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Hochschule der Medien

Post-Privacy-„Spackeria“

Der Trend zur Anti-Privatsphäre

„Datenschutz ist sowas von eighties,“ sagt Julia Schramm. Sie ist Politologin, Bloggerin und Mitglied der „datenschutzkritischen Spackeria“. Datenschutz hält sie für überholt und unnötig. Vernünftige Vision oder naive Resignation?

Screenshot: spackeria.wordpress.com

Screenshot: spackeria.wordpress.com

In der Nacht vom 18. Februar 2011 beginnt die Geschichte der „datenschutzkritischen Spackeria": Via Twitter formiert sich spontan eine Gruppe junger Menschen. Sie unterhalten sich über Internetentwicklungen, über Datenschutz und sie sind sich in einem Punkt einig: Datenschutz und Internet gehen nicht zusammen. Überhaupt sei die Vorstellung, private Daten privat zu halten, völlig am Zeitgeist vorbei gedacht. Privatsphäre? Fehlanzeige. Ihren Namen gaben sie sich nach der Bezeichnung „Post-Privacy-Spackos" von Chaos-Computer-Club-Mitglied Constanze Kurz. Sie bezeichnete damit auf dem 27. Chaos Communication Congress Menschen, die keinen Wert auf Datenschutzmaßnahmen legen und diese missachten. In einem Spiegel-Interview sagt Julia Schramm, die in Bonn Politikwissenschaften studiert hat: „Der Aufwand, private Daten zu kontrollieren und zurückzuhalten, ist mittlerweile unverhältnismäßig hoch. Im Endeffekt können wir uns nicht dagegen wehren. Deswegen wollen wir eine Diskussion über Post-Privacy anstoßen, als Flucht nach vorne." Wie genau diese Zukunft aussehen soll, das wissen die „Spackeria"-Mitglieder noch nicht. Zu ihren Zielen zählen sie jedenfalls „Problembewusstsein schaffen", „Ängste nehmen", „Technik erklären", „Gruselgeschichten abschwächen" und „Ausweg aus traditionellem Datenschutz vs. Transparenz-Denken".

Ziel: Diskussion über Datenschutz entfachen

Die Idealvorstellung von Schramm ist nach eigener Aussage eine „Gesellschaft, die Privatsphäre nicht mehr nötig hat, weil es keine Diskriminierung mehr gibt". Auf den ersten Blick klingt dies nach einer Mischung aus bedingungslosem Idealismus und naiver Resignation. Ein wenig konkreter erklärt „Die datenschutzkritische Spackeria" ihre Ziele in ihrem Wiki unter dem Punkt Philosophie/Selbstverständnis: „Datenschutz wird zunehmend zum Instrument staatlicher Regulierung und bedroht Grundfreiheiten des Netzes und entmündigt den Bürger." Der Grundgedanke, den alle Spackeria-Mitglieder teilen, ist also, eine Diskussion über den aktuellen Datenschutz anzustoßen, da dieser bereits aus den 70er Jahren stammt und in die digitale Zeit nicht übertragen werden könne. Konkrete Ansichten, in welche Richtung sich die Strömung bewegen könnte, gehen bei den verschiedenen Spackeria-Mitgliedern weit auseinander. Von Julia Schramms „Meine Daten können mir nicht mehr gehören. Wir haben längst die Kontrolle darüber verloren," bis hin zu einem Spackeria-Blogger unter dem Pseudonym „Tarzun", der die Post-Privacy-Bewegung in einem Blogeintrag so beschreibt: „Selbstverständlich muss und soll immer die „Privatsphäre geschützt" bleiben. (...) Aber das funktioniert nicht, in dem man den Bürger mit Gesetzen und unzureichenden Techniken („digitaler Radiergummi") bevormundet, sondern indem man ihn aufklärt und befähigt, sich selbstbestimmt im Netz zu bewegen."

 

 

 

Wir sprachen mit Herrn Prof. Dr. Schmitz, Datenschutzbeauftragter der HdM, über die Vision der Post-Privacy-Bewegung.

Julia Schramm bezeichnet Privatsphäre als eine Vorstellung aus vergangenen Zeiten. Wie beurteilen Sie diese Ansicht?

Schmitz: Privatsphäre ist nichts zeitabhängiges, kein "Modephänomen". Frau Schramm hat ja selbst auf Hannah Arendt verwiesen, auf die Trennung von privatem und öffentlichem Raum. Diese Trennung war und wird immer nötig sein. Nur heutzutage gehören zum privaten Raum eben auch schützenswerte Daten, z.B. Wie viel verdiene ich? Welche Krankheitsgeschichte habe ich hinter mir? Wie ist meine Handynummer? Wie viele Kinder habe ich, wie alt sind sie und wie heißen sie? Ich kann mich täuschen, aber ich habe den Eindruck, Frau Schramm empfindet das Bedürfnis nach Privatsphäre als irgendwie "unkommunikativ" oder "unlocker". Ich glaube, sie hat nicht wirklich verstanden, worum es beim Datenschutz geht, nämlich letztlich um den Schutz des Rechts auf Individualität.

Die "datenschutzkritische Spackeria" benennt als Ziele unter anderem "Ängste nehmen" und "Gruselgeschichten abschwächen". Wie berechtigt ist Ihrer Ansicht nach in Zeiten von Social Media die Angst um private Daten?

Schmitz: Gegen sachliche Aufklärung ist ja im Prinzip nichts zu sagen. Mag sein, dass manche Geschichte in der Vergangenheit von den Medien übertrieben dargestellt worden ist, obwohl ich weiß, dass man aus vielen kleinen, für sich genommen harmlosen Informationsbruchstücken, wie sie in sozialen Netzwerken zugänglich sind, sehr einfach ein Persönlichkeitsprofil zusammen basteln und dann missbrauchen kann. Aber deswegen gleich das Ende der Privatsphäre zu verkünden und auch noch zu begrüßen, ist lächerlich. Jeder muss sich sehr bewusst darüber sein, welche Daten er in Social Networks von sich Preis gibt und welche nicht. Die Gefahr des Missbrauchs besteht in der Tat, aber ohne dass man deshalb in Hysterie verfallen müsste.

Die Post-Privacy-Bewegung spicht von einer "Idealvorstellung einer Gesellschaft, die Privatsphäre nicht mehr nötig hat, weil es keine Diskriminierung mehr gibt". Ist das Ihrer Ansicht nach Idealismus oder Naivität?

Schmitz: In einer solchen "Idealvorstellung einer Gesellschaft" möchte ich persönlich nicht leben. Die Vorstellung einer Gesellschaft ohne Privatsphäre macht mir Angst. Wie schon gesagt, hat für mich Datenschutz sehr viel mit der Wahrung des Rechts auf Individualität zu tun. Frau Schramm verwechselt die Tatsache, dass Menschen unterschiedlich sind, mit "Diskriminierung". Zum Glück wird Frau Schramms "Idealvorstellung einer Gesellschaft" (die, nebenbei bemerkt, eine sehr langweilige wäre) niemals Wirklichkeit werden.

Christina Walzner

Quellen: Der Trend zur Anti-Privatsphäre

http://spackeria.wordpress.com
http://www.spiegel.de
http://spackeria.politikpir.at

VERÖFFENTLICHT AM

29. März 2011

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