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Hochschule der Medien

Castingshows - Teil 1

Das Geschäft mit den Wanna-Be´s

DSDS, GNTM, Popstars und jetzt USFO - Castingshows von Starmachern wie Dieter Bohlen, Heidi Klum und Stefan Raab. Offensichtlich haben sie nicht die Talentförderung der Kandidaten im Sinn, sondern Quoten, Schlagzeilen und Profit.

Schlagzeile der Bild-Zeitung

Schlagzeile der Bild-Zeitung

Screenshot Germany´s next Topmodel (Staffel 5, Folge 6)

Screenshot Germany´s next Topmodel (Staffel 5, Folge 6)

Staffel für Staffel sitzen Millionen gebannter Menschen vor dem Fernsehen und verfolgen junge Leute bei dem Versuch ein Star zu werden. Kennzeichnend für Castingshows ist es, das Mädchen von neben an zum Supermodel oder den Hartz-IV-Empfänger zum Musik-Star zu machen. Alles begann mit „Popstars" im Jahr 2000, als die erste Musikgruppe gesucht wurde. Es folgte „Deutschland sucht den Superstar" (DSDS) in 2003 und „Germany´s next Topmodel" (GNTM) in 2006. Neben diesen ‚etablierten' Shows finden sich weitere Starschmieden wie „Star Search", „Das Supertalent" und nun auch „Unser Star für Oslo" (USFO). Hinter allen Shows stehen Branchen-Profis wie Heidi Klum, Dieter Bohlen oder Stefan Raab. Die Teilnehmer müssen sich diesen Altmeistern des Showgeschäfts und ihren Jury-Anhängseln von Sendung zu Sendung stellen und teilweise fiese Aufgaben meistern, die bewertet werden. Wer nicht überzeugt, fliegt. Tränen sind nicht selten und das Publikum wird durch TV-Beiträge zu privaten Lebensgeschichten oder Streitereien zwischen den Kandidaten bei Laune gehalten. Zugleich füllen sich die Geldbeutel der Moderatoren. Gerüchten zufolge kassiert z.B. Dieter Bohlen pro Staffel bis zu 1,2 Millionen Euro.

Drogen und Knast als Beiwerk

Die Lebensgeschichten und Macken der Kandidaten werden zum wichtigen Nebenthema dieser Sendeformate. So ist es derzeit der Fall bei DSDS, bei dem ein Kandidat aus der Sendung geworfen wurde, weil er Drogen konsumiert hat. Gleichzeitig wurde seine kriminelle Vergangenheit ans Licht gebracht. Genauso wie die eines weiteren DSDS-Anwärters, dessen Geschichten Woche für Woche die Seiten der Bild-Zeitung füllen. Zuerst wurde seine Haftstrafe thematisiert, danach seine Mutter, die aus dem Gefängnis entlassen wurde und dann die drei Kinder, die er mit seiner Cousine hat. Solche und andere Geschichten sind bei DSDS üblich. Keine andere Castingshow hat Skandale rund um die Kandidaten so erfolgreich zu ihrem Markenzeichen gemacht wie diese.

Gangster versus Weltverbesserer

Stefan Raab folgt nun mit USFO, der Castingshow für den Eurovision Song Contest. Damit setzt er gegen Bohlens „Unterschichten- und Proll-Show" an: Laut Spiegel herrscht seitdem ein Kampf der Kulturen, nämlich der des Prekariats, bestehend aus Hartz-4-Empfängern und ehemaligen Kriminellen, gegen das des gebildeten sorgenfreien Bürgertums, das eher durch Akademiker vertreten wird. Raabs Grand-Prix-Casting soll professionell wirken - keine Skandale, keine Streitereien, kaum Glamour - es geht allein um das Gesangstalent. Auf den ersten Blick wirkt das auch so. Auf den zweiten erkennt man, dass die friedliche und fröhliche USFO-Welt genauso aufgesetzt ist wie die Welt der DSDS-Skandale. Wie der Spiegel treffend formulierte „...ist DSDS hemmungslos in seiner aufrichtig inszenierten Verlogenheit und USFO verlogen in seiner hemmungslos inszenierten Aufrichtigkeit."(„Kampf der Kulturen", Spiegel Online, 1.03.2010)

Welcher also ist der professionellere Juror von beiden? Stefan Raab, der in seinem Pro-Sieben-Format „TV Total" Leute durch den Kakao zieht und dabei DSDS-Kandidaten zur Belustigung nutzt oder Dieter Bohlen, der seine Zuschauer mit derben Sprüchen und talentfreien Casting-Kandidaten unterhält? USFO und DSDS sind gekonnte mediale Inszenierungen. Im Zusammenspiel, welches Raab durch den ständigen Vergleich mit DSDS in Gang setzte, sorgen sie für noch mehr Schlagzeilen und Berichterstattung. Mittlerweile ist es nicht nur die Bild-Zeitung, die über die Shows berichtet, sondern der Spiegel, die Welt, der Stern etc.

Unterhaltungsfaktor Drill und Tränen

Ein weiterer Profi in Sachen Castings ist das Übermodel Heidi Klum. Sie setzt auf unerfahrene junge Mädchen, die sich in viel zu kleine High-Heels quetschen müssen und dazu noch richtig gut in ihnen laufen sollen. Sonderbare Laufsteg-Übungen sind unter anderem „Walks" mit einem Löffel im Mund, auf dem ein Ei liegt, oder Stolzieren auf abgesägten Stilettos. Funktioniert das nicht einwandfrei, müssen sie sich schon mal Kommentare wie „Du läufst wie ein Pferd" anhören. Da kullern die Tränen im Minutentakt. Aber, so Heidi Klum, das ist das wahre Mode-Business! Augen zu und durch, aber nicht vergessen dabei gut auszusehen! Außer Bootcamp-Methoden, harter Kritik und der gelegentlichen Moderation Klums müssen die Starmacher nicht viel beisteuern, um die Show unterhaltsam werden zu lassen. Man nehme lediglich einige junge Frauen, der Rest ergibt sich von selbst. Zu Heulkrämpfen kommen so manches Gezicke, Lästereien zwischen den Kandidatinnen und jede Menge an Selbstzweifeln zum Vorschein.

Skandale, Quoten und Kalkül

Die eigentliche Geschäftsidee hinter den Shows ist leicht zu durchleuchten: besondere Lebensgeschichten, Emotionen und Drama sind nun mal Quotenrenner. Der Tratsch und Klatsch rund um die Kandidaten wird indes für weitere TV-Formate wie „DSDS - Das Magazin" oder „red! Stars, Lifestyle & More", das nach GNTM ausgestrahlt wird, genutzt. Hinzu kommen Fan-Zeitschriften, die zu den aktuellen Staffeln herausgegeben werden und alle Neuigkeiten zur Sendung beinhalten. Parallel laufende PR und die mediale Präsenz der Shows lockt noch mehr Zuschauer vor den Fernseher. Aber nicht nur die Sender profitieren davon: DSDS sagt man eine Kooperation mit der Bild-Zeitung nach, GNTM arbeitet mit der Zeitschrift Cosmopolitan zusammen und hat Verträge mit Modeunternehmen wie C&A. Die Sendungen sind dadurch in weiteren Medien vertreten und die Partner können Auflagensteigerungen bzw. bessere Umsätze verzeichnen. So konnte z.B. die Cosmopolitan ihre Verkaufszahlen letztes Jahr mit der GNTM-Siegerin auf dem Cover um rund 24.000 Stück steigern (Gesamtauflage 357.900). Der Erfolg der Sendungen zeigt, dass das Geschäft mit den Wanna-Be´s funktioniert, allerdings nur zum Leidtragen der leichtgläubigen Star-Kandidaten.

 

Lesen Sie im zweiten Teil, was Castingshows so beliebt macht und welchen Einfluss sie auf die Zuschauer haben.

 

Helene Adam

VERÖFFENTLICHT AM

15. April 2010

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Kilian Schuster

am 06.05.2010 um 11:06 Uhr

Intessanter Artikel. Würde gerne häufiger ähnliche Medienkritiken bei Euch lesen - schließlich ist das ja auch ein Thema, dass die Massen bewegt und über das man durchaus kontrovers diskutieren kann!

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