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ZDF-Triologie "Unsere Mütter, unsere Väter"

"Gut, dass du lebst!"

Ihre Jugend war anders: Statt ein Studium aufzunehmen, mussten sie in den Krieg ziehen, ob sie wollten oder nicht. Die ZDF-Triologie "Unsere Mütter, unsere Väter" beleuchtet das Schicksal fünf junger Männer und Frauen Anfang 20, deren Leben sich im Sommer 1941 völlig veränderte, und zeigt die schmerzlichen und verheerenden Folgen des Zweiten Weltkrieges.

Zur Detailansicht Am Anfang feiern die fünf Freunde noch ausgelassen, Foto: Screenshot.

Am Anfang feiern die fünf Freunde noch ausgelassen, Foto: Screenshot.

Zur Detailansicht Das Filmplakat zum Dreiteiler "Unsere Mütter, unsere Väter", Foto: ZDF.

Das Filmplakat zum Dreiteiler "Unsere Mütter, unsere Väter", Foto: ZDF.

Die ZDF-Triologie beginnt mit einer kleinen Feier in einer Berliner Wohnung an einem Sommerabend im Jahr 1941. Greta (Katharina Schüttler), eine junge talentierte Schauspielerin, tanzt und lacht zu Swing-Musik. Ihr Freund Viktor (Ludwig Trepte), ein Jude, meint, sie werde die nächste Marlene Dietrich. Etwas weiter daneben sitzen Wilhelm (Volker Bruch) und Friedhelm (Tom Schilling), zwei Brüder, und trinken. Wilhelm ist der ältere und Offizier, der jüngere Friedhelm begeistert sich eher für Literatur. Und dann ist da noch Charlotte (Miriam Stein), Charlie genannt. Sie will später Krankenschwester werden. Charlies Blicke treffen immer wieder auf die von Wilhelm, Liebe liegt in der Luft, doch beide haben sich das noch nicht gesagt.

Es ist der letzte gemeinsame Abend der fünf Freunde, denn der Russlandfeldzug steht bevor. Die beiden Brüder müssen in den Krieg ziehen, Charlotte verlässt ebenfalls Berlin, um im Lazarett Verwundeten zu helfen. Nur Greta und Viktor sind noch in der Hauptstadt, aber auch Viktor kann hier nicht bleiben. Der Judenhass ist im Deutschen Reich mittlerweile so groß, dass er um sein Leben fürchten muss. Greta will ihm helfen, lässt sich auf eine Affäre mit einem SS-Mann ein, der ihr Papiere für Viktors Ausreise besorgen soll. Er tut es auch. Die ersten Monate scheint alles gut zu sein. Zwar ist die Trennung für alle schmerzlich, jedoch hoffen sie, sich bereits Weihnachten 1941 wieder in Berlin zu sehen.

Das Ende jeglicher Menschlichkeit

Ihre Hoffnungen zerplatzen schnell. Vier Jahre dauert es, bis alle wieder vereint sind. Währenddessen gibt der Dreiteiler Einblicke in das Schicksal jedes Einzelnen. Nah, unzensiert und voller brutaler Härte. Der feingeistige Friedhelm wird im Krieg zum Krieger, einer Tötungsmaschine, während sein älterer Bruder Wilhelm seinen Idealismus verliert. Greta gibt ihren Körper weiter dem SS-Mann hin und hofft, so Karriere machen zu können. Charlies Leben ist gezeichnet von Sterbenden und Verwundeten, die vor Schmerzen schreien. Auch Viktor hat kein Glück: Statt in die Freiheit, führt ihn sein Weg ins Konzentrationslager Auschwitz, dem Ende jeglicher Menschlichkeit.

Der Film nutzt keine Effekte, die braucht er auch nicht, die Szenen sind deutlich. Mit großartiger Leistung spielen die Schauspieler ihre Rollen. So wird klar, wie sehr es Wilhelm widerstrebt, einen unschuldigen Gefangenen zu erschießen, oder es Friedhelm gleichgültig wird, wen er ermorden soll: Er hofft nur, zu überleben. Charlie hingegen glaubt fest an den "Endsieg", verrät sogar eine jüdische Krankenschwester, die ihr immer half. Nur Greta fühlt sich sicher, denkt, der SS-Mann wird sie beschützen. Währenddessen gelingt Viktor die Flucht aus einem Todeszug, 50 Kilometer vor Auschwitz. Zusammen mit einer Polin schließt er sich polnischen Partisanen an.

Die Wege kreuzen sich

Überraschenderweise kreuzen sich die Wege der Freunde immer wieder. Die Soldaten-Gruppe der beiden Brüder trifft irgendwann im Lazarett ein, in dem Charlie arbeitet. Beide lieben sich immer noch. Doch Wilhelm will es ihr nicht sagen. Warum soll er ihr Hoffnungen machen, wenn er nicht weiß, ob er lebend wieder nach Hause kommt? Die Soldaten nehmen eines Tages sogar die Partisanen gefangen, Wilhelm erkennt Viktor und lässt ihn laufen. Und Greta kommt während ihrer Tour durch den Osten, als sie vor Soldaten singt, wieder mit Wilhelm, Friedhelm und Charlie in Kontakt, aber nur für wenige Sekunden.

Der Film zeigt zahlreiche Höhen und Tiefen, menschliche Abgründe und Gewalt in jeder Form. Herzzerreißend ist zum Beispiel auch die Szene, als Friedhelm wegen einer Kriegsverletzung nur knapp dem Tod entgeht. Der Arzt hat ihn längst abgeschrieben, doch Charlie fleht ihn an, es zu versuchen. Wieder genesen, kann Friedhelm nach Hause zu seinen Eltern. Seine Mutter freut sich riesig, backt aus den letzten beiden Eiern und dem Mehlrest einen Kuchen, nur der Vater hätte lieber den anderen Sohn gesehen. Doch im Film gibt es auch Lichtblicke. Als beispielsweise die Russen das Lazarett einnehmen, in dem Charlie arbeitet, will ein Russe sie vergewaltigen. Doch dann steht da plötzlich die jüdische Krankenschwester und rettet sie, obwohl Charlie sie vorher verraten hat. Auch Wilhelm beweist Opferbereitschaft und bezahlt sein heldenhaftes Verhalten mit Leben.

Vor den Trümmern ihres Lebens

"Unsere Mütter, unsere Väter" ist ein sehr bewegender Dreiteiler. Im Gegensatz zu den meisten anderen Dokumentationen oder Filmen, die sich mit dem Nationalsozialismus beschäftigen, rückt die Produktion eine andere Generation in den Mittelpunkt. Die Generation, die damals ihre komplette Jugend noch vor sich hatte und nach dem Krieg vor den Trümmern ihres Lebens stand. Jegliche Unbekümmertheit und Freude, die am Anfang der Triologie zum Vorschein kam, ist am Ende nicht mehr vorhanden. Besonders deutlich wird es auch an Greta, die immer darauf bedacht war, gut auszusehen. Geschickt konnte sie viele Jahre ihren Glanz weiter bewahren, doch auch sie hat die NS-Ideologie irgendwann nicht mehr verkraftet und sich kritisch gegenüber dem Regime geäußert. Das war ihr Todesurteil. Schon vor ihrer Exekution sieht die ehemals fröhliche Greta aus wie eine Leiche, blass, leblos und ohne Hoffnung.

Die letzten drei Freunde, die den Zweiten Weltkrieg überlebt haben, treffen sich später in einer Bar in Berlin wieder. Es dauert einige Momente, doch dann macht Wilhelm den Anfang. Unter dem Tresen holt er eine eingestaubte Schnapsflasche hervor, kippt jedem einen Schluck in ein Glas und sagt: "Gut, dass du lebst!"

Franziska Böhl

VERÖFFENTLICHT AM

22. März 2013

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