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Hochschule der Medien

Digitalisierung

Werden wir alle digitale Minimalisten?

Frei machen von unnötiger Last, das Leben auf das Wesentliche konzentrieren. Das ist das Ziel von Minimalisten. Bei den Minimalisten von heute ist das „Wesentliche“ fast ausschließlich digital. Bloß ein kurzer Kult von Einzelnen oder das Gesellschaftsideal der Zukunft?

Digitales Hab und Gut: Der Minimalist von heute

Digitales Hab und Gut: Der Minimalist von heute

„Cult of Less" nennt sich der Trend, den der 23-jähriger Software-Entwickler und Programmierer Kelly Sutton, geprägt und mittlerweile viele Nachahmer gefunden hat. Alles, was digitale Minimalisten für ihr Glück brauchen, befindet sich auf ihren Festplatten und diversen Online-Speicherdiensten: CDs werden zu MP3s, Bücher zu E-Books, Dokumente zu PDFs und Fotos zu JPGs. Sonstige physische Besitztümer brauchen sie nicht. Diese nehmen ihnen nur ihre Freiheit und machen sie immobil.

Aus analog wird digital

Klar ist diese Lebensweise extrem und zumindest momentan nicht massentauglich, aber dennoch zeigt sich ein Trend: Analoges verliert an Wert, wir werden zunehmend digital. Eine Ursache dafür sieht Prof. Dr. habil. Roland Mangold, Informations- und Kommunikationspsychologie an der Hochschule der Medien, im Leistungsprinzip. Menschen haben den Wunsch, alles zu optimieren, sie leben ökonomisch. „Früher lief alles per Hand, es war alles langsamer. Es war viel schwieriger, kompetente Entscheidungen zu fällen. Wenn man heute beispielsweise ein Unternehmen führt, klickt man sich in der SAP-Software verschiedene Daten zusammen, lässt sich ein Diagramm erstellen und trifft eine Entscheidung."

Optimiert durchs Internet

Solange uns also die neuen Medien dabei unterstützen, Dinge zu optimieren, setzt auch die Digitalisierung nicht aus. „Information at your Fingertips": Ein Nutzungsmotiv, das dem Erhalt und der Erweiterung der digitalen Medien dient. Wenn die alten Nutzungsmotive weiterhin bestehen bleiben, so Mangold, werde die Digitalisierung weiter zunehmen und erst, wenn sie mal gegen die Motive der Menschen spreche, wieder zurückgehen. Besonders die jungen Leute, so auch Mangolds Studenten, sehen die Vorteile des Internet. „Eine Studentin erzählte mir neulich, wenn sie sozialen Kontakt in der Schule hatte, war sie immer gehemmt. Seit sie das Internet nutze, sei das viel besser geworden. Auch im privaten Leben habe es ihr etwas gegeben. Es habe sie selbstsicherer gemacht. Sie sagt jetzt: ‚Ich kann was, und die Leuten erkennen das an.'" Dies zeigt sich auch bei anderen, glaubt man einer Studie der Bitkom vom April letzten Jahres. Die Teilnehmer sehen im Internet eine „Verbesserung ihrer Lebensqualität". 96 Prozent sprechen von einem Zugewinn an nützlichen Informationen durch das Internet. 62 Prozent behaupten, sie konnten ihre Allgemeinbildung online aufbessern. Wiederum fast 90 Prozent loben die durch das Internet gewonnene Flexibilität.

Digital nicht immer phänomenal

Trotz des digitalen Hypes und der Lobpreisung des „neuen" Mediums, mit den digitalen Minimalisten als ihrem Höhepunkt, sehen auch viele, was das World Wide Web sonst noch mit uns anstellt - außer aus uns, mal überspitzt formuliert, okönomisch optimierte, „all-time-available" Worcaholics zu machen. Die Schnelligkeit ändert auch die Länge unserer Gedankengänge. Wir nehmen nur noch kurzfristig Informationen auf, die Aufmerksamkeitsspanne sinkt nachweislich. „Mal einen längeren Diskurs haben, mal nachdenken, einem Argumentationsstrang folgen: Das geht verloren", bemerkt Professor Mangold.

Viele steigen aus - aber nur kurzfristig

Das gefällt vielen nicht und so wimmelt es im Moment vor kurzfristigen Netz-Aussteigern - ein Gegentrend zum digitalen Minimalismus. Wir finden im Web zahlreiche Erfahrungsberichte (s. "Weiterführende Links") über und Tipps zur Internetabstinenz. Lange aushalten tut das allerdings keiner - anders als bei den digitalen Minimalisten, die sich dauerhaft für solch eine Lebensform entscheiden. Auch das zeigt: Wir sind längst zu digitalisiert, um noch ohne Internet auszukommen. Mangold verzichtet auch gerne mal auf das Internet: „Ich brauch ein Buch, ich muss umblättern können, auch mal eine Zeitung in der Hand halten und schmutzige Finger von der Druckerschwärze bekommen. Aber ich mein - jetzt mal ehrlich - die Zeiten von Karl May sind vorbei."

Ein Trend muss nicht die Zukunft bedeuten

Man sieht zwar Trends, aber auch die verlaufen in der Regel wellenartig. Jedes neue Medium, das etwas taugt, wird erst einmal voll ausgereizt. Das war bisher jedes Mal so. Aber das Internet wird wohl weder die alten Medien ablösen, noch werden wir irgendwann alle zu Robotern. So sieht das auch Prof. Mangold: „Es wird immer Leute geben, die die Natur wieder entdecken. Ich glaube, die haben bei ‚Stuttgart 21' auch nicht damit gerechnet, dass es Baumschützer gibt. Da geht es ja auch um Ökonomisierung, da geht es um drei Minuten und so weiter. Und auf einmal kommen so ein paar Leute und sagen 250 Bäume fällen: Das geht nicht. Das waren auch keine alten Leute, da waren sogar Schüler dabei." Fest steht: Einen Technologiewandel diesen Ausmaßes hatten wir seit Jahrzehnten nicht und dass dieser sich auf die Menschen auswirkt, sollte längst klar sein. Aber bestimmte Werte und auch analoge Güter - das zeigt die Erfahrung - leben weiter. Bei den digitalen Minimalisten kann man demnach, so Mangold, von überzeichneten Figuren sprechen, die den fiktiven Endpol anstreben. Ob wir diesen aber jemals erreichen?

 

Claudia Langer

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