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Hochschule der Medien

Darmstädter Tagblatt

"Es ist nicht der Zeitpunkt für Gratiszeitungen"

Jede Wochen flattern kostenlose Anzeigen- und Werbeblätter ins Haus. Bei den Darmstädtern jetzt sogar eine Wochenzeitung. Doch Professor Christof Seeger von der Hochschule der Medien glaubt nicht, dass sich eine Gratiszeitung in Deutschland etablieren kann, weil Verlage auf Paid Content setzen.

Focus-Herausgeber Markwort hat aus seinem ehemaligen Volo-Blatt eine Gratiszeitung gemacht, Foto: Darmstädter Tagblatt / HdM

Focus-Herausgeber Markwort hat aus seinem ehemaligen Volo-Blatt eine Gratiszeitung gemacht, Foto: Darmstädter Tagblatt / HdM

Am 19. September 2013 erschien die erste kostenlose Wochenzeitung in Darmstadt: das "Darmstädter Tagblatt". Rund 90.000 Exemplare wurden in die Briefkästen im Stadtgebiet verteilt. Damit sollten die knapp 150.000 Einwohner über Lokales, Kommunalpolitik, Sport und Kultur informiert werden. Schon im Vorfeld kündigten die Macher an, mit dem Tagblatt eine Zeitung machen zu wollen, bei der "sich die Leute beschweren, falls mal eine Ausgabe im Briefkasten fehlt".

Unbekannt ist das "Darmstädter Tagblatt" den Bewohnern aber nicht. Zwischen 1738 und 1986 erschien das traditionsreiche Blatt. Es gehört zu einer der ältesten deutschen Tageszeitungen. Als es nach 248 Jahren in finanziellen Schwierigkeiten steckte, wurde es eingestellt - bis der ehemalige Volontär und Mitarbeiter Helmut Markwort es reanimierte. Jetzt wird das Blatt von der Marktplatz Medien GmbH & Co. KG herausgegeben.

"Zu 99 Prozent positiv aufgenommen"

Was einfach klingt, war jedoch nicht unbeschwerlich für die Macher: Helmut Markwort, der Herausgeber vom "Focus", Horst Vatter, der Erfinder von Anzeigenblättern wie "Blitz-Tip", und Klaus-Jürgen Hoffie, Unternehmen und Politiker, hatten Mitte des Jahres einen Rechtsstreit mit der ansässigen Zeitung, dem "Darmstädter Echo", auszufechten. Beide wollten den Namen "Darmstädter Zeitung" für ihr Blatt nutzen. Letztendlich einigten sich beide Seiten, keiner bekam den Namen.

Geschäftsführer Ulrich Diehl von der Marktplatz Medien GmbH & Co. KG ist nach der ersten Ausgabe zuversichtlich: "Das 'Darmstädter Tagblatt' wurde in der Bevölkerung zu 99 Prozent positiv aufgenommen. Manche haben sich natürlich beschwert, weil sie generell keine Zeitungen wollen, und andere, weil sie keine bekommen haben." Die Gratiszeitung gab es nur, wenn am Briefkasten kostenlose Zeitungen erlaubt waren. "Deshalb überlegen wir, ob wir einen Aufkleber für Briefkästen machen, auf dem steht 'Keine kostenlosen Zeitungen, außer das Darmstädter Tagblatt'", sagt Diehl. Auch aus dem Umland kamen Nachfragen, ob die Bürger dort ebenfalls die Gratiszeitung bekommen können. Bei einem wöchentlichen Postversand außerhalb des Einzugsgebiets des "Darmstädter Tagblatts" könnte dann eine Versandpauschale fällig werden. Erst einmal sei aber die eigene Webseite geplant, die in rund zwei Woche online gehen soll, wie Diehl schätzt.

"Quantität kein Garant für Marktakzeptanz"

Professor Christof Seeger, Dekan vom Masterstudiengang Print And Publishing der HdM, glaubt nicht, dass sich Gratiszeitungen derzeit in Deutschland durchsetzen können. "Es ist nicht der richtige Zeitpunkt für Gratiszeitungen, da die Verlage gerade Paid-Content-Modelle auf dem Markt etablieren wollen", sagt Seeger. "Da viele Bürger bereits Gratispublikationen in Form von Anzeigenblättern erhalten, hätte der Titel 'Darmstädter Zeitung' die Akzeptanz sicherlich erhöhen können, denn das Wort 'Zeitung' eine bestimmte Qualität verspricht." Auch sei die "Quantität kein Garant für eine Marktakzeptanz".

Ob in Deutschland generell Gratiszeitungen eine Chance hätten, sieht Seeger eher skeptisch, allein die Tatsache, dass es eine ausgeprägte Abo-Kultur gibt, spricht schon gegen flächendeckende Gratiszeitungen. Die Verlage, die in Deutschland kostenlose Pendlerzeitungen etablieren wollten, haben sich allesamt wieder aus dem Markt zurückgezogen. Insgesamt begrüßt Seeger die Initiativen der Verlage, für guten Journalismus Geld zu verlangen. "Viel zu lange hat man versäumt, den Kunden den Wert von guten Inhalten klar zu machen."

Quellen:
www.horizont.net
www.kresse.de
www.marktplatz-medien.de

Franziska Böhl

VERÖFFENTLICHT AM

01. Oktober 2013

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P. Zitzmann

am 10.01.2014 um 12:45 Uhr

Die Einschätzung, dass der Titel "Darmstädter Zeitung" eine bessere Chance auf Akzeptanz gehabrt hätte, verkennt die örtlichen Gegebenheiten. Das Verschwinden des "Darmstädter Tagblatt" von der Bildfläche im Jahr 1986 hatte Bedauern und Verärgerung ausgelöst. Die Wiederbekebung des Titels sorgte nun für gesteigertes Interesse, zumal der Titel im identischen Schriftbild von damals erscheint. Eher ein positiver Coup der Herausgeber, der besondere Aufmerksamkeit weckt.

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