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Hochschule der Medien

Fremdschämen

Die Stellvertreter-Scham

Beim Fernsehen steigt in Ihnen ein beklemmendes Gefühl auf, Sie fühlen sich peinlich berührt. Warum? Weil sich eine Person zum Affen macht, es selbst nicht merkt und man sich nun stellvertretend für sie schämt. Fremdscham ist ein relativ neues Phänomen.

© Kati Neudert - Fotolia.com

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Das Wort Fremdschämen gibt es noch gar nicht so lange. Trotzdem hat es sich, dank seinem steilen Aufstieg, den Weg in den Duden 2009 geebnet. Stolze 318.000 Suchergebnisse bei Google verzeichnet das Wort und auch zahlreiche Artikel thematisieren es oder schmücken sich mit ihm. Doch auch nach langem Schmökern weiss der Leser nicht genau, was es bedeutet, obwohl es von vielen artigen Mitmenschen in ihren Wortschatz aufgenommen wurde.

Beschämende Gefühle für andere

Der Erfolg des neuen Wortes hat nicht zuletzt mit jenen Menschen zu tun, die sich im Fernsehen „entblöden" oder auf Social Community Webseiten ihre Privatheit, und das oft sehr detailliert, offen leben und zeigen. Das stellen die Psychologen Krach und Paulus in der Süddeutschen Zeitung fest. Die neue öffentliche Privatheit werde demnach zu immer mehr Fremdscham führen. In einer Studie fanden sie heraus, dass die Fremdscham eine stellvertretende soziale Emotion ist. Diese Emotion wird ausgelöst durch so genannte Spiegelneuronen in unserem Gehirn. Diese Neuronen werden nicht nur aktiv, wenn wir selbst etwas tun, sondern auch dann, wenn wir jemanden bei etwas Bestimmten beobachten. Das Resultat ist, dass wir das Beobachtete so empfinden, als ob wir es gerade selbst vornehmen und es somit nachfühlen können.

Einer Peinlichkeit folgt die nächste

Zur Fremdscham kann aber auch eine Eigenscham hinzukommen. So könnte sich z.B. ein TV-Zuschauer beim Anblick lauter peinlicher Castingkandidaten bei „Deutschland sucht den Superstar" jede Menge fremdschämen. Danach könnte er feststellen, dass es ebenso peinlich ist, sich diese Sendung überhaupt anzusehen und sich wiederum für sein eigenes Verhalten schämen. Diese Scham tritt aber in den Hintergrund, da die Blamagen anderer viel spektakulärer und faszinierender sind. Auffallend ist auch, dass solche Situationen häufig mit ganz bestimmten Sendeformaten provoziert werden, als ob das Publikum geradezu „fremdschamsüchtig" ist und durch solche Sendungen befriedigt wird.

Sich schadenfreuen oder sich fremdschämen?

Der Sänger Jan Delay hat der Fremdscham sogar einen eigenen Song mit dem Titel „Überdosis Fremdscham" gewidmet. Damit will er seinen Fans klar machen, dass sie nicht alleine mit ihrer Fremdscham sind. Und irgendwie tun ihm diese sich blamierenden und sich bloßstellenden Menschen, mit der „Würde einer Erbse" leid. „Ihnen fehlt einfach die Kenntnis."

In dem Punkt, dass zur Fähigkeit des Fremdschämens ein gewisses Einfühlungsvermögen nötig ist, sind sich alle Psychologen mit Jan Delay einig. Hat jemand davon weniger, amüsiert er sich über einen peinlichen Auftritt und ist einfach schadenfroh. Ein anderer dagegen mit mehr Einfühlungsvermögen, schämt sich fremd. Vielleicht sollte man aber einfach ganz normal über einen sich blamierenden Menschen denken „Schäm dich", und fortan die Verantwortung für die eigenen Peinlichkeiten übernehmen, anstatt sie für andere zu tragen. Dies könnte auch für Auftritte in den Medien und für die Zuschauer gelten.

Helene Adam

VERÖFFENTLICHT AM

15. August 2010

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