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Internetauftritte

Rollen vor- und rückwärts mit den Dickschiffen

Seit einigen Tagen hat die FAZ eine neue Website. Wie schon bei anderen großen Tageszeitungen und Magazinen vor einigen Monaten soll der Relaunch des Internetauftritts den geänderten User- und Leserbedürfnissen gerecht werden.

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Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) hat dabei eine Rolle rückwärts geliefert: der Auftritt ähnelt stark dem Titelblatt der Printausgabe. Dass in den letzten Monaten fast alle deutschen Dickschiffe des Journalismus ihre Online-Auftritte änderten, hat durchaus eine Begründung, denn die Leser- und Usergewohnheiten haben sich in den letzten Jahren im Online- und im Printbereich geändert. Höhere Ansprüche an Bild- und Bewegtbildinhalte, leichte Bedienbarkeit, Übersichtlichkeit und kompakte Informationen sind die Folge der technischen Machbarkeit und deren Nutzung.

Ganz gegen den optischen und inhaltlichen Vielfalt-Trend bei Websites kommt die neue Startseite der FAZ daher. So prangt der Original-Schriftzug der großen deutschen Traditionszeitung mittig auf der Website nebst dem Untertitel ‚Zeitung für Deutschland‘. Darunter ein traditionelles dreispaltiges Layout, gepaart mit erhöhter Multimedialität, klassischer Rubrizierung und besserer Service- und Kommentarübersicht. Sogar Serifenschriften in den großen Überschriften hat sich das Blatt geleistet. In eigener Sache gibt die Redaktion als Begründung für diese optische Rolle rückwärts bekannt, der journalistische Kern sei bei der Online- und der Printausgabe ohnehin derselbe, denn „so schreiben Internetredakteure für die Zeitung und Zeitungsredakteure für das Internet".

Identität fürs Branding im Internet

Der neue Auftritt symbolisiert klar und deutlich auch im Internet: Wo FAZ drauf steht ist auch FAZ drin. Was das Blatt zum Relaunch seiner Website nicht mitteilt, ist, dass es bei der optischen Überarbeitung um die Idee des Corporate Designs (CD) geht. Dieses visuelle Instrument der Unternehmenskommunikation hat das Ziel, durch eine weitgehende (auch assoziative) Ähnlichkeit in der Gestaltung unterschiedlicher Kommunikationsinstrumente und -elemente eine höhere Identifizierbarkeit eines Unternehmens oder Produktes herzustellen. Dadurch wird Markenbildung und Unterscheidbarkeit auch in der virtuellen Welt möglich. In der optischen Nähe von Webauftritten ergeben sich Chancen der höheren Identifizierbarkeit für die Leser und User, die Identitätsstiftung nach innen und des spezifischen Brandings für die Werbewirtschaft nach außen. Fast lehrbuchartig ist die FAZ diesem Gedanken der Identitätsbildung durch das CD gefolgt. Denn nicht mehr die verkaufte Auflage, sondern die Zugriffe auf die Website aufgrund deren Unterscheidbarkeit von anderen bestimmen heute den Erfolg einer Medienplattform.

Orientierung geht verloren

Nicht alle Medienhäuser oder Verlage folgen diesem Gedanken der unverwechselbaren Identität. Obschon die Ähnlichkeiten von Internetpräsenzen eine deutlichere Unterscheidbarkeit beispielsweise in den Layouts der Seiten von Welt Online, dem Tagesspiegel oder des Stern etc. nahe legen, folgen diese Webauftritte den gleichen Schemata. So wissen doch manche Leser von Online-Ausgaben nach einiger Zeit doch nicht mehr, auf welcher Website sie sich gerade befinden oder sie müssen sich an der Adresszeile orientieren, auf welcher Website ein vorliegender Artikel steht. Dies passiert keinem Leser der jeweiligen Printausgabe.

Nicht immer glückt die Rolle vorwärts

Vor Monaten schon hat die Süddeutsche Zeitung ihren Online-Auftritt mit der Begründung gestrafft, dass die Nutzergewohnheiten im Internet eine knappe, übersichtliche Darstellung von Inhalten wünschten. Das Ergebnis dieser Rolle vorwärts war eine Website, die einspaltig kleine Happen von Headlines und deren Teasern oder Vorspannen untereinander stellte, eine Erweiterung der Themenbereiche um Personality- und Boulevardthemen brachte und einen nicht ganz geglückten optisch ‚bunteren‘ Auftritt mit Bild- und Multimedia-Anteilen. Einher ging damit der Nachteil, dass man bei der Online-Ausgabe (je nach Browsereinstellung) eine ellenlange Scrollbar bedienen musste, um sich bis zum Ende (‚Bilder des Tages‘) durch zu klicken. Hinzu kam eine Monotonie in der Lesbarkeit durch die gleiche Typografie in den Headlines und Texten, die auch die bei anderen Blättern übliche rechte Serviceleiste nicht munter machen konnte.

Ähnlicher Inhalt für zwei Marken?

Eine Assoziation zur Printausgabe wurde beim Webauftritt der SZ kaum geweckt. ‚Sueddeutsche.de‘ wird zwar im Titel gezeigt, aber allein die Schreibweise (passend zum Netz) wirkt wie ein zweites Produkt, das mit der Tageszeitung trotz redaktioneller Überschneidungen wenig gemein hat. Ein solches Vorgehen leisten sich auch Spiegel Online, ZEIT Online oder Welt Online. Die Trennung des Online-Titels von der Printmarke ist nur dann sinnvoll, wenn sich die Inhalte und Themenschwerpunkte der Ausgaben deutlich unterscheiden. Dies scheint jedoch bei kaum einem der Medienhäuser wirklich der Fall zu sein. Die Online-Ausgaben sind zeitungstheoretisch gesehen ‚nur‘ die Vervollständigung des Prinzips der Universalität, das durch die Erweiterung der Themenfelder (Rubriken) und der umfangreicheren Darstellung dieser durch Multimedialität angestrebt wird.

Online bringt mehr Boulevard

Ebenfalls schon vor Monaten hat sich die BILD-Zeitung einen Relaunch ihres Webauftritts verpasst, der im Vergleich zum Vorgänger sachlicher, übersichtlicher und klarer strukturiert, insgesamt also seriöser war. Soweit dies eben mit dem größten deutschen Boulevard-Blatt möglich ist, hat sich BILD damit optisch ein wenig in die Welten des sogenannten ‚seriösen‘ Wettbewerbs gewagt. Dennoch bleibt der Auftritt von Bild.de, auch wenn die Marke verschämt am oberen Rand klebt, unverkennbar Boulevard. Gegenwind bekommt der BILD-Auftritt jedoch nicht durch Wettbewerber im Boulevard-Stil, sondern durch die inhaltliche Erweiterung der Auftritte und der Online-Agenda von Medien, die in den Printausgaben seriöser (aber begrenzter) auftraten und auftreten. Beispielsweise durch Spiegel Online, der durch die Neupositionierung des Webauftritts vor knapp einem Jahr durchaus das Zeug hat, wie auch der Stern (stern.de), als anspruchsvolle Boulevard-Site durchzugehen.

Der FAZ scheint die Rolle rückwärts des Online-Programms im Sinne der Markenbildung sowie bei der Verzahnung der Seriosität zwischen Online- und Printausgabe gelungen und könnte Schule machen.

Franco Rota

VERÖFFENTLICHT AM

06. Oktober 2011

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