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Hochschule der Medien

AGB-Aufklärung

Gegen die größte Lüge im Netz

Nahezu jeder Internetnutzer klickt blind bei diesen Worten weiter: "Ja, ich habe die Nutzungsbedingungen gelesen." Damit wird dieser Satz zur wohl gebräuchlichsten Lüge im Internet. Ein Berliner Start up-Projekt hat nun eine Bewertungsseite für AGB entwickelt.

Das Kleingedruckte in den AGB wird meist überlesen, Foto: Thorben Wengert  / pixelio.de

Das Kleingedruckte in den AGB wird meist überlesen, Foto: Thorben Wengert / pixelio.de

Das Team: Michiel, Hugo, Jan (v.l.n.r.), Foto: tos-dr.info

Das Team: Michiel, Hugo, Jan (v.l.n.r.), Foto: tos-dr.info

"Tearms of Service, Didn´t Read" nennt sich die Webseite. Entstanden ist das Projekt 2011 auf dem "Chaos Communication Camp" bei Berlin. Dort sollten Web-Anwendungen entwickelt werden, die Nutzern mehr Kontrolle über ihre eigenen Daten und ihre Privatsphäre verschaffen.

Zum Team gehören der Pariser Student Hugo Roy, der zugleich der Projektleiter ist, der Programmierer und Weltenbummler Michiel de Jong sowie Designer Jan-Christoph Borchardt, der an der Hochschule der Medien Informationsdesign studiert hat. Mitmachen können auch andere: Besonders juristische Expertise ist gefragt, auch das Know-how von JavaScript-Entwicklern. Generell sind Feedback und Kommentare gerne gesehen.

Zahlreiche Webseiten stehen zurzeit unter Beobachtung: Darunter auch bekannte Anbieter, wie zum Beispiel Facebook, Google, Wikipedia, Skype, Yahoo oder Twitter. Sie alle werden eingeteilt in fünf Kategorien: Seiten der Gruppe A gelten dabei als besonders nutzerfreundlich, weil sie die Rechte der Nutzer respektieren und nicht die eigenen Daten missbrauchen. Die besonders schlechten Dienstleister gehören zur Kategorie E. Von ihnen sollte man die Finger lassen.

Interview mit Jan-Christoph Borchardt

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine Plattform zu schaffen, die AGB erklärt?

Niemand liest die Nutzungsbedingungen von Webdiensten oder Produkten. Sie sind lang und genau wie das Kleingedruckte in Verträgen voll mit schwer verständlicher Juristensprache. Allerdings akzeptieren wir diese trotzdem, deshalb müssen wir wissen was darin steht. Die Bedingungen sind oft unvorteilhaft für den Nutzer, deshalb brauchen wir eine Bewertung sowie eine kurze Übersicht der wichtigsten Punkte. So wie Stiftung Warentest, oder das europäische Waschmaschinenlabel – wir vergeben eine Bewertung von A bis E, grün bis rot, gut bis schlecht.

Für wen ist der Webservice gedacht?

Für jeden, der im Internet unterwegs ist und Webdienste benutzt. Wir haben auch Erweiterungen für alle Browser geschaffen, die beim Aufrufen einer Webseite die Bewertungen anzeigen. Bei schlecht bewerteten Webseiten warnt der Service automatisch.

Wie viele AGB oder Nutzungsbedingungen haben Sie bislang gelesen?

Auf der Seite sind momentan mehr als 30 Dienste aufgelistet, davon haben sieben bereits eine Endbewertung erhalten. Auf der öffentlichen Mailingliste kommen täglich weitere Diskussionen hinzu. Es sind etwa 500 Leute auf der Liste und viele davon lesen Nutzungsbedingungen und helfen mit.

Und wie halten Sie das aus? Das muss doch ziemlich nervenaufreibend sein.

Ja, das stimmt. Durch die offene Organisation ist die Arbeit allerdings sehr entzerrt und viel wichtiger: transparent. Die Mailingliste dient als Diskussionsforum, damit alles von anderen nachgeprüft wird – und auch die Betreiber der Webdienste können mitmachen.

Worin sehen Sie das Problem von AGB?

Leider sind Nutzungsbedingungen meist recht lang. Das ist aber auch nicht das große Problem – wichtiger ist die Fairness der Bedingungen: Behalten Nutzer ihr Urheberrecht? Werden Nutzer vor Änderung der Bedingungen benachrichtigt? Können Konten vom Betreiber ohne Benachrichtigung gelöscht werden? Diese und weitere Faktoren sind bei der Bewertung des Dienstes wichtig.

Welche AGB ist Ihnen besonders aufgefallen?

Die Nutzungsbedingungen von Twitpic (Anm. d. Red.: Fotoportal von Twitter) sind besonders schlecht. Das ist bisher auch die einzige Seite mit der Bewertung "E". So übernimmt Twitpic beispielsweise die Nutzungsrechte und Bilder müssen in Publikationen als "Copyright Twitpic" ausgezeichnet werden, der Urheber wird nicht erwähnt. Zudem werden durch den Nutzer gelöschte Bilder weiter von Twitpic gespeichert.

Gibt es noch andere Möglichkeiten Ihr Projekt zu unterstützen?

Ja, egal ob Programmiere oder Gestalter. Auch wenn man nur Interesse an besseren Nutzungsbedingungen hat, ist man genau richtig. Jeder kann mitmachen. Mitglieder der Community haben beispielsweise die ganzen Browser-Erweiterungen geschrieben. Die kann man in seinem Firefox, Chrome, Safari oder ähnlichem installieren, und die Wertung der AGB wird direkt beim Aufruf der Seite angezeigt.

Vielen Dank für das Interview!

Franziska Böhl

VERÖFFENTLICHT AM

27. November 2012

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