DE

| EN

Studieren. Wissen. Machen.

Hochschule der Medien

Kommentar

Bud Spencer lehrt eine Stadt das Fürchten

Ein Musterbeispiel für die Einbindung der Öffentlichkeit sollte es werden. Ein Lehrstück für Ideenwettbewerbe in Zeiten des Social Web ist es geworden. Schwäbisch Gmünd bekommt dank Facebook vielleicht bald einen 'Bud-Spencer'-Tunnel.

Screenshot: Bud-Spencer-Bewegung auf Facebook

Screenshot: Bud-Spencer-Bewegung auf Facebook

 

 

kommentiert

Der Plan war gut, es hätte so schön werden können: Der teuerste Tunnel Deutschlands braucht einen Namen. Anständig und wichtig sollte er klingen, ein Name, vielleicht mit geschichtlichem Hintergrund, auf jedem Fall aber mit einer ordentlichen Portion Lokalkolorit. Warum nicht also die die Bürgerinnen und Bürger mit einbeziehen. Ein Ideenwettbewerb zur Namensgebung musste her. Per Postkarte oder E-Mail sollten die Bürger Vorschläge einreichen. 'Salvator-Tunnel', 'Tunnel der Vernunft', 'Staufer-Tunnel' - so sollten die Vorschläge lauten.

Die Stadträte hatten ihre Rechnung allerdings ohne die Social-Communities gemacht, die, wenn sie losgelassen, unkontrollierbar werden können. Unter den Vorschlägen waren auch Kreationen wie 'Jogi-Löw-Tunnel' oder eben 'Bud-Spencer-Tunnel', denn der Namensgeber schwamm mal vor seiner Kinokarriere im Gmünder Freibad um die Wette. Mehr als 70 000 Facebook-Nutzer kündigten an, an der Veranstaltung „Bud-Spencer-Tunnel Schwäbisch Gmünd wählen!" teilzunehmen. „Terence Hill soll der Berg heißen, durch den der Bud-Spencer-Tunnel führt," fordert eine andere Gruppe auf Facebook. Und plötzlich ergeben sich ganz neue Marketingperspektiven: Wie wäre es zum Beispiel mit Städtepartnerschaften mit Rom oder Neapel? Merchandisingprodukte wie T-Shirts mit Spencer-Konterfei, Figuren und Spiele mit Bud Spencer und Terence Hill. Oder die Innenstadt als Drehort für künftige Kinofilme, Schwäbisch Gmünd - ein neues Buddywood, gleich nach Cinecittà?

Die Schwaben sind allerdings nicht die ersten, die mit dem Willen der Massen in Sozialen Netzwerken zu kämpfen haben. Die Bahn versuchte sich an einer Social-Media-Werbeaktion für ein Sparticket und erntete statt positiver Resonanz wüste Beschimpfungen. Auch Henkel rief einen Gestaltungswettbewerb für neues Pril-Spülmitteldesign ins Leben. Statt des schönsten Designs wählten die User die eher unansehnliche Strichzeichnung eines Brathähnchens auf's Siegertreppchen. Einzig die Frauenzeitschrift Brigitte schaffte es, eine aus dem Ruder gelaufene PR-Aktion humorvoll zu meistern. Beim Wettbewerb für ein Fotoshooting zog ein Mann mit blonder Perücke und dem Nickname „Der Brigitte" an der gesamten weiblichen Teilnehmerschaft vorbei und schaffte es auf den ersten Platz.

Die Stadtspitze in Schwäbisch Gmünd wollte direkte Demokratie und hat sie bekommen. Vielleicht mehr als ihnen lieb ist. Aus PR-Sicht hätte es nicht besser laufen können. Kreative Hornbrillenträger träumen von Szenarien wie diesen, sitzen in Agenturen und brüten für viel Geld über virale Marketinggags. Schwäbisch Gmünd ist dies in die Hände gefallen, ganz ohne Absicht. Spannend bleibt, wie die Entscheidung ausfällt. Es gibt einiges zu verlieren an Ruf und an Chuzpe. Aber mit etwas Mut auch sehr viel zu gewinnen. Auch wir recken vier Fäuste für den Bud-Spencer-Tunnel! Hallelujah!

Christina Walzner

Kommentare geben nicht die offizielle Haltung der Hochschule wieder, sondern nur die Meinung oder Einschätzung des kennzeichnenden Autors. Im Falle der HdM-Website sollen sie außerdem zur Diskussion über ein aktuelles Medienthema im Zeitgeschehen anregen

VERÖFFENTLICHT AM

27. Juli 2011

ARCHIV

Medienwelt
WAS DENKEN SIE DARÜBER?


Claudia Katzmeier

am 28.07.2011 um 13:44 Uhr

am 26.07.2011 fiel übrigens die Entscheidung: Statt des Tunnels soll die örtliche Badeanstalt den Namen des Schauspielers tragen: Bad Spencer statt Bud-Spencer-Tunnel. Wie ich finde, eine sehr gute Lösung! Diplomatisch und zufriedenstellend für alle, nicht zuletzt weil die Benennung des Hallenbades viel besser zum Namen passt (Tolles Wortspiel:-))

Alexander Walther

am 27.07.2011 um 10:14 Uhr

Es ist wirklich beschämend für den Gemeinderat, dass sie den Namen im Vorfeld ausgeschlossen haben. Man fragt sich, warum die Bürger Vorschläge einsenden dürfen, diese bereits aussortiert werden und die dann übrig gebliebenen Vorschläge zur Wahl gestellt werden - um dann hinterher selbst zu entscheiden. Hätten sie doch den Namen gleich aussortiert und keiner hätte sich beschwert. So jedenfalls wird Demokratie zur Farce.

Verstanden

Diese Website verwendet Cookies. Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies gesetzt werden. Mehr erfahren