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Gute Nacht Freunde

Der letzte deutsche Entertainer dankt ab

Nach der 151. Sendung war es endgültig vorbei: Am ersten Dezembersamstag moderierte Thomas Gottschalk zum letzten Mal die ZDF-Show „Wetten dass...?“. Eine Sendung, die Generationen prägte, mit einem jener Moderatoren, wie es sie heutzutage kaum mehr gibt.

Foto: Benjamin Behr/pixelio.de

Foto: Benjamin Behr/pixelio.de

Das Medienthema der letzten Wochen war die letzte große Familien-Abendschow und ihr letzter Moderator. Gibt es einen Nachfolger? Eine Nachfolgerin? Stirbt die Sendung und damit das Format mit ihm, dem letzten Dinosaurier einer TV-Epoche? Jahrzehntelang war auf eines verlass: Samstag abends, um 20.15 h, sendete in regelmäßigen Abständen ein gutgelaunter Thomas Gottschalk in die deutschen Wohnzimmer. Dort versammelte sich die ganze Familie, um gemeinsam die neueste Ausgabe „Wetten, dass...?" zu sehen. Auf Gottschalks Sofa gaben sich Showgrößen die Klinke in die Hand und der Normalbürger konnte staunen, was seine Mitmenschen so in ihrer Freizeit trainieren, welches Kleid Madonna trägt und wer sich als Langweiler/in auf der Couch erweist. Den eigentlichen Kult der Sendung machte aber nicht zuletzt der Moderator Gottschalk aus.

Schrille Anzüge und Gummibärchen für die Gäste

Der stets auffällig und eigenwillig in glamouröse Anzüge, Outfits und Entwürfe seiner Frau Thea gekleidete Moderator kann wohl als der letzte große Entertainer Deutschlands bezeichnet werden. Sein weltmännisches Auftreten und seine gute Vernetzung lockten viele hochkarätige Gäste in seine Show. Herablassendes Verhalten, Demütigung von Kandidaten und marktschreierischen Krawall hatte er nie nötig. Allein mit seinem zuweilen etwas alt-münchnerischen Charme gelang es ihm, Zuschauer, Kandidaten und Gäste zu unterhalten. Damit erreichte jede seiner Sendungen höchste Einschaltquoten. Für Gottschalk gilt das, was er in der Haribowerbung verspricht: „Er macht Kinder froh, und Erwachsene ebenso".

Adieu individuelle Moderation

Mit Gottschalk endet jene Ära, in der Moderatoren nicht nur Texte vorlasen, sondern sie interpretierten und auch auf ihre Gäste eingingen. Nostalgisch erinnern sich daher viele Zuschauer an Showgrößen wie Peter Frankenfeld, Hans-Joachim Kulenkampff oder Wim Thölke zurück. Sie begeisterten mit Sendungen wie „Einer wird gewinnen" oder „Der große Preis". Der Unterschied zu den heutigen Moderatoren bestehe laut Medientheoretiker Roger Willemsen darin, dass es ich bei diesen Personen (Gottschalk eingeschlossen) um „erkennbare Individuen" handelt. Diese Individualität erkenne man heute bei vielen Moderationen nicht mehr, man wisse kaum, wer sie gesprochen oder wer sie geschrieben habe. Noch heute würde man Kulenkampffs oder Frankenfelds Moderationen erkennen. Dies läge am besonderen Verhältnis zur Sprache und am subtilen Witz.

Zukunft der Samstagsabendshow

Was wird nun aus der generationsübergreifenden Samstagabendshow? Nach Auffassung von Roger Willemsen sei die Samstagabendshow ein „deutsches Phänomen". Die Menschen hielten nur an ihr fest, um die Tradition zu wahren und der Zeit „des friedlichen Fernsehparadieses" zu gedenken.

Diese Idylle ist aber in Zeiten des Internets jedoch passé, denn auch das Fernsehen selbst geht neue Wege. Längst haben Formate wie „Das Supertalent" und „Deutschland sucht den Superstar" die Oberhand gewonnen und somit der altbewährten Samstagabendshow den Todesstoß versetzt. Den zu erhaschenden Blick in die große, weite Welt, hat die kollektive Fremdscham abgelöst. Statt galanter Weltläufigkeit (schließlich wohnt Gottschalk auch in den USA) gibt es heute Seelenstriptease.

Abschied von einer Epoche

Dem Publikum ist es deshalb wehmütig ums Herz. Ähnlich wie bei Gottschalks Ausstieg fühlten wir uns beim Abgang von Harald Juhnke, dem letzten deutschen Song-Entertainer in Broadway- und Las Vegas-Manier. Mit ihm verabschiedete sich Deutschland verspätet auch von Frank Sinatra, Dean Martin und Sammy Davis. Sie kamen nicht wieder und das wird auch das Samstagabend-Fernsehgefühl nicht. Dieses Zurück wird es auch laut Willemsen nicht geben. Dies würde heißen, dass „wir uns die agrarische Urlandschaft aus dem Heimatroman des 19. Jahrhunderts wieder wünschen würden." Auch, wenn es nicht ganz so drastisch gesehen werden muss, ein Abschied von einer TV-Epoche ist es allemal.

 

Corinna Kübler

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Franco Rota

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Nadine Steinhübel

VERÖFFENTLICHT AM

09. Dezember 2011

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