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Hochschule der Medien

Comics Teil V

Comics werden erwachsen


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Geschichten, die das Leben schreibt

Unter dem Begriff Graphic Novel ist bereits eine große Vielfalt von Comics erschienen: von Biografien über Buchadaptionen und historischen Romanen bis hin zu persönlichen Alltagsgeschichten. Robert Crumb, der Schöpfer von „Fritz the Cat" und Ikone des amerikanischen Undergroundcomics, veröffentlichte mit „Genesis" seine ganz eigene Version der christlichen Schöpfungsgeschichte. Für Aufsehen sorgte auch Ulli Lusts autobiografischer Comic „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens". In dieser Graphic Novel erzählt sie von einer Reise, die sie als 17-jährige Punkerin mit ihrer Freundin nach Sizilien machte, und Vergewaltigung, Drogen, Prostitution und die Mafia schließlich zum Absturz führten. Auch „Gift" von Peer Meter und Barbara Yelin ist eine düstere Erzählung, in der es um die Giftmörderin Gesche Gottfried aus Bremen geht. 15 Menschen brachte sie im 19. Jahrhundert um. Über Jahre mischte sie ihrer Familie und ihren Bekannten Mäusebutter, eine Mischung aus Arsen und Fett, ins Essen, bis sie schließlich 1831 enthauptet wurde. Mit der Hinrichtung endet auch die Graphic Novel, die Gesche Gottfrieds Geschichte erzählt und ihre Gräueltaten in Rückblenden schildert.

Gezeichnete Lebensgeschichten liegen im Trend. Johnny Cash, Che Guevara und Martin Luther King sind schon in Graphic Novels dargestellt worden und könnten die Erlebnisse der Comic-Superhelden womöglich bald ersetzen. Die neuen Helden retten auch nicht mehr die Welt, sondern erzählen von ihrem düsteren und harten Leben.

Wie Comics in den Krieg ziehen

Mit großem „Knall", „Peng" und „Boom" kracht es in so manchen Comics, wenn Gut und Böse aufeinander treffen. Doch auf dem Papier bleibt die Gewalt folgenlos. Gleichwohl kommen Comics aber auch immer öfters mit dem echten Krieg in Berührung. Manche Comiczeichner schildern den Krieg anhand erfundener Figuren, andere wie Marjane Satrapi, die in ihrem Comic „ Persepolis" ihre Kindheit im Iran verarbeitet, werden in den Krieg hineingeboren, und wiederum andere wie Joe Sacco ziehen selbst in den Krieg und werden Augenzeugen.

Joe Sacco zeichnete mit „Palästina" eine eindrucksvolle Momentaufnahme des israelisch-palästinensischen Konflikts. Er erzählte von Elend, Armut, Einsamkeit und Angst und vom dem nicht enden wollenden Regen, der aus den ganzen Straßen Schlammfurchen machte und in die Häuser drang, als er 1991 und 1992 in Palästina war. Mit Schwarz-Weiß-Bildern lässt er die Leser an seinen Erfahrungen teilhaben: persönlich, subjektiv und bewegend. Damit hat der gelernte Journalist ein gänzlich neues Genre erschaffen: den Comic-Journalismus. Seitdem war der Amerikaner auch in anderen Krisenregionen wie Bosnien und dem Irak. Die dabei entstandenen Comics versuchen jedoch keineswegs sachlich oder neutral zu sein. Darin liegt aber vielleicht gerade dessen Stärke als Reportage-Instrument: Leser erwarten hier keine sachliche Schilderung, sondern einen individuellen und lebendigen Blick auf die Welt. Emotionale Regungen wie Entsetzen oder Angst werden hier nicht mit Worten umschrieben, sondern durch Gestik und Mimik ausgedrückt.

Eine ganze Reihe von Comics befassen sich auch mit den Auswirkungen des 11. Septembers, darunter die Comic-Serie „Civil War" des Marvel Verlags, die deutlich macht, wie reale Ereignisse in die Comicwelt eindringen. Selbst die sonst unbezwingbaren Helden wie Spiderman oder Captain America sind angesichts der Unerklärbarkeit des 11. Septembers förmlich machtlos. „Das verrückte, abseitige, kaum kontrollierbare Medium Comic zeigt wie kein anderes den schmerzhaften Zustand, in dem die Kultur steckt", schreibt WELT Online.

Comics kommen aus der Nische hervor

Die Erweiterung der Produktpalette führte dazu, dass heute vielfältigere Leserschichten und Altersgruppen angesprochen werden. Mit Mangas erschloss man bereits ein weibliches, zuvor eher desinteressiertes Publikum, und Graphic Novels erfreuen sich unter den bildungsbürgerlichen Feuilleton-Lesern zunehmender Beliebtheit. Für Kinder-Comics dagegen sind die populärsten Zeiten wohl vorbei: In den USA wurden die klassischen Disney-Comics im letzten Jahr eingestellt und auch in Deutschland sank die Auflage der Micky-Maus-Hefte erheblich. Was die Akzeptanz der Bildergeschichten betrifft, scheint Deutschland aber nun da angekommen zu sein, wo Frankreich, Italien und Belgien schon seit langem sind. Denn dort werden Comics nicht belächelt, sondern gelten als ernst zu nehmender Lesestoff für Erwachsene.

Tanja Rupp


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Quellen: Comics Teil V

www.spiegel.de
www.sueddeutsche.de
www.berlinerliteraturkritik.de
www.goethe.de/kue/lit/prj/com/
www.tagesspiegel.de
www.heise.de
www.graphic-novel.info
www.welt.de
www.buecher.at
www.boersenverein.de

Baetens, Jan (2001): The Graphic Novel. Leuven: Leuven University Press.

Poppe, Sandra / Schüller, Thorsten / Seiler, Sascha (2009): 9/11 als kulturelle Zäsur. Repräsentationen des 11. September 2001 in kulturellen Diskursen. Bielefeld: Transcript Verlag.

Ditschke, Stephan / Kroucheva, Katerina / Stein, Daniel (2009): Comics. Zur Geschichte und Theorie eines populärkulturellen Mediums. Bielefeld: Transcript Verlag.

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05. September 2010

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