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Hochschule der Medien

"SocialMania"-Kongress

Die Netz-Alphabetisierung

Auf dem "SocialMania"-Kongress sprach Pirat Stephan Urbach vom Umbruch in den sozialen Medien, Frank Schirrmacher träumte von einem Facebook-Massenausstieg und Julius van de Laar berichtete über Datennutzung im Obama-Wahlkampf.

SocialMania
(Fotos: Gordon Koelmel)

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Foto: Gordon Koelmel

Foto: Gordon Koelmel

Zum ersten Mal organisierten HdM-Studenten die Veranstaltung mit dem Thema "Medien, Politik und die Privatisierung der Öffentlichkeit". Im Mittelpunkt des Kongresses standen neue Öffentlichkeiten oder wie die Wortkreation sagt, die "übersteigerte soziale Kommunikation". Rund 250 Teilnehmer, Spezialisten im Medienbereich sind, sowie zahlreiche Studierende, gingen gemeinsam mit den Referenten der Kernfrage nach: Welche Konsequenzen bringt das Social Web für das Verständnis von Öffentlichkeit, sozialer Realität und politischem Handeln?

Nach der Begrüßung durch HdM-Rektor Prof. Dr. Alexander Roos führten die beiden Kongress-Initiatoren, Prof. Dr. Petra Grimm und Prof. Dr. Michael Müller, in den Begriff ein. Die Sichtweise der Politik auf das Social Web brachte anschließend Staatssekretär Jürgen Walter vom baden-württembergischen Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst näher. Er erhoffte sich vom Kongress, dass damit das Social Web für die Politik besser verständlich gemacht würde. Sein Ratschlag für alle lautete: "Jeder trägt Verantwortung für das, was er im Internet einstellt." "Doch menschliche Kommunikation lebt von anderen Dingen als dem, was nur im Web ist", so der Politiker weiter.

Interaktive Mitsprachemöglichkeit

Nach ihm sprach Frank Schirrmacher, der Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, über sein Buch "Payback: Warum sind wir im Informationszeitalter gezwungen zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie gewinnen wir die Kontrolle über unser Denken zurück?". Laut ihm gibt es keinen Ausweg aus dem Internet, doch wenn es nach ihm ginge, würden alle aus Facebook austreten und zu einer Community gehen, die die Daten nicht auswertet.

Anschließend begann der eigentliche Teil des Kongresses: Am Donnerstag stellten fünf Referenten in zehnminütigen Kurzvorträgen ihre Thesen vor, die danach in Lounges weiter diskutiert werden konnten. Über einen Online-Stream und die Möglichkeit, über Twitter Kommentare in die Lounges zu senden, wurde der Kongress interaktiv. Während der erste Tag sich eher der Theorie und dem Begriff "Social Media" zugewandt hatte, ging es am Freitag bei den sechs anderen Referenten um die politische Seite.

Schmidt: Internet ist wie Fahrrad fahren

In der Diskussionslounge mit Dr. Jan-Hindrik Schmidt, wissenschaftlicher Referent am Hans-Bredow-Institut für Medienforschung in Hamburg, ging es um das Thema "Warum das Internet in unsere Zeit passt". Hier wurde vor allem über die Frage gesprochen, wie Menschen sich online verhalten: Identitätsfindung, Generationenkonflikt und die Änderung unseres Sprachverhaltens waren von großem Publikumsinteresse. Der Fokus lag auf der Frage, wie Kinder und Jugendliche mit dem Internet umgehen und wie man Medienkompetenz vermittelt. Denn Kindern und Jugendlichen fehle offenbar häufig das Gespür für die Konsequenzen des eigenen Handelns im Netz. Schmidt plädierte dafür, Kinder frühzeitig mit dem Internet vertraut zu machen: "Internet ist wie Fahrrad fahren. Einerseits wollen wir, dass unsere Kinder Fahrrad fahren können, wir halten das für eine Kernkompetenz. Andererseits machen wir uns natürlich sorgen, dass sie sich dabei verletzen. Trotzdem müssen wir sie früher oder später alleine fahren lassen. Spätestens wenn sie erwachsen sind, können wir ja ohnehin nichts mehr tun. Beim Umgang mit dem Internet ist das ähnlich." Diskussionsbedarf bestand reichlich: Während die Teilnehmer der anderen Foren sich bereits zum Abendessen im Foyer einfanden, gab es hier noch zahlreiche Wortmeldungen aus dem Publikum.

Pörksen: Leben im allgegenwärtigen Skandal

Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen, befasste sich mit dem Thema "Der entfesselte Skandal. Empörungslogik im digitalen Zeitalter". Der Skandal sei durch die digitale Übermacht der Medien allgegenwärtig in der Gesellschaft. Jeder, egal ob "Mob" oder "intelligenter Blogger", könne über Computer oder Smartphones skandalöse Informationen verbreiten. Für Pörksen ist das eine Art neue radikale Demokratie, in der eine Enthüllungs- und Empörungspraxis zum Alltag gehört. Auch Unschuldige und Unbekannte könnten Opfer von Skandalen werden. Der digitale Skandal habe aber zwei Gesichter: "Auf der individuellen Ebene erscheint ein Skandal immer schlimm, aber am Ende steht eine hoch reflektierte Debatte." So könne man sich auch über eine neue Wertewelt verständigen. "Der Skandal ist eine moderne Form des Lernens, im negativen Sinne." Er spricht auch vom pubertären Medienverhalten. Doch das frühkindliche Verhalten sei nun vorbei, da nun auch reflektiert würde. Dennoch seien die Menschen möglichkeitsblind gegenüber den Äußerungen im Internet. Deshalb seine Handlungsanweisung: "Handle so, dass dir deine Aktionen langfristig noch vertretbar erscheinen. Aber rechne damit, dass das nichts nutzt." 

Schulze: Das Social Web als Schule des Eigensinns

Ausschließlich vom theoretischen Standpunkt aus betrachtet Prof. Dr. Gerhard Schulze, der an der Universität Bamberg Soziologie lehrt, das Social Web. Er sieht eben jenes als "Schule des Eigensinns". Sprechen, Verantwortung tragen und Urteile fällen sind für ihn dabei die drei zentralen Punkte in der digitalen Kommunikation. Das "Liken" in sozialen Netzwerken, wie Facebook oder Twitter, entspreche dem "Urteil". Schulz bezeichnet das Social Web als introvertierte Extrovertiertheit. Meist in völliger Abgeschiedenheit würden die Nutzer ihre Status-Meldungen verfassen und ihr Online-Profil schärfen. Dies führe "zu einer Form der Selbstwahrnehmung, die vorher noch nicht existiert hat". Schulz, der sich selbst nicht in sozialen Netzwerken bewegt, wähnt das Web noch im Anfangsstadium. Eines steht seiner Ansicht nach jedoch fest: "Für die Diktatur ist der Eigensinn der Vielen eine Gefahr, für die Demokratie bildet der Eigensinn das Fundament."


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Zweiter Kongresstag mit Schwerpunkt Politik


VERÖFFENTLICHT AM

29. Juni 2012

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