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Hochschule der Medien

Medien - Ethik - Gewalt

Experten diskutierten Probleme und Perspektiven

Im Mittelpunkt der 15. Internationalen Europakonferenz stand das komplexe Spannungsverhältnis von Medien, Ethik und Gewalt. Die HdM war Mitveranstalter des dreitägigen Kongresses, der vom 17. bis 19. Mai 2010 in Wien stattfand.

15. Internationale Europakonferenz, Wien
(Fotos: Peter Ableidinger)

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Zur Detailansicht HdM-Professor Oliver Zöllner begrüßte das Auditorium (Fotos: Karla Neef)

HdM-Professor Oliver Zöllner begrüßte das Auditorium (Fotos: Karla Neef)

Zur Detailansicht Der Veranstaltungsort: die Technische Universität Wien

Der Veranstaltungsort: die Technische Universität Wien

Zur Detailansicht Das Publikum auf der Konferenz

Das Publikum auf der Konferenz

Zur Detailansicht Im Festsaal der TU Wien

Im Festsaal der TU Wien

Zur Detailansicht Hinweis auf die Konferenz

Hinweis auf die Konferenz

Ziel der Konferenz war es, das komplexe Spannungsfeld wie auch die Zusammenhänge von Gewalt, Medien und Ethik aus wissenschaftlicher Perspektive, aber auch für ein breites Publikum aufzubereiten. Die Konferenz wurde von der Europäischen Akademie für Lebensforschung, Integration und Zivilgesellschaft (EALIZ), der Hochschule der Medien (HdM) Stuttgart und der Technischen Universität (TU) Wien, sowie dem österreichischen Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung veranstaltet. An drei Tagen gaben Medienwissenschaftler, Soziologen und Philosophen im Festsaal der TU Wien einen Überblick über Probleme, Phänomene und neue Perspektiven.

Einen Anstoß für diese Konferenz lieferten, so Oliver Zöllner, Professor an der HdM, die Diskussionen über den Amoklauf eines Schülers in Baden-Württemberg im Frühjahr 2009, bei dem 17 Menschen ums Leben kamen. „Wir mussten uns als Hochschule der Medien mit dem rasch aufgekommenen Vorwurf beschäftigen, Killerspiele hätten den Amokschützen zu seiner Tat angeregt. Und wir wollten diesen spekulativen Überlegungen, die die Medien selbst oft sensationalistisch befeuert haben, etwas Wissenschaftliches entgegensetzen", sagte Zöllner.

Von der Sinnlichkeit und Tradition der Gewalt

Professor Michael Kunczik, der über Jahrzehnte am Institut für Publizistik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz zu Medien und Gewalt geforscht hat, erläuterte in seinem Vortrag, dass seit der Erfindung der Schrift jedes neue Medium zunächst negativ bewertet worden sei. In seinem historischen Abriss wies Kunczik darauf hin, dass sich schon im 16. Jahrhundert ein Großteil der Zeitungsinhalte mit Gewalttaten befasste. Dennoch könne man die Zeitungen nicht für Gewalttaten verantwortlich machen - sonst hätte man bereits die Bibel verbieten müssen.

Rainer Leschke, Professor an der Universität Siegen, stellte heraus, warum Gewalt in den Medien so präsent ist. „Gewalt ist ein sinnliches Ereignis, auffällig, intensiv und hässlich - und deshalb ungeheuer attraktiv für das Mediensystem", sagte Leschke, „Gewalt ist ein sinnlicher Overkill." Er führte aus, wie unterschiedlich Gewalt bewertet wird, je nachdem, von wem sie ausgeht: „Dem Protagonisten im Film wird im Gegensatz zum Antagonisten die Lizenz zum Töten erteilt." Im Mediensystem könne es daher keine inneren Grenzen für Gewaltdarstellungen geben, die müssten von außen kommen.

Gewalt im virtuellen Raum

Viele Menschen sind der Meinung, man müsse virtuell präsent sein, um sozial überhaupt zu existieren, führte Professor Dr. Burkhard Liebsch, Institut für Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum, in seinen Vortrag ein. Gleichzeitig entstehen in den Medien neue Gewaltspielräume, die erst im Nachhinein entdeckt werden. „Im Unterschied zum physischen und moralischen Gesicht, kann man auf das virtuelle Gesicht von Menschen ungeheuer gut zugreifen", sagte Liebsch. „Die Adressaten der Gewalt bleiben vielfach wehrlos, während der angerichtete Schaden im Netz dauerhaft sichtbar bleibt", so Liebsch weiter.

Professor Helmut Volpers vom Institut für Informationswissenschaft der Fachhochschule Köln referierte über die Gefahren, die im Web 2.0 für Kinder und Jugendliche entstehen. Denn Kinder und Jugendliche können in Form von „User Generated Content" selbst gewalthaltige, persönlichkeitsverletzende und pornographische Inhalte im Internet produzieren. Das ist eine Herausforderung für den Jugendmedienschutz: Kinder und Jugendliche müssen nicht nur vor jugendgefährdenden Inhalten im Netz geschützt werden, sondern auch davor bewahrt werden, selbst jugendgefährdende Inhalte zu produzieren - wozu sexuelle Selbstinszenierung, Gewaltdarstellung und -verherrlichung, Persönlichkeitsverletzungen oder Gangsta- und Porno-Rap gehören. „Das hat den Jugend- und Medienschutz verändert", resümierte Volpers.

Christa Kolodej vom Arbeits-, Wirtschafts- und Umweltpsychologischen Institut an der Karl Franzens Universität Graz stellte in ihrem Vortrag heraus, dass Cybermobbing - also Mobbing durch den Gebrauch von Informations- und Kommunikationstechnologien - durchaus problematisch sei. „Denn die Täter entwickeln keine Empathie für das Opfer, weil sie das Opfer nicht leiden sehen. Cybermobber glauben auch, dass sie nicht entdeckt und zur Rechenschaft gezogen werden können", so Kolodej. Der Schlüssel dazu sei, Kinder, Jugendliche und Eltern aufzuklären und zu sensibilisieren für das, was Cybermobber bei anderen anrichten können.

Von Krimiserien zum Journalismus

Der Literaturwissenschaftler Dennis Gräf beschrieb, wie sich die Erzählmuster von Gewalt der Krimiserie „Tatort" in den vergangenen vierzig Jahren gewandelt hat und was sie über den Zustand der deutschen Gesellschaft aussagen. „Der Tatort will der Gesellschaft nicht einen Spiegel vorhalten, er bietet ausschließlich mediale Lösungen. Er hat vielmehr die Funktion eines Seismographen", fasste Gräf zusammen. „Krimiserien thematisieren, wie die Gesellschaft mit Abweichungen umgeht. Sie haben eine Markerfunktion, mittels der auf gesellschaftliche Probleme aufmerksam gemacht werden kann."

Der Gründungsintendant des Deutschlandradios Ernst Elitz, der auch dem Hochschulrat der HdM angehört, erinnerte daran, dass Journalisten als „Wahrheitsfanatiker" jedoch dazu verpflichtet sind, den Bürgern das ganze Ausmaß der Gewalt darzustellen. „Man möchte verschont bleiben von Fotos misshandelter Kinder, man will Gewalttätern nicht ins Auge schauen, man will nicht den blutbefleckten Schulhof eines Tatorts sehen, sondern nur die Trauerfeier sehen", sagte er. „Aber das ist eben nur die halbe Wirklichkeit. Journalisten sind für die ganze Wahrheit zuständig." Journalisten seien Sachverständige für die ungeschminkte Wahrheit und deshalb müsse auch die Darstellung von Gewalt authentisch sein - auch wenn man sich damit nicht nur Freunde macht bei denen, die Gewalt verdrängen oder vertuschen wollen.

VERÖFFENTLICHT AM

27. Mai 2010

KONTAKT

Prof. Dr. Petra Grimm

Medienwirtschaft

Telefon: 0711 8923-2202

E-Mail: grimm@hdm-stuttgart.de

Prof. Dr. Oliver Zöllner

Medienwirtschaft

Telefon: 0711 8923-2281

E-Mail: zoellner@hdm-stuttgart.de

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