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Hochschule der Medien

Transsib-Tour, Teil 3

Im Nachtzug nach…China

Rebecca Englert, Studentin der Werbung Marktkommunikation an der HdM, erfüllt sich nach Abgabe ihrer Abschlussthesis einen großen Traum: Mit der transsibirischen und transmongolischen Eisenbahn fährt sie von Moskau bis nach Peking und reist anschließend durch China. Kurz bevor sie wieder in den Zug in die Mongolei steigt, hat sie der HdM-Redaktion ihre Eindrücke der abenteuerlichen Reise zugeschickt.

Zur Detailansicht Die Tickets für die große Reise mit der transsibirischen und der transmongolischen Eisenbahn wird Rebecca Englert immer aufbewahren.

Die Tickets für die große Reise mit der transsibirischen und der transmongolischen Eisenbahn wird Rebecca Englert immer aufbewahren.

Zur Detailansicht Mit ihrem großen Rucksack und ganz allein unterwegs fällt sie schnell auf.

Mit ihrem großen Rucksack und ganz allein unterwegs fällt sie schnell auf.

Zur Detailansicht Bevor Rebecca Englert mit Sascha (rechts im Bild) in ein langes Gespräch kommt, spielt er eine Partie Schach.

Bevor Rebecca Englert mit Sascha (rechts im Bild) in ein langes Gespräch kommt, spielt er eine Partie Schach.

Zur Detailansicht Die sanitären Anlagen in den Zügen sind nicht besonders luxuriös. Die silbernen Toiletten und Waschbecken sind vereinzelt auch in alten Zügen in Deutschland zu finden.

Die sanitären Anlagen in den Zügen sind nicht besonders luxuriös. Die silbernen Toiletten und Waschbecken sind vereinzelt auch in alten Zügen in Deutschland zu finden.

Zur Detailansicht Nachdem Rebecca Englert schon mehrfach die russische Gastfreundschaft erfahren hat, führt sie die Schwäbische Tradition ein und schabt Spätzle vom Brett.

Nachdem Rebecca Englert schon mehrfach die russische Gastfreundschaft erfahren hat, führt sie die Schwäbische Tradition ein und schabt Spätzle vom Brett.

Zur Detailansicht Russische Polizeiautos sehen abenteuerlich aus.

Russische Polizeiautos sehen abenteuerlich aus.

Das Fenster des Zuges ist kaputt. Auch Klebeband und Plastikfolie schaffen es nicht, das laute Klappern zu dämmen. Schlafen kann ich nicht. Wie so oft spricht erst einmal niemand ein Wort im Abteil. Die Leute starren mich an, meist eher ungläubig. Wenn ich mit meinem großen Rucksack reinkomme, fühle ich mich immer wie von einem anderen Stern. 

Allein unterwegs? Als Frau? Im Ernst?

Diese Art zu Reisen liegt den Frauen in Russland völlig fern. Entweder sind sie in Begleitung von Männern, ihrer Familie oder sie sind mit anderen Frauen unterwegs. An die verblüfften Gesichter muss ich mich erst noch gewöhnen. Wenn sie erfahren, dass ich mich als junge Frau allein in so ein Abenteuer stürze und dazu noch kein Russisch spreche. Oder wenn ich verrate, dass ich in meinem Alter unverheiratet bin...

Aber es gibt einen guten Trick: "Mein Mann ist auf Geschäftsreise in Moskau und ich besuche Freunde in Irkutsk", sage ich manchmal. Klingt gut und wird akzeptiert.

Interesse an der Mentalität der Menschen vs. Vorsicht

"Pass bitte gut auf dich auf" - das habe ich in den letzten Wochen nicht nur einmal gehört. Aus dem Mund der Einheimischen klingt es alles andere als floskelhaft: "Sei vorsichtig, vertraue niemandem, gehe nachts nie alleine raus". Angebote, bei Leuten ins Auto zu steigen habe ich schon einige Male abgelehnt. Auch dann, wenn das Hostel nur schwer aufzufinden war. Man muss sich an einige Regeln halten als allein reisende Frau. Glück hatte ich, als ein fremder Mann auf einer kleinen urigen Insel auf der es nur wenige Häuser gab, wieder und wieder an mir vorbeifuhr, ausstieg und mich in seinen Wagen locken wollte.

Obwohl mich viele herzliche Begegnungen und spannende Gespräche im Zug, in Hostels oder auf den Straßen gestärkt haben, so kostet es doch immer wieder Überwindung, die anfängliche Kühle zu durchbrechen. Kontakt aufzunehmen. Selbstbewusst zu bleiben. Beispielsweise, als sich mir im Zug ein betrunkener alter Mann gegenüber setzt und in lautem Russisch auf mich einredet. Alle Fahrgäste starren mich an. Er streicht mir kurz über die Wange, spuckt beim Sprechen und stinkt nach Schweiß und Alkohol. Ich bin unsicher und wütend zugleich. Als er beinahe sein Bier über mein Tagebuch kippt, werfe ich ihm einen bitterbösen Blick zu, packe meine Sachen zusammen und schaue demonstrativ aus dem Fenster. Es hilft. Irgendwann gibt er auf und schläft ein. Das angespannte Gefühl in meinem Bauch bleibt. Der junge Soldat, der mit ihm den Platz teilt erleichtert mir den Rest der Fahrt mit seinem wenigen Englisch und seinem Interesse über meine Reise. Während der Alte schläft, erfahre ich vieles über Russland und seine Menschen.

Zu wenig Lächeln in den Gesichtern

Manchmal denke ich, hier wäre vieles einfacher, wenn die Menschen einfach mehr lächeln, und mehr Freundlichkeit ausstrahlen würden. Auf den zweiten Blick sind sie vielleicht auch freundlich, aber die Begegnungen reichen meist nur für einen Ersteindruck. Zum Beispiel an Metro-Stationen. Die Regel „Erst aussteigen lassen, dann einsteigen" ist weder bekannt noch wird sie beachtet. Alle quetschen sich ohne Rücksicht auf Verluste in die vollen Bahnen. Ältere Menschen, die mit ihrem Gepäck zu kämpfen haben, werden ignoriert. Jeder ist für sich. Im Zug ist es wie eine Kurz-Zeit-Zweck-WG. Schließlich leben wir auf engstem Raum zusammen, teilen die Toilette oder das warme Wasser aus dem Teekocher, weil fast alle Leute Fünf-Minuten-Terrinen dabei haben.

Fazit: Es geht um den ersten Schritt

Aber natürlich besteht jede Reise auch immer aus schönen und unvergesslichen Momenten, die einem noch lange in Erinnerung bleiben. Wie beispielsweise dieses herzliche alte Ehepaar, das in den Zug gestiegen ist. Ich half den beiden, das Gepäck zu verstauen und sofort kamen wir in ein schönes Gespräch. Auf einmal tauten alle um uns herum auf, mein Bilderbuch wurde zum Highlight im Abteil und alle wollten wissen, wie meine Route verläuft. Auch mein kleiner Reiseführer wird bestaunt. Und am Ende der Reise - ständiger Abschied nunmal gehört dazu - setzten sie mir sogar den großen Rucksack auf. An manchen Tagen gelingt es leicht, an anderen weniger leicht, doch um das Eis zu brechen muss ich den ersten Schritt machen und auf die Menschen zugehen, das stelle ich schnell fest. 

Einmal quer durch Russland - das Abenteuer geht weiter

Nun verbringe ich meinen letzten Tag in Irkutsk am Baikalsee - das heißt auch meinen letzten Tag in Russland. Mein nächster Halt ist Ulanbator in der Mongolei. Der Schaffner pfeift, die Türen schließen. Am Fenster zieht die andere Welt wieder rasend schnell vorbei.

 

VERÖFFENTLICHT AM

07. Oktober 2013

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