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Anonymität im Internet

Der Wert der eigenen Meinung

Das Internet bietet die Möglichkeit, sich selbst darzustellen. Das Phänomen der Anonymität ändert unser Verhalten beim Offenbaren unserer Werte und Anschauungen. Was riskiert man, wenn man mit dem Namen zu seinen Aussagen steht?

Vor drei Jahrhunderten musste um die Freiheit, besonders die der eigenen Meinung, noch gekämpft werden. Der Weg von den Ideen der Aufklärung zum rechtsgültigen Verfassungsartikel war lang und führte über Revolutionen, der Einspruch der herrschenden Mächte war vehement. Wer in dieser Zeit vor einer großen Menge von Menschen eine Aussage machte, musste oft Angst haben, eingesperrt zu werden. Mittlerweile jedoch hat sich die Freiheit, seine Meinung in zu äußern, in Deutschland vom Privileg über ein Recht zur Selbstverständlichkeit gewandelt.

Ein Mensch spricht und die Welt hört zu - oder liest mit

Man kann durchaus behaupten, das Internet stehe in der Tradition der Aufklärung. In Communities und Portalen hat man jederzeit die Möglichkeit, sich zu informieren, zu kommentieren und zu kritisieren und vor allem, sich selbst darzustellen, oder eine komplett andere Person. Es wird die Möglichkeit geboten, sich ein wenig neu zu erfinden, Schwächen zu verbergen und die ein oder andere Stärke dazu zu erfinden.

Zu keiner anderen Zeit in der Geschichte der Menschheit war es so einfach, die eigene Meinung einem so gigantischen Personenkreis publik zu machen. Einmal öffentlich gebloggt, getwittert oder in ein Forum gepostet, kann die Aussage abgerufen werden, so weit das Internet reicht - ganz egal, ob es sich um eine fundierte, relevante Aussage zu einem ernsten Thema handelt, oder bloß um ein herzhaftes „LOL" über einen eben gehörten Witz.

Der Nachteil: Es kann jeder mitlesen. Auch Menschen, vor denen man die eigene Meinung lieber verbergen würde, beispielsweise ein möglicher Arbeitgeber. Ist der eigene Name mit der Aussage verknüpft, gibt der Schreibende sich Interpretationen und Rückschlüsse auf die Person durch andere preis. Und dank Archivierungsfunktionen, wie beispielsweise dem Cache von Google, können publizierte Aussagen auch noch Jahre zurückverfolgt werden.

Die Lösung: Anonymität

Dass ein vollständiges Verbergen der eigenen Person im Internet eine Illusion ist, ist bekannt. Durch eine eindeutige IP gekennzeichnet, surft jeder Mensch durch seinen Internetanbieter identifizierbar durch das World Wide Web. Erst kürzlich enthüllte Spiegel Online eindrücklich, wie einfach es durch seit Jahren bekannte und als unbedenklich verworfene Sicherheitslücken ist, einen Surfer eindeutig zu identifizieren, und vor allem, seine Surfgewohnheiten zu dokumentieren.

Aber diese Identifikation läuft nur in eine Richtung: Die IP liefert den Namen, nicht umgekehrt. Nichts spricht also dagegen, sich einen neuen Namen für seine Meinungsergüsse zuzulegen. Vom Verwenden von Initialen bis zur fantasievollen Neuerfindung sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Eine zufällige Liste von Benutzernamen des Social Network „StudiVZ" beispielsweise rangiert von tatsächlichen Begriffen wie „klein Rumpelstilzchen" bis zur sinnlosen Aneinanderreihung von Sonderzeichen.

Mit einem solchen Alias ist die Verbreitung der eigenen Meinung, ohne Rückschlüsse auf die eigene Persönlichkeit zuzulassen, eine bequeme Sache. Und führt mitunter zu einem Verhalten, das man unter dem eigenen Namen nie an den Tag legen würde. So werden viele, sich in der Sicherheit der Anonymität wiegende Internetnutzer bei Kommentaren ausfallend, gehen bis hin zum „Cyber-Mobbing" - ein ernstzunehmendes Problem in Communities. Oft wird sich einfach nur grundlos über etwas Gelesenes aufgeregt, um sich Luft zu machen.

Nörgeln oder Argumentieren

Eine eigene Meinung zu haben - ist es nicht das, was eine Person zum Menschen macht? Je nachdem, wo man im Internet danach sucht, können durchaus fundierte und clever formulierte Aussagen von Menschen gefunden werden, die zu einem Thema tatsächlich etwas beitragen wollen. Sieht man sich in den Foren namhafter Online-Zeitschriften um, so findet man Kommentare solcher Autoren bunt gemischt mit zahlreichen, oft wenig geistreichen Einzeilern oder gar Schmähreden. Zu erwarten wäre dabei, dass die erstgenannte Personengruppe mit eigenem Namen zu ihrem Beitrag steht und die Nicknames und Initialen den Verfassern der „dahingesagten" Kurzbeiträgen überlässt. Tatsächlich steht jedoch selbst bei ausgereiften, wohlformulierten und nachvollziehbaren Kommentaren in den meisten Fällen ein knappes, unpersönliches Alias.

Social Networks: Wohl dem, der ohne Profil ist?

Stellt sich da nicht die Frage, wie viel die eigene Meinung dem Einzelnen überhaupt wert ist?

Der Alltag findet, zumindest derzeit und der absehbaren Zukunft, bei den meisten Menschen zum Großteil in der „Offline-Welt" statt, allem voran die Berufswelt. Da kann es einem Arbeitnehmer oft unrecht sein, wenn sein Arbeitgeber zu viele Einblicke in das virtuelle Alter Ego erhält, vor allem wenn dieses Auffassungen vertritt, welche die Offline-Persönlichkeit lieber geheim halten möchte. Das macht es nicht einfach, mit dem eigenen Namen zur Meinung zu stehen.

Mittlerweile jedoch ist unsere Gesellschaft an einen Punkt gelangt, wo die Pflege eines Profils in einem oder mehreren Social Networks so selbstverständlich erscheint, wie der Besitz eines Ausweises. Die „virtuellen Gemeinden" haben es den Menschen angetan. Nie war es so einfach, mit Bekannten, Freunden, Verwandten und sogar prominenten Persönlichkeiten Kontakt herzustellen und zu halten. Man sitzt wie an einem Tisch in der Lieblingsbar. Selbst der Freundschaftsbegriff wird ganz neu definiert. Bei Facebook wird beispielsweise jeder neu hinzugefügte Kontakt unter der Liste der „Freunde" gespeichert; selbst wenn man sich zuvor noch überhaupt nicht kannte und während der ganzen Zeit der Mitgliedschaft im Netzwerk kein Wort miteinander spricht.

Dabei tauchen immer wieder „Skandalgeschichten" in den Nachrichten auf, die ans Tageslicht bringen, wie viel Schaden eine Mitgliedschaft in einem Social Network potenziell anrichten könnte. Vom Verkauf von massenhaften Kontaktdaten durch einen Betreiber bis zur Kündigung vom spionierenden Chef kursieren seit Anbeginn des Community-Booms immer wieder schockierende Meldungen.

Bei vielen Arbeitgebern ist es mittlerweile Gang und Gäbe, den Namen eines Bewerbers in ein Suchfeld einzugeben, sei es auf der allgegenwärtigen Google Website oder direkt in einem der gängigen Social Networks. Erscheint dort ein Profil voller Party-Bilder oder unangebrachter Kommentare, so kann dies durchaus eine Personalentscheidung beeinflussen.

Doch was denkt ein Arbeitgeber, der von einem möglichen zukünftigen Mitarbeiter keinerlei Informationen im Netz vorfindet? Waren das Internet und seine Communities vor einigen Jahren noch die Domäne der als absonderlich empfundenen, Science-Fiction- und technikbegeisterten Außenseiter, gilt inzwischen der als profilloser Sonderling, der sich keinen Account auf einer der namhaften Plattformen anlegt.

Der Trend zum Drittprofil

Eine mögliche Folge dieses Phänomens liegt auf der Hand: Ist es bereits einfach, sich eine zweite virtuelle Identität zu schmieden, was spricht dann gegen eine dritte, ja gar eine vierte? Schließlich existieren viele Netzwerke mit unterschiedlichen Zielsetzungen. Während Facebook, StudiVZ oder Myspace die Spaß- und Freizeitfunktionen hochhalten und seine Mitglieder zum Austausch von Party-Fotostrecken animieren, findet man bei der Business-Community Xing von den selben Personen Lebensläufe, Referenzen und seriöse Bewerbungsfotos. Als Außensteher kann man bisweilen den Eindruck bekommen, es mit einer multiplen Persönlichkeit zu tun zu haben.

Vergessen sollte eine so „geteilte" Person aber nicht, dass auch Arbeitgeber um den Charme der Selbstdarstellung im Internet wissen. Da kann es durchaus passieren, dass ein Personalentscheider seinen Facebook Account für geschäftliche Zwecke verwendet.

Die Gewinner im Gewirr der Foren und Communities sind also entweder die, die sich geschickt an den richtigen Stellen verbergen oder enthüllen, oder jene seltene Gruppe Personen, die es schafft, in allen Netzwerken sich selbst treu zu bleiben - und es sich gleichgültig sein zu lassen, wer welche potenziell verwerfliche Inhalte zu sehen bekommen könnte.

Melanie Teich

VERÖFFENTLICHT AM

28. Februar 2010

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Falk Ebert

am 22.02.2010 um 10:36 Uhr

Die "multiple Persönlichkeit" bei Betrachtung des Facebook und Xing-Profils einer Person ist auch nicht "multipler" als das Verhalten der Person jenseits des Internet. Auf dem Konzert verhalt ich mich anders wie in der Uni. Um allgemein auf den Artikel einzugehen: Der Arbeitnehmer der Zukunft muss eben ganz genau wissen, wie er mit privaten Daten umgeht: Was ich nicht jedem Menschen in's Gesicht sagen würde, sollte ich nicht öffentlich twittern. Der Arbeitgeber der Zukunft sollte sich dagegen zweimal überlegen, ob er Potentials in den Wind schießt, weil er irgendwas in sozialen Netzwerken über die Person gelesen hat. Ich habe die Hoffnung, dass das Recruiting in dieser Hinsicht durch das soziale Netz um einiges ehrlicher wird.

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