DE

| EN

Studieren. Wissen. Machen.

Hochschule der Medien

Frei-Bild für alle

PR-Gag zum Geburtstag

Viele Geschichten aus der Konserve, etwas Verschwörungstheorie, ein wenig Menschelndes mit Til Schweiger und viel Selbstbeweihräucherung: Die Jubiläumsausgabe der Bild fand am Wochenende ihren Weg in rund 41 Millionen Briefkästen.

Ein Geburtstagsgeschenk als PR-Gag
(Fotos: Christina Walzner)

Klicken Sie auf ein Bild um die Fotostrecke zu starten.


Wirklich viel Überraschendes fand sich nicht in der Geburtstagsausgabe. Zum Jubiläum "60 Jahre Bild" hatte sich der Springer-Verlag eine kostspielige und umstrittene Werbeaktion einfallen lassen: Jeder Haushalt sollte mit einer kostenlosen Bild-Zeitung beliefert werden. "Frei-Bild für alle!" rief das Blatt in großen Lettern auf dem Titel. Die Anlehnung an "Frei-Bier" ist wohl nicht zufällig gewählt, denn im Inneren der Zeitung verbirgt sich unter anderem ein Gutschein für drei Flaschen Bier, abzuholen bei der nächstgelegenen Tankstelle. Was auf den weiteren Seiten folgt, gibt einen Rundumschlag über die vergangenen 60 Jahre. Themen und Bilderstrecken, die vor allem gutes Licht auf die Zeitung werfen sollen: "Die Kanzler bei Bild", "Bild in Superlativen: Die Zeitung der Rekorde" (natürlich nur positive), "Wir würden ohne die Bild-Leser nicht mehr leben!", "Dank Bild haben wir unser Geld zurück!". Glanzstück ist allerdings die Doppelseite in der Mitte der Zeitung. Unzählige Titelseiten aus den vergangenen 60 Jahren stehen kommentarlos nebeneinander. Einige Titel, wie zum Beispiel "West-Berlin soll freie Stadt werden", die Ausgabe der Hochzeit von Prinz Charles und Lady Di "Ja - beide weinten vor Glück" oder "Ich bin ein Berliner!" erscheinen Jahre danach vor dem Hintergrund der späteren Ereignisse entweder besonders treffend oder eben sarkastisch.

Rote Infopost statt Sonderausgabe

Wer die Bild im Vorfeld abbestellte, bekam einen roten "Infobrief".

Insgesamt 250 000 Bürger hatten im Vorfeld der Zustellung widersprochen. Die Kritiker nennen auf der Protest-Website "Alle gegen Bild" vor allem ökologische Gründe, da die zusätzlich produzierten 41 Millionen Ausgaben reine Papierverschwendung seien oder generelle Abneigung gegen den Springer-Verlag. Häufig wurde bemängelt, dass in der Berichterstattung der Bild-Zeitung oft Persönlichkeitsrechte nicht eingehalten und die Menschenwürde verletzt würde. Die Initiatoren der Gegner-Offensive werfen der Bild außerdem vor, in der Vergangenheit so oft wie keine andere Zeitung vom Deutschen Presserat wegen Verstößen gegen den Pressekodex gerügt worden zu sein. Wer die Sonderausgabe verweigerte, fand am Wochenende einen großen roten Umschlag in seinem Briefkasten. Enthalten war ein Schreiben vom Axel Springer Vertriebsservice, das den Widerspruch bestätigte und eine Löschung der Adressdaten zusicherte. Formell korrekt - leider ohne originellen Inhalt oder Zitate, wie sich mancher Verweigerer erhofft hatte.

Sonderaktionen der Bild

Die Gratis-Sonderausgabe zum 60. Geburtstag ist nicht die erste Aktion des Blattes. Bereits in der Vergangenheit hatte die Bild auf diese Art für Eigenpublicity gesorgt. Zum Weltfrauentag diesen Jahres schickte die Redaktion die Frauen für einen Tag in den Sonderurlaub und berichtete ausführlich darüber. Zum zehnten Jahrestag des 11. Septembers wurde die Ausgabe der Katastrophe gewidmet, direkt aus New York berichtete Deutschlands auflagenstärkste Zeitung über Opfer und Hinterbliebene. Auch die 3D-Ausgabe vom 26. September 2010 und die XXL-Ausgabe der Bild vom 27. August 2011 waren Sonderformate. Mit letzterem schaffte das Blatt den Sprung in das Guinessbuch der Rekorde.

Leere Titelseiten als Protest

Sonderausgaben von Zeitungen können aber auch vor ernsterem Hintergrund zum Gesprächsstoff werden. So erschienen die Zeitungen "Welt" und "Welt kompakt" am 2. Mai 2010 mit komplett leeren Titelseiten. Die Aktion wurde von der Organisation "Reporter ohne Grenzen" initiiert und sollte auf den internationalen Tag der Pressefreiheit aufmerksam machen. Auch mehrere ungarische Zeitungen hatten im Dezember 2010 mit leeren Titelseiten protestiert als dort über eine Änderung des Gesetzes zur Pressefreiheit entschieden werden sollte. Der Protest blieb damals ohne Erfolg.

Nullen und Einsen

Wer am 8. Juni 2012 auf der Titelseite der „Neuen Züricher Zeitung" interessante Texte erwartete, wurde zunächst getäuscht. Auf der ersten Seite waren fast ausschließlich Nullen und Einsen zu sehen. Die Inhalte wurden als Binärcode dargestellt. Anlass hierfür war der Beginn eines anbrechenden neuen Zeitalters: Sämtliche Artikel werden in Zukunft digital und über gängige Endgeräte zur Verfügung stehen. Das Kernstück der Sonderausgabe war die neu gestaltete Website.

Mit der Idee von Jung von Matt/Limmat wollte die NZZ auf ihre Digitalstrategie aufmerksam machen. Wahllos bedruckt war die Seite allerdings nicht: Wer den Code dechiffrierte, konnte an einem Gewinnspiel teilnehmen. Die echte Titelseite mit Buchstaben folgte dann auf der nächsten Seite.

Corinna Kübler

,

Irina Sinner

,

Christina Walzner

Quellen: Ein Geburtstagsgeschenk als PR-Gag

www.axelspringer.de
www.ntv.de
www.haz.de
www.horizont.net
www.meedia.de

VERÖFFENTLICHT AM

26. Juni 2012

ARCHIV

Medienwelt
WAS DENKEN SIE DARÜBER?


Verstanden

Diese Website verwendet Cookies. Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies gesetzt werden. Mehr erfahren