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Hochschule der Medien

Praktika

Berufserfahrung nur gegen Cash

In Sachen begehrte Praktika bei Unternehmen macht sich ein neuer Trend breit – statt einem sonst meist dürftigen Lohn werden Praktikanten nun bei angesehenen und beliebten Firmen zur Kasse gebeten. In den USA und in Großbritannien sind Versteigerungen von Praktikumsplätzen keine Seltenheit mehr.

Bildquelle: www.psychologytoday.com

Bildquelle: www.psychologytoday.com

Ein Praktikum bei der internationalen Modezeitschrift „Vogue" machen? Dafür würden viele ihr letztes Hemd geben. Mit 32.000 Euro kein Problem. Dafür konnte nämlich ein Glücklicher fünf Tage Anna Wintour, der bekannten US-Vogue-Chefin, über die Schulter schauen. Was hierzulande bislang eher Erstaunen weckt, ist in den USA und in Großbritannien der neueste Trend: Praktika kostspielig versteigern. Üblicherweise suchen sich Studenten möglichst ein Praktikum bei dem sie Geld verdienen. Wer allerdings keinen Praktikumsplatz findet, hat nun die Möglichkeit, sich einen zu kaufen und das bei bspw. dem „Rolling Stone Magazine", der „Vanity Fair" und zahlreichen anderen begehrten Unternehmen. So bot auch Donatella Versace, Chefin des Modehauses Versace, ein Semester „work experience" am New Yorker Standort für einen geschätzten Wert von 20.000 Dollar an. Der Höchstbietende hat sogar die Ehre, die Chefin höchstpersönlich bei einem „meet and greet" zu treffen, dazu erhält er auch noch ein signiertes T-Shirt und ein Parfüm. Wenn sich das nicht lohnt! Wer mit bieten will, kann das bis zum 13.Mai auf www.charitybuzz.com. Das aktuelle Gebot liegt bei 5.250 Dollar.

"Work experience" zum Schnäppchenpreis

Von Investmentbanken, PR-Agenturen bis hin zu Premium-Modehäusern - die Versteigerungen von Praktikumsplätzen scheinen zu boomen. Die Preise variieren je nach Bekanntheit und Beliebtheit des Unternehmens. Wer denkt, er könne das Geld wieder mit einem Lohn reinholen, täuscht sich, denn alle Stellen sind unbezahlt. Wer ein Schnäppchen-Praktikum ergattern will, kann z.B. auch auf den US-Lebensmittelhersteller Kraft Foods für geschätzte 2.500 Dollar oder auf das „Esquire Magazine" für bis zu 1.000 Dollar zurückgreifen. Ein britischer Bieter hatte sogar die Möglichkeit für umgerechnet ca. 4.000 Euro, zwei Wochen lang zuzuschauen, wie die Spezialeffekte bei dem neuen Harry-Potter-Film entstehen.

Eine gute Sache hat der neue Trend - die Erlöse gehen nicht an die Unternehmen, sondern werden an Wohltätigkeitsorganisationen gespendet. Angeboten werden die Auktionen z.B. auf www.charitybuzz.com oder www.charityfolk.com. Wer also ein extravagantes Praktikum machen will und gleichzeitig etwas Gutes tun will, sollte einen prall gefüllten Geldbeutel haben. Zusätzlich haben die Praktikanten für das viele Geld die Möglichkeit, in manchen Unternehmen ein bisschen Glamour-Luft zu schnuppern. Mit Branchen-Attitüden sollte man allerdings auch rechnen - denn wie heißt es schließlich im gleichnamigen Film über die US-Vogue-Chefin: Der Teufel trägt Prada!

 

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Während die Anbieter der Praktikumsplätze und die Charity-Organisationen von diesem neuen Modell begeistert sind, machen sich viele Gedanken über die Benachteiligung bestimmter gesellschaftlicher Schichten und den eigentlichen Sinn, der hinter einem Praktikum steckt. Berufserfahrung sammeln, eigenständig nach einem Arbeitsplatz suchen, die Arbeitgeber mit Leistungen und Qualifikationen überzeugen - Dinge, die die Selbstständigkeit fördern und für die spätere Berufswelt wichtig sind. Bei den ersteigerten Praktikumsplätzen scheinen diese unterzugehen. Gut, über die Berufserfahrung lässt sich streiten. Zweifelhaft ist hierbei nur, wie viel man lernt und an Erfahrung mitnimmt, wenn man ein paar Tage, zwei Wochen oder sechs Wochen in einem Unternehmen ist. Und offensichtlich sind es eben die gut Betuchten, die solche Versteigerungen nutzen können.

Bei einigen Praktika-Versteigerungen ist es auch nicht die Berufserfahrung, die im Vordergrund steht. Vielmehr sind sie auch für Fans gedacht, die Anna Wintour bewundern, schon immer bei einer bekannten Premium-Marke oder für ein trendiges Magazin arbeiten wollten und dort vielleicht sogar Stars treffen. Nicht umsonst werden z.B. signierte Designerartikel, "meet and greets" oder Gutscheine für „In-Restaurants", in die sonst Normal-Sterbliche nicht kommen, als Zusatz zur Berufserfahrung angeboten.

Es stellt sich die Frage, ob die teilnehmenden Unternehmen fortan nur noch Praktikanten gegen „Cash" einstellen. Wer also auf ein Einkommen angewiesen ist und das Geld für einen solchen Platz nicht aufbringen kann, hätte so nicht die Möglichkeit, bei diesen Firmen zu praktizieren, auch wenn er die Motivation und die nötige Qualifikation mitbringt. Sei es auch für einen guten Zweck: Es bleibt zu hoffen, das die Praktikantenauswahl der Unternehmen fair bleibt und der neue Trend nicht auch Einzug in Deutschland findet.

Helene Adam

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11. Mai 2010

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