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Hochschule der Medien

Kommentar

Falschinformation in der Internet-Galaxis

In zehn Jahren wird Strauß-Kahn, ob verurteilt oder nicht, als der IWF-Präsident ins kollektive (Netz-)Gedächtnis eingegangen sein, der wegen Vergewaltigung zurücktreten musste. Die Korrektur der Online-Meinungen kommt zu spät. So entsteht Falschwissen.

Screenshots: www.spiegel.de, www.bildblog.de, www.zeit.de

Screenshots: www.spiegel.de, www.bildblog.de, www.zeit.de

 

 

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Wen interessierte er noch an diesem 1.Juli 2011? Zur Erinnerung: Jener, der das Zimmermädchen in New York vergewaltigte. Und heute dies: „Spektakuläre Wende im Fall Strauß-Kahn" (Spiegel-Online). Ähnliches meldeten FAZ, Spiegel, SZ etc. Der durch viele Medien, Kommentare und Blogger bereits (Vor-) Verurteilte Ex-Chef des IWF ist möglicherweise doch Opfer einer kriminellen Verleumdung geworden. Politische Gegner, Frauenrechtlerinnen, Gutmenschen und Moralapostel folgten Mitte Mai rasch ihrer eigenen, passenden Ideologie und bliesen ins Horn der Vorverurteilung, die US-Staatsanwaltschaft tat ein Übriges. Alle wussten: hier wird einer auf ewig rechtmäßig eingelocht, einer der nach 30 Jahren Schürzenjagd endlich gestellt wurde. Der Spiegel titelte, die Süddeutsche kommentierte frauen- und migrationsbewegt. In zehn Jahren wird Strauß-Kahn, gleich ob verurteilt oder nicht, als jener IWF-Präsident ins kollektive (Netz-) Gedächtnis eingegangen sein, der wegen Vergewaltigung einer ausgebeuteten Migrantin zurücktreten musste. Strauß-Kahn eventuell doch kein Vergewaltiger? Die Korrektur des möglichen Tathergangs kommt zu spät und teilweise zweitrangig platziert. So entsteht Falschwissen in der Welt.

Bild-Journalismus heute in allen Medien

Der Fall Strauß-Kahn und seine Abhandlung in den Medien ist exemplarisch für eine Medienwelt, die nur noch der Geschwindigkeit, den Meinungen und Vermutungen verpflichtet ist. Der Ablauf kann beliebig auf andere Themen ausgedehnt werden: Fukushima, von Guttenberg, Atomausstieg, Fußball-WM der Frauen, Kate und William. Das Stereotyp des Bild-Zeitungs-Journalismus findet sich in fast allen Medien. Der Qualitätsjournalismus, die beurteilende Zurückhaltung in Kommentaren und investigative Recherchen sind eine Seltenheit geworden. Damit verlieren die Massenmedien die Aufgabe der Orientierungs- und Kontrollfunktion für die Gesellschaft. Zu den strukturellen Defiziten des Online-Journalismus gesellen sich die vermeintlich "nicht-hierarchischen" Informationen der sogenannten "Dagegen-Kultur" in vielen Blogs. Durch solche Medien und Medienplattformen wird niemand aufgeklärt, gesichertes Wissen geht verloren.

Voll von Fehlern und Manipulation

Von ihren Protagonisten werden Blogs und Foren als Ausdruck der Demokratisierung der Informationen und des Wissens bezeichnet oder auch als medialer Ausdruck eines "Wutbürgertums". Die damit "sozial" gewordenen Medien liefern ganz basisdemokratisch Leser-Kommentare oder Blog-Beiträge, die unsere Medienöffentlichkeit mitprägen. Allerdings spotten sie noch mehr als die sogenannten alten hierarchischen Massenmedien jeder sachlichen Informationsverbreitung: gespickt mit Grammatik- und Rechtschreibfehlern, voll von schrägen Meinungen, einseitigen Argumenten, subjektiven Ideologien, suggestiv gewählten Bildern und mit Verschwörungstheorien. Sie liefern das beste Beispiel genau dessen, was sie zu vermeiden suchten: hierarchische Propaganda, Manipulation, Fehlinformation.

Wichtig ist Urteilsbildung - nicht allein Meinung

Was also tun, wenn Redakteure Bloggern und Twitterern hinterher schreiben, weil letztere vermeintlich über Insiderwissen verfügen? Was also tun, wenn nicht eine verlässliche Informations-, sondern eine invalide Meinungsgesellschaft entstanden ist? Quellen und Informationen bedürfen alle der Überprüfung und des größtmöglichen Vergleichs mit anderen. Hinzu muss unser Anspruch an die eigene Urteilsbildung kommen. Denn: nicht eine Meinung haben ist das oberste Ziel von Informationsbeschaffung, sondern, dass die eigene Urteilsfähigkeit und Beurteilungsfähigkeit geschärft wird. Wenn uns diese Mühe der Urteilsbildung über Medien nicht mehr interessiert, ist das Ziel einer demokratisch aufgeklärten "Res publica", also der bürgerschaftlichen Verantwortung für den Einzelnen sowie für das Ganze unerreichbar. Wir treiben dann orientierungslos mit unseren Falschinformationen, unseren Vermutungen und Verdächtigungen durch die dunkle Internet-Galaxis.

Prof. Dr. Franco Rota

Kommentare geben nicht die offizielle Haltung der Hochschule wieder, sondern nur die Meinung oder Einschätzung des kennzeichnenden Autors. Im Falle der HdM-Website sollen sie außerdem zur Diskussion über ein aktuelles Medienthema im Zeitgeschehen anregen

VERÖFFENTLICHT AM

01. Juli 2011

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