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Hochschule der Medien

Castingshows - Teil 2

Fasziniertes Publikum bei der Talentsuche

Die Einschaltquoten bei TV-Castingshows sind spitze - Massen von Zuschauern fiebern bei der Talentsuche mit. DSDS erreicht bei jungen Zielgruppen zum Beispiel Marktanteile von rund 30 %. Was ist es, das die Zuschauer daran fasziniert?

© Monkey Business - Fotolia.com

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Einzug der Kandidaten in das DSDS-Haus (Quelle: www.express.de)

Einzug der Kandidaten in das DSDS-Haus (Quelle: www.express.de)

Neues Vorbild Dieter Bohlen (Quelle: www.welt.de)

Neues Vorbild Dieter Bohlen (Quelle: www.welt.de)

Dass es in den Shows vordergründig nicht um Talent- und Star-Rekrutierung geht, haben viele Zuschauer bereits erkannt: Nach ein paar Monaten Ruhm verschwinden die umjubelten Gewinner wieder in der Star-Versenkung. Einige von ihnen suchen dann verzweifelt nach einem Moderatoren-Job, kochen im perfekten Promi-Dinner mit oder futtern Insekten im Dschungelcamp, um zumindest im Showbusiness zu bleiben. Wer von den Kandidaten glaubte, nach einer Show zehn Jahre lang Berufs-Superstar zu sein, irrte. Große Ausnahmen sind z.B. die „No Angels", Gewinner der ersten Popstars-Staffel. Das Publikum hat längst akzeptiert, dass die Casting-Sendungen Unterhaltungsshows sind, die nach dem Finale zu Ende sind - bis zur nächsten Staffel. Und Interesse für frühere Kandidaten hat das Publikum kaum.

Reality-Soap statt Star-Rekrutierung

Wir haben mit Dr. Roland Mangold, Professor für Informations- und Kommunikationspsychologie an der Hochschule der Medien, über das Publikumsinteresse an Castingshows gesprochen. Prof. Mangold sagt dazu: „Castingshows nehmen einen Reality-Show-Charakter an und sind ähnlich zu Formaten wie Big Brother". Die Zuschauer könnten die Stars bei ihrem Aufstieg verfolgen und erführen zudem persönliche Seiten der Kandidaten - sei es aus der Presse, aus dem Internet oder aus den Dokumentationen in den Sendungen selbst. Der Vergleich mit der ersten Reality-Show in Deutschland ‚Big Brother', scheint deshalb zu passen. In fast allen Fällen wird den Kandidaten ein Haus oder eine Wohngelegenheit zur Verfügung gestellt, so wie es bei Big Brother auch der Fall ist. In dieser Umgebung werden sie gefilmt und abseits des Rampenlichtes gezeigt. Hierbei erfährt das Publikum auch mehr zu den Beziehungen zwischen den einzelnen Kandidaten. So entwickelt auch der Zuschauer in gewisser Weise ein persönliches Verhältnis und Sympathien oder Antipathien zu den Show-Teilnehmern. Er schaltet wieder ein, um für den persönlichen Favoriten mitzufiebern oder dessen Kontrahenten versagen zu sehen.

Sendungen für die Unterschicht?

Es stellt sich die Frage, wer die Zuschauer der Sendungen sind. Der Historiker und Publizist Paul Nolte prägte den Begriff „Unterschichtenfernsehen", womit er sich auf bildungsarme Zuschauer von bestimmten TV-Formaten, u.a. Castingshows, bezog. Durchaus schauen auch Menschen aus der ‚Unterschicht' die Sendungen, Menschen aus der höheren Bildungs- und Berufsschicht sind vor diesen Sendungen aber ebenso vertreten. Zwar schauen sie im Vergleich weniger Fernsehen, unterhaltend finden sie diese Shows dennoch.

Überraschenderweise konnte Deutschland sucht den Superstar (DSDS) im Vergleich zu Stefan Raabs bravem Gegenpendant Unser Star für Oslo (USFO), das gleichzeitig eine besser gestellte Gruppe repräsentieren sollte, die höheren Einschaltquoten verzeichnen. USFO war weniger spannend und viel zu nett. Dagegen hatte DSDS um einiges mehr gegen Langeweile zu bieten. Prof. Mangold verweist dabei auf die Nachrichtenwerttheorie aus dem Journalismus: DSDS gestalte die Show nach Nachrichtenwert-Faktoren wie z.B. Auseinandersetzungen, Humor, Skurrilität oder gar Sensationelles - alles Aspekte, die beim Publikum Interesse wecken.

Castingshows für das Selbstwertgefühl

Mangold begründet das Interesse an den Shows auch mit sozialen Vergleichsprozessen: Hierbei unterscheidet man aufwärts und abwärts gerichtete Vergleiche, die beim Menschen eine Steigerung oder Förderung des Selbstwertgefühls auslösen und auch die Wahl der Sendungen bestimmen. Nimmt man das Beispiel Germany´s next Topmodel (GNTM), erfolge bei vielen Zuschauerinnen der Vergleich nach oben, indem sie sich mit den Model-Kandidatinnen verglichen und dadurch eine Wunschvorstellung des eigenen Körpers entwickelten. Dabei spiele auch die Identifikation beim Geschlecht oder beim Alter eine Rolle, die die Zuschauerinnen glauben lassen, es sei auch für sie möglich, ein Topmodel zu werden. Bei DSDS steht laut Mangold vor allem die Bestätigung im Vordergrund, dass es einem besser gehe als den Skandal-Kandidaten, die auf dem Bildschirm zu sehen seien. Der Blick nach unten schafft so eine Aufwertung des Selbst.

Neue Vorbilder der Jugend

Vor allem beim jüngeren Publikum sind die Casting-Formate beliebt. Das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) hat in einer Studie die Bedeutung von DSDS und GNTM für Jugendliche untersucht. Befragt wurden 1302 Schüler/innen im Alter zwischen 9 und 22 Jahren. Dabei stießen die Forscher auch auf positive Effekte: die Befragten sehen in DSDS und GNTM ein Beispiel dafür, wie man mit großen Herausforderungen umgeht und im Leben Erfolg haben kann. Folglich führen die Kandidaten im Fernsehen den Zuschauern vor, wie man für einen Traum kämpft. Zugleich nehmen die Star-Moderatoren Dieter Bohlen und Heidi Klum auch eine Vorbild-Funktion ein. Dieter Bohlens harte Kritik sehen 70% der Befragten als gerechtfertigt. Insbesondere bei Jungen gilt er dadurch als Vorbild für Ehrlichkeit und Echtheit.

GNTM hat vor allem auf junge Mädchen Einfluss, indem die Sendung suggeriert, dass diese Zuschauerinnen mit ihrem Körper immer unzufriedener werden. Deshalb ist auch Kritik angebracht. Medienwissenschaftler Bernd Schorb sagte z.B. der Zeitschrift Fokus: „Die Shows forcieren die Ellenbogen-Mentalität." Das vermittelte Karrierebild und die Orientierung der Zuschauer an solchen Shows sei deshalb bedenklich.

Die Kritik wird aber an der Beliebtheit dieser Shows vorläufig wenig ändern. Es kann davon ausgegangen werden, dass der TV-Voyeurismus der Zuschauer auch weiterhin durch solche Formate gestillt wird, solange sich genug TV-Exhibitionisten bei den Castingshows bewerben.

 

 

Helene Adam

VERÖFFENTLICHT AM

26. April 2010

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