DE

| EN

Studieren. Wissen. Machen.

Hochschule der Medien

Von und über Marcel Reich-Ranicki

Die Geschichte des „Literaturpapstes“

Verfolgt, beinahe vernichtet und vertrieben – Marcel Reich-Ranickis Leben erzählt eine Geschichte, die bewegt. Am 18. September endete diese. Auf seiner Trauerfeier am 26. September verabschiedeten sich Angehörige, Freunde und prominente Gäste von dem Mann, der das literarische und kulturelle Leben in Deutschland prägte wie kaum ein anderer.

In der Büchersendung „Literarisches Quartett“ des ZDF wurde Marcel Reich-Ranicki zum „Literaturpapst“. (Bild: ZDF/Carmen Sauerbrei)

In der Büchersendung „Literarisches Quartett“ des ZDF wurde Marcel Reich-Ranicki zum „Literaturpapst“. (Bild: ZDF/Carmen Sauerbrei)

„Mit tiefer Trauer habe ich vom Tod Marcel Reich-Ranickis erfahren. Wir verlieren in ihm einen unvergleichlichen Freund der Literatur, aber ebenso der Freiheit und der Demokratie. Dass dieser Sohn einer jüdischen deutsch-polnischen Familie, der Eltern und Verwandte in den Vernichtungslagern der Nazis verloren hatte, sein Zuhause wieder in Deutschland fand und unserem Land so viel gegeben hat, gehört zu den Ereignissen der Nachkriegszeit, für die wir nur dankbar sein können", würdigte Angela Merkel Marcel Reich-Ranickis Größe in die BRD zurückzukehren, seine Taten für und die Liebe zur deutschen Literatur.

Dem KZ-Tod von der Schippe gesprungen

Marcel Reich-Ranickis Geschichte beginnt am 02. Juni 1920: Als Sohn eines polnisch-deutschen Ehepaars jüdischer Konfession wird Marceli Reich in Wloclawek (Polen) geboren.

„Er war der Sohn eines gescheiterten Vaters. Das hatte er mit Heine gemeinsam. So auch die Unerschrockenheit, den Witz und eine versteckte Trauer. Hätte er den Verlust der Geborgenheit in der Familie nicht so früh schon bestehen müssen, wäre er der späteren Verfolgung vielleicht nicht gewachsen gewesen", beschreibt der Germanist Peter Matt für Reich-Ranicki prägende Eigenschaften und Erlebnisse.

1929 siedelte die Familie nach Berlin über, 1938 erfolgte die Deportation nach Polen und zwei Jahre später ein Leben im Warschauer Ghetto. Marcel Reich-Ranicki verlor seine Eltern im Konzentrationslager in Treblinka, auch sein Bruder kam ums Leben. Den Moment des Abschieds von seinen Eltern beschreibt er in seinen Memoiren: „Meine Eltern hatten schon ihres Alters wegen - meine Mutter war 58 Jahre alt, mein Vater 62 - keine Chance eine 'Lebensnummer' zu bekommen, und es fehlte ihnen Kraft und Lust, sich irgendwo zu verbergen. Ich sagte ihnen wo sie sich anstellen mussten. Mein Vater blickte mich ratlos an, meine Mutter erstaunlich ruhig."

Im Geheimdienst der Polen

Mit seiner Frau Teofila konnte er sich kurz vor dem Abtransport in die Gaskammern des Todeslagers retten. Schon hier war es seine Liebe zur Literatur und die Kunst des Erzählens, die den beiden das Überleben sicherte: Eine polnische Familie hielt das Paar versteckt, als Gegenleistung erzählte Reich-Ranicki Geschichten deutscher Literaturgrößen. Im September 1944 befreite die Rote Armee das Land und Marcel Reich-Ranicki trat den freiwilligen Dienst in der polnischen Armee an. Er arbeitete 1947 im Geheimdienst und im polnischen Außenministerium. 1948/49 war er unter dem Pseudonym Marceli Ranicki als Konsul im polnischen Generalkonsulat in London tätig - sein Name sollte so polnischer klingen.

Reich-Ranicki kam 1958 nach Deutschland: „Nicht Rachsucht trieb mich nach Berlin, sondern Sehnsucht", beschreibt er die Beweggründe. Bei der Verleihung des Großen Verdienstkreuzes mit Stern 2002 bestätigte er seinen damaligen Entschluss: „Ich habe die Entscheidung nie bedauert, mich in diesem Land niederzulassen." Das würdigte Bundespräsident Joachim Gauck am Tag seines Todes: „Er, den die Deutschen einst aus ihrer Mitte vertrieben haben und vernichten wollten, besaß die Größe, ihnen nach der Barbarei neue Zugänge zu ihrer Kultur zu eröffnen."

Das, was Reich-Ranicki so eng mit Deutschland verband, war die deutsche Sprache, und so schaffte er es innerhalb von kurzer Zeit sich zu einer festen Literaturgröße in Deutschland zu etablieren.

Die Passion wird zum Beruf

1959 zog er von Frankfurt am Main nach Hamburg, wo er ab 1960 für „Die Zeit" arbeitete. 1973 wechselte er zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung und leitete dort die Redaktion für Literatur und literarisches Leben. Damit begann seine große Karriere.

Das Schreiben, Redigieren und die Erziehung von Rezensenten waren seine Passion. Und so bleibt er bei der F.A.Z. unvergessen, wie Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der Zeitung, erzählt: „Wir werden ihn immer hören, bei allen Büchern und Texten, die wir lesen. Seine Stimme wird immer dort zu hören sein, wo Literatur ist."

Bekannt war er auch für seine drastischen Urteile, was Reich-Ranickis Freund und ehemaliger Kollege des „Literarischen Quartetts", Hellmuth Karasek, bestätigen kann: „Ich glaube, er war kompromisslos. Er konnte sagen: ‚Dies ist ein miserables Buch, es ist einfach schlecht geschrieben.‘" Marcel Reich-Ranicki war von 1988 bis 2001 Chefkritiker der ZDF Büchersendung „Literarisches Quartett" und diskutierte in 77 Sendungen über 400 Bücher.

Doch er war nicht nur einer der berühmtesten Literaturkritiker, er selbst hatte auch viele Kritiker und polarisierte wie wenig andere: das Zerwürfnis mit Günter Grass, der ständige Konflikt mit Martin Walser, oder die Verweigerung des Deutschen Fernsehpreises 2008. So meinte Walser im März 2010: „Ich spüre ein Recht darauf, diesen Menschen ein für alle Mal zu hassen!"

Kritiker, Zeitzeuge und Literaturpapst

1999 veröffentlichte er seine Memoiren „Mein Leben", in denen er die Verfolgung durch die Nationalsozialisten aufarbeitete. Mit über 1,2 Millionen verkauften Exemplaren wurde das Werk zum Bestseller. Thomas Gottschalk würdigt dieses als kulturell wertvoll: „Er hat für Deutschland mehr getan, als die meisten Kultur-Politiker. Mit seinen Memoiren hat er uns nichts vergessen, aber vieles vergeben."

Am 27. Januar 2012 sprach Marcel Reich-Ranicki im Deutschen Bundestag: „Ich soll heute hier die Rede halten zum jährlichen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Doch nicht als Historiker spreche ich, sondern als ein Zeitzeuge, genauer: als Überlebender des Warschauer Ghettos." Mit dieser persönlichen und historischen Rede beschreibt er Momente in der Vernichtungsgeschichte der Juden und hinterlässt auch damit ein Stück erlebter Geschichte als Beteiligter, nach 93 Jahren.

Quellen:

www.bundespresseportal.de
www.dradio.de
www.faz.net
www.focus.de
www.presseportal.de
www.spiegel.de
www.welt.de
www.zdf.de
www.zeit.de

 

Lisa Messer

VERÖFFENTLICHT AM

30. September 2013

ARCHIV

Medienwelt
WAS DENKEN SIE DARÜBER?


Verstanden

Diese Website verwendet Cookies. Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies gesetzt werden. Mehr erfahren