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Hochschule der Medien

Selbstversuch

Tagesentscheidungen einer App überlassen

Es fängt schon morgens an: Soll ich heute überhaupt aufstehen? Wenn ja, was soll ich anziehen, wenn ich es aus dem Bett geschafft habe: Rock, Kleid oder Jeans? Der ganze Tagesablauf ist von Entscheidungen geprägt, die uns mal leicht und mal schwer fallen. Mit "Choicemap" hat Jonathan Jackson eine App entwickelt, die uns jede Entscheidung abnehmen soll.

Choicemap Faktoren

Choicemap Faktoren

Resultat der Rock

Resultat der Rock

Jonathan Jackson ist Synästhetiker und seine App ahmt den Denkprozess mit Hilfe eines Algorithmus nach und soll unsere Entscheidungen besser machen.

Los geht´s

Hat man sich die App auf einem Apple-Gerät installiert (gratis bei iTunes) - für Android-Geräte befindet sich die App gerade in der Entwicklung - kann der Nutzer entweder aus vorgegebenen Fragen auswählen oder individuelle Fragen eingeben, was aber mehr Zeit in Anspruch nimmt. Im zweiten Schritt müssen mindestens zwei Optionen angegeben und im Anschluss daran Faktoren festgelegt werden, die die Entscheidung beeinflussen (Prioritäten). Danach wird jede Option durch die Faktoren auf einer Skala von Schlecht (links) bis Ideal (rechts) bewertet werden.

Von der Geburtenkontrolle bis zum Beenden einer Beziehung - Alles ist entscheidbar

Was sich jetzt etwas kompliziert anhört ist eigentlich ganz einfach: Da ich heute Abend ein Date habe, frage ich die App, ob ich überhaupt hingehen soll. Ich gebe meine Frage ein, die Optionen "Ja" und "Nein" und lege die Prioritäten "Wetterabhängig" (bei Regen habe ich meist schlechte Laune), "Neugier", "Lust", "Müdigkeit" und "Spaß" fest. Im nächsten Schritt bewerte ich die Antwort "Ja" auf den einzelnen Skalen meiner gewählten Faktoren. Das Wetter ist heute super, also schiebe ich den Regler ganz nach rechts. Meine Neugier ist auch relativ hoch und Lust habe ich auch - wieder rechts. Müde bin ich kaum, da lasse ich den Regler mal in der neutralen Mitte stehen. Vom Spaßfaktor her gesehen, wird dies sicher amüsant, also auch nach rechts. Bei der Option "Nein" ergibt sich in etwa ein spiegelverkehrtes Bild bei meiner Bewertung und das Resultat überrascht nun kaum mehr: 66 Prozent für Ja, 50 Prozent für Nein. Gut, mein Date hat Glück gehabt.

Bevor ich am Abend ins Bett gehe, frage ich die App noch, ob ich morgen aufstehen soll. Als Optionen gebe ich wieder "Ja" und "Nein" ein. Hier haben wohl meine Prioritäten "Lernfaktor" und "Pflichtgefühl" den Ausschlag vor "Ausschlafen" gegeben, denn mit 70 Prozent für Ja und 60 Prozent für "Nein", muss ich morgen an die Hochschule.

Umentscheiden kommt auch vor ...

Der nächste Morgen beginnt mit der für uns Frauen oft quälenden Frage: Was ziehe ich an? Hier stelle ich fest, dass sich die App auch nicht entscheiden mag: 68 Prozent jeweils für Rock und Kleid sowie 62 Prozent für die Jeans. Was mache ich jetzt? Lange Zeit zum Grübeln bleibt mir keine, also ziehe ich einen Rock an, da dieser trotz der gleichen Prozentzahl als erstes angezeigt wird. Mittags stellt sich mir die Frage, was ich esse. Zur Auswahl stehen Rindersuppe, Gaisburger Marsch oder Gyros mit Tzatziki. "Choicemap" nimmt mir die Entscheidung ab, ich esse das Gyrosgericht und rieche den restlichen Tag nach Knoblauch.

Als nächstes frage ich die App, ob ich das derzeitige Buch "Freiheit" von Jonathan Franzen zu Ende lesen soll, denn irgendwie quäle ich mich dabei, oder lieber etwas Neues anfange. Dieses Mal wähle ich die Frage aus den bereits vorhandenen Vorgaben aus. Die gegebenen Prioritäten sind hierbei "Schreibstil", "Story", "Spannung", "Humor", "Originalität" und "Meinungsänderung". Ich füge noch die Faktoren "Wissen", "Unterhaltung" und "zu Ende bringen" hinzu. Tja, leider habe ich Pech gehabt und muss das Buch weiterlesen.

Ich frage die App noch, ob ich heute Joggen gehen soll (leider 75 Prozent für Ja), die bei Amazon bestellten Schuhe zurückgebe, da sie knarzen, aber bequem sind (76 Prozent für Ja - schade) und welchen Kinofilm ich mir als nächstes ansehen werde. Hier ist sich die App wieder unschlüssig, der neue Marvel-Streifen "The Return Of The First Avenger" liegt gleich auf mit einem meiner Lieblingsschauspieler, Liam Neeson, in "Non-Stop". Also entscheide ich, dass ich wohl beide ansehen werde.

Entscheiden, um zur Entscheidung zu kommen

Der Selbstversuch zeigt, dass man viele Entscheidungen treffen muss, um zur eigentlichen Entscheidung zu kommen. Eigentlich so, wie man es auch ohne die App müsste. Irgendwie zwingt sie einen dazu, sich zu entscheiden - für viele Leute eine gute Hilfe, da viele sich sonst nie entscheiden würden. Doch die App zu Rate zu ziehen für wichtige Entscheidungen wie bei den Fragen "Wie soll ich verhüten?", "Trenne ich mich?" oder "Welches Thema hat meine Abschlussarbeit?" erscheint fragwürdig. Zudem ist es mit ein paar schnellen Klicks nicht getan. Man muss bei jeder Bewertung der Faktoren, für die jeweilige Option, schon länger nachdenken und am Ende bleibt es doch eine subjektive Einschätzung. Die Entscheidung ist höchstens besser überlegt als dies sonst der Fall ist. Genau das wollte Jackson auch mit seiner App erreichen. Den Entscheidungsprozess bewusst machen, indem er in kleine Teilschritte zerlegt wird. Man verlässt sich so aber nicht mehr auf seinen Instinkt, sondern auf einen Algorithmus.

Quellen:
www.zeit.de
www.gizmodo.de
www.youtube.com

Sina-Catharina Voigt

VERÖFFENTLICHT AM

11. April 2014

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