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Hochschule der Medien

Revolten und Social Media

Die Freiheit - nur einen Tweet entfernt

Die Iran-Aufstände machten ihn berühmt, auch im Fall Tunesien und Ägypten wird er oft benutzt: Der Begriff „Twitter-Revolution“ zeigt das Internet als treibende Kraft. Aber sind Social Networks wirklich ein Freiheits-Instrument?

Allein 69 Prozent der 14- bis 27-Jährigen Deutschen sind in sozialen Netzwerken aktiv, ergab eine Umfrage des Beratungsunternehmens Deloitte & Touche. Videos und Bilder lassen sich einfach und schnell verbreiten wie nie. Auch in Ägypten und Tunesien nutzen viele Jugendliche soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter. In Tunesien haben vier Millionen Menschen Internetzugang, in gerade einmal zwei Monaten gab es über 300 000 Neuanmeldungen bei Facebook. Schlüsselfiguren des Protests erlebten mit Hilfe der modernen Kommunikationsmittel einen kometenhaften Aufstieg und gaben der Revolution ein Gesicht. Im Iran war es Neda, die 26-jährige Studentin, deren Todesszene sich rasend schnell verbreitete. In Tunesien war es der arbeitslose Mohammed Bouazizi, der sich, nachdem ihm die Behörden seinen Straßenverkauf-Karren beschlagnahmt hatten, mit Benzin übergoss und anzündete.

Versammlungsinstrument der Bevölkerung

Ohne Zweifel sind soziale Netzwerke die Kommunikationsplattform der aktuellen Revolutionen, Revolten und das Medium der Wutbürger. Sie spielen eine wichtige Rolle sowohl für die Verbreitung von stimmungsschürendem Bildmaterial, als auch für die schnelle Organisation von Aufständen. Innerhalb kürzester Zeit ermöglichen diese Plattformen die Formation einer Protestbewegung. Dass Facebook und Twitter ein mächtiges Versammlungsinstrument der Bevölkerung ist, zeigt beispielsweise die Beliebtheit von Flashmobs. Ein Aufruf per Facebook reicht, um tausende Menschen, die sich nicht persönlich kennen, spontan zu versammeln. Einer der berühmtesten Flashmobs fand am 31. Januar 2008 im New Yorker Bahnhof Grand Central Terminal statt. Rund 200 Menschen erstarrten gleichzeitig für eine Dauer von fünf Minuten. Die Videoaufnahmen, die dabei entstanden, wurden auf Youtube millionenfach geklickt.

Zweifel an der Social-Media-Revolution

Viele Blogger, Journalisten und Kommentatoren, die den Begriff „Twitter-Revolution" erst vor kurzer Zeit groß gemacht hatten, entkräften ihn allerdings mittlerweile. Zum einen sei er sprachlich falsch, nicht das Internet habe die Revolution aus eigenen Kräften initiiert, sondern die Bevölkerung. Facebook und Twitter sind lediglich ein neues Medium, das von der Protestbewegung genutzt wurde. Die Frage muss also lauten: Hat die Nutzung des Internets die Revolution verstärkt? Oder wäre sie ohne die Informationsplattform Internet womöglich gar im Keim erstickt? Aus der Geschichte wissen wir, dass es kein Facebook brauchte, um die Mauer zu Fall zu bringen. Auch die Französische Revolution funktionierte offensichtlich ohne Twitter. Malcolm Gladwell vom US-Magazin „The New Yorker" ist sogar der Überzeugung, soziale Netzwerke seien als Motivation zu Aufständen absolut ungeeignet. Nur eine persönliche Beziehung zu einem Menschen fördere die Entschlossenheit sich selbst dem Risiko auszusetzen, an Protesten teilzunehmen. Je stärker die reale persönliche Bindung und Gegenwart eines Gesprächspartners, umso stärker ist die gegenseitige Motivierungsfähigkeit, sich auch Risiken zuzumuten, beispielsweise zu einer Demonstration zu gehen. Dennoch können wir vermuten, dass der Einsatz des Netzes die Ereignisse in Tunesien und Ägypten wohl zumindest beschleunigt und ihnen eine größere Aufmerksamkeit in der restlichen Welt verschafft hat.

Die Kehrseite der Medaille

Facebook und Twitter also ein Freiheits-Instrument gegen Unterdrückung? In erster Linie ist Social Media wohl eher ein Machtinstrument. Und dieses funktioniert in beide Richtungen, sowohl für Aufständische, wie für die Regierung. Je nachdem, wer die Plattform besser zu nutzen weiß. Nirgendwo sonst und niemals zuvor gab es jemals eine derart geballte Sammlung persönlicher Daten. Geheimdienste und Regierungen wären daran sicher auch interessiert.

 

Christina Walzner

Quellen: Die Freiheit - Nur einen Tweet entfernt

http://www.internetworld.de
http://www.spiegel.de

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02. Februar 2011

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Falk

am 05.02.2011 um 00:47 Uhr

gerne ;) Und gleich nochmal ich. Hier ein echt guter Text zum Weiterlesen: http://bit.ly/i5jiK8 "Verschlüsseln ist leichter als einen Code zu knacken und das Netz nützt Dissidenten mehr als Unterdrückern, schreibt Cory Doctorow in einer Antwort auf Evgeny Morozov."

Florian Fahrbach

am 03.02.2011 um 20:41 Uhr

Danke für den Hinweis, Falk. Ist korrigiert. Grüße, Florian Fahrbach

Falk

am 03.02.2011 um 18:55 Uhr

Kleiner Tipp. Der Kerl hat noch ein "l" im Namen: "Malcolm Gladwell" Grüße!

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