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Web-Aktivisten

"Anonymous" und ihre gefährlichen "lulz"

Was als "Jungenstreich" begann, hat mittlerweile ein beträchtliches Ausmaß angenommen: Die Internetbewegung "Anonymous" beschäftigt Politiker und Wirtschaftsbosse weltweit. Deren Angst besteht darin, nicht zu wissen, welches Unternehen das nächste Opfer des wilden Haufens sein wird.

Wer oder Was steht hinter dieser Gruppe? Angefangen hat alles auf so genannten Imageboards, einer Art Pinnwand im Internet. Hier tauschen sich die Internetaktivisten aus, hier entstand die Idee, kollektiv gegen potentielle "Feinde" vorzugehen und hier erhielten Sie auch Ihren Namen. Die Imageboards bieten die Möglichkeit, Inhalte völlig anonym zu veröffentlichen. Wer also nicht explizit einen Namen angibt, heißt automatisch Anonymous. Auf Seiten wie "4chan" organisiert sich die Gruppe. Zunächst ging es den meisten wohl nur darum, zu testen, was möglich ist. Doch schnell war klar, dass das Kollektiv Potential hat, das weit über dumme Streiche hinausgeht. So ist der Satz: „I came for the lulz" (Plural von lol, Ausdruck der Schadenfreude, Anm. der Redaktion) „but I stayed for the outrage" - „ich kam wegen lulz, aber ich blieb wegen der Empörung" längst über die Grenzen der Webguerilla hinaus bekannt und beschreibt sehr gut die Entwicklung von "Anonymous".

We are legion

Den ersten großen Coup landete "Anonymous" mit Angriffen auf Scientology. Nachdem Hackern internes Material der selbsternannten Kirche in die Hände gefallen war, beschloss das Kollektiv, die Sekte zu verbieten, sei ein lohnendes Ziel. Über Youtube verbreiteten die Aktivisten düstere Videos, in denen sie Scientology den Krieg erklärte. Unterzeichnet waren die Botschaften, die unter dem Schlagwort "Projekt Chanology" bekannt wurden, mit den Worten: „We are Anonymous. We are Legion. We do not forgive. We do not forget. Expect us." Dieser Satz hat sich zu einer Art Bekennerschreiben entwickelt.

Aufsehenerregend auch die DDoS (Distributed-Denial-of-Service) -Kanonen, die im Zusammenhang mit Wikileaks Enthüllungen auf die Seiten von Visa und Mastercard abgefeuert wurden. Dabei handelt es sich um akkumulierte Seitenangriffe, die Server für ehrere Stunden lahm legen. Nach Auffassung von "Anonymous" handelt es sich dabei um eine Tat, die der Verteidigung der Informationsfreiheit diene.

Neueste Opfer

Aus demselben Grund legte die Gruppe während der jüngsten Jasmin-Revolutionen die Seiten der ägyptischen und der tunesischen Regierung lahm.

Jetzt hat es Sony getroffen. Nachdem das Unternehmen besonders hart gegen zwei Hacker vorgegangen war, die angeblich Informationen über den Kopierschutz der Playstation 3 veröffentlicht hatten, griff Anonymous ein. Die Seite des PlayStation Networks (PSN) wurde angegriffen. Zugleich wurde aber auch das Problem der Desorganisation der Gruppe deutlich: die ersten Angriffe auf die PSN Seite gehen klar auf das Konto der Internetaktivisten. Danach jedoch, hat sich das Kollektiv von weiteren Angriffen distanziert. Während ein Teil behauptet, Sony selbst habe die Seite gestört, geben andere ganz offen zu, man wisse nicht, ob nicht ein Teil der Aktivisten das Unternehmen weiterhin beschieße.

Anarchie

Die Organisationsform jedoch ist es, die Anonymous ausmacht. Die Gruppe lehnt Führungspersonen ebenso ab wie klare Organisationsstrukturen. Um Mitglied bei Anonymous zu werden, muss man keinen Antrag ausfüllen und auch sonst keinerlei Kriterien gerecht werden. Kurzum: Anonymous kann jeder sein. Entscheidungen werden gemeinschaftlich getroffen. Die Öffentlichkeit bemerkt die Internetaktivisten nur dann, wenn eine genügend große Anzahl von Individuen Vorschläge aus einem der Foren befürwortet. Dies trifft auf die Angriffe von Internetseiten ebenso zu, wie auf den so genannten "Tag des Protests": Am 10. Februar 2008 gingen weltweit 6000 Anhänger der Bewegung mit "Guy Fawkes" (britischer Widerstandskämpfer, Anm. der Redaktion) Masken auf die Straße wie man sie aus dem Film "V wie Vendetta" kennt. Die Bilder gingen um die Welt und machen deutlich, dass die Gruppe eine Menge von PR zur Selbstinszenierung versteht.

Versucht man nachzuvollziehen, was sich in den Foren abspielt, so scheitert man als Uneingeweihter in der Regel. Die Imageboards sind unübersichtlich, man findet überwiegend so genannte Trolle mit ihren anonyme Schimpfereien und Beleidigungen. Die Hacker haben eine eigene Sprache, eigene Codes entwickelt, um sich zu verständigen. Das macht auch die Gruppendynamik schwer nachvollziehbar.

I did it for the "lulz"

Welche Ziele das Kollektiv verfolgt ist mehr als schleierhaft. Als wahrscheinlich scheint es, dass diese sich individuell unterscheiden (auch wenn der Begriff Individuum innerhalb der Gemeinschaft eigentlich verpönt ist). Viele agieren sicher auch heute noch für "lulz", sehen Anonymous als sportliche Herausforderung und wollen Aufsehen erregen. Jene, die in der Zwischenzeit eine Mission für die Bewegung sehen, unterscheiden sich in zwei große Gruppen. Einem Teil der Aktivisten geht es nach wie vor darum, die Scientology-Kirche zu besiegen. Andere wollen mit allen Mitteln die Informations- und Meinungsfreiheit im Internet verteidigen. Beides mag nach erstrebenswerten Zielen klingen. Die Mittel, die dabei eingesetzt werden, sind einfach und öffentlichkeitswirksam. Leider aber auch nicht immer legal. Ob Anonymous tatsächlich so gefährlich ist, wie viele Medien derzeit schreiben, kann bezweifelt werden. Die gefühlte Gefahr besteht darin, dass man nie wissen kann, wer das nächste Opfer der Gruppe sein wird.

 

Quellen:
www.faz.net
www.zeit.de
www.heise.de
www.taz.de

Corinna Kübler

VERÖFFENTLICHT AM

28. April 2011

ARCHIV

Medienwelt
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Anonymous

am 04.05.2011 um 10:13 Uhr

Es fehlt ein neuer und wichtiger Aspekt von Anonymous, der auch positiv zu bewerten ist. Nachdem klar wurde, dass die Angriffe auf die "Wikileaksgegner" mittels LOIC an sich der Gruppierung auch schaden können, wurde damit begonnen, die Depeschen selbst zu sichten und relevante Informationen zu veröffentlichen. Operation Leakspin https://secure.wikimedia.org/wikipedia/en/wiki/Operation_Leakspin Daraus ist Crowdleaks entstanden. http://crowdleaks.org/ Siehe auch: http://www.heise.de/ct/artikel/Ionenkanonen-gegen-Wikileaks-Gegner-1153351.html http://www.heise.de/ct/artikel/Anonymous-veraendert-sich-gerade-dramatisch-1154156.html Auch sehr interessant ist, es handelt sich nicht nur um sogenannte Skript-Kiddies, die es für die lulz machen, sondern auch um Fachkundige, die sich zur Wehr setzen können. Siehe: http://www.heise.de/security/meldung/HBGary-Hack-schlaegt-weitere-Wellen-1200852.html Dieser Umschwung von scheinbar anarchistischen Chaoten zu lose strukturierten Interessensgruppen hätte meiner Ansicht nach im Artikel ebenfalls hervorgehoben werden sollen. We are Anonymous. We are Legion. We do not forgive. We do not forget. Expect us.

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