiden Geschlechtern für Begeisterung. Die Hefte waren am ersten Tag ausverkauft.

Die Frauenbewegung heute

Die Entwicklungen zeigen, dass sich das Bewusstsein der Frau gewandelt hat und eng mit der Entwicklung der Medien verbunden ist. Vor allem ohne das Internet hätten die Frauen vermutlich nicht in dem Maße die Chance gehabt, auf sich, ihre Aussagen oder ihre Produkte aufmerksam zu machen. Das weltweite Netz stellt den Vertriebs- und Kommunikationskanal dar, der die feministische Bewegung in puncto Selbstfindung und sexueller Freiheit noch einmal ein großes Stück voran bringt.

Helene Adam

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Aline Rabek

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Tanja Rupp

info

Hervé, F. (Hrsg.): Geschichte der deutschen Frauenbewegung. Papyrossa Verlagsges., Köln 2001.

Lenz, I. (Hrsg.): Die Neue Frauenbewegung in Deutschland. Abschied vom kleinen Unterschied. Ausgewählte Quellen. Vs Verlag, Wiesbaden 2009.

 

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http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,655619,00.html

http://www.welt.de/kultur/article1678008/Charlotte_Roche_verirrt_sich_im_Feuchtgebiet.html

http://poryes.de/

http://www.welt.de/vermischtes/article1899309/Frauen_entdecken_die_Lust_am_Ordinaeren.html

 

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VERÖFFENTLICHT AM

01. Januar 2010

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