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Hochschule der Medien

Alumnus im Interview

Wie weit darf man den Medien trauen?

Stefan Enderle, der 2009 sein Studium an der HdM absolvierte, betreibt ein Blog, in dem er sich mit unangenehmen Realitäten des Medienalltags kritisch auseinandersetzt. Die HdM-Redaktion befragte ihn zum Thema Medienskepsis.

In seinem Klassiker "1984" baut George Orwell eine Welt auf, in der die Medien derart drastisch manipuliert werden, dass die Wahrheit völlig aus dem Alltag verschwindet. Zeitungen werden rückwirkend bearbeitet. Menschen, über die berichtet wurde und die zwischenzeitlich von der Bildfläche verschwunden sind, werden sprichwörtlich ausradiert, als hätten sie nie existiert. Sachverhalte, wie ein offensichtlicher Rückgang in der Produktion werden in vergangenen Ausgaben angepasst, um mit dem aktuellen Stand überein zu stimmen. Das Bild, das Orwell malt, mag überzogen sein, aber wie in jeder gelungenen Dystopie liegt auch hier ein wahrer Kern zugrunde.

Den Medien skeptisch zu begegnen, hält auch Stefan Enderle für wichtig. Der Alumnus des Studiengangs Audiovisuelle Medien setzte dieses Thema in seiner Diplomarbeit filmisch um und betreibt das gleichnamige Blog "Kann nicht sein, was nicht sein darf!?".

Wie kamen Sie darauf, sich mit dem Thema Medienskepsis auseinander zu setzen?

Enderle: Das war weniger eine bewusste Entscheidung, als vielmehr ein schleichender Prozess. Eine der ersten erschreckenden Erfahrungen, die mir zu denken gab, machte ich während der Dreharbeiten im Auftrag eines großen Privatsenders als Kameraassistent für eine freie Produktionsfirma. An diesem Tag wurde ich unfreiwillig Teil einer astreinen Manipulation, die dem Fernsehzuschauer eine völlig verzerrte Darstellung der Realität darbot und diesen durch die Suggestion der (gespielten) Trauer des (nicht unbekannten) Protagonisten über dessen gescheiterte Beziehung letzten Endes sogar noch zum Kauf dessen neuen Buches aufforderte. Mir wurde beinahe schlecht vor Abscheu vor diesem Schauspiel und vor allem der Routine sowohl des Redakteurs als auch des "Literaten". Nach Drehschluss, auf der Heimfahrt mit dem Kameramann, der schon wesentlich länger in diesem Geschäft tätig war als ich, unterhielten wir uns über den Dreh. Das nüchterne Fazit war, dass im Endeffekt nur er, der Redakteur, der Protagonist und ich wussten, was an diesem Tag wirklich passiert war. Der Fernsehzuschauer, der den fertigen Beitrag im TV sehen würde, hätte nicht den Hauch einer Ahnung davon wie sehr er an der gutgläubigen Nase herumgeführt worden war. Und das mit voller Absicht. Der Sender machte Quote, der Protagonist konnte umsonst Werbung für sein neues Buch machen und wir konnten eine Rechnung schreiben.

Seit diesem Erlebnis hatte ich mich mit dem Thema Medienmanipulation eigentlich nicht mehr beschäftigt, da ich mich durch das Studium anderen Dingen widmen musste und damals auch noch der Meinung war, dass es ja erstens jedem selbst überlassen ist, sich solche (Boulevard-)Sendungen anzusehen und zweitens solche Verzerrungen bei wirklich wichtigen Themen zum Glück nicht möglich sind. Erst während der Vorbereitung und der Recherche für die Diplomarbeit, begann ich mich verstärkt im Internet über diverse Themen zu informieren. Insbesondere bei politischen Themen sollte ich dabei recht schnell auf einige Widersprüche zur Berichterstattung in den traditionellen Medien stoßen... Mit einer gewissen Vorlaufzeit ist meine Skepsis also vor etwa zwei Jahren zur Gewissheit geworden.

Was ist in Ihren Augen das Hauptproblem in der modernen Berichterstattung?

Enderle: Da gibt es gleich mehrere: Eines der Hauptprobleme ist meiner Meinung nach, dass selbst die großen, einflussreichen Medien nicht mehr wirklich unabhängig berichten können, da sie zu sehr von ihren Werbekunden abhängig sind. Kritische Berichte über Konzerne, von deren Werbeetat man sich zu nicht unerheblichen Teilen finanziert, sind da langfristig eher selbstzerstörerisch.

Gleichzeitig hat in den letzten Jahren der Einfluss der finanziell sehr gut situierten PR-Industrie ein besorgniserregendes Ausmaß angenommen. Weltweit werden PR-Agenturen engagiert um die eigene Firma, Institution oder Partei über die Medien in der Öffentlichkeit in das bestmögliche Licht zu rücken. Oder, - und das ist noch weit bedenklicher - um sogar in politischen Bereichen bestimmte Ideen und Stimmungen zu lancieren.

Und als dritter, ebenfalls nicht zu verachtender Punkt, kommen die direkten Verstrickungen einzelner Journalisten und verschiedener Medienkonzerne mit der Politik hinzu. Für Politiker ist ein sauberes, kompetentes und seriöses Bild in der Öffentlichkeit aus verständlichen Gründen ausschlaggebend. Dass die Realität oft anders aussieht, ist bekannt. Aber gerade deshalb ist es für Politiker, die im Rampenlicht und damit unter besonderer Beobachtung stehen, wichtig, dass sie, in Zeiten, in denen sie bestimmte Dinge nicht so gerne in der Zeitung stehen sehen möchten, darauf auch einen gewissen Einfluss ausüben können. Und das funktioniert wiederum prima, wenn man sich mit bestimmten Journalisten oder besser gleich den Chefredakteuren sehr gut versteht und auf Übereinkünfte geeinigt hat. Auch für die Journalisten sind Hintergrundinformationen aus erster Hand natürlich Gold wert.

Was halten Sie für bedenklicher: das komplette Übergehen von Themen oder das "herunterspielen" durch Kurzhalten eines Artikels bzw. eine entsprechende Hierarchie im Medienaufbau?

Enderle: Zunächst einmal halte ich beides für grundsätzlich falsch. Denn keine der beiden Varianten hat etwas mit dem aufrichtigen Informieren der Gesellschaft zu tun. Außerdem können wir in regelmäßigen Abständen beobachten wie genau das Gegenteil beider Varianten bis zum Exzess betrieben wird: die Berichterstattung über völlig irrelevante Themen und die Themen, die aufgeblasen werden, bis sie 24 Stunden am Tag laufen. Wenn "die Medien" wollen, können sie aus jedem sprichwörtlichem umgefallenen Sack Reis einen Beitrag oder eine Nachricht machen. Oder ihn eben ignorieren.

Die Folgen des kompletten Übergehens von Themen liegen auf der Hand: Es kann und wird kein öffentlicher Diskurs in der Gesellschaft über diese Themen stattfinden, da niemand je davon erfährt. Kommt dennoch jemand an diese Informationen, zum Beispiel über alternative Berichterstattung oder internationale Quellen im Internet, wird es ihm sehr schwer fallen, in der Öffentlichkeit ein Gespräch darüber anzuregen. Da ist man ganz schnell mal ein "Verschwörungstheoretiker", selbst wenn die Medien anderer Länder schon längst Beiträge über diese Themen ausgestrahlt haben.

Das Herunterspielen von Themen führt im Endeffekt zum gleichen Ergebnis. Mit der leichten Abwandlung, dass es zwar zu einem öffentlichen Diskurs kommt, allerdings ohne den Zugang zu allen Informationen, sodass der Kern des Problems und damit die tatsächliche Wahrheit, unausgesprochen bleibt. Eine weitere Variante des Herunterspielens ist auch das Senden kritischer Berichte und Sendungen oder gar ganzer Dokumentationen, allerdings auf späten Sendeplätzen, mit denen man nicht so viele Zuschauer erreicht wie man es tatsächlich könnte.

Wer also auf kritische Berichterstattung nicht verzichten will, muss entweder seine Fernsehzeitschrift studieren, den Videorekorder programmieren, hoffen und wach bleiben oder sich nach anderen Informationsquellen umsehen.


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VERÖFFENTLICHT AM

16. Mai 2010

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Eric

am 27.02.2015 um 11:25 Uhr

Schade, dass der Blog nicht weiter betrieben wird. Solche Menschen brauchen wir besonders in der jetzigen Situation.

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