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Hochschule der Medien

Mediensucht

Trend zum Aussteigen

Überall vernetzt, immer erreichbar, sogar im Bett … Vielen wird die digitale Welt zur Last und immer mehr Menschen entfliehen zeitweise dem überfordernden Medienalltag. Vereine, Clubs und Forscher geben Tipps für den Ausstieg.

PC- und Internetsucht (Foto: Harry Hautumm  / pixelio.de)

PC- und Internetsucht (Foto: Harry Hautumm / pixelio.de)

Aktion: Eine Woche ohne Medien (Foto: www.one-week-no-media.de)

Aktion: Eine Woche ohne Medien (Foto: www.one-week-no-media.de)

"Sei doch mal stil", titelte "Der Spiegel" vor zwei Wochen und gab "Anleitung zu einer digitalen Diät". Wie wichtig das ist, zeigt auch der aktuelle Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung: Bei den 14- bis 24-Jährigen stehen nicht mehr Alkohol und Zigaretten vorn, sondern das Internet. Rund 250 000 Jugendliche gelten als internetabhängig, weitere 1,4 Millionen als problematische Internetnutzer. Die Internetsucht hat auch längst Einzug in die Kliniken gehalten. So gibt es diverse Behandlungsmöglichkeiten von pathologischem, also krankhaftem PC-, Smartphone- und Internet-Gebrauch.

Mit dem Handy reden

Das Smartphone ist fast überall dabei, egal ob beim Mittagessen mit anderen kurz die E-Mails gecheckt werden oder auf die Toilette gegangen wird. Selbst während Gottesdiensten müssen manche mit der virtuellen Welt verbunden sein. Jeder zweite nimmt das Smartphone sogar mit ins Bett. Zu ihnen gehört auch die 63-Jährige US-Soziologin und Technologieexpertin Sherry Turkle. "Es fühlt sich fast an wie ein Teil des Körpers, es macht mich quasi zu einem Maschinenmenschen", sagte sie gegenüber dem "Spiegel". In ihrem neuen Buch "Verloren unter 100 Freunden" beschreibt sie, wie die ständige Smartphone-Nutzung einsam macht. Beängstigend findet sie auch Siri, das Sprachprogramm des iPhones. Es wundert sie, dass es niemand verstörend finde, mit einem Telefon über Dates und Philosophie zu sprechen.

Internetabhängigkeit seit 1995

Das Phänomen Internetabhängigkeit ist nicht neu: Zuerst wurde es von dem New Yorker Psychiater Ivan Goldberg 1995 beschrieben. Zunächst ironisch, urteilte er so über die damals aufkommende Internet-Euphorie. Erforscht wurde sie ab 1996 von der Amerikanerin Kimberley Young. Für sie gab es die Cybersexabhängigkeit, die Abhängigkeit von virtuellen Gemeinschaften und Freundschaften, die zwanghafte Nutzung von Online-Spielen, -Geschäften oder -Aktionen, die Informationsüberflutung durch Datenbanken sowie die Computerabhängigkeit im Hinblick auf Spiele und das Programmieren unabhängig vom Internet.

"Aktiv statt passiv"

Seit Montag, dem 16. Juli, hat das Stuttgarter Projekt "One Week, No Media!" zur fünften medienfreien Woche seit 2007 aufgerufen. Bis zum 26. Juli wollen die Teilnehmer durchhalten. "Übermäßiger Medienkonsum kann zu Leistungsstörungen, Suchtverhalten, Steigerung der Gewaltbereitschaft, Gesundheitlichen Störungen, Übergewicht, Vereinsamung und Verschuldung führen", heißt es auf der Webseite. Sie fordern dazu auf, "aktiv statt passiv" zu leben. Das heißt: statt Musik zu hören, selbst welche zu machen - statt Filme und Bilder anzusehen, selbst welche zu produzieren oder - sich statt in der virtuellen Welt zu bewegen, lieber in der realen Welt zu handeln. Der Stuttgarter William Ponzetta, bekannt als Rapper "Duap MC", sagte damals: "Wer hätte das gedacht, dass in einer Zeit wie der unseren, in der man statt Freunde zu besuchen, einfach ein gefühlsloses und knappes 'HDL' ('Hab dich lieb') sendet und das Treffen absagt, um am Computer das letzte Level des Lieblingsspiels zu beenden."

"Diese Woche mache ich Pause"

Zahlreiche Vereine gegen übermäßigen Medienkonsum haben sich gegründet, nachdem Apple vor fünf Jahren sein iPhone vorgestellt hat. Zu jener Zeit war es noch undenkbar, dass sich das Smartphone zum ständigen Begleiter entwickeln würde. Laut dem Stuttgarter Projekt sei für die Gestaltung einer eigenen medienfreien Woche wichtig, sich konkrete Termine für die gesamte Zeit zu setzen, symbolisch alle Handys, MP3-Player und dergleichen einzusammeln und deren Zugang zu erschweren. Fernseher und Computer könnten auch mit einem Tuch abgehangen oder mit einer Zettelbotschaft wie "Diese Woche mache ich Pause" versehen werden. Auch im Beruf achten einige Firmen mittlerweile darauf, dass Mitarbeiter nach Dienstende keine Büro-E-Mails mehr auf ihr Smartphone bekommen. Beim zeitweisen Ausstieg aus den Medien sollte auch eine Ausrede, wie "ich benutze mein Smartphone als Wecker", nicht zählen, denn dafür gibt es analoge Wecker oder krähende Hähne …

Franziska Böhl

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