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Hochschule der Medien

Alumnus im Interview

Wie weit darf man den Medien trauen?

Aufklärungsstand und Lehrbedarf


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Wie ist Ihrer Einschätzung nach der Aufklärungsstand in der Bevölkerung? Gibt es "Schichten", die mehr hinterfragen bzw. solche, die kommentarlos alles "schlucken" was ihnen die Medien vorsetzen?

Enderle: Der Aufklärungsstand in der Bevölkerung im Bezug auf das Thema Medien dürfte leider sehr niedrig ausfallen. Ich kann wirklich nicht genau sagen wie oft ich es selbst schon während Dreharbeiten erlebt habe, dass Passanten den Kameramann, der eine große, knapp 10kg schwere Kamera auf der Schulter trug, gefragt haben "ob wir denn vom Radio seien". Aber es war oft. Das ist natürlich nicht der Normalfall und gilt mit Sicherheit auch nicht für den Großteil der Gesellschaft, aber dennoch hat der Durchschnittsmedienkonsument von der Struktur und der Arbeitsweise der Medien nicht die geringste Ahnung.

Auch ich hatte anfangs echte Schwierigkeiten mir einen fundierten Überblick über die Medienlandschaft zu verschaffen und das obwohl ich ja nun schon länger in diesem Bereich arbeite und auch studiert habe. Das Internet bietet hier zum Glück eine Vielzahl an Informationsquellen und Webseiten auf denen man sich schlau machen kann. Auf meinem Blog kannnichtsein.com habe ich die wichtigsten Seiten für das Basiswissen, sowohl fürs TV als auch für die Printmedien zusammengefasst, sodass jeder Interessierte eine Menge Zeit sparen und sich über das Thema informieren kann.

Das Thema "Medienkompetenz" wird heutzutage zwar immer wieder genannt und für sehr wichtig befunden. Was aber dennoch auffällt ist, dass es dabei fast immer nur um die Medienkompetenz im Internet geht. Der meist einhellige Tenor der traditionellen Medien lautet: "Das Internet ist gefährlich. Dort treiben sich überall nur Pädophile, Abzocker, Terroristen und Verschwörungstheoretiker herum. Seien Sie auf der Hut! Außer natürlich auf unserer Webseite. Schauen Sie doch mal vorbei." Dass es im Internet auch jede Menge nationale wie internationale Seiten gibt, die von tatsächlichen Journalisten betrieben werden, die mit den Arbeitsbedingungen ihrer ehemaligen Arbeitgeber - den traditionellen Medien - nicht mehr einverstanden waren und deshalb ihre recherchierten Geschichten lieber im Internet veröffentlichen, davon ist doch eher selten die Rede. Das nahezu einzige medienkritische Magazin, "ZAPP" (NDR), läuft entweder spät nachts, wenn eh kaum noch jemand zusieht... Ein Schelm wer Böses dabei denkt.

Das Problem daran, dass die Bürger die Informationen einfach "schlucken", ohne zu hinterfragen, liegt meiner Meinung daran, dass mittlerweile ganze Generationen mit dem Leitmedium "Fernsehen" aufgewachsen sind und dabei weder in der Schule, noch von ihrem Umfeld je auf die Idee gebracht wurden, dass das eventuell nicht immer von Vorteil ist. "Es kam im Fernsehen, also muss es ja wahr sein", scheint oft das gängige Credo zu sein. Und natürlich im Umkehrschluss "Wenn das wahr wäre, dann wäre es schon längst im Fernsehen gewesen.". Das war bei mir bis vor knapp 2 Jahren ja auch nicht anders muss ich zugeben. Einzig und allein durch den Umstand, dass immer mehr Menschen klar wird, dass wir von der Presse offensichtlich nicht mehr zu 100 Prozent alles erfahren, was uns und unsere Gesellschaft betrifft, entstehen alternative Nachrichtenportale im Internet ja erst.

Es gibt ganz individuell unterschiedliche Typen von Menschen, mit ganz unterschiedlichen Ausprägungen von Vorwissen und Neugier. Es gibt diejenigen, denen man etwas erzählt, das von den Medien geflissentlich übergangen oder heruntergespielt wird, die daraufhin sagen "Das kann nicht sein! Das muss ich mir ansehen, schick mir bitte mal den Link." und sich dann wirklich Gedanken darüber machen. Und es gibt die anderen, bei denen ist die Reaktion ebenfalls "Das kann nicht sein!", dann allerdings, weil sie es wirklich nicht glauben können (oder wollen), da über so etwas ja mit Sicherheit schon im Fernsehen berichtet worden wäre. Hier ist das Grundvertrauen in die Zuverlässigkeit der traditionellen Massenmedien offensichtlich (noch) stärker als die gesunde Skepsis. Man muss solche erschreckenden Informationen eben auch erfahren wollen.

Wie kann man Ihrer Meinung nach die Skepsis in der Bevölkerung schärfen? Wie sähe ein Unterricht über den Umgang mit Medien aus, müsste der nicht bereits im Kindesalter beginnen?

Enderle: Man kann schon eine ganze Menge machen und es passiert tatsächlich auch schon eine ganze Menge. In vielen Städten quer durch die Republik entstehen zur Zeit "Stammtische" (auch hier in Stuttgart: http://stammtischstuttgart.blogspot.com/), bei denen sich Nutzer alternativer Medien im Internet, Blogger und auch einfach nur Interessierte zusammenfinden und sich sozusagen "im echten Leben" austauschen und diskutieren. Dabei werden auch immer wieder Referenten eingeladen, Vorträge zu verschiedenen Themengebieten gehalten und gemeinsame Aktionen geplant.

Aber die traditionellen Medien greifen den Alternativen ja auch selbst kräftig unter die Arme. Wenn man an die Panikmache vor der Schweingrippe denkt, die "Pandemie" die offensichtlich einfach keine werden wollte, sagt schon der gesunde Menschenverstand dem traditionellen Medienkonsumenten, dass man offensichtlich nicht alles für bare Münze nehmen darf, was einem als "seriöser Journalismus" untergejubelt und nicht zuletzt auch verkauft wird. Dasselbe gilt aber natürlich ohne Abstriche auch für die Informationsbeschaffung im Internet. Auch hier sollte man stets vorsichtig mit den angebotenen Informationen umgehen und sie besser zweimal zu viel als einmal zu wenig überprüfen.

Die Skepsis in der Bevölkerung ist, soweit ich das beurteilen kann, ohnehin kaum noch aufzuhalten bzw. wieder umzukehren. Bei der Berichterstattung über die "akute" Terrorbedrohung zeigt sie sich ebenso deutlich wie beim Beispiel des oben bereits erwähnten "Schweinegrippen-Journalismus". Nur 15% der Bevölkerung ließ sich tatsächlich impfen. Das allein sagt schon etwas darüber aus inwieweit das Grundvertrauen der Bevölkerung gegenüber solchen Informationen gesunken ist. Und man kann sich ziemlich sicher sein, dass kaum jemand der sogenannten "Internet-Gemeinde" zu diesen 15% gehörte.

Doch dieses Grundvertrauen würde, da bin ich mir sicher, noch weiter nachlassen wenn das Thema allgemeine Medienkompetenz tatsächlich einen größeren Stellenwert in unserer, nicht selten als Mediengesellschaft bezeichneten Gemeinschaft, einnehmen würde. Wenn wir es für eine gute Idee halten kleine Kinder bereits im Kindergarten der englischen Sprache näherzubringen und das Thema Bildung generell eines ist, welches aus unserer Gesellschaft nicht mehr fortzudenken ist, dann wäre es doch sicher auch keine schlechte Idee den Medienkonsumenten von Morgen auch so früh wie möglich das Verständnis für einen großen Teil der sie umgebenden "Realität" beizubringen.

Denn diese „mediale Realität" hat, wie im Film auch ausgiebig erklärt wird, durchaus etwas mit der Entwicklung unserer demokratischen Gesellschaft und damit auch mit der unmittelbaren Lebensrealität jedes Einzelnen zu tun.

Herr Enderle, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte: Melanie Teich


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VERÖFFENTLICHT AM

16. Mai 2010

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Eric

am 27.02.2015 um 11:25 Uhr

Schade, dass der Blog nicht weiter betrieben wird. Solche Menschen brauchen wir besonders in der jetzigen Situation.

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