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Hochschule der Medien

Polemik

Alt, fett, sucht....

Die Vermarktung alter, hilfloser Single-Freaks ist widerlich. Neuerdings sind diese Gestalten verzweifelt auf der Suche nach der großen Liebe und enden als Gespött einer ganzen TV-Nation.

 

 

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Jeder scheint heute auf der Suche zu sein. „Wanted": Fröhliche Frau, grässliche Gräfin, schwierige Schwiegertochter. Am besten alles in Personalunion. Nach zig gescheiterten Flirtversuchen können nur noch Inka Bausse und Co Abhilfe schaffen. Passt nicht gibt's nicht. Jeder Topf hat einen Deckel. Die Suchenden geben gerne ihr Innerstes preis. Getreu dem Motto: tausche Junggesellen-Dasein gegen Privatsphäre - quasi ein moderner Pakt mit dem Teufel.

Nur die Liebe zählt - der ehrliche Makler

Alles begann mit „Nur die Liebe" zählt. Unter dem Motto „All you need is love" präsentierte Kai Pflaume herzerwärmende Liebesgeschichten und romantisch inszenierte Heiratsanträge. Die Schicksale wurden zwar stark personifiziert und emotionalisiert, aber wenigstens wurden die Protagonisten nicht bis aufs Intimste entblößt. Doch irgendwann kam das Format in die Jahre. Es war wohl zu verstaubt und nicht mehr peinlich genug. Nach den zwei letzten Folgen im Juli 2011 hat es sich ausgeliebt.

Bauer sucht Frau - der provinzielle Quotenstar

„Bauer sucht Frau", ruraler Charme, trifft auf schräge Hauptakteure. Die Stories sind halb echt, halb „gefaked". Jede Staffel läuft nach demselben Schema ab: Kennlernen, dann muss sich der Bauer entscheiden, welche Kandidatin mit auf „old Mc Donald's farm" darf. Eine sogenannte Hof-Woche entscheidet über das restliche Leben des Bauers. In der Final-Show erfährt der Zuschauer, ob der Bauer jetzt vergeben, verlobt oder noch immer solo ist.

Die thematische Untermalung des Spektakels kennt keine Grenzen. Die Regie greift tief in die Trickkiste. Stilmittel eins: Verwende in jeder, aber wirklich jeder Bauchbinde einen Stabreim. „Rüstiger Rentner" oder „fröhlicher Friese", das sorgt für Lacher und stärkt die Einschaltquote. Stilmittel zwei: Vertone jede Szene mit aberwitziger Musik, so wirkt alles noch ironischer. Stilmittel drei: Vergesse nie, aber wirklich nie die „nichtssagenden" Off-Kommentare von Moderatorin Inka Bause. Das heizt das ganze Spektakel zusätzlich an. Das plakative Konzept scheint aufzugehen: Acht Millionen Zuschauer wollen jeden Montag wissen, wie es weitergeht. Aber nicht nur die Einschaltquote, sondern auch die Heiratsquote der Sendung ist eine wahre Pracht.

Gräfin gesucht - der adlige Flop

Auch der deutsche Adel hat Probleme, die richtige „Comptesse" zu finden. Trotz Schloss und Ländereien sind sie solo. Dies sollte „Gräfin gesucht - Adel auf Brautschau" ändern. Moderiert wurde das blaublütige Experiment von der Sat 1-Moderatorin Marlene Lufen. Es gab romantische Burggrafen und charismatische Gutsherren zu bestaunen. Aber das Format kam derart hölzern daher, dass es sich nach zwei Staffeln schon wieder „ausgesucht" hatte.

Schwiegertochter gesucht - der letzte Versuch

Manchmal ergreifen auch die Eltern die Initiative. Ihre schwer vermittelbaren Söhne, alle 30 plus, müssen an die Frau gebracht werden. Raus aus dem Hotel Mama, rein ins Liebesglück. In dieser Sendung kennt der Voyeurismus keine Grenzen. Kamera drauf, wenn es der Quote dient. Vier „niveauvolle" Staffeln mit bizarren Kreaturen gab es bisher. Bis zu vier Millionen Zuschauer schalten ein und schämen sich fremd. Moderiert wird das Schreckensszenario von Vera Int-Veen, einstige Talkshow-Legende.

Schwer Verliebt - die würdelose Imitation

Vergangenen Sonntag ging „Schwer Verliebt" ins Rennen. Wie der Name bereits andeutet, sind dieses Mal nur „Vollschlanke" auf der Suche nach der großen Liebe. Wer denkt, dass das Niveau nicht mehr zu unterbieten sei, irrt sich gewaltig. Schlimmer geht's immer. "Schwer" ist das Wort, dass alle Kandidaten verbindet: Zwar sind nicht alle dick, aber alle haben ein schweres Schicksal. Eine der Suchenden sammelt Barbie-Puppen, ein Anderer spielt fröhlich Flöte. Und nicht zu vergessen die bärtige Mariam. Sie sucht einen Mann, der sie liebt mit Haut und Haar.

Getoppt wird das Ganze nur noch von Moderatorin Britt Hagedorns „abgründigen" Kommentaren. Ach ja und eigentlich liegt bei Schwer Verliebt eine Plagiatsaffäre vor. Es müsste Non-Stop eingeblendet werden: Vergleiche Inka Bause: Bauer Sucht Frau Stafel 1 bis 7, RTL. Die Kennlernphase des „Schwer Verliebt-Spektakels" wird dann ab Herbst auf Sat 1 ausgeschlachtet.

Das ist Ausbeutungsfernsehen, das Ekelhafteste, was das deutsche Fernsehen seit den Talkshows der 1990er zu bieten hat. Das Niveau ist unterirdisch. Auf Besserung wagt man nicht mehr zu hoffen.

Nadine Steinhübel

Kommentare geben nicht die offizielle Haltung der Hochschule wieder, sondern nur die Meinung oder Einschätzung des kennzeichnenden Autors. Im Falle der HdM-Website sollen sie außerdem zur Diskussion über ein aktuelles Medienthema im Zeitgeschehen anregen

Quellen: Alt, fett, sucht....

www.bild.de

www.promiflash.de

www.welt.de

www.t-online.de

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12. Juli 2011

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