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Hochschule der Medien

Der Leserbrief

Vom Aussterben bedroht

Onlinemedien verändern die Medienbranche, daran besteht kein Zweifel. Aber neben den großen Fragen nach der Zukunft der Verlage, bringen diese Veränderungen auch Randerscheinungen mit sich: Der traditionelle Leserbrief stirbt aus und wird durch die Kommentarfunktion bei Online-Zeitungen abgelöst.

Rainer Sturm / pixelio.de

Rainer Sturm / pixelio.de

Glaubt man den Kommentaren in Onlineforen von Zeitungen, wird unser Land von einer Ansammlung psychisch und körperlich kranker Menschen im Drogenrausch regiert, die allesamt unattraktiv sind und dringend eine Diät machen sollten. Tratsch, den es schon immer gegeben hat, aber der in Zusammenhang mit journalistisch aufbereiteten Texten nichts zu suchen hat. Deswegen werden in den Print-Ausgaben der Zeitungen Leserbriefe mit unsachlichem, irrelevantem und ausfälligem Inhalt aussortiert und gar nicht erst gedruckt. Auch Rechtschreibfehler und falsche Grammatik werden vor Veröffentlichung eines Leserbriefes beseitigt. Online ist das anders.

Die deutsche Sprache leidet

Was aus Mailverkehr und SMS-Texten schon bekannt ist, setzt sich in Onlineforen fort: Rechtschreibung und Grammatik scheinen zunehmend dem Zufall überlassen. An Stelle von Worten und Sätzen stehen Abkürzungen. Häufig erschließt sich der Sinn einer Aussage nur noch dem Schreiber selbst. Ein Grund für diesen neuen Umgangston und die Missachtung von Grammatikregeln liegt laut Prof. Dr. habil. Roland Mangold, Informations- und Kommunikationspsychologe an der Hochschule der Medien, an dem „Mündlich-Schriftlich-Status" von E-Mails und Forumsbeiträgen. „Unsere alten Schriftsteller, die noch richtige Briefe geschrieben haben, würden sich im Grabe umdrehen, wenn sie sehen würden, wie wir inzwischen kommunizieren", sagt er.

Keine Gate-Keeper mehr

In Zeiten der Echtzeitkommunikation ist eine Überprüfung jedes einzelnen Kommentars für Redaktionen nahezu unmöglich. So bleiben nicht nur Rechtschreib-, Tipp- und Grammatikfehler bestehen, auch Verleumdungen, üble Nachrede oder Beleidigungen, die sich gerade im entpersonalisierten Web häufen, stehen oft redigiert in den Kommentarlisten. Das „Web 2.0-Gimmick" führt laut Mangold zu einem Verlust der Gate-Keeper-Funktion des Journalismus: „Die Zeitungen versuchen, eine gesellschaftliche und politische Ausgeglichenheit zu gewährleisten. Das geht mit dem Forum verloren."

Manche Zeitungen ergreifen schon Maßnahmen

Um weiterhin Qualität - sowohl sprachlich als auch inhaltlich - zu sichern, muss also etwas geschehen. Einige Onlineausgaben der großen Zeitungen sind bereits um eine Qualitätssteigerung der Forumsdiskussionen bemüht. Die Zeit beispielsweise entfernt (Teil-) Inhalte von Kommentaren und versieht diese mit Bemerkungen wie „Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich." Die Süddeutsche Zeitung sperrt Kommentarfunktionen in bestimmten Zeitfenstern und bereinigt die Foren nachträglich. Welt Online blockt die Kommentarfunktion für Artikel, die besonders unsachlich formuliert werden, gänzlich.

Nur eine begrenzte Anzahl kommentieren lassen

Besonders wirkungsvoll sind all diese Methoden jedoch nicht. Rechtschreib- oder Tippfehler Fehler werden zudem gar nicht verbessert. Mangold hat dafür einen Lösungsvorschlag: „Die Zeitungen könnten von der Idee des Bürgerforums abkupfern. Per Zufall werden da 400 Bürger einer Stadt ausgewählt, die sich an den Diskussionen auf der Plattform beteiligen dürfen. Es ist somit nur einem kleinen Kreis gestattet, Kommentare und Beiträge zu posten." Durch die engere Auswahl sei es leichter, den Überblick zu behalten und Fehler zu verbessern. Außerdem fühlen sich die „Auserwählten" in ihrer Position eher verpflichtet, die vom Bürgerforum festgelegten Regeln zu beachten.

Wandel ist unaufhaltsam

Langfristig gesehen müssen wir laut Mangold aber akzeptieren, dass sich unsere Kommunikation und unsere Sprache verändern. „Die ganze Kultur ist direkter geworden. Dieter Bohlen darf auch Leute beleidigen, ohne dass er daraus Konsequenzen ziehen muss. Das hätte es früher nicht gegeben", so Mangold. „Auch die Sprachkultur verändert sich. Die ganzen Höflichkeitsfloskeln fallen weg. Eine E-Mail ist ja nicht mehr wie ein Brief. Ich glaube nicht, dass diese Kommunikation von selber wieder zuvorkommender wird."

 

 

Beispiele von Leserkommentaren:

Dass Sie kein Freund der Grünen sind, wissen wir alle. Aber dafür brauchen sie nicht noch so einen stumpfsinnigen Kommentar verfassen. Aber wenn es ihrem Ego gut tut ..." - Spiegel Online

welches Märchen erzählt edie Merkel nun. Heute hü morgen hott - aber flott. Zu mehr ist diese Frau doch nicht in der Lage. Könnte mir gut vorstellen, dass Frau merkel sich selbst belügt und es dann auch glaubt.Nur bei Volk ist sie mit ihren Lügengeschichte längst unten durch. Frau Merkel könnte umgetauft werden - von Bundeskanzlerin - als Mächenerzählerin." - Focus Online

„Keiner , wirklich Keiner sieht bei diesen ERDÖLFIRMEN das Unfassliche Anstatt irgend etwas herzustellen oder das Verbrauchte wieder ökologisch auszugleichen haben diese Moloche nur die Ausgabe des Bohrens - der Rest ist Gewinn ? So ein IRRSINN - die Menschheit ist einfach nur BLÖDE - Sorry" - Bild.de

„ab in den Keller mit dieser "Koalition" was hatten wie bisher von dieser schwarz-gelben regierung: NICHTS ! warum sollten wir DIE wieder waehlen ? sehe keine Gruende!" - Zeit Online

 

Corinna Kübler

,

Claudia Langer

VERÖFFENTLICHT AM

12. April 2011

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