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Hochschule der Medien

Tatort Internet

Heiligt der Zweck die Mittel?

Ein Beitrag zur Debatte um das RTL 2-Format „Tatort Internet“ aus medienethischer Perspektive

Seit Beginn der RTL 2-Reihe „Tatort Internet – Schützt endlich unsere Kinder“ reißt die Diskussion um das Format nicht ab. Der Streit bezieht sich auf die Machart der Sendung und die mangelnde Achtung von Persönlichkeitsrechten.

Ziel der Sendereihe ist es nach Aussage der Produzenten, Eltern über mögliche Gefahren im Internet aufzuklären und somit Kinder und Jugendliche als potentielle Opfer zu schützen. Hierzu werden mutmaßliche Pädophile von vorgeblich Minderjährigen in Internetchats angelockt und dann bei einem Treffen vor laufender Kamera gestellt. Umrahmt werden die dargestellten Fälle durch Statements von Experten, wie beispielsweise Sexualwissenschaftlern, Psychologen und Rechtsmedizinern. Den Sender RTL 2 habe man wegen seiner Zielgruppe gewählt, um so vor allem junge Familien anzusprechen. Darüber hinaus verfolgt die Sendung ein weiteres Anliegen, nämlich die Anbahnung sexuell motivierter Kontakte via Internet, das sogenannte „Cyber-Grooming", soll unter Strafe zu stellen.

Gefahren des Internets deutlich machen

Positiv hervorgehoben werden kann, dass hier ein gesellschaftlich relevantes, aber weitgehend tabuisiertes Thema auf die Agenda gesetzt wird: Pädophile stellen im Bereich der Internetkriminalität die größte Tätergruppe (kinderpornografisches Material eingeschlossen). Die in der Sendung gezeigten Fälle können dazu beitragen, bei den Eltern ein Problembewusstsein dafür zu schaffen, welchen Situationen Kinder und Jugendliche im Internet ausgesetzt sein können. Im besten Fall trägt die Sendereihe so dazu bei, dass Eltern, die bisher für diese Problematik vielleicht nicht erreicht wurden, stärker darauf achten, was ihre Kinder im Internet tun. Dass insbesondere Mädchen unangenehme Erfahrungen mit sexueller Belästigung im Internet gemacht haben und dies als psychische Gewalt empfinden, hat eine eigene repräsentative Befragung von Kindern und Jugendlichen im Alter von zwölf bis 19 Jahren ergeben. (1)

Wer trägt die Verantwortung?

Im Kern einer medienethischen Betrachtung der Sendereihe „Tatort Internet" stellt sich die Frage, ob ein gesellschaftlicher Missstand, dem bislang in den Medien zu wenig Raum gegeben wurde, in jedweder Art dargestellt werden sollte und kann. Der zentrale Begriff ist hier die „Verantwortung", die sechs W-Fragen umfasst: Wer trägt die Verantwortung? Was ist zu verantworten? Wofür trägt er die Verantwortung? Wem gegenüber trägt er Verantwortung? Wovor muss er sich verantworten? Weswegen muss man sich verantworten? (2)

Verantwortungsträger sind bei einer Fernsehsendung sowohl der Sender (Leitung, Redaktion) als auch die Macher (Produktionsfirma, Journalisten, Moderatoren). Waren sich die Verantwortlichen des Risikos bewusst, dass sich bei einem solch sensiblen Thema durch die Wahl eines boulevardjournalistischen Formats, das auf Emotionalisierung und Skandalisierung ausgerichtet ist, das eigentliche Ziel der Aufklärung und Bewusstseinsschärfung schwer umsetzen lässt?

Zum zentralen Gegenstand der Kritik an der Sendereihe sind die Aufmachung der Sendung und die Vorgehensweise der Macher geworden. Den meisten Raum in den bisher gezeigten Folgen von „Tatort Internet" nehmen die Fälle ein, in denen sich nach immer gleichem Muster vorgeblich Minderjährige in Internet-Chats ansprechen und zu Verabredungen mit erwachsenen Männern überreden lassen. Beim Treffen mit den mutmaßlichen Pädophilen werden die Minderjährigen von Schauspielern dargestellt und die Szenerie mit versteckten Kameras gefilmt, wobei die vermeintlichen Täter durch Verpixelung und Stimmenverzerrung unkenntlich gemacht werden. Nach einer kurzen Unterhaltung wird der Schauspieler von der Journalistin Beate Krafft-Schöning abgelöst, die die Männer dann mit den Chatprotokollen und zuvor ausgetauschtem Bildmaterial sowie mit Fragen konfrontiert, die als moralische Vorwürfe fungieren. Dies wurde als medialer Pranger empfunden.

Medienpranger ohne Lösungskonzepte

Die Frage nach dem „Wofür sind die Macher verantwortlich?" zielt auf die Folgen bzw. Wirkungen der Sendereihe ab, die aufgrund der gewählten Stilmittel und Handlung erzeugt werden. Die gezeigten Szenen sind schnell geschnitten, aufgrund der eingesetzten Handkamera verwackelt und mit dramatischer Musik unterlegt. Über die Filmbilder werden Passagen aus den Chatprotokollen gelegt und von einer Stimme aus dem Off nachgesprochen. Sowohl die dramaturgischen Mittel wie auch die von der Off-Stimme ausgesprochenen Vermutungen über den Fortgang des Treffens, wenn das Tatort Internet-Team nicht eingegriffen hätte, verleihen den Szenen etwas Reißerisches und schüren möglicherweise Ängste bei den Zuschauern. Auch in der Moderation und den Expertenstatements werden die Gefahren des Internets und das Ausmaß der Internet-Kriminalität betont. Informationen, wie sich Kinder und Jugendliche oder die Eltern schützen könnten, werden nur im Bezug auf zeitliche Restriktionen angesprochen.

Die Sendung geht nicht darauf ein, wie man gar nicht erst Opfer wird. Informationen über sichere Chats oder ein Gesprächsleitfaden, wie Eltern ihre Kinder über mögliche Gefahren aufklären können, fehlen, ebenso ein Verhaltenskodex für Kinder und Jugendliche, was sie online von sich preisgeben und wie sie auf zweifelhafte Kontaktaufnahmen reagieren sollten. Haben die Macher also bedacht, dass die Betonung der Gefahr bei den Zuschauern ein Gefühl der Ohnmacht hervorrufen könnte, statt deren eigene Handlungsfähigkeit hervorzuheben und zu bestärken?

Insbesondere den direkt Betroffenen gegenüber tragen die Macher Verantwortung. Das sind im Fall von „Tatort Internet" die Opfer. So wurde beispielsweise in der ersten Folge die minderjährige Mandy, die Opfer sexueller Belästigung und Nötigung im Internet wurde, gezeigt und zu ihren Erlebnissen befragt, wobei ihr das Unwohlsein bei dieser Befragung im Beitrag anzusehen war. Eine Sendung, die sich zum Ziel gesetzt hat, Kinder und Jugendliche zu schützen, hätte vor allem auch Mandy schützen müssen, indem sie anonymisiert dargestellt oder aber ihr gesamter Fall nachgestellt wird. Die Botschaft ihrer Erlebnisse hätte sich auch auf diese Weise glaubhaft darstellen lassen. Ist hier nicht zu bedenken, dass ab dem Zeitpunkt der Ausstrahlung der Opfer-Status des Mädchens manifestiert wurde?

Die Medienethik als Korrektiv

Die Frage, wovor sich der Sender verantworten muss, ist leicht zu beantworten. Die zuständige Landesmedienanstalt sowie die Kommission für Zulassung und Aufsicht (ZAK) haben bereits begonnen, die Sendung zu prüfen. Es wird untersucht, „ob in den jeweiligen Beiträgen die mutmaßlichen Täter durch Äußerungen über ihre Lebenssituation für Außenstehende erkennbar waren und so die Persönlichkeitsrechte verletzt und journalistische Standards missachtet wurden". (3)

Unter medienethischen Gesichtpunkten ist neben der Einhaltung von Gesetzen die gesellschaftliche Verantwortung der Medien von zentraler Bedeutung, also weswegen sich Medienmacher verantworten müssen. In ihrer Funktion als Meinungsbildner werden sie an journalistischen Qualitätskriterien, wie beispielsweise an Neutralität, Transparenz und Vollständigkeit, sowie der Wertevermittlung gemessen. Das bedeutet, dass ein Thema unter anderem sachlich und vorurteilsfrei aufbereitet sein, die Problematik eingeordnet und ohne Mutmaßungen gearbeitet werden sollte, um die Urteilsfähigkeit des Publikums zu stärken.

Petra Grimm

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Karla Neef

Tatort Internet

(1) Vgl. Grimm, Petra/Rhein, Stefanie/Clausen-Muradian, Elisabeth (2008): Gewalt im Web 2.0. Der Umgang Jugendlicher mit gewalthaltigen Inhalten und Cyber-Mobbing sowie die rechtliche Einordnung der Problematik. Schriftenreihe der NLM, Band 23. Berlin: Vistas.

(2) Vgl. Lenk, Hans (1987): Über Verantwortungsbegriffe und das Verantwortungsproblem in der Technik. In: Ders./Ropohl, Günter (Hrsg.): Technik und Ethik. Stuttgart: Reclam, S. 112-148 und Stapf, Ingrid (2006): Medien-Selbstkontrolle. Ethik und Institutionalisierung. Konstanz: UVK, S. 148.

(3) ZAK-Pressemitteilung 15/2010 vom 27. Oktober 2010. Online: http://www.alm.de/34.html?&tx_ttnews[tt_news]=617&cHash=fa20e4c019 (Abfrage: 29.10.2010).

VERÖFFENTLICHT AM

15. November 2010

KONTAKT

Prof. Dr. Petra Grimm

Medienwirtschaft

Telefon: 0711 8923-2202

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Karla Neef

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Matz

am 16.11.2010 um 10:38 Uhr

Medienethik? Den W Fragen sollte eine weitere hinzugefügt werden! Wer praktiziert das überhaupt noch? Wenn ich mir die Medienlandschaft genauer anschaue, habe ich das Gefühl, dass einzig und alleine DIE W- Frage, Wie hoch ist die Quote, zählt und nichts anderes. Medien in Deutschland haben es zu verantworten, dass ein ganzes Volk über Wochen einem kleinen Eisbären im Berliner Zoo beim aufwachsen zuschaut, ob das Tier seine Flasche nuckelt und wie es mit seinem Pfleger spielt. Dies ist natürlich nur ein kleines Beispiel. Unsere Jugend hört täglich Musik, die von minderbemittelten "Gethogangstern", lächerlichen Figuren und halbaffen produziert wird. Betrachtet man das Szenario aus diesem Blickwinkel, lentsteht bei mir der Eindruck, dass die privaten Medien ihren eigentlichen Auftrag, den Bildungsauftrag um Längen verfehlen. RTL2 sollte sich meiner Meinung erst einmal fragen, in welchen Umfang der Sender an dieser Entwicklung beteiligt ist. Die logische Konsequenz der Selbstanalyse müsste meiner Meinung nach die Schließung eines solchen Senders sein. Solche Sendeformate (Dreck Fressen mit Dirk Bach, dünn hungern mit Heidi Klum, Teenis runterbuttern mit Dieter Bohlen) sollten eigentlich überholt sein. Das neue Format, Kinderschänder jagen mit Frau zu Guttenberg zeigt allerdings, dass sich die Spirale nach unten dreht. Kommt bald der Tag, an dem RTL mit unserem bekanntesten Rollstuhlfahrer bei mir an der Tür klingelt und mir wegen einem Musikdownload die Hölle heiß macht?

Verstanden

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